Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Yad Vashem – Gedenken im Wandel


2.8.2012
Der Gedenktag für die Opfer des Holocaust – Yom Hashoa – hat in Israel auch 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht an Bedeutung verloren. Wenn um 10 Uhr morgens die Gedenksirenen aufheulen, ist das ein bewegender Moment für das ganze Land. Arbeiter unterbrechen ihre Tätigkeiten, mitten auf der Straße steigen Menschen aus ihren Autos und selbst im sonst so turbulenten Supermarkt wird es plötzlich ganz still. Schweigend legen die Menschen eine Trauerminute ein.

Eine offizielle Gedenkzeremonie findet bereits am Vorabend des Yom Hashoa auf dem Gelände der nationalen Gedenkstätte für den Holocaust Yad Vashem statt. Im Beisein des Staats- und Ministerpräsidenten, der Oberrabbiner Israels und zahlreicher Gäste aus dem In- und Ausland entzünden sechs Überlebende exemplarisch sechs Fackeln, welche an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnern sollen. In diesem Jahr standen die Feierlichkeiten unter dem Motto: "Der Einzelne und die Gemeinschaft. Jüdische Solidarität während des Holocaust".[1] Dabei wurden zu Beginn der Zeremonie viele der Gäste von einem ungewöhnlichen Auftritt überrascht. Noch bevor Shimon Peres als Staatspräsident die erste offizielle Rede hielt, betrat ein israelischer Soldat, Korporal Guy Peltz, in Militäruniform die Bühne und sang auf Jiddisch das Lied "Papirosen".[2]

Dieser Auftritt war vor allem in einer Hinsicht bemerkenswert: Vor der Gründung des Staates Israel wählten Vertreter des Zionismus das Hebräische bewusst als Nationalsprache, wohingegen das in Osteuropa geläufige Jiddische in Palästina geradezu verfemt wurde. Jiddisch stand für den "alten Juden", den "schwachen Juden aus der Diaspora", wohingegen das Hebräische den neuen, starken und wehrhaften Juden repräsentierte. Dass ein Soldat in einer öffentlichen Zeremonie ein jiddisches Lied singt, wäre daher in der Frühphase des israelischen Staates undenkbar gewesen.

Anhand dieser Erinnerungszeremonie lässt sich nicht nur darlegen, dass das Jiddische – und damit die Kultur der Diasporajuden – im israelischen Kontext eine Aufwertung erfahren hat. Das Beispiel zeigt außerdem, wie kollektive Erinnerungskulturen einem stetigen Wandel unterliegen. Zwar basieren sie auf historischen Ereignissen, doch auch Historiker deuten ihre Quellen unterschiedlich und entscheiden sich, welche Aspekte sie in ihre Geschichtsbilder integrieren.

Was für die kollektive Erinnerung richtig ist, gilt entsprechend auch für die Orte des Erinnerns. Gedenkstätten erzählen von der Vergangenheit. Sie sind jedoch gleichzeitig auch ein Spiegel der Zeit und des Ortes, in denen sie entstanden sind.

Yad Vashem als Spiegelbild der Erinnerungskultur in Israel



Nur wenige Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg 1947 bis 1949 war die historische Beschäftigung mit dem Holocaust keine der dringendsten Prioritäten im jüdischen Staat. Die Bevölkerung des Staates verdoppelte sich, insbesondere durch Zuwanderung orientalischer Juden aus dem Iran, dem Irak, Marokko und Jemen. Vordringlich war, diese Einwanderer in den Staat zu integrieren und gleichzeitig für dessen Sicherheit zu sorgen. Die zahlreichen Herausforderungen, die mit dem Aufbau des jüdischen Staates einhergingen, ließen der jüdischen Bevölkerung nur wenig Raum für die Aufarbeitung der Geschichte der Shoa.

Aufgrund einer Gesetzesvorlage des Erziehungsministers und Historikers Ben-Zion Dinur kam es 1953 dennoch zur Gründung der "Staatlichen Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum – Yad Vashem". Das hierbei verabschiedete Yad Vashem Gesetz[3] legte die Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche der Gedenkstätte fest.

