Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Christian Neuhäuser

Faires Wachstum und die Rolle der Unternehmen

Die weit verbreitete Meinung, dass ökonomisches Wachstum das zentrale Mittel zur Steigerung der Lebensqualität der Menschen sei, hat sich inzwischen als zumindest einseitig verkürzt erwiesen.[1] Der ausschließliche Fokus auf die Steigerung der produzierten Güter und Dienstleistungen oder die verfügbaren Zahlungsmittel hat eine Vielzahl von Problemen nicht gelöst oder sogar verschlimmert. Dies lässt sich an drei zentralen Beispielen verdeutlichen. Erstens kann ökonomisches Wachstum zu zunehmender Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung führen sowie den Klimawandel auf bedrohliche Weise beschleunigen. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt ökologisch nachhaltig.[2] Zweitens kann ökonomisches Wachstum zwar die verfügbare Gütermenge für alle über das Niveau absoluter Armut steigern, führt aber weder zum Abbau sozialer Ungleichheit noch zur Überwindung relativer Armut. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt fair. Drittens kann ökonomisches Wachstum die Lebensqualität der Menschen verschlechtern, beispielsweise durch immer längere Arbeitszeiten, immer mehr Konkurrenzkampf und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt sozial.[3]

Der Blick auf das Wachstum der Güterproduktion allein reicht also nicht aus, um zu bestimmen, ob die Lebensqualität der Menschen in einem Land steigt oder nicht. Es kann durchaus sein, dass die als Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene Wirtschaftsleistung in Deutschland kontinuierlich steigt und zugleich das Land immer weniger nachhaltig, immer unfairer und immer weniger sozial wird. Dahinter stecken zwei Probleme, die das BIP als Indikator für eine Verbesserung der Lebensqualität ungeeignet machen: Es lässt keinen Vergleich der individuellen Lebenslagen zu, dabei geht es am Ende immer um die Lebensqualität einzelner Menschen und nicht bloß die Gesamtleistung einer Volkswirtschaft; und Lebensqualität beschränkt sich nicht auf ökonomische Güter, sondern es geht um eine Vielzahl von Chancen, Freiheiten und Fähigkeiten für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung. Ökonomischer Druck und Flexibilität, Armut und Ungleichheit, Umweltzerstörung und Klimawandel können den Menschen zahlreiche Chancen und Freiheiten nehmen und verhindern, dass sie die nötigen Fähigkeiten für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung ausbilden und ausleben können.

Es gibt zwei Möglichkeiten, um mit dieser Diagnose umzugehen. Die erste besteht darin, auf Wachstum als Maßstab ganz zu verzichten und stattdessen nach anderen Konzepten des Wirtschaftens zu suchen. Das hat jedoch eine Reihe von gravierenden Nachteilen: Eine Steigerung der Wirtschaftsleistung stellt weiterhin eine wichtige Voraussetzung für eine wohlhabende Gesellschaft dar, nur Wohlstand und Lebensqualität erschöpfen sich nicht darin.[4] Außerdem trägt eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft wesentlich zur sozialen Integration der Gesellschaft bei, weil sich alle Menschen als grundsätzlich freie Marktteilnehmer begegnen können. Schließlich baut solch eine Marktwirtschaft eine freiheitsschützende Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft auf.[5] All dies spricht dafür, auf eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft nicht zu verzichten, und solch eine Marktwirtschaft muss aus ökonomischen Gründen immer wachstumsorientiert sein, damit sie funktionieren kann.

Es gibt aber eine Alternative zum Verzicht auf Wachstum. Sie besteht darin, nach einem neuen Maßstab für Wachstum zu suchen. Dann wird nicht mehr nur noch die Zunahme von Geld und Gütern gemessen, sondern es geht um ein ganzheitliches Verständnis von Wachstum. Was letztlich wachsen soll, ist tatsächlich die Lebensqualität individueller Menschen.[6] Dafür ist nicht nur die Zunahme ökonomischer Güter, sondern auch die Verbesserung ökologischer und sozialer Chancen erforderlich. Und das alles muss auf faire Weise ablaufen. Dieser zweite Weg ist eine attraktive Alternative zum engen und schädlichen Wachstumsverständnis des BIP.

