Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Nicole Rippin

Wachstum für alle?

Globalisierung und technologischer Wandel haben zu strukturellen Veränderungen geführt, deren soziale Auswirkungen moderne Industriestaaten vor wachsende Herausforderungen stellen. Laut Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schlägt sich die zunehmende Verlagerung einfacherer Produktionsprozesse ins Ausland und die damit verbundene Spezialisierung auf Tätigkeiten mit höheren Qualifikationsanforderungen je nach Rigidität der Lohnstruktur entweder über wachsende Lohndifferentiale oder über eine zunehmende Arbeitslosigkeit unter gering qualifizierten Arbeitskräften in wachsender Ungleichheit nieder. Diese These wurde als Krugman-Hypothese bekannt. Krugman prognostizierte zudem, dass das Zusammenwachsen der europäischen Staaten zu denselben Spezialisierungs- und Konzentrationsprozessen wie in den Vereinigten Staaten von Amerika führen würde.[1]

Tatsächlich zeichnete sich über die vergangenen drei Jahrzehnte ein zunehmend klarer Trend steigender Einkommensungleichheit ab, zunächst im angelsächsischen Raum und, mit zeitlicher Verzögerung, schließlich auch in Kontinentaleuropa. Dass das Auseinanderklaffen der Einkommensschere zu sozialen Spannungen führen kann, zeigen jüngste Massenproteste wie die Studentenproteste in Chile oder die Sozialproteste gegen zu hohe Lebenshaltungskosten in Israel. All dies sind Proteste, die sicherlich auch die jüngste Debatte über soziale Inklusion und die Gewinner und Verlierer von Wirtschaftswachstum in Europa beeinflusst haben.

Angesichts der Tatsache, dass Debatten wie diese der Entwicklungszusammenarbeit mitnichten fremd sind, stellt sich die Frage, ob sich einige der in diesem Kontext gewonnenen Erkenntnisse auch auf Industriestaaten übertragen lassen, wie etwa das populäre pro-poor-growth-Konzept, das sich am besten mit dem Begriff "breitenwirksames Wachstum“ übersetzen lässt. Die Kernidee des Konzepts ist es, wirtschaftliches Wachstum als eine gezielte Maßnahme zur Bekämpfung von Armut einzusetzen. Es geht also darum, eine Wachstumsstruktur zu fördern, welche die Fähigkeit ärmerer Bevölkerungsschichten erhöht, am gesamtwirtschaftlichen Wachstum zu partizipieren, das heißt dazu beizutragen und davon zu profitieren. Die folgende Analyse hat zum Ziel, die Übertragbarkeit des Konzepts sowie seiner Instrumente auf den Kontext moderner Industriestaaten zu prüfen.

Konzept des pro-poor growth

Maßgeblichen Einfluss auf Popularität und Verbreitung des pro-poor-growth-Konzepts hatte eine bewusst provokant formulierte These der Ökonomen David Dollar und Aart Kraay: "Wachstum ist gut für die Armen.“[2] Mittels einer breit angelegten ökonometrischen Analyse zeigten sie, dass sich das weltweite Wirtschaftswachstum der vergangenen 40 Jahre nahezu eins zu eins in einem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens der Armen niedergeschlagen hat. Wirtschaftliches Wachstum scheint also eine notwendige Bedingung für nachhaltige Armutsbekämpfung zu sein. Aber reicht Wachstum allein aus? Louise Cord, Humberto Lopez und John Page nutzen die Datenbasis von Dollar und Kraay, um den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Armutsreduktion auf Länderebene statt im weltweiten Durchschnitt zu untersuchen.[3] Sie liefern den Beleg, dass Wirtschaftswachstum zwar ein notwendiger, jedoch nicht hinreichender Faktor für die Armutsbekämpfung ist. Denn während anhaltendes Wirtschaftswachstum in einigen Ländern mit einer deutlichen Armutsreduktion einherging, gab es ebenso Länder, die trotz positiven Wirtschaftswachstums sogar einen Einkommensrückgang bei den ärmeren Bevölkerungsschichten verzeichneten.[4]

Wirtschaftswachstum allein reicht also nicht aus, um Armut zu reduzieren. Vielmehr ist neben der Intensität auch die Beschaffenheit des Wirtschaftswachstums entscheidend für seine Armutswirkung. Wie aber muss Wirtschaftswachstum beschaffen sein, um pro-poor zu sein? Und, darauf aufbauend, wie können solche Wirtschaftsstrukturen gefördert werden? Diese Fragen bilden das Grundgerüst des pro-poor-growth-Konzepts. Dessen Aufgabe ist es, Wege aufzuzeigen, die pro-poor-Wachstumsstrukturen fördern.

Dies kann auf einem direkten und auf einem indirekten Weg erfolgen. Von direktem pro-poor growth wird dann gesprochen, wenn Wachstum primär in den Regionen und Sektoren erfolgt, in denen die Armen leben und wirtschaftlich aktiv sind. Ein Beispiel aus dem entwicklungspolitischen Kontext ist die "Grüne Revolution“, die in den 1960er Jahren mit der Verbreitung von äußerst ertragreichem Saatgut ihren Anfang nahm und die Erträge von Reis, Weizen und Mais in Asien und Lateinamerika verdoppelte. Die Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft waren treibende Kraft hinter dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum dieser Regionen, gleichzeitig waren es insbesondere verarmte Kleinbauern, die mit ihrer Arbeit das Wachstum befeuerten – und davon profitierten.

Auf der anderen Seite wird von indirektem pro-poor growth dann gesprochen, wenn ärmere Bevölkerungsgruppen zwar nur sehr bedingt in das Wirtschaftswachstum eingebunden sind, aber durch nachträgliche Umverteilung dennoch profitieren. Beispielsweise konnte die Wachstumsstruktur Brasiliens über viele Jahre hinweg mit Fug und Recht als anti-poor beschrieben werden: Armut und Ungleichheit stiegen stetig. Bis die brasilianische Regierung im Jahre 2003 ein äußerst ambitioniertes Sozialprogramm eingeführt hat, das sogenannte Bolsa-Familia-Programm. Die entsprechenden Sozialtransfers erreichen mittlerweile über elf Millionen arme Haushalte und haben zu einer spürbaren Reduktion von Armut und Ungleichheit geführt.

Während die hier beschriebenen Grundgedanken des pro-poor-growth-Konzepts unstrittig sind, gehen die Meinungen bereits bei so grundlegenden Fragen, wie beispielsweise pro-poor growth definiert und gemessen werden sollte, stark auseinander. Der wenig ambitionierte absolute Ansatz bezeichnet jede Form von Wirtschaftswachstum, die das Einkommen armer Bevölkerungsschichten erhöht als pro-poor. Der relative Ansatz verwendet dagegen nur dann den Begriff pro-poor growth, wenn das durchschnittliche Einkommen ärmerer Bevölkerungsschichten stärker wächst als das Durchschnittseinkommen der Gesellschaft. Mit anderen Worten: Wenn Einkommensunterschiede abgebaut werden. Angesichts der Tatsache, dass wachsende Ungleichheit nicht nur zukünftiges Wirtschaftswachstum hemmt, sondern auch zu spürbaren sozialen Spannungen führen kann, folgt dieser Beitrag dem relativen Ansatz.

Was die Messung von pro-poor growth angeht, wurde im Laufe der Zeit eine ganze Fülle von Instrumenten entwickelt. Den wohl besten Leitfaden für die Auswahl geeigneter Instrumente lieferte Stephan Klasen im Jahre 2004.[5] Der vorliegende Beitrag wird die sogenannte growth incidence curve [6] (Wachstums-Inzidenzkurve) verwenden, deren komparativer Vorteil in ihrer Intuitivität und eingängigen Darstellungsweise liegt. Das zugrunde liegende Konzept ist rasch erklärt.

Die growth incidence curve bildet den Einkommenszuwachs zwischen zwei Zeitpunkten pro Perzentil[7] der Einkommensverteilung ab. Ein Vergleich von growth incidence curve und durchschnittlicher Wachstumsrate zeigt dann, in welchen Perzentilen überdurchschnittliches und unterdurchschnittliches Einkommenswachstum stattgefunden hat. Pro-poor growth liegt dann vor, wenn die ärmeren Perzentile einen überdurchschnittlichen Einkommenszuwachs erleben, das heißt bei einem fallenden Funktionsverlauf der growth incidence curve. Im Folgenden soll analysiert werden, ob das entwicklungspolitische Konzept des pro-poor growth, insbesondere mit seinem Instrument der growth incidence curve, sinnvoll im deutschen Kontext angewendet werden kann.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul Krugman, Past and Prospective Causes of High Unemployment, in: Economic Review, Federal Reserve Bank of Kansas City, (1994) 4, S. 23–43.
2.
Vgl. David Dollar/Aart Kraay, Growth is good for the poor, in: Journal of Economic Growth, 7 (2002) 3, S. 195–225.
3.
Vgl. Louise Cord/Humberto Lopez/John Page, ‚When I Use a Word‘ …: Pro Poor Growth and Poverty Reduction, in: Michael Krakowski (ed.), Attacking Poverty, Baden-Baden 2004.
4.
Vgl. ebd., S. 2.
5.
Vgl. Stephan Klasen, In search of the Holy Grail: How to achieve Pro-Poor Growth, in: M. Krakowski (Anm. 3).
6.
Vgl. Martin Ravallion/Shaohua Chen, Measuring pro-poor growth, in: Economics Letters, 78 (2003), S. 93–99.
7.
Perzentile teilen eine nach aufsteigender Größe sortierte Stichprobe in 100 Teile; liegen Prozentpunkte (p%) der Stichprobe unter einem bestimmten Wert, wird dieser Wert als das p-te Perzentil bezeichnet. Das heißt, das 10-te Perzentil im vorliegenden Fall gibt den Einkommenswert an, der von 10 Prozent aller Einkommen unterschritten wird.