Der Name "Yad Vashem" (wörtlich übersetzt "Denkmal und Name") geht auf die Bibelstelle Jesaja 56,5 zurück: "Und denen will ich (…) ein Denkmal (Yad) und einen Namen (Shem) geben; einen ewigen Namen, der nicht vergehen soll." Diese Namensgebung macht deutlich, dass Yad Vashem sich in vielen Aspekten von Gedenkstätten in Deutschland unterscheidet. Das Hauptaugenmerk liegt hier weniger auf der Erforschung des Holocaust, sondern vielmehr in dem Versuch, ein würdiges Andenken an die während des Holocaust ermordeten Juden Europas zu ermöglichen. Das Ziel der Nationalsozialisten bestand nicht nur in der physischen Vernichtung der Juden weltweit, sondern darüber hinaus in dem Versuch, die Juden "aus der Geschichte und aus dem Gedächtnis"[4] auszulöschen. Nicht einmal Grabsteine auf einem Friedhof erinnern an die einzelnen jüdischen Opfer des Holocaust. Die Erinnerung und damit die Verhinderung des anvisierten "Gedächtnismords" galt den Gründern Yad Vashems daher als wichtigste Aufgabe.

Der Historiker Yechiam Weiz weist darauf hin, dass insbesondere in den 1950er Jahren in Israel die Verteidigung und Bestätigung von zionistischen Ideen als eine der Hauptlehren aus dem Holocaust gesehen wurden.[5] Daher konzentrierte sich die israelische Geschichtsschreibung auf die Beschreibung des jüdischen Widerstands, dessen bekanntester Ausdruck der Aufstand im Warschauer Getto wurde. Die Widerständler sollten als Vorbilder der jungen Israelis und auch der israelischen Armee dienen. Das kollektive Selbstbild vom neuen, starken Juden grenzte sich dabei von der angeblichen Passivität der Juden in Europa – wie es sich im Bild der "Schafe, die zur Schlachtbank geführt wurden" ausdrückte – ab. Der jüdische Staat sollte in erster Linie wehrhaft sein. In dieser Kampfbereitschaft sah der Zionismus den einzigen Garanten für das langfristige Überleben des jüdischen Staates. Auch Yad Vashem ist von diesen Gedanken beeinflusst. Die museale Ausstellung von 1973 räumte dem jüdischen militanten Widerstand gegen die Nazis sehr viel Platz ein, wohingegen Versuche, zu überleben, weit weniger ausführlich dargestellt wurden. Bereits im Yad Vashem Gesetz wurde die Gedenkstätte sogar dazu ermächtigt, "jenen, die im Holocaust und in den Aufständen fielen, gleichsam die israelische Staatsbürgerschaft im Gedenken zu verleihen als Zeichen dafür, dass sie zu ihrem Volk genommen wurden." Die Geschichte des Holocaust wie auch des jüdischen Widerstands wurde also in ein zionistisches Narrativ eingebettet, welches die ermordeten Juden nachträglich zu Akteuren im israelischen Kampf für die staatliche Unabhängigkeit verwandelte.

Reste dieses Geschichtsverständnisses sind noch heute auf dem Gelände von Yad Vashem zu erkennen. Auf dem zentralen Platz des Aufstandes im Warschauer Getto befinden sich zwei Reliefs des polnisch-jüdischen Künstlers Nathan Rapaport. Rapaport hatte diese ursprünglich anlässlich des fünften Jahrestages des jüdischen Aufstands 1948 in Warschau errichtet. Eine Kopie des durchaus umstrittenen[6] Reliefs wurde 1976 in Yad Vashem aufgestellt. Während auf der einen Seite schwache, gebeugte und meist religiöse Juden der Diaspora vollkommen kampflos in den Tod gehen, zeigt das zweite Relief die überdimensionierten, sehr muskulösen Widerstandskämpfer des Warschauer Gettos, die mit Waffen in der Hand heroisch ihr Leben verteidigen. In der Mitte des Reliefs sieht man Mordechai Anielewicz, einen der Anführer des Gettoaufstandes, der mit der Fackel in der Hand seine Anhänger in den Kampf führt. Auch eine Frau mit einer Maschinenpistole ist zu sehen. Die deutschen Soldaten – erkennbar an der typischen Helmform der Wehrmacht – erscheinen auf dem Relief gesichtslos und damit als Unmenschen.