Derzeit ist zwar noch offen, welches Modell sich zur alternativen Messung von Wachstum eignet. Hier wird jedoch davon ausgegangen, dass sich schon ein geeignetes Modell finden lässt, und daher wird im Folgenden zusammenfassend nur von fairem Wachstum gesprochen. Das erscheint angemessen, weil es ja auch bei Nachhaltigkeit eigentlich um Fairness zukünftigen Generationen gegenüber geht. Diese Idee eines fairen Wachstums soll hier mithilfe eines wichtigen Testfalls auf den Prüfstein gestellt werden. Dieser Testfall sind die Unternehmen als ökonomischer Motor der Gesellschaft. Denn immerhin geht es am Ende nicht nur darum, einen neuen Maßstab für Wachstum zu definieren und messbar zu machen. Vielmehr soll sich die gesellschaftliche Entwicklung auch an diesem neuen Maßstab orientieren.[7]

Wenn sich faires Wachstum in der Praxis bewähren und durchsetzen soll, dann haben Unternehmen aus mindestens drei Gründen eine wichtige Rolle zu spielen. Erstens können sie bereits dabei helfen, nach einem geeigneten Maßstab für Wachstum zu suchen. Dies liegt einfach daran, dass Unternehmen schon über großes praktisches Wissen bei der Messung wirtschaftlicher Prozesse verfügen. Sie vermögen daher gut zu beurteilen, welche Maßstäbe sich für ein faires und nachhaltiges Wachstum praktisch bewähren könnten. Zweitens müssen Unternehmen dabei helfen, diesen neuen Maßstab in der Praxis umzusetzen. Natürlich sind nicht nur Unternehmen für faires Wachstum zuständig, sondern auch andere Institutionen und Akteure. Eine wichtige Errungenschaft eines neuen Maßstabs für Wachstum besteht ja gerade darin, die gesellschaftliche Leistung beispielsweise von Nichtregierungsorganisationen oder Bildungsinstitutionen angemessen zu würdigen. Aber Unternehmen müssen sich an diesem Wandel aktiv beteiligen; denn stehen sie ihm als dominante ökonomische und zunehmend wichtiger werdende politische Akteure entgegen, dann wird solch ein Wandel kaum effektiv gelingen. Drittens können Unternehmen sogar als Vorreiter agieren und neue Wachstumsstrategien in Testläufen ausprobieren. Dazu sind sie aufgrund ihrer flexiblen Organisationsstruktur gut in der Lage und aufgrund eines gestiegenen Drucks aus der Zivilgesellschaft zumindest in manchen Fällen auch bedingt motiviert. Ein zufällig gewähltes, aber gutes Beispiel dafür ist die Nachhaltigkeitsstrategie von Puma: Der Hersteller von Sportbekleidung hat aufgrund der anhaltenden öffentlichen Kritik an derartigen Unternehmen eine zukunftsweisende Wachstumsstrategie entwickelt, deren Umsetzung auch öffentlich überprüft werden kann. Dafür hat Puma den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010 gewonnen.

Doch kann man überhaupt, löbliche Einzelfälle einmal ausgenommen, von Unternehmen erwarten, dass sie sich für faires Wachstum einsetzen? Was genau kann von ihnen erwartet werden, und wie können sie dazu bewegt werden, faires Wachstum zu unterstützen? Auf diese Fragen soll es im Folgenden erste Antworten geben. Dabei wird deutlich, dass die Funktion staatlicher Politik, wenn es um ein anderes und faires Wachstum geht, nicht einfach nur darin bestehen kann, der Wirtschaft und anderen Sektoren durch gesetzliche Regelungen einen festen Rahmen vorzugeben. Vielmehr besteht die Aufgabe der staatlichen Politik auch darin, ein kluges Management anderer (politischer) Akteure aus der Zivilgesellschaft und Wirtschaft zu betreiben.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. Avner Offer, In Pursuit of the Quality of LifeOxford 1996; Tim Jackson/Ned McBride, Measuring Progress?, CES Working Paper, Nr. 11, 2005; Joseph Stiglitz et al., Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, CMEPSP Issues Paper, 25. Juli 2008.
2.
Vgl. Armin Grunwald/Jürgen Kopfmüller, Nachhaltigkeit, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 68–75.
3.
Vgl. Franz Schultheis/Kristina Schulz (Hrsg.), Gesellschaft mit begrenzter Haftung, Konstanz 2005.
4.
Vgl. zu den verschiedenen Positionen: Karl-Heinz Paqué, Wachstum!, München 2010; Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, München 2011; Meinhard Miegel, Exit, Berlin 2011; Niko Peach, Befreiung vom Überfluss, München 2012.
5.
Vgl. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2008, S. 175ff.; Friedrich August von Hayek, Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 2005.
6.
Vgl. Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010, S. 253–280.
7.
Vgl. J. Stiglitz et al. (Anm. 1).
8.
Vgl. Arthur Benz/Nicolai Dose (Hrsg.), Governance – Regieren in komplexen Regelsystemen, Wiesbaden 2010.