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Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Johannes Hoffmann
Gerhard Scherhorn

Nachhaltigkeit als Herausforderung für die marktwirtschaftliche Ordnung. Ein Plädoyer

Geldanlage nach ethischen Kriterien

Alles bisher Gesagte hängt in der Luft, wenn die Geldanleger, vom kleinen Sparer bis zu den Pensionsfonds und Versicherungen, weiter in der Vorstellung handeln, ihr Geld verschaffe ihnen einen Anspruch auf arbeitsloses Einkommen. Mindestens eine Leistung kann von ihnen erwartet werden: dass sie sich bemühen, durch die Auswahl der Anlageprodukte zur Nachhaltigkeit beizutragen. Voraussetzung ist natürlich ein Bewertungsinstrument, mit dem die Natur-, Sozial- und Kulturverträglichkeit von Unternehmen und Kapitalanlagen bewertet werden konnten. Am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt nahm sich die Projektgruppe Ethisch-Ökologisches Rating dieser Aufgabe an.[11] Ein erstes Ergebnis war der Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden[12] – eine Kriteriologie, die im Corporate Responsibility Rating der "oekom research“ ihren Niederschlag gefunden hat. Aktuell fließen die Ratings von "oekom research“ in ein Kapitalanlagevolumen von über 140 Milliarden Euro ein.

Nachhaltige Geldanlagen erweisen sich auch für Großinvestoren wie etwa Pensionskassen oder Versicherungen interessant. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass langfristige (zehn Jahre und länger) ethisch-ökologische Anlagen in die Realwirtschaft (Green Building, nachhaltige Infrastruktur sowie Land und Forst) bei einer Rendite über der Inflationsrate und geringem Risiko das erwirtschaften, was diese Institutionen für die Erfüllung ihrer Vertragspflichten benötigen, und gleichzeitig nachhaltige Projekte der Realwirtschaft fördern. Doch die Informationsmöglichkeiten für ethisch orientierte Anleger sind noch bei Weitem nicht flächendeckend. Zahlreiche Agenturen haben weiter vornehmlich die Kapitalrendite im Blick, nur eine kleine Gruppe kann wertorientiert genannt werden.[13] Qualität und Vergleichbarkeit der existierenden Nachhaltigkeitsratings sind unterschiedlich.[14] Unter den Privatanlegern sind immer noch 40 Prozent der Ansicht, dass nachhaltige Geldanlagen weniger Rendite bringen, und über 30 Prozent würden gerne nachhaltig ihr Geld anlegen, kennen aber keine entsprechenden Produkte.[15]

Zudem schätzen unterschiedliche Ratingagenturen, die mit dem Anspruch auftreten, "Nachhaltigkeit“ zu bewerten, die Nachhaltigkeitsperformance der gleichen Unternehmen unterschiedlich ein. Es wird Zeit, dass die Maßstäbe sich annähern. Auch hierzu muss Ethisches Investment durch Gesetze flankiert werden.[16] Zur Förderung der ethischen Geldanlage muss für die Anlageberatung die Pflicht gelten, Kunden über die Kriterien der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten aufzuklären und sich dabei auf die ethische Beurteilung von Unternehmen durch vertrauenswürdige Agenturen zu stützen. Unternehmen müssen dazu angehalten werden, über ihre nichtfinanziellen Ergebnisse mit gleicher Intensität zu berichten wie über die finanziellen.[17] Wirtschaftsprüfern sollte vorgeschrieben werden, dass sie Prüfung auf das Erreichen zumindest der Nachhaltigkeitsziele ausdehnen, die das Unternehmen sich auferlegt hat oder die ihm auferlegt wurden. Fondsmanager könnten dazu verpflichtet werden, sich bei der Zusammenstellung der Portfolios an den Kriterien der Natur- und Sozialverträglichkeit zu orientieren. Nicht zuletzt sollten Banken verpflichtet sein, bei der Kreditgewährung Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen, was bisher nur wenige tun.

Welthandel in Balance bringen

Nachhaltige Entwicklung wird zum ersten Mal in der Geschichte eine Wirtschaftsform hervorbringen, die auf Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen gebaut ist. Sie verlangt darüber hinaus eine Balance der Verteilungsrelationen zwischen den Regionen, zwischen den Nationen, zwischen den Kontinenten. Die weltwirtschaftliche Balance fordert von jeder Volkswirtschaft, dass sie dauernde außenwirtschaftliche Ungleichgewichte vermeidet, indem sie im Kern für den eigenen Bedarf produziert und mit anderen Einheiten lediglich die etwa anfallenden Überschüsse tauscht.

