Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.
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Ungenutzte Potenziale? Zur Relevanz von Regional- und Lokaljournalismus


10.7.2012
Es wird immer schwieriger, mit journalistischen Produkten Geld zu verdienen. Am augenfälligsten ist diese Entwicklung bei regionalen Tageszeitungen zu beobachten: Die Auflagen und damit die Vertriebserlöse sinken; gleichzeitig ist das Anzeigengeschäft besonders in den Rubriken-, also Kleinanzeigenmärkten stark rückläufig. Die wachsende Akzeptanz der Internetangebote ist da ein schwacher Trost. In aller Regel ist der Onlineauftritt einer Tageszeitung nicht einmal kostendeckend, geschweige denn rentabel. Die Konkurrenz kostenloser, lokaler Anzeigenblätter trägt das Ihre dazu bei, den regionalen Tageszeitungen das Leben zu erschweren. Hinzu kommt eine Rundfunk- und Fernsehlandschaft, die ebenfalls den Reiz des Regionalen oder gar Lokalen entdeckt hat. Das alles führt dazu, dass die – seinerzeit traumhaften – Renditen, welche die Verlagshäuser noch in den 1990er Jahren zu erwirtschaften gewohnt waren, nur noch in den Firmenannalen auftauchen.

Ein Stagnieren, gar ein Umkehren dieses Trends ist nicht absehbar. Seit Jahren besteht die große Herausforderung für Verlage und Redaktionen darin, Strategien zu entwickeln, um Leserinnen und Leser zu binden und möglichst neue Klientel zu erschließen. Diese Aufgabe ist umso schwerer zu lösen, als dass das Lesen von gedruckten Zeitungen gerade bei jungen Menschen nicht sehr hoch im Kurs steht. Informationen werden – in aller Regel von vornherein nach den jeweiligen Interessensgebieten selektiert – vor allem aus dem Internet gezogen. Onlineangebote von Tageszeitungen, regionale zumal, werden dafür nur sehr begrenzt genutzt. Die Printtitel sehen sich mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Senioren als treue Leser allmählich aussterben und keine jungen Leser nachwachsen.

Viele Verlagshäuser wollen dieser auf Dauer existenzbedrohenden Entwicklung mit dem Zauberwort "Regionalisierung“ entgegenwirken. Die Erfolgsformel lautet: Das Alleinstellungsmerkmal der regionalen Presse ist die lokale Kompetenz; die nationale, gar internationale Nachricht interessiert allenfalls, wenn sich ein direkter Bezug zum örtlichen Geschehen herstellen lässt. "Wir wiederholen nicht die Tagesschau vom Vorabend“, ist seitdem in vielen Redaktionsstuben ein gängiges Leitmotiv. Praktisch heißt das: Oktoberfest-Prügelei im Nachbardorf statt Bürgerkrieg in Syrien, Verkehrsunfall an der Ecke statt Flugzeugabsturz in Asien, Gemeinderat statt Bundestag.

Ob, wie und unter welchen Umständen diese Strategie aufgeht und wann sie scheitern muss, wird im Folgenden zu beleuchten sein. Dabei ruht der Fokus auf dem Printjournalismus und dessen Internetauftritt. Eine Ausweitung des Themas auf Funk- und Fernsehmedien würde den Rahmen schon deshalb sprengen, weil dann auch ausführlich auf das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem einzugehen wäre, dessen Auftrag, Struktur und Finanzierung aber einen Vergleich mit privatwirtschaftlichem Engagement nur sehr bedingt zulassen.

Tagespresse



Bis in die 1990er Jahre waren regionale Zeitungsredaktionen klar strukturiert. Zum einen gab es den "Mantel“ als einheitliches Cover für alle Lokalausgaben des Titels, um die überregional relevanten Nachrichten des Vortages aufzubereiten. Und zum anderen die Lokalteile mit den Informationen aus dem unmittelbaren Umfeld der Rezipienten. Auf eine Trennung beider Einheiten wurde inhaltlich wie personell strikt geachtet. Galt es als lokaljournalistische Tugend, unter großem Zeitdruck ein hohes Arbeitspensum zu absolvieren und viele Zeitungsseiten möglichst "unfallfrei“ zu produzieren, wurde im Mantel stärker auf saubere Recherche, Textsicherheit, professionelle Präsentation und Feinschliff geachtet. Journalisten, die etwas auf sich hielten, suchten den Weg in den Mantel, während Volontäre und Jungredakteure sich im Lokalen "die Hörner abstoßen“ sollten und langgedienten Lokaljournalisten der Ruf anhaftete, die Karriere verpasst zu haben.

