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27.6.2012 | Von:
Till van Treeck

"Wohlstand ohne Wachstum“ braucht gleichmäßige Einkommensverteilung

Das Verhältnis von Wirtschaftswachstum, gesellschaftlichem Wohlstand und Umweltschutz ist ambivalent. Einerseits schafft und erhält Wachstum Einkommen und Arbeitsplätze und trägt damit zum Wohlstand bei. Wie während der Finanzkrise ab 2008 und der durch sie ausgelösten Krise des Euroraums deutlich wurde, trifft das Ausbleiben von Wachstum – unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen – besonders die Schwächsten der Gesellschaft unmittelbar und hart. Ein hohes Wirtschaftswachstum kann gesellschaftliche Verteilungskonflikte entschärfen und die Umverteilung von Einkommen erleichtern. Dabei ist die Reduzierung der Ungleichheit aktuell umso notwendiger, als sie von Ökonomen zunehmend als Hauptursache der weltweiten Krise ab 2008 ausgemacht wird.[1]

Andererseits werden aus ökologischer Sicht die Grenzen des Wachstums immer deutlicher. Denn der regelmäßige Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) führt – beim aktuellen Stand der Technik – zu negativen Folgen für die Umwelt, insbesondere zu Klimaveränderungen durch Treibhausgasemissionen. Längerfristig gefährdet umweltbelastendes Wirtschaftswachstum daher den gesellschaftlichen Wohlstand und bringt zudem ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial mit sich. Denn wirtschaftlich schwächere Gruppen beziehungsweise Staaten haben in der Regel einen größeren Teil der mit Umweltschäden verbundenen Kosten zu tragen.[2]

Zugleich zeigen Ergebnisse der Glücksforschung immer wieder, dass es in reichen Ländern längerfristig keinen positiven Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Einkommensniveau beziehungsweise dem Wachstum des BIP und der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit der Menschen gibt. Entscheidender ist ab einem bestimmten Niveau die Verteilung der Einkommen: Soziale und gesundheitliche Probleme häufen sich vor allem in Ländern mit hoher Ungleichheit.[3]

Trotz Wirtschaftswachstum steigt daher in vielen Ländern der gesellschaftliche Wohlstand nicht, während die Treibhausgasemissionen hoch bleiben. Auf der anderen Seite drohen bei weniger Wachstum noch größere soziale Verwerfungen. Was kann getan werden, um dieses Spannungsfeld aufzulösen? Beispielsweise kann die Verkürzung der Arbeitszeit helfen, Beschäftigung auch bei weniger Wachstum zu halten und damit die sozialen Folgen von geringerem Wachstum abzufedern. Aber sie ist voraussetzungsvoll, denn geringere Arbeitszeiten bedeuten auch Verzicht auf Löhne, was derzeit insbesondere für die unteren und mittleren Einkommensgruppen wenig attraktiv erscheint. Deswegen ist die Umweltfrage stark mit der Verteilungsfrage verknüpft.

Im Folgenden wird zunächst aufgezeigt, dass für das Erreichen der politisch verabredeten Reduzierung der Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union (EU) bis 2050 eine Reduzierung des Wirtschaftswachstums nötig sein dürfte. Um einem massiven Abbau von Beschäftigung vorzubeugen, müsste daher auch die durchschnittliche Arbeitszeit stark reduziert werden. Einer flächendeckenden Arbeitszeitverkürzung steht aber die Ungleichheit in der Einkommensverteilung im Weg, deren jüngere Entwicklung im darauffolgenden Abschnitt für die USA und Deutschland beschrieben wird. Danach wird zuerst genauer erörtert, warum ein hohes Wirtschaftswachstum zumindest kurzfristig durchaus hilfreich beziehungsweise sogar unabdingbar sein dürfte für die Reduzierung der Einkommensungleichheit. Die anschließende Diskussion empirischer Forschungsergebnisse legt jedoch den Schluss nahe, dass eine dauerhafte Verdrängung von Verteilungskonflikten durch Wirtschaftswachstum nicht nur an ökologische Grenzen stoßen wird, sondern auch aus sozialen Gründen mit großen Gefahren verbunden ist.

