Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Till van Treeck

"Wohlstand ohne Wachstum“ braucht gleichmäßige Einkommensverteilung

Das Verhältnis von Wirtschaftswachstum, gesellschaftlichem Wohlstand und Umweltschutz ist ambivalent. Einerseits schafft und erhält Wachstum Einkommen und Arbeitsplätze und trägt damit zum Wohlstand bei. Wie während der Finanzkrise ab 2008 und der durch sie ausgelösten Krise des Euroraums deutlich wurde, trifft das Ausbleiben von Wachstum – unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen – besonders die Schwächsten der Gesellschaft unmittelbar und hart. Ein hohes Wirtschaftswachstum kann gesellschaftliche Verteilungskonflikte entschärfen und die Umverteilung von Einkommen erleichtern. Dabei ist die Reduzierung der Ungleichheit aktuell umso notwendiger, als sie von Ökonomen zunehmend als Hauptursache der weltweiten Krise ab 2008 ausgemacht wird.[1]

Andererseits werden aus ökologischer Sicht die Grenzen des Wachstums immer deutlicher. Denn der regelmäßige Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) führt – beim aktuellen Stand der Technik – zu negativen Folgen für die Umwelt, insbesondere zu Klimaveränderungen durch Treibhausgasemissionen. Längerfristig gefährdet umweltbelastendes Wirtschaftswachstum daher den gesellschaftlichen Wohlstand und bringt zudem ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial mit sich. Denn wirtschaftlich schwächere Gruppen beziehungsweise Staaten haben in der Regel einen größeren Teil der mit Umweltschäden verbundenen Kosten zu tragen.[2]

Zugleich zeigen Ergebnisse der Glücksforschung immer wieder, dass es in reichen Ländern längerfristig keinen positiven Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Einkommensniveau beziehungsweise dem Wachstum des BIP und der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit der Menschen gibt. Entscheidender ist ab einem bestimmten Niveau die Verteilung der Einkommen: Soziale und gesundheitliche Probleme häufen sich vor allem in Ländern mit hoher Ungleichheit.[3]

Trotz Wirtschaftswachstum steigt daher in vielen Ländern der gesellschaftliche Wohlstand nicht, während die Treibhausgasemissionen hoch bleiben. Auf der anderen Seite drohen bei weniger Wachstum noch größere soziale Verwerfungen. Was kann getan werden, um dieses Spannungsfeld aufzulösen? Beispielsweise kann die Verkürzung der Arbeitszeit helfen, Beschäftigung auch bei weniger Wachstum zu halten und damit die sozialen Folgen von geringerem Wachstum abzufedern. Aber sie ist voraussetzungsvoll, denn geringere Arbeitszeiten bedeuten auch Verzicht auf Löhne, was derzeit insbesondere für die unteren und mittleren Einkommensgruppen wenig attraktiv erscheint. Deswegen ist die Umweltfrage stark mit der Verteilungsfrage verknüpft.

Im Folgenden wird zunächst aufgezeigt, dass für das Erreichen der politisch verabredeten Reduzierung der Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union (EU) bis 2050 eine Reduzierung des Wirtschaftswachstums nötig sein dürfte. Um einem massiven Abbau von Beschäftigung vorzubeugen, müsste daher auch die durchschnittliche Arbeitszeit stark reduziert werden. Einer flächendeckenden Arbeitszeitverkürzung steht aber die Ungleichheit in der Einkommensverteilung im Weg, deren jüngere Entwicklung im darauffolgenden Abschnitt für die USA und Deutschland beschrieben wird. Danach wird zuerst genauer erörtert, warum ein hohes Wirtschaftswachstum zumindest kurzfristig durchaus hilfreich beziehungsweise sogar unabdingbar sein dürfte für die Reduzierung der Einkommensungleichheit. Die anschließende Diskussion empirischer Forschungsergebnisse legt jedoch den Schluss nahe, dass eine dauerhafte Verdrängung von Verteilungskonflikten durch Wirtschaftswachstum nicht nur an ökologische Grenzen stoßen wird, sondern auch aus sozialen Gründen mit großen Gefahren verbunden ist.

