Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Gezwungen, sich zu verkaufen? Zur sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten


10.7.2012
"Without fear and without favour“ – ohne Furcht und keinem gefällig zu sein: Das machte die britische "Financial Times“ im 19. Jahrhundert zu ihrem Motto.[1] Das deutsche Pendant, die im Hamburger Verlag Gruner und Jahr (G+J) erscheinende "Financial Times Deutschland“ (FTD), beruft sich mehr als 100 Jahre später immer noch auf diese Tradition. Dass gleichwohl ganze Seiten nach dem Geschmack von Anzeigenkunden gestaltet werden und lukrative Deals mit Unternehmen zum täglichen Geschäft des Verlags gehören, waren die ersten Lektionen, die der Journalist Benjamin G.[2] kurz nach seinem Studium lernen musste. Als freier Mitarbeiter hatte er erste Meldungen für verschiedene Beilagen der FTD geschrieben und damit nur wenig Geld verdient. Dann sprach ihn die Beilagenredaktion des Blattes an. Für einen Tagessatz von rund 200 Euro produzierte G. für sie fortan Schwerpunktseiten zu ausgewählten Themen, die in der Zeitung als "Sonderveröffentlichung“ gekennzeichnet wurden. Ein journalistischer Graubereich, in dem bei vielen Zeitungen die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und gekauften Inhalten verschwimmt, wie die Ergebnisse einer verdeckten Recherche der "Tageszeitung“ (taz) 2011 zeigten.[3] Der Auftrag in der Beilagenredaktion war klar: G. sollte ein gefälliges Umfeld für Anzeigenkunden schaffen. "Der Ressortleiter versorgte mich mit Adressen von Unternehmensvertretern und PR-Agenturen, bei denen ich recherchieren sollte“, erzählt er. "Without favour“? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit lagen Welten.

G. wollte weiter als freier Journalist arbeiten, neben diversen kleinen Blättern war die FTD für ihn der wichtigste Auftraggeber. Wirklich gutes Honorar bekam er bei Facts & Figures, der Corporate-Publishing-Tochter der G+J Wirtschaftsmedien. Das Unternehmen publiziert Kundenmagazine für Konzerne wie Bayer oder Opel sowie für Banken, Versicherungen und andere Unternehmen. G. nahm einige Aufträge für die Zeitschriften an, als Produzent und als Autor. Während seine Dozenten an der Universität vor der Vermischung von Journalismus und Public Relations gewarnt hatten, bekam er für einen Artikel, den er für das Kundenmagazin schrieb, zwischen 600 und 900 Euro – und die Artikel machten nicht mehr Mühe als die mit Zeilengeld honorierten Beiträge in der FTD. Der Preis: Der Auftraggeber fungierte als Chefredakteur, Kritik war unerwünscht. G. empfand das als Verrat am Journalismus. "Man verkauft seine journalistischen Fähigkeiten an ein Unternehmen“, sagt er im Rückblick.

So wie Benjamin G. geht es vielen jungen Journalistinnen und Journalisten: Als Freiberufler lernen sie, dass PR-Aufträge oft deutlich besser bezahlt werden als journalistische Beiträge. Sie lernen, dass fast alle großen Verlage inzwischen auch im Corporate-Publishing-Geschäft tätig sind, von dem sie sich Stabilität und Wachstum erhoffen. Beim Süddeutschen Verlag übernimmt beispielsweise die Tochterfirma Onpact diese Aufträge, beim Burda-Verlag ist es die Burda Creative Group, beim Zeit-Verlag verspricht Tempus Corporate auf seiner Homepage den Kundenunternehmen "maßgeschneiderte Publikationen mit hohem journalistischem Anspruch“. G. hat das bei seinem Verlag anders erlebt: "Nach meiner Erfahrung ist Corporate Publishing eine Art Mogelpackung. Man nutzt zwar die gleichen handwerklichen Instrumente wie im Journalismus, aber das Ergebnis entspricht nicht dem, was Journalismus eigentlich sein sollte“, sagt er. Wer wie G. aus normativer Perspektive auf den Journalismus blickt, der hat es heute nicht leicht. Schnell gilt er als altmodisch, realitätsfern, manchen auch als elitär. Der G+J-Vorstandsvorsitzende Bernd Buchholz brachte es vor einiger Zeit auf den Punkt, als er mit Redakteuren der "Zeit“ über seine Branche sprach: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“[4]