Hieraus ergibt sich eine auf den ersten Blick paradoxe Schlussfolgerung: Während kurzfristig hohes Wachstum nötig sein dürfte, um die ökonomische Ungleichheit in vielen Staaten zu reduzieren, wird längerfristig erst die Reduzierung der Ungleichheit den dauerhaften Zwang zu weiterem Wirtschaftswachstum überwinden helfen und somit umfassende Arbeitszeitverkürzungen attraktiv machen.[4]

Klimaziele und unser künftiger Lebensstil

Die Mitgliedstaaten der EU haben das Ziel vereinbart, die Treibhausgasemissionen bis 2010 um 20% und bis 2050 um 80 bis 95% (gegenüber dem Basisjahr 1990) zu reduzieren. So soll ein Beitrag zu den weltweiten Klimazielen geleistet werden. Es wird in der öffentlichen Debatte immer wieder behauptet, dass allein durch den Einsatz ressourcenschonenderer Technologien der Klimawandel verhindert werden könnte.[5] Die Frage ist aber auch, ob nicht ein Wandel unseres Lebensstils im Sinne von kürzerer Arbeitszeit und somit geringerem BIP-Wachstum nötig sein wird.[6] Anhand einer einfachen Definitionsgleichung lassen sich die ökonomischen Optionen skizzieren, die eine Gesellschaft hat, um ihre Treibhausgasemissionen zu vermindern:[7]

∆THG = ∆(THG/BIP) + ∆(BIP/H) + ∆E + ∆(H/E)

Danach hängt die prozentuale Veränderung (∆) der gesamten Treibhausgasemissionen (THG) positiv von der Veränderung der folgenden vier Faktoren ab:
  1. der Treibhausgasintensität der Produktion (THG/BIP), deren Verringerung politisch etwa durch die Förderung von erneuerbaren Energiequellen oder ökologischer Landwirtschaft vorangetrieben werden kann;
  2. der durchschnittlichen Produktivität einer Arbeitsstunde (BIP/H), deren Anstieg grundsätzlich als positiv zu bewerten ist (es wäre nicht ohne Weiteres sinnvoll, einen Rückgang der Produktion bei gleicher Arbeitszeit anzustreben);
  3. der Anzahl der Beschäftigten (E), die von der (politisch nur bedingt beeinflussbaren) Bevölkerungsentwicklung und von der Entwicklung der Arbeitslosigkeit abhängt (eine höhere Arbeitslosigkeit wäre ebenfalls kein wünschenswerter Beitrag zur Reduktion der Treibhausgasemissionen);
  4. der Arbeitszeit pro Beschäftigtem (H/E).
Schreibt man vereinfachend die Entwicklung dieser vier Faktoren aus den Jahren 1998 bis 2008,[8] also dem Jahrzehnt vor der Krise, für den Zeitraum von 2010 bis 2050 fort, so würden sich die gesamten Treibhausgasemissionen in der EU um 1,2% und in Deutschland um 1,7% pro Jahr verringern. Über den gesamten Zeitraum von 2010 bis 2050 entspräche dies einer Reduktion von knapp 40% (knapp 50% in Deutschland), also deutlich weniger als das politisch vereinbarte Ziel. Gleichzeitig würde das reale BIP in der EU um mehr als 60% und in Deutschland und mehr als 50% steigen.

Wenn die Treibhausgasemissionen bis 2050 um etwa 80% gegenüber dem Niveau von 2010 reduziert werden sollen, entspräche dies einem jährlichen Rückgang von etwa 4%. Unter sonst gleichen Bedingungen müsste hierzu die durchschnittliche Arbeitszeit jährlich um 3,1% in der EU und um 2,7% in Deutschland zurückgehen. Über den gesamten Zeitraum entspräche das einer Arbeitszeitverkürzung von mehr als 70% (etwas weniger für Deutschland). Das reale BIP würde in diesem Szenario um über 2% pro Jahr schrumpfen.

Selbst wenn man unterstellt, dass die jährliche Reduktion der Treibhausgasintensität der Produktion aufgrund neuer technologischer Entwicklungen in den Jahren 2010 bis 2050 um 50% höher ausfällt als in den Jahren 1998 bis 2008, wäre in etwa eine Halbierung der durchschnittlichen Arbeitszeit über den gesamten Zeitraum nötig. Das reale BIP-Wachstum bliebe dann nahe Null.

