Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.
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1000 Dollar für ein Menschenleben. Überlegungen zur Qualität im Krisenjournalismus


10.7.2012
"Machen Sie deutlich darauf aufmerksam, dass Sie ein Journalist sind (tragen Sie keine Kleidung im Military-Look) und zeigen Sie deutlich Ihre Ausrüstung, so dass man Sie nicht mit einem Kriegsteilnehmer verwechselt. Überlegen Sie sich im Vorhinein sorgfältig Ihre Bewegungen. Beobachten Sie die Gewohnheiten der Einheimischen. (…) Stellen Sie sich tot, falls Sie verwundet werden.“ [1]

Diese überlebenswichtigen Tipps sind einem schmalen Notizblock entnommen, den die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen gemeinsam mit der UNESCO zum persönlichen Schutz an solche Journalisten verteilt, die berufsbedingt in Krisengebiete reisen. Das im Original in englischer Sprache publizierte Büchlein trägt den bescheidenen Titel "Handbook for Journalists“ und ist zu einer Art internationalem Survival-Guide für Krisenjournalisten geworden: Es versucht mit nützlichen Ratschlägen und Hinweisen die gesamte Bandbreite an heiklen Extremsituationen abzudecken, in die Krisenreporter geraten können, wenn etwa Heckenschützen, Kidnapper, schwere Artillerie oder auch aufgebrachte Menschenmassen ihre Sicherheit bedrohen. Es klärt außerdem über psychologische Risiken wie Traumata auf, nennt potenzielle Unwägbarkeiten und schlägt Trainingsübungen zur Vor- und Nachbereitung von Kriseneinsätzen vor. Dieses Handbuch unterscheidet sich damit von so ziemlich allem, was "gewöhnliche“ Journalistinnen und Journalisten im Laufe ihres Berufslebens an praktischen Handlungsempfehlungen jemals zu hören und zu lesen bekommen.[2] Durch seine unaufgeregten Beschreibungen demonstriert es vielmehr die faszinierende Ambivalenz, die mit diesem journalistischen Tätigkeitsfeld verbunden ist: ein Beruf, der öffentlich allzu häufig mystifiziert und mit modernem Heldentum gleichgesetzt wird, in der Realität jedoch weder Spielräume für Selbstlob noch Abenteuerlust zulässt.

Aufgrund ihrer Sonderstellung im journalistischen Aufgabenspektrum diente die Krisen- und Kriegsberichterstattung schon immer vielen gestandenen Journalisten als Karrieresprungbrett und begeistert auch heute junge Nachwuchsreporter. Bei "Kriseneinsätzen“ schien es weniger um reflektiertes Handeln mit einer rationalen Abwägung der (möglichen) Folgen zu gehen, sondern um soziale Instinkte und spontane "Bauchentscheidungen“, von denen sich die Krisenreporter vor Ort leiten lassen, um unter widrigen Bedingungen über die Welt in Schieflage berichten zu können. Dabei geht es selten um heroische Taten, in der Regel auch nicht um eine schöne Schreibe oder die Jagd nach exklusiven Schlagzeilen, sondern – unter dem Vorzeichen akuter sicherheitspolitischer Bedrohungen – zunächst um die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit. Wie Krisenjournalisten arbeiten, welche Rolle ausgeklügelte Recherchepläne, vertraute Netzwerke und Kontakte zu Einheimischen oder sogenannten Stringern und Fixern spielen, also Ortskundigen, die um die kulturellen Friktionen in Krisengebieten wissen, ist weitgehend unerforscht. Wie wichtig sind Stolz oder persönlicher Ruhm im Vergleich zu pragmatischen Entscheidungen? Wie entscheidend sind Talent, aber auch Mut und Vertrauen in die eigenen professionellen Fähigkeiten, um sich in solche gefährlichen Krisengebiete vorzuwagen? Weil die jahrhundertealte Konzentration journalistischer Berichterstattung auf alles, was aktuell, relevant, überraschend sowie geografisch und psychologisch nah ist, im globalen Nachrichtengeschäft meist nur übertrumpft wird durch spektakuläre Großereignisse mit maximalen negativen Folgen,[3] nimmt es kaum Wunder, dass die Krisen- und Kriegsberichterstattung zu einem der abenteuerlichsten und damit auch gefährlichsten und umstrittensten Tätigkeitsfelder im gegenwärtigen Journalismus geworden ist.