2,93 Euro pro Stunde



Wie der Verlagsmanager verweisen auch Journalisten immer häufiger auf den Markt: Der Arbeitsmarkt verlange nach einer Doppelqualifikation in Journalismus und PR. Und so integrieren zahlreiche Hochschulen PR-Elemente in die Curricula, etliche Journalistik-Studierende erstellen in ihren Seminaren PR-Konzepte, auch renommierte Journalistenschulen wie die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten, die zur Verlagsgruppe Handelsblatt gehört, bieten inzwischen Weiterbildungskurse zu Fragen der Unternehmenskommunikation an. Aber müssen Journalisten ihr Heil tatsächlich in der PR-Branche suchen? Wie sieht der Arbeitsmarkt, auf den so oft verwiesen wird, tatsächlich aus?
  • Die Zahl der hauptberuflichen Journalisten schrumpft. Die letzte repräsentative Studie aus dem Jahr 2006 zählte rund 48.000 hauptberufliche Journalisten in Deutschland, elf Prozent weniger als zwölf Jahre zuvor. Die Zahl der Redakteurinnen und Redakteure blieb dabei allerdings stabil, während die Zahl der hauptberuflichen freien Journalisten um ein Drittel auf rund 12.000 sank.[5]
  • Im Vergleich mit anderen Berufen ist im Journalismus kein großes Geld zu verdienen. Im Schnitt verdienen Journalisten 2.300 Euro netto im Monat, wie die genannte Untersuchung zeigte. Vor allem Volontäre, Redakteure mit wenigen Berufsjahren und freie Journalisten liegen oft darunter.
  • Zahlreiche freie Journalisten kommen daher nicht ohne eine Mischkalkulation über die Runden. Nach einer Münchner Studie üben 44 Prozent der befragten freien Journalisten Nebentätigkeiten aus. PR und Werbung sind dabei die wichtigsten Felder.[6] Und eine Hamburger Untersuchung, bei der die Mitglieder des Berufsverbands Freischreiber e.V. befragt wurden, ergab, dass knapp zwei Drittel der freien Journalisten mit Doppeltätigkeiten ohne das Zusatzeinkommen aus PR-Aufträgen nicht überleben könnten.[7]
  • Die Wirtschafts- und Finanzkrise mit sinkenden Werbeeinnahmen bei Sendern und Verlagen hinterließ auch auf dem journalistischen Arbeitsmarkt Spuren; nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an. 2011 waren in der Berufsgruppe "Redaktion und Journalismus“, wie die Behörde es nennt, rund 4.800 Menschen ohne Beschäftigung.
  • Der Berufseinstieg ist schwierig, die Konkurrenz ist groß. Nicht selten absolvieren junge Journalisten postgraduale Praktika. Die Bezahlung – sofern die Praktika überhaupt honoriert werden – liegt auf einem niedrigen Niveau: 2,93 Euro beträgt der durchschnittliche Stundenlohn im Segment "Presse, Rundfunk, Fernsehen“, wie eine aktuelle Studie belegt.[8] Die mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung und des Deutschen Gewerkschaftsbundes entstandene Untersuchung kommt zu dem Schluss, "dass zwischenzeitliche Praktika nach Studienabschluss nicht nur die objektiven Merkmale von Prekarität erfüllen (unsichere Perspektive, geringer Status, finanzielle Unsicherheit), sondern auch subjektiv so erlebt werden.“[9]
Dies führt zum wichtigsten Punkt: Die grundlegenden Veränderungen des Arbeitsmarktes haben längst auch den Journalismus erfasst. Seit Jahren ist zu beobachten, dass in Deutschland das sogenannte Normalarbeitsverhältnis erodiert und atypische Beschäftigungsverhältnisse – zum Beispiel Leiharbeit, Befristungen oder eben Praktika für Hochschulabsolventen – an Bedeutung gewinnen. Etwa 36 Prozent aller Beschäftigten arbeiteten 2009 in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis, 1993 waren es erst knapp 20 Prozent.[10] Was auf der einen Seite den Unternehmen Flexibilität bringt, bedeutet für die Betroffenen oft prekäre Arbeitsbedingungen.


Fußnoten

1.
Vgl. David Kynaston, The Financial Times: a centenary history, London 1988, S. 17.
2.
Name geändert.
3.
Vgl. Sebastian Heiser, Ich kauf mir eine Zeitung, in: Die Tageszeitung (taz) vom 2./3.4.2011, S. 20ff.
4.
Zit. nach: Anita Blasberg/Götz Hamann, Deutschland, entblättert, in: Die Zeit vom 26.11.2009.
5.
Vgl. Siegfried Weischenberg/Maja Malik/Armin Scholl, Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland, Konstanz 2006, S. 36f. Als hauptberufliche Journalisten gelten in der Studie Beschäftigte bei journalistischen Medien, die journalistische Tätigkeiten ausüben und davon leben können, also mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus dem Journalismus beziehen oder mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit journalistischer Arbeit verbringen.
6.
Vgl. Michael Meyen/Nina Springer, Freie Journalisten in Deutschland. Ein Report, Konstanz 2009, S. 65ff.
7.
Vgl. Isabelle Buckow, Freie Journalisten und ihre berufliche Identität, Wiesbaden 2011, S. 56ff.
8.
Vgl. Boris Schmidt/Heidemarie Hecht, Generation Praktikum 2011. Praktika nach Studienabschluss: Zwischen Fairness und Ausbeutung, Berlin 2011, S. 21.
9.
Ebd. S. 35.
10.
Vgl. Berndt Keller/Hartmut Seifert, Atypische Beschäftigung und soziale Risiken. Entwicklung, Strukturen, Regulierung, Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2011, S. 16.