Damit unter Berücksichtigung der Emissionsziele über den Zeitraum von 2010 bis 2050 ein ähnlich hohes Wirtschaftswachstum und eine ähnliche Entwicklung der durchschnittlichen Arbeitszeit wie in den Jahren 1998 bis 2008 erreicht werden kann, müsste sich die Geschwindigkeit der jährlichen Entkopplung von Treibhausgasemissionen und BIP in etwa verdoppeln.

In diesen überschlagsartigen Berechnungen wurde noch nicht berücksichtigt, dass ein großer und zunehmender Teil der treibhausgasintensiven Produktion im Zuge des Globalisierungsprozesses in die ärmeren Länder (wie China) verlagert wird. Unter Berücksichtigung dieses Effekts müsste die Verbesserung der Treibhausgasintensität beziehungsweise die Reduzierung der Arbeitszeit hierzulande noch einmal deutlich stärker ausfallen.[9]

Zwar ist zu hoffen, dass in den nächsten Jahrzehnten eine drastische Umstellung der Produktionstechnologie in Richtung geringerer Treibhausgasemissionen stattfinden wird. Angesichts der bescheidenen diesbezüglichen Erfolge in der Vergangenheit und der potenziell dramatischen Auswirkungen des Klimawandels sollte es aber, erstens, ein Gebot der Vorsicht sein, neben vermehrten Investitionen in den technischen Fortschritt auch auf eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung zu setzen. Zweitens sollte man sich fragen, ob nicht etwa eine Reduzierung der wöchentlichen Regelarbeitszeit von zurzeit etwa 40 Stunden auf zum Beispiel 20 Stunden eine attraktive gesellschaftliche Perspektive wäre. Dieses Ziel steht jedoch – trotz allgemeiner Besorgnis über den Klimawandel – derzeit nicht auf der politischen Agenda. Im Folgenden wird argumentiert, dass die in vielen Ländern hohe beziehungsweise steigende Einkommensungleichheit ein Haupthindernis für eine flächendeckende Arbeitszeitverkürzung darstellt.

Ungleiche Einkommensverteilung als Hindernis

Die Ungleichheit hat sich in den meisten reichen Ländern in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dramatisch verschärft, Löhne und Einkommen vieler Haushalte sind trotz Wachstum kaum gestiegen.[10] Im Folgenden werden nur beispielhaft einige Entwicklungen in den USA und in Deutschland beschrieben.[11]

In den USA entfielen Ende der 1970er Jahre auf das reichste Zehntel der Bevölkerung etwa ein Drittel der Vorsteuereinkommen der Privathaushalte; heute ist es etwa die Hälfte. Auf das oberste 1% entfielen Ende der 1970er Jahre weniger als ein Zehntel der gesamten Einkommen; heute ist es etwa ein Fünftel. Der Reallohn des typischen Arbeitnehmenden war Mitte der 2000er Jahre trotz drei Jahrzehnten Wirtschaftswachstums niedriger als Mitte der 1970er Jahre. Da die Einkommensmobilität nicht gestiegen ist, hat nur eine kleine Oberschicht vom ökonomischen Wachstum der vergangenen drei Jahrzehnte profitiert.

In Deutschland waren die Einkommen traditionell gleichmäßiger verteilt als im Durchschnitt der Industrieländer. In den vergangenen zehn Jahren ist es aber zu einem Anstieg der Ungleichheit gekommen. Die OECD stellte auf Basis von Zahlen bis 2005 sogar fest: "Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD Land." Die Einkommensarmut ist zwischen 1998 und 2008 um etwa 40% gestiegen. Etwa 11,5 Millionen Menschen lebten nach Zahlen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) im Jahre 2008 unter der Armutsrisikoschwelle – dies entspricht rund 14% der Gesamtbevölkerung. Bis zum Jahr 2010 hatten Personen im unteren Zehntel der Einkommensverteilung preisbereinigt mehr als 10% weniger Einkommen zur Verfügung als im Jahre 2000, während das oberste Zehntel reale Einkommenszuwächse von mehr als 15% verzeichnen konnte. Hingegen musste selbst die Mittelschicht reale Einkommensrückgänge hinnehmen. Auch in Deutschland profitierten im vergangenen Jahrzehnt nur "die Reichen" vom Wirtschaftswachstum.