Bei jüngeren Denkmälern auf dem Campus Yad Vashems spielt dieses Pathos weit weniger eine Rolle. Dies zeigt sich eindrücklich an dem von Zadok Ben David geschaffenen Partisanendenkmal aus dem Jahr 2003. Die aus Cortenstahl gefertigte Skulptur in der Form eines Baumes mit dem Titel "Denn der Mensch ist wie ein Baum auf dem Feld" (5. Mose 20,19) besteht aus vielen kleinen Menschen-Figuren, die an verschiedenen Körperteilen und Gliedmaßen miteinander verbunden sind und sich so gegenseitig stützen und festhalten. Im Mittelpunkt der Skulptur stehen nicht etwa die Sabotageaktionen der Partisanen gegen den Feind. Stattdessen beschreibt der Baum die Situation innerhalb der Familienlager. Das Überleben und Kämpfen im Wald war sehr schwierig, dennoch boten die Familienlager auch Kindern und alten Menschen eine Zufluchtsmöglichkeit. Auch kranke und verwundete Mitglieder wurden versorgt. Das Denkmal knüpft damit an eine aktuelle innerisraelische Debatte an: Während die israelische Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet und die Aufsplitterung in Religiöse und Säkulare, Linke und Rechte, Arme und Reiche fast unüberwindbar erscheint, sehnen sich die Menschen nach einer größeren Solidarität zwischen den Menschen, wie es sie angeblich zur Zeit des Holocaust gegeben haben soll.

Das Museum heute



Im März 2005 wurde in Yad Vashem die neue historische Ausstellung eingeweiht. Bereits das Betreten des vom kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safdie kreierten Museumsbaus macht deutlich, dass hier mit modernsten und kreativen museumsdidaktischen Methoden ein neuer Zugang zur Geschichte des Holocaust gesucht wurde. Im Gegensatz zu früheren Ausstellungen arbeiteten an dieser Ausstellung hauptsächlich Historiker und Museumsdesigner der Nachkriegsgeneration, welche ihre Prioritäten anders als ihre Vorgänger in den 1970er Jahren setzten. Der Bau selbst besteht aus einem 200 Meter langen, prismaförmigen Betonriegel, der sich durch den Jerusalemer Berg der Erinnerung hindurch bohrt. In unterirdischen Galerien wird der Besucher chronologisch durch die Geschichte des Holocaust geführt. Barrieren in der Mitte der Achse symbolisieren Wendepunkte in der Geschichte. Es würde zu weit gehen, hier auf alle Inhalte und Formen der Ausstellungsgestaltung einzugehen. Doch sollen einige der wichtigsten konzeptionellen Veränderungen gegenüber den früheren Ausstellungen erwähnt werden.

Auffällig an der neuen Ausstellung ist, dass in den meisten Galerien auf das Zeigen jener "Horrorbilder"[7] verzichtet wird, welche in früheren Ausstellungen an vielen Stellen präsent waren. Yad Vashem sieht zwar nicht vollkommen von der Darstellung von Leichenbergen oder Bildern von Erschießungen ab. Doch liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie die Menschen während dieser qualvollen Zeit versuchten, weiterzuleben und zu überleben.

In den einzelnen Galerien werden den Besuchern zahlreiche Fotos, künstlerische Dokumentationen, Briefe und persönliche Gegenstände präsentiert, welche die Zuspitzung der Situation für die Juden verdeutlichen. Tagebücher, wie die in der Galerie zum Getto Łódź ausgestellten "Notizen am Rand",[8] berichten von den moralischen Dilemmata, die Juden in Zeiten von Hunger und Kälte quälten. Zeitzeugen erzählen auf Bildschirmen die Geschichte aus ihrer persönlichen Perspektive. Kurze erklärende Texte helfen den Besuchern, die Berichte und Gegenstände in einen historischen Kontext einzuordnen.

Bemerkenswert an der neuen Ausstellung in Yad Vashem ist weiterhin, dass nunmehr auch die in der NS-Forschung lange Zeit vernachlässigte Täterforschung berücksichtigt wurde. Exemplarisch werden den Besuