Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.
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Chancen und Grenzen philanthropischer Finanzierungsmodelle


10.7.2012
Auch wenn die anni horribiles des Journalismus, die Zeit als Einsparrunden, Entlassungen und Einstellungen ganzer Zeitungen an der Tagesordnung waren, ausgestanden zu sein scheinen und sich in manchen Verlagshäusern vorsichtiger Optimismus und teils sogar wieder Euphorie breitmachen: Nur ein Teil der Probleme, vor denen der Journalismus steht, ist zyklischer Natur, Ausfluss der Wirtschaftskrise. Der andere Teil ist strukturell und hat mit umfassenden technologischen, wie auch soziokulturellen Veränderungen zu tun. Selbst wenn hierzulande einige Zeitungen, ihre Onlineausgaben eingerechnet, mehr Leserinnen und Leser denn je erreichen, geht die Zahl derjenigen, die bereit sind für Zeitungsjournalismus in gedruckter oder digitaler Form zu zahlen, tendenziell zurück. Verluste im Einzelverkauf und im Anzeigengeschäft, wie sie deutsche Zeitungshäuser in den vergangenen Jahren verzeichnen mussten, konnten jedenfalls bislang nicht durch zusätzliche Einnahmen im Netz ausgeglichen werden. Mit der "Frankfurter Rundschau“ ist ein ehemaliges Aushängeschild linksliberalen Journalismus in Deutschland deutlich angeschlagen; der Mantelteil entsteht seit dem Sommer 2011 beim zum selben Verlagshaus gehörenden Schwesterblatt "Berliner Zeitung“. Selbst die "Süddeutsche Zeitung“, Leitmedium mit Auflagenrekorden (verkaufte Auflage im ersten Quartal 2012: 430.000 Exemplare) und für ihre Inhalte hochgelobt, ächzt unter der Schuldenlast ihrer Eigentümerin, der Südwestdeutschen Medienholding. Die für die publizistische Versorgung besonders wichtigen Regionalzeitungen wiederum, in ihren Verbreitungsgebieten häufig Monopolisten, sehen sich seit Jahren massiven Sparvorgaben ihrer Verleger ausgesetzt. Der Trend, Redaktionen zusammenzulegen oder auszulagern, ist ungebrochen. Für kosten- und personalintensive Segmente wie den Lokal- und Auslandsjournalismus sowie Arbeitsweisen wie investigativen Journalismus werden die Mittel überall knapper.[1]

Diese Entwicklungen haben nicht nur ökonomisch-betriebswirtschaftliche Bedeutung. Denn Journalismus und Medien sind nicht irgendein Produkt, irgendeine Industrie. Sie sind Kommunikationsmittel und Bindeglied moderner Gesellschaften, stiften Sinn und Orientierung und entscheiden wesentlich darüber, in welchem Ausmaß es uns gelingt, unsere Welt zu begreifen – oder eben nicht. Sie sind, ganz unabhängig davon, wo man sie demokratietheoretisch verortet, Kernbestandteil der kommunikativen Infrastruktur der Demokratie. Heute sind wir mit der paradoxen Situation konfrontiert, einerseits über mehr Informationen, wahrscheinlich auch über größere journalistische Vielfalt denn je zu verfügen (man denke nur an die Vielzahl an Quellen und Echtzeitinformationen aus Ägypten während des "Arabischen Frühlings“), andererseits aber konstatieren zu müssen, dass der Markt allein bestimmte Inhalte nicht mehr oder nicht mehr ausreichend bereitstellen kann. Hinzu kommt die Frage, in welcher Qualität dem Konsumenten Informationen, Hintergrundberichte, Reportagen und Kommentare dargeboten werden.

Förderung durch Stiftungen



Gerade im "Land der ungezügelten Märkte“, den USA, sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen entstanden, die sich dem drohenden Verlust an Meinungsvielfalt und publizistischer Qualität entgegenstemmen. Vor allem die seit ihrer Gründung 2007 mehrfach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Rechercheplattform "Pro Publica“ ("Journalism in the Public Interest“) ist zu einem vieldiskutierten Vorbild geworden. "Pro Publica“ erhält alleine zehn Millionen Dollar jährlich über die Stiftung der Gründer des Projekts, Herbert und Marion Sandler, deren Vermögen aus der Golden West Financial Corporation stammt. Dazu kommen Gelder anderer Stiftungen wie der Knight Foundation, aber auch Kleinspenden. Finanziert wird davon eine Redaktion mit aktuell 34 fest angestellten Journalistinnen und Journalisten, die allein im vergangenen Jahr 110 Geschichten zu Themen aus Politik und Wirtschaft recherchierten und dabei diverse Enthüllungen machten. Die Recherchen werden in der Regel kostenlos an verschiedene Medien weitergegeben und auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Mit einer Reihe von interaktiven News Applications und Visualisierungen, die komplexe Sachverhalte und unüberschaubare Datensätze für den Leser nachvollziehbar machen, hat "Pro Publica“ auch Standards hinsichtlich neuer journalistischer Darstellungsformen gesetzt.

Auch in Deutschland – den milliardenschweren öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zum Trotz – ist eine zumindest in Expertenkreisen breite Debatte über nicht kommerziellen, philanthropisch finanzierten Journalismus in Gang gekommen. Vollkommen neu sind solche Konstruktionen selbst bei uns nicht: Schon lange steckt hinter einer großen deutschen Tageszeitung, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ein kluger, aber wenig transparenter Stiftungs-Kopf (Fazit-Stiftung), wird die linksalternative "Tageszeitung“ (taz) stilecht genossenschaftlich getragen, sind auf lokaler Ebene von Vereinen getragene Projekte und Blogs wie "Regensburg Digital“ oder die "Kontext:Wochenzeitung“ entstanden. Bekannt sind diese Modelle kaum – was bedauerlich ist. Denn obwohl weniger als 0,5 Prozent der deutschen Stiftungen ausdrücklich die Förderung des Journalismus in ihren Statuten und Zielbestimmungen verankert haben,[2] könnten gerade sie eine viel größere Rolle bei der Unterstützung einer freien Presse spielen. Die Förderung der Demokratie findet sich als Ziel in sehr vielen Satzungen – und die "Vierte Gewalt“ ist schließlich Teil des demokratischen Tafelsilbers. Bislang kümmern sich Stiftungen vor allem um die Ausbildung von Journalisten; beispielsweise widmet sich die schon erwähnte Fazit-Stiftung unter anderem diesem Zweck, genauso wie die taz.pantherstiftung.

Weitverbreitet ist zudem die Vergabe von Journalistenpreisen. Auszeichnungen auszuloben ist zweifelsohne geübte Stiftungs- und Vereinspraxis, wobei manch gestiftete journalistische Ehrung im Ruf steht, dass die Kosten des öffentlichen Wirbels, der um sie gemacht wird, deutlich höher sind als das Preisgeld. Zudem stellt sich die Frage der Wirksamkeit, denn die Preise sind zum einen kaum je so hoch dotiert, dass sich davon aufwändige Recherchen finanzieren ließen. Zum anderen existiert gerade im Medienbereich eine fast unübersehbare Fülle von Auszeichnungen; die Seite "journalistenpreise.de“ listet derer fast 400 auf. Jeder zehnte davon wird laut Zählung von Active Philanthropy, einer Organisation, die Stifter und Spender berät, von einer Stiftung ausgeschrieben, womit diese Kategorie die mit Abstand häufigste Förderung journalistischer Qualität durch Stiftungen darstellt. Auf den Plätzen folgen Ausbildungsförderung, die 28 Stiftungen im Portfolio haben, die Organisation von Austausch- und Leadership-Programmen (16), Konferenzen, Seminare, Workshops und Tagungen (sieben) sowie medienpädagogische Projekte (vier).[3]

So überrascht kaum, dass Expertinnen und Experten sowie Praktikerinnen und Praktiker sich mit Blick auf philanthropische Unterstützung einen Wechsel der Perspektive vom Thematischen zum Systematischen erhoffen – "Journalismus-Förderung statt Journalisten-Förderung“ lautet eine griffige Formel dafür. Auf der Wunschliste notiert wurde zudem eine Art "Entwicklungshilfe für neue journalistische Formen“, die Unterstützung bei der Exploration neuartiger Refinanzierungsmodelle, etwa durch Spenden.[4]


Fußnoten

1.
Zu Regional- und Lokalzeitungen siehe auch den Beitrag von Jörg Biallas in dieser Ausgabe; zum Auslandsjournalismus siehe den Beitrag von Leif Kramp, Alexander Matschke und Stephan Weichert in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. Active Philanthropy (Hrsg.), Finanzierung journalistischer Aktivitäten durch gemeinnützige Organisationen in den USA, Berlin 2011, S. 40.
3.
Vgl. ebd., S. 41.
4.
Vgl. BMW-Stiftung Herbert Quandt (Hrsg.), Gemeinnützig finanzierter Journalismus. Strategien, Ideen und Projekte, Ergebnisprotokoll des Akademietages 20.6.2011, Berlin 2011.