Diese Maxime hat schon Aristoteles jeder selbstständigen Wirtschaftseinheit mit eigener Produktion, eigenen Grenzen und eigenem Budget (von der antiken Hauswirtschaft bis zur modernen Volkswirtschaft) ins Stammbuch geschrieben. Ein dauernder Exportüberschuss ist für die Balance der außenwirtschaftlichen Beziehungen ebenso schädlich wie ein dauernder Überschuss der Importe. Das war "vielleicht der prophetischste Hinweis, der jemals im Bereich der Sozialwissenschaften gegeben wurde“.[18]

Er erklärt, warum es ein verhängnisvoller Fehler war, bei der Neuordnung des Weltwährungssystems 1944 nicht eine supranationale Reservewährung und eine die Transaktionen zwischen den Staaten abwickelnde Clearing Union einzuführen, die Defizite und Überschüsse mit Strafzinsen belegt. Die USA haben stattdessen auf dem Dollar als Leitwährung bestanden. Ein Leitwährungsland muss mehr von der eigenen Währung in Umlauf setzen, als es für die eigenen Transaktionen braucht. Das führt es in Versuchung, seine Währung auch zum nationalen Vorteil zu verwenden. Da diese als Reservewährung dient, müssen alle anderen ihre eigene Zahlungsfähigkeit sichern, indem sie Dollarguthaben und auf Dollar lautende Schuldverschreibungen halten. So kann das Leitwährungsland die weltweiten Ersparnisse an sich ziehen und mit dem Geld der anderen den eigenen Importüberschuss finanzieren.

Das haben die USA in hohem Maße getan: Seit den 1980er Jahren ist ihr Leistungsbilanzdefizit von 20 auf 900 Milliarden US-Dollar angestiegen, und die Gesamtverschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte sowie der Banken und Unternehmen wuchs von eine auf zwölf Billionen US-Dollar; sie beträgt jetzt mehr als das Vierfache des amerikanischen Sozialprodukts. Sobald das Vertrauen in den Dollar einbricht, wird die Welt in eine Krise geraten, die noch weit zerstörerischer sein wird als die jetzige.[19]

Die Lösung liegt in einer Reform des Weltwährungssystems, die über die nationalen Währungen eine globale Währung stülpt; dieser wird die Funktion der Reservewährung übertragen.[20] Sie kann vom Internationalen Währungsfonds verwaltet werden, der ja einst dafür gedacht war. Dieser muss mit Sanktionen dafür sorgen, dass nationale Export- und Importüberschüsse regelmäßig zurückgeführt werden, und kann vorübergehend auftretende Defizite aus einem gemeinsamen Reservefonds ausgleichen.

Fußnoten

11.
Vgl. http://www.ethisches-consulting.de/ (1.6.2012).
12.
Vgl. Johannes Hoffmann/Konrad Ott/Gerhard Scherhorn (Hrsg.), Ethische Kriterien für die Bewertung von Unternehmen, Frankfurt/M. 1997.
13.
Vgl. Henry Schäfer et al., Transparenzstudie zur Beschreibung ausgewählter international verbreiteter Rating-Systeme zur Erfassung von Corporate Social Responsibility, Gütersloh 2004.
14.
Vgl. Claudia Döpfner/Hans-Albert Schneider, Nachhaltigkeitsratings auf dem Prüfstand, 2012, online: http://www.cric-online.org/images/individual_upload/publikationen/nachhaltigkeitsstudie2012.pdf(1.6.2012).
15.
Vgl. Studien aus den Jahren 2011 und 2012: http://privatanleger.axa-im.de/studien (1.6.2012).
16.
Vgl. Johannes Hoffmann, Ethische Kritik des Wettbewerbsrechtes, in: ders./Gerhard Scherhorn (Hrsg.), Eine Politik für Nachhaltigkeit, Erkelenz 2009, S. 23–55.
17.
Das Bilanzreformgesetz verpflichtet große Kapitalgesellschaften seit 2005, "nichtfinanzielle Leistungsindikatoren“ in die Berichterstattung einzubeziehen, allerdings nur sofern diese "relevant für den Unternehmenserfolg“ sind. Diese Einschränkung könnte durch die Pflicht zur Information über den Beitrag des Unternehmens zur nachhaltigen Entwicklung ersetzt werden.
18.
Karl Polanyi, The Great Transformation, Frankfurt/M. 1990, S. 85.
19.
Vgl. Harald Schumann/Christiane Grefe, Der globale Countdown, Köln 2008, S. 125–147.
20.
Vgl. Josef Stiglitz, Die Chancen der Globalisierung, München 2006.