Diese Abgrenzungen sind längst zumindest verschwommen, wenn nicht gar aufgelöst. In vielen Tageszeitungsredaktionen genießen regionale und lokale Inhalte auch im Mantel einen hohen Stellenwert. Damit ist auch das Ansehen der Lokaljournalisten, die regelmäßig Geschichten aus ihrem Umfeld für die Leser im gesamten Verbreitungsgebiet ihrer Zeitung aufbereiten, gestiegen. Vielerorts sind die Mantelredaktionen fast ausschließlich produzierende Einheiten, in denen das Material aus den Lokalredaktionen weiterverarbeitet wird. Dieser Verfahrensweise liegt die aus Befragungen gewonnene Erkenntnis zugrunde, dass Leser einer Regionalzeitung diese abonnieren oder im Freiverkauf erstehen, weil sie dort Informationen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld erwarten. Das klingt nachvollziehbar. Was aber folgt daraus? Heißt das, dass Ereignisse außerhalb des eigenen "Kiezes“ überlesen werden? Dass beispielsweise allenfalls noch Landes-, aber keineswegs Bundes-, gar Europapolitik ein Publikum findet? Dass der Interessenradius der Leserschaft durch die eigene Stadt- oder Kreisgrenze definiert ist? Nein, eine gut gemachte Regionalisierung bedeutet all das gewiss nicht. Und doch gibt es zahlreiche Beispiele, dass Tageszeitungen den richtigen Ansatz einer dosierten Regionalisierung mit platter Provinzialisierung verwechseln – und sich dann wundern, dass sich noch mehr Leser als zuvor abwenden.

Was aber kennzeichnet eine gut gemachte Regionalisierung? Zunächst die Erkenntnis, die allen journalistischen Handelns zugrunde liegen sollte: Interessant ist, was neu ist und was betroffen macht. Allein: Es muss ansprechend präsentiert werden. Selbstredend wird der tödliche Unfall an der Kreuzung auf dem Weg zur eigenen Arbeit betroffener machen als das Busunglück in Griechenland. Das kann sich aber ändern, wenn letzteres Ereignis zum Anlass genommen wird, beispielsweise die Sicherheitstechnik bei Schulbussen im Verbreitungsgebiet der Zeitung zu recherchieren. Auch wird die Nachricht über die Bundestagsdebatte zur Pflegereform in der Leserschaft auf begrenztes Interesse stoßen. Aber wie steht es eigentlich um den Versorgungsstandard der Pflegeheime vor Ort? Auf einmal stellt sich heraus, dass das vermeintlich ferne Thema tatsächlich ganz nah sein kann.

Intelligente journalistische Aufarbeitung kann also Themen, die weit weg zu sein scheinen, ganz dicht an den Leser heranzoomen. Es gibt zahlreiche Beispiele von Redaktionen, denen das vorzüglich gelingt. Ebenso häufig ist aber leider zu beobachten, dass Regionalisierung als möglichst boulevardeske Aufmachung lokaler Themen missverstanden wird. Dieses Vorgehen geht häufig einher mit der sträflichen Nachlässigkeit, relevante Nachrichten des Vortages, die außerhalb des eigenen Umfeldes angefallen sind, nicht ausreichend einzuordnen, hintergründig zu erläutern und im schlimmsten Fall dem Leser überhaupt nicht zur Kenntnis zu geben. Wer so handelt, provoziert den Effekt, dass das Publikum sich nicht mehr umfassend informiert fühlt und den Drang entwickelt, sich anderweitig mit Nachrichten versorgen zu müssen. Das mündet oft in einen Prozess, an dessen Ende nicht selten die Abbestellung des angestammten Abonnements steht.

Das Geheimnis einer spannenden regionalen Tageszeitung besteht in der Kunst, Themen immer wieder aufs Neue so zu komponieren, dass für die breite örtliche Leserschaft ein interessantes Nachrichtenpotpourri entsteht. Das Lokale und das Regionale konkurrieren dabei, auf einem Podest der besonderen Relevanz stehend, mit der Flut geografisch entfernter liegender Themen. Gegen die meisten dieser Themen werden sich die lokalen Ereignisse durchsetzen. Aber nicht zwangsläufig und schon gar nicht, wenn der vermeintliche Reiz der Region nur darin besteht, dass Nichtigkeiten aufgeblasen werden mit der Begründung, entscheidend sei ausschließlich der lokale Bezug. Ganz abgesehen davon erwarten Leser eine "ganzheitliche Betreuung“: Alle wichtigen Nachrichten gehören, sorgsam gewichtet, ins Blatt. Und: Tageszeitung ist ein Kompass durch das Leben ihrer Leser. Dazu gehört das Hinterfragen, Einordnen, Kritisieren – nicht nur von Ereignissen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Leserschaft. Viele erwarten eine Meinung ihres Blattes zu den wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Vorgängen. Die Behauptung, das sei schon deshalb nicht mehr Aufgabe einer regionalen Tageszeitung, weil andere, etwa überregionale Titel diesen Service auf höherem Niveau anbieten können, führt in die Irre: "Der Leser“ will wissen, wie "sein Kreisanzeiger“ relevante Vorgänge einordnet.