Hieraus ergibt sich eine auf den ersten Blick paradoxe Schlussfolgerung: Während kurzfristig hohes Wachstum nötig sein dürfte, um die ökonomische Ungleichheit in vielen Staaten zu reduzieren, wird längerfristig erst die Reduzierung der Ungleichheit den dauerhaften Zwang zu weiterem Wirtschaftswachstum überwinden helfen und somit umfassende Arbeitszeitverkürzungen attraktiv machen.[4]

Klimaziele und unser künftiger Lebensstil

Die Mitgliedstaaten der EU haben das Ziel vereinbart, die Treibhausgasemissionen bis 2010 um 20% und bis 2050 um 80 bis 95% (gegenüber dem Basisjahr 1990) zu reduzieren. So soll ein Beitrag zu den weltweiten Klimazielen geleistet werden. Es wird in der öffentlichen Debatte immer wieder behauptet, dass allein durch den Einsatz ressourcenschonenderer Technologien der Klimawandel verhindert werden könnte.[5] Die Frage ist aber auch, ob nicht ein Wandel unseres Lebensstils im Sinne von kürzerer Arbeitszeit und somit geringerem BIP-Wachstum nötig sein wird.[6] Anhand einer einfachen Definitionsgleichung lassen sich die ökonomischen Optionen skizzieren, die eine Gesellschaft hat, um ihre Treibhausgasemissionen zu vermindern:[7]

∆THG = ∆(THG/BIP) + ∆(BIP/H) + ∆E + ∆(H/E)

Danach hängt die prozentuale Veränderung (∆) der gesamten Treibhausgasemissionen (THG) positiv von der Veränderung der folgenden vier Faktoren ab:
  1. der Treibhausgasintensität der Produktion (THG/BIP), deren Verringerung politisch etwa durch die Förderung von erneuerbaren Energiequellen oder ökologischer Landwirtschaft vorangetrieben werden kann;
  2. der durchschnittlichen Produktivität einer Arbeitsstunde (BIP/H), deren Anstieg grundsätzlich als positiv zu bewerten ist (es wäre nicht ohne Weiteres sinnvoll, einen Rückgang der Produktion bei gleicher Arbeitszeit anzustreben);
  3. der Anzahl der Beschäftigten (E), die von der (politisch nur bedingt beeinflussbaren) Bevölkerungsentwicklung und von der Entwicklung der Arbeitslosigkeit abhängt (eine höhere Arbeitslosigkeit wäre ebenfalls kein wünschenswerter Beitrag zur Reduktion der Treibhausgasemissionen);
  4. der Arbeitszeit pro Beschäftigtem (H/E).
Schreibt man vereinfachend die Entwicklung dieser vier Faktoren aus den Jahren 1998 bis 2008,[8] also dem Jahrzehnt vor der Krise, für den Zeitraum von 2010 bis 2050 fort, so würden sich die gesamten Treibhausgasemissionen in der EU um 1,2% und in Deutschland um 1,7% pro Jahr verringern. Über den gesamten Zeitraum von 2010 bis 2050 entspräche dies einer Reduktion von knapp 40% (knapp 50% in Deutschland), also deutlich weniger als das politisch vereinbarte Ziel. Gleichzeitig würde das reale BIP in der EU um mehr als 60% und in Deutschland und mehr als 50% steigen.

Wenn die Treibhausgasemissionen bis 2050 um etwa 80% gegenüber dem Niveau von 2010 reduziert werden sollen, entspräche dies einem jährlichen Rückgang von etwa 4%. Unter sonst gleichen Bedingungen müsste hierzu die durchschnittliche Arbeitszeit jährlich um 3,1% in der EU und um 2,7% in Deutschland zurückgehen. Über den gesamten Zeitraum entspräche das einer Arbeitszeitverkürzung von mehr als 70% (etwas weniger für Deutschland). Das reale BIP würde in diesem Szenario um über 2% pro Jahr schrumpfen.

Selbst wenn man unterstellt, dass die jährliche Reduktion der Treibhausgasintensität der Produktion aufgrund neuer technologischer Entwicklungen in den Jahren 2010 bis 2050 um 50% höher ausfällt als in den Jahren 1998 bis 2008, wäre in etwa eine Halbierung der durchschnittlichen Arbeitszeit über den gesamten Zeitraum nötig. Das reale BIP-Wachstum bliebe dann nahe Null.