Diese Entwicklungen sind unmittelbar relevant für unsere Fragestellung, weil in ungleichen Gesellschaften in der Regel mehr gearbeitet und weniger Freizeit genossen wird als in egalitäreren Gesellschaften. So zeigt etwa eine Panelstudie[12] für zehn europäische und nordamerikanische Staaten für den Zeitraum von 1963 bis 1998, dass ein Anstieg der Einkommensungleichheit mit deutlich längeren jährlichen Arbeitszeiten einhergeht, selbst wenn andere Einflussfaktoren für das Arbeitsangebot (Reallohn, reales BIP pro Kopf, gewerkschaftlicher Organisationsgrad, Anteil der Frauen an der Beschäftigung) kontrolliert werden.[13]

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Bei fallenden realen Stundenlöhnen am unteren Ende und in der Mitte der Lohnverteilung kann – wenn nicht durch politische Maßnahmen gegengesteuert wird – der Verlust an (relativem und absolutem) individuellem Einkommen nur durch längeres Arbeiten verhindert werden. Gleichzeitig geben stark steigende Stundenlöhne am oberen Ende der Lohnverteilung Anreize zu vermehrten karrierefördernden Überstunden. So spricht Richard Freeman in Bezug auf die USA von einem "wettkampfähnlichen Wirtschaftssystem, das einer Person, die eine zusätzliche Stunde Arbeit investiert, einen potenziell hohen Ertrag zukommen lässt".[14]

Die Frage ist nun, wie in einer ungleichen Gesellschaft der individuelle "Wunsch" nach langen Arbeitszeiten und höheren Einkommen möglichst ohne allzu große soziale Verwerfungen überwunden werden kann. Im Folgenden wird argumentiert, dass ein hohes Wirtschaftswachstum zwar kurzfristig hilfreich sein kann, um Fehlentwicklung in der Einkommensverteilung zu korrigieren. Längerfristig besteht aber bei dauerhaft hoher beziehungsweise steigender Ungleichheit die Gefahr, dass sich die Wachstumsorientierung kulturell immer mehr verankert.

Wachstum als kurzfristige Lösung für Verteilungskonflikte

Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen sind zwei gut dokumentierte Ergebnisse der psychologischen und ökonomischen Verhaltensforschung: Menschen neigen zu Vergleichen, die stark über Raum und Zeit begrenzt sind, und orientieren sich dabei eher an statushöheren Personen beziehungsweise Zuständen als an statusniederen.[15] In kapitalistischen Gesellschaften spielt das Einkommen bei Statusvergleichen eine besondere Rolle: Eine Steigerung des eigenen Einkommens gegenüber der jüngsten Vergangenheit signalisiert ebenso einen gewissen individuellen Erfolg wie ein relativ hohes Einkommen gegenüber anderen Personen im persönlichen Umfeld. Hingegen wird ein Rückgang des (relativen) Einkommens in der Regel als schmerzhafter empfunden, als ein Anstieg des Einkommens als positiv verbucht wird.[16]

Somit ist nicht von der Hand zu weisen, dass Wirtschaftswachstum zumindest kurzfristig Verteilungskonflikte entschärfen kann: Während zu einem gegebenen Zeitpunkt Statusgewinne und -verluste im Bereich des Einkommens notwendigerweise ein Nullsummenspiel darstellen (eine Person kann ihr relatives Einkommen nur dadurch erhöhen, dass mindestens eine andere Person relativ verliert), ermöglicht Wirtschaftswachstum potenziell allen Personen ein höheres Einkommen gegenüber der Vergangenheit. Wirtschaftswachstum kann somit nicht nur dazu beitragen, eine gegebene Verteilungssituation für die statusniederen Personen erträglicher zu machen, sondern es erleichtert in der Regel auch die Umverteilung von Einkommen. Denn nur durch Wachstum können die Personengruppen, die einen Rückgang ihrer relativen Einkommen hinzunehmen haben, durch höhere absolute Einkommen kompensiert werden. Da Wachstum außerdem den Staatshaushalt entlastet, erleichtert es die Umverteilung über entsprechende sozial- und steuerpolitische Reformen, die in Zeiten niedrigen Wachstums und staatlicher Haushaltsdefizite politisch viel schwerer durchsetzbar sind.

In Anbetracht der in der jüngeren Vergangenheit massiv gestiegenen Einkommensungleichheit in vielen Ländern erscheint es daher legitim, in den nächsten Jahren zunächst noch ein hohes Wirtschaftswachstum anzustreben. Denn ohne Wachstum wird es unter Wahrung des sozialen Friedens kaum möglich sein, die Ungleichheit in der Einkommensverteilung zu reduzieren. Dies ist aber, wie im nächsten Abschnitt illustriert wird, unbedingt notwendig, um dauerhaften Wohlstand ohne überzogenen Wachstumszwang zu ermöglichen.

Wohlstandsverluste und Wachstumszwang durch Ungleichheit

Ein wichtiges Argument, das gegen die dauerhafte Verdrängung von Verteilungskonflikten durch Wachstum spricht, besteht darin, dass sich die mit der Ungleichheit einhergehenden konsumistischen Tendenzen in der Gesellschaft mit der Zeit verfestigen können.[17] Zum einen verbringen Menschen ihre Freizeit gerne mit anderen Menschen. Wenn es aber wegen langer und individuell verschiedener Arbeitszeiten nur wenige feste Zeiten gibt, zu denen eine allgemeine Arbeitsniederlegung stattfindet, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Freizeit zusammen mit Freunden und Familienangehörigen verbracht werden kann. Der Wunsch nach mehr Freizeit verliert so seinen Reiz.

Zudem kann eine stark auf Arbeit ausgerichtete, von großer Ungleichheit und ökonomischer Unsicherheit geprägte Gesellschaft nach und nach die Kunst "verlernen", freie Zeit außerhalb des Marktes zu gestalten. Hierzu gehören beispielsweise das Kochen und langsame Essen, das gesellige Beisammensein, das Spiel oder künstlerische Tätigkeiten. Arbeit und standardisierter Konsum kompensieren dann die Einsamkeit der isolierten Arbeitnehmenden. Werbung macht Menschen (von frühester Kindheit an) anfällig für Versprechen kurzfristigen Glücks durch Konsumgüter. Doch ein längerfristig erfüllendes Leben lässt sich nicht käuflich erwerben. "Kultur" muss erlernt werden und kann nur in der Gemeinschaft produziert werden.

Kultur hat den Vorteil, dass sie vielfältige "spielerische" Statusvergleiche bereitstellt, die in ihrer Vielfalt das Bedürfnis aller Individuen nach zumindest teilweise "hohem Status" prinzipiell befriedigen könnten.[18] Solche freizeitorientierten Statusvergleiche (wie in Musik, Sport, anderen Hobbys), bei denen auch Individuen mit weniger gut zu vermarktenden Fähigkeiten vermehrt "oben" stehen können, verlieren aber an Relevanz, wenn das ökonomische Statuskalkül angesichts hoher Einkommensungleichheit für viele Menschen dominant wird.

Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn – zusätzlich verschärft durch den Abbau der öffentlichen Beschäftigung – immer weniger sichere und gut bezahlte Arbeitsverhältnisse eine Selbstverwirklichung jenseits rein ökonomischer Statusziele ermöglichen (wie in Bildung und Wissenschaft, Kunst, sozialen Diensten). Es droht dann eine ideologische Radikalisierung derjenigen Individuen, denen solche Beschäftigungen entgegen ihren Präferenzen verwehrt bleiben.[19]

Die Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett haben umfassend dargelegt,[20] dass es in Ländern mit hoher Ungleichheit – wie etwa den USA und Großbritannien – signifikant häufiger zu psychischen Erkrankungen, Fettleibigkeit, Teenager-Schwangerschaften, Drogenabhängigkeit, Morden und Gefängnisstrafen kommt. Hingegen sind die Lebenserwartung, der Bildungsstandard der Kinder, der Status der Frauen und die soziale Durchlässigkeit in egalitären Gesellschaften – wie etwa den skandinavischen Staaten – höher.

Zudem führt höhere Ungleichheit nicht nur typischerweise zu weniger Freizeit, sondern sie geht unter bestimmten Bedingungen zusätzlich mit einer höheren Verschuldung der privaten Haushalte zu Konsumzwecken einher. Es gibt – auf Grundlage von Forschungsergebnissen insbesondere für die USA – starke Anhaltspunkte dafür, dass diese Reaktionen der privaten Haushalte auf steigende Ungleichheit maßgeblich auf Statusüberlegungen zurückzuführen sind.[21]