Wie Krisenreporter täglich recherchieren und sich untereinander vernetzen, wie sie mit den Heimatredaktionen zusammenarbeiten und mit Gefahrensituationen umgehen, welche ihrer Geschichten über Kriege, Flutkatastrophen und Terroranschläge eine gewisse Eigendynamik entfalten und welche vernachlässigt werden, wurde im Rahmen einer explorativen Studie näher untersucht, welche speziell die Handelnden im Berufsfeld Krisenjournalismus in den Blick nahm.[4] Als Untersuchungsgegenstand wurden also jene Akteure angesprochen, die in unterschiedlichen Kontexten Krisen als professionell Beobachtende begleiten oder begleitet haben. Grundlage für die nachfolgend zusammengetragenen Forschungsergebnisse, die ein tieferes Verständnis für die Arbeitssituation von Krisenreportern ermöglichen sollen, bildeten insgesamt 17 Expertengespräche, darunter neun Krisenjournalistinnen und acht Krisenjournalisten, die für deutsche Nachrichtenmedien tätig sind oder waren.[5] Für die Untersuchung wurden insbesondere Selbstverständnis und Rollenbilder, strukturelle Zwänge bei der Krisen- und Kriegsberichterstattung sowie die konkreten Herausforderungen und Determinanten bei der journalistischen Tätigkeit in Krisengebieten ins Auge gefasst. Am Ende dieser Analyse steht eine Reihe von Vorschlägen zur Steigerung der professionellen Qualität in der Krisenberichterstattung.

Rollenbilder im Krisenjournalismus



Abenteurer, Aufklärer oder Weltverbesserer versus Rechercheure, Prinzipienverfechter oder Chronisten: Das Selbstverständnis der befragten Krisenreporter unterscheidet sich zum Teil gravierend voneinander. Ihre auf sich selbst projizierten Rollenbilder deuten darauf hin, um was für ein uneinheitliches Berufsbild es sich beim Krisenjournalismus handelt. Ein Krisenreporter steht beispielsweise immer vor dem Problem, Krisen- oder Kriegszustände zu beschreiben, die unsere herkömmliche Urteilkraft übersteigen: Wie soll etwas beurteilt oder beschrieben werden, das schwer zu begreifen ist? Krisengebiete seien nicht einfach nur fremd und anders, sondern auch moralisch verstörend, sagt Carolin Emcke ("Die Zeit“): "Deshalb sagen wir so oft diese Floskeln: 'unfassbar‘, 'unaussprechlich‘, 'unbegreiflich‘.“ Emcke nennt dies eine "Lücke des Verstehens“: "Wir wollen nicht begreifen, dass sich Menschen Verbrechen antun, wir wollen nicht verstehen, wie Gewalt sich einschreibt in Menschen.“ Das sei ein psychisches Phänomen, dem sich auch Krisenreporter kaum entziehen könnten. Sie und ihre Kollegen müssten jedoch gegen diesen – inneren wie äußeren – Widerstand der kognitiven Sprachlosigkeit anschreiben.

Krisenreporter finden sich bisweilen schnell in der Rolle der Vorkämpfer wieder, die sich, wie Susanne Koelbl ("Der Spiegel“) bestätigt, in Regionen vorwagen, über die seit langer Zeit niemand mehr berichtet hat. Von diesem Pioniercharakter zeugen auch alle möglichen Schilderungen der Befragten, wenn es zum Beispiel um die Überwindung bürokratischer, finanzieller oder rein praktischer Hürden etwa bei Reise- und Recherchetätigkeiten geht. Angetrieben werden viele von ihrer Entdeckerlust: "Meine Neugierde ist eigentlich immer dieselbe“, sagt RTL-Auslandsreporterin Antonia Rados – egal, ob sie aus dem Jemen oder Iran, über den Krieg oder die Ruhe vor dem Sturm, die Bundeswehr oder afghanische Frauen berichte.


Fußnoten

1.
Reporters Without Borders, Handbook for Journalists, Paris 2007, S. 50.
2.
Wenn im Folgenden von "Journalisten“ oder "Reportern“ die Rede ist, sind stets auch die weiblichen gemeint.
3.
Vgl. Michaela Maier/Karin Stengel/Joachim Marschall, Nachrichtenwerttheorie, Stuttgart 2010.
4.
Vgl. Stephan Weichert/Leif Kramp, Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten, Köln 2011.
5.
Die Gesprächspartner waren: Fiona Ehlers, Susanne Koelbl ("Der Spiegel“), Carolin Emcke, Reiner Luyken ("Die Zeit“), Christoph Maria Fröhder, Ariane Reimers (ARD), Matthias Gebauer ("Spiegel Online“), Gerhard Kromschröder, Christoph Reuter ("Stern“), Souad Mekhennet (ZDF, "New York Times“), Antonia Rados (RTL), Maike Rudolph (NDR), Katrin Sandmann (N24), Elmar Theveßen (ZDF), Ulrich Tilgner (SR), Susanne Fischer und Stephan Kloss (frei).