Damit unter Berücksichtigung der Emissionsziele über den Zeitraum von 2010 bis 2050 ein ähnlich hohes Wirtschaftswachstum und eine ähnliche Entwicklung der durchschnittlichen Arbeitszeit wie in den Jahren 1998 bis 2008 erreicht werden kann, müsste sich die Geschwindigkeit der jährlichen Entkopplung von Treibhausgasemissionen und BIP in etwa verdoppeln.

In diesen überschlagsartigen Berechnungen wurde noch nicht berücksichtigt, dass ein großer und zunehmender Teil der treibhausgasintensiven Produktion im Zuge des Globalisierungsprozesses in die ärmeren Länder (wie China) verlagert wird. Unter Berücksichtigung dieses Effekts müsste die Verbesserung der Treibhausgasintensität beziehungsweise die Reduzierung der Arbeitszeit hierzulande noch einmal deutlich stärker ausfallen.[9]

Zwar ist zu hoffen, dass in den nächsten Jahrzehnten eine drastische Umstellung der Produktionstechnologie in Richtung geringerer Treibhausgasemissionen stattfinden wird. Angesichts der bescheidenen diesbezüglichen Erfolge in der Vergangenheit und der potenziell dramatischen Auswirkungen des Klimawandels sollte es aber, erstens, ein Gebot der Vorsicht sein, neben vermehrten Investitionen in den technischen Fortschritt auch auf eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung zu setzen. Zweitens sollte man sich fragen, ob nicht etwa eine Reduzierung der wöchentlichen Regelarbeitszeit von zurzeit etwa 40 Stunden auf zum Beispiel 20 Stunden eine attraktive gesellschaftliche Perspektive wäre. Dieses Ziel steht jedoch – trotz allgemeiner Besorgnis über den Klimawandel – derzeit nicht auf der politischen Agenda. Im Folgenden wird argumentiert, dass die in vielen Ländern hohe beziehungsweise steigende Einkommensungleichheit ein Haupthindernis für eine flächendeckende Arbeitszeitverkürzung darstellt.

Fußnoten

1.
Vgl. Till van Treeck, Did inequality cause the U.S. financial crisis?, IMK Working Paper, Nr. 91, online: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_wp_91_2012.pdf (25.5.2012); ders./Simon Sturn, Income inequality as a cause of the Great Recession?, International Labour Organization, Working Paper (i.E.).
2.
Vgl. James K. Boyce, The Political Economy of the Environment, Cheltenham–Northampton 2002.
3.
Vgl. Richard G. Wilkinson/Kate Pickett, The Spirit Level, London 2009.
4.
Vgl. Simon Sturn/Till van Treeck, Wachstumszwang durch Ungleichheit und Ungleichheit als Wachstumsbremse, in: SPW, (2010) 2, S. 15–20.
5.
So der "Handelsblatt"-Chefredakteur, Gabor Steingart, in seinem "Morning Briefing" vom 10. Mai 2012: "Vielleicht sollten wir in den Buchhandlungen die Berichte des Club of Rome von der Sachbuchabteilung in die Abteilung Fantasy überführen."
6.
Arbeit ist hier definiert als am Markt bezahlte Erwerbsarbeit. Das BIP beschreibt die zu laufenden Preisen bewerteten, am Markt produzierten Güter und Dienstleistungen innerhalb eines Jahres.
7.
Vgl. zur nachfolgenden Darstellung: Andrew Watt, Work less to pollute less?, ETUI Working Paper (i.E.).
8.
THG/BIP –2,7% pro Jahr in der EU, –2,5% in Deutschland; BIP/H +1,5% pro Jahr in der EU und in Deutschland; Erwerbsbevölkerung +0,4% pro Jahr in der EU, –0,3% pro Jahr in Deutschland; H/E –0,3% pro Jahr in der EU und –0.4% pro Jahr in Deutschland. Berechnungen basieren auf Daten von Eurostat. Vgl. A. Watt (Anm. 7).
9.
Vgl. ebd.