Das Problem ist jedoch, dass es sich hierbei weitgehend um ein Nullsummenspiel handelt, das an das Wettrüsten militärischer Kontrahenten erinnert: Wenn alle in ähnlichem Maße mehr arbeiten und mehr Geld für Statusgüter ausgeben (wie Häuser, Autos, Ausbildung der Kinder), steigen zwar die Produktion und die Umweltverschmutzung, doch die relativen Einkommenspositionen bleiben im Wesentlichen erhalten. Gleichzeitig erhöhen sich aber die gesundheitlichen Belastungen durch vermehrten Stress und Konkurrenz, und es bleibt weniger Zeit für Schlaf, Familie und Freunde oder Hobbys.[22]

Wie insbesondere die Beispiele der angelsächsischen Länder zeigen, war der Anstieg der Ungleichheit, der maßgeblich zur Ausweitung der Verschuldung der unteren und mittleren Einkommensgruppen beigetragen hat, zudem eine der Hauptursachen der weltweiten Finanzkrise ab 2008 und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wohlstandsverluste.[23]

Alles in allem dürften diese Entwicklungen zu einem großen Teil erklären, warum in den meisten reichen Ländern die allgemeine Lebenszufriedenheit der Menschen sich trotz Wachstums nicht verbessert oder sogar verschlechtert hat, während sich zugleich ein verstärktes Gefühl des Mangels eingestellt und der Wachstumszwang sich somit verfestigt zu haben scheint.

Schrittweise Überwindung des Wachstumszwangs

Natürlich sind in Deutschland und in Kontinentaleuropa insgesamt die sozialen und kulturellen Auswirkungen der ungleichen Einkommensverteilung noch nicht so verheerend wie etwa in den USA. Hierzulande steigt die Ungleichheit erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt,[24] in den USA begann dieser Prozess bereits in den frühen 1980er Jahren. Außerdem verhindern in Deutschland die (bislang noch) verhältnismäßig gute Infrastruktur und die sozialen Sicherungssysteme, dass sich die privaten Haushalte im ständigen Wettkampf um bestmögliche Jobs, medizinische Versorgung, Schulen und Universitäten sehen.

Klar ist aber: Je länger die Umverteilung von unten nach oben anhält, desto größer dürften die Unzufriedenheit bei der Masse der Bevölkerung und die damit verbundenen sozialen Probleme werden. Dies gilt verstärkt für die von der Eurokrise der vergangenen Jahre besonders betroffenen Länder, wo hohe Arbeitslosigkeit und stark steigende Ungleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt gegenwärtig auf eine schwere Probe stellen.

Hingegen dürfte die Bereitschaft zu umfangreichen Arbeitszeitverkürzungen und (kurzfristig) kostspieligen Umweltschutzmaßnahmen angesichts steigender Ungleichheit eher abnehmen. Das eingangs skizzierte ambivalente Verhältnis zwischen Wachstum, Wohlstand, Umweltschutz und Einkommensverteilung müsste daher folgendermaßen aufgelöst werden:
  • In den nächsten Jahren müsste eine Wirtschaftspolitik verfolgt werden, die rasch zur Überwindung der aktuellen Krise und zu kräftigem Wachstum in Europa beiträgt. Die europaweite Rückkehr zur Vollbeschäftigung, der Ausbau der sozialen Sicherung und geeignete steuerpolitische Maßnahmen wären notwendig, um die ökonomische und soziale Lage der unteren Einkommensgruppen rasch zu verbessern.
  • Auf dieser Grundlage müssten mittelfristig kulturelle Alternativen zum jetzigen konsumistischen Lebens- und Wirtschaftsstil entwickelt werden. Denn das "Erlernen" spielerischer Statusvergleiche und der Abschied von übermäßiger Statusorientierung sind nicht bereits durch eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Macht garantiert. Vielmehr ist hierfür insbesondere auch die politische Bildungsarbeit von Parteien, Gewerkschaften oder Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Voraussetzung.
  • Gleichzeitig sollten die Ausweitung des öffentlichen Raums, ein nicht auf Konkurrenz, sondern Kooperation basierendes Bildungssystem und die Demokratisierung des Arbeitslebens das Erlernen einer weniger materialistischen Kultur unterstützen.
  • Aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit wäre zudem eine flächendeckende Arbeitszeitverkürzung bei hoher Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen wünschenswert.
Der notwendige Kampf gegen den Klimawandel würde so mit einem großen gesellschaftspolitischen Projekt verknüpft, das der Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit dem Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form Rechnung trägt. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn dieses gesellschaftliche Umlernen nicht stattfindet, werden zu den sozialen Verwerfungen auch die Verwerfungen der Natur kommen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Till van Treeck, Did inequality cause the U.S. financial crisis?, IMK Working Paper, Nr. 91, online: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_wp_91_2012.pdf (25.5.2012); ders./Simon Sturn, Income inequality as a cause of the Great Recession?, International Labour Organization, Working Paper (i.E.).
2.
Vgl. James K. Boyce, The Political Economy of the Environment, Cheltenham–Northampton 2002.
3.
Vgl. Richard G. Wilkinson/Kate Pickett, The Spirit Level, London 2009.
4.
Vgl. Simon Sturn/Till van Treeck, Wachstumszwang durch Ungleichheit und Ungleichheit als Wachstumsbremse, in: SPW, (2010) 2, S. 15–20.
5.
So der "Handelsblatt"-Chefredakteur, Gabor Steingart, in seinem "Morning Briefing" vom 10. Mai 2012: "Vielleicht sollten wir in den Buchhandlungen die Berichte des Club of Rome von der Sachbuchabteilung in die Abteilung Fantasy überführen."
6.
Arbeit ist hier definiert als am Markt bezahlte Erwerbsarbeit. Das BIP beschreibt die zu laufenden Preisen bewerteten, am Markt produzierten Güter und Dienstleistungen innerhalb eines Jahres.
7.
Vgl. zur nachfolgenden Darstellung: Andrew Watt, Work less to pollute less?, ETUI Working Paper (i.E.).
8.
THG/BIP –2,7% pro Jahr in der EU, –2,5% in Deutschland; BIP/H +1,5% pro Jahr in der EU und in Deutschland; Erwerbsbevölkerung +0,4% pro Jahr in der EU, –0,3% pro Jahr in Deutschland; H/E –0,3% pro Jahr in der EU und –0.4% pro Jahr in Deutschland. Berechnungen basieren auf Daten von Eurostat. Vgl. A. Watt (Anm. 7).
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. OECD, Divided We Stand, Paris 2011.
11.
Vgl. T. v. Treeck/S. Sturn (Anm. 1).
12.
Vgl. Samuel Bowles/Yongjin Park, Emulation, inequality and work hours, in: The Economic Journal, 115 (2005), S. F397–F412.
13.
Vgl. für weitere empirische Evidenz: Robert H. Frank, Falling Behind, Berkeley u.a. 2007; Richard B. Freeman, Why do we work more than Keynes expected?, in: Lorenzo Pecchi/Gustavo Piga (eds.), Revisiting Keynes, Cambridge, MA–London 2008, S. 135–142; Robert B. Reich, Aftershock, New York 2010; Karl Brenke, Geringe Stundenlöhne, lange Arbeitszeiten, in: DIW Wochenbericht, Nr. 21, 2012, S. 3–12.
14.
R.B. Freeman (Anm. 13), S. 137.
15.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 13).
16.
Eine gewisse Einkommensungleichheit ist in kapitalistischen Gesellschaften nicht nur unvermeidbar, sondern sie kann auch als durchaus wünschenswert und entlastend angesehen werden. Wie John Maynard Keynes hervorhob, führen Einkommensvergleiche vielleicht dazu, dass manche beim Anblick des Bankkontos "tyrannische" Züge offenbaren; sie bieten dadurch auch ein verhältnismäßig harmloses Ventil für die – wohl nicht gänzlich zu vermeidenden – konkurrenzorientierten und bisweilen aggressiven Charakterzüge im Menschen.
17.
Vgl. Joseph E. Stiglitz, Toward a general theory of consumerism, in: L. Pecchi/G. Piga (Anm. 13), S. 41–86.
18.
Vgl. Tibor Scitovsky, The Joyless Economy, New York–Oxford 1992.
19.
Vgl. David Graeber, Inside Occupy, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 97ff.
20.
Vgl. R.G. Wilkinson/K. Pickett (Anm. 3).
21.
Vgl. für einen Überblick: T. v. Treeck/S. Sturn (Anm. 1).
22.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 13), S. 78ff.
23.
Vgl. T. v. Treeck (Anm. 1).
24.
Vgl. hierzu den Beitrag von Nicole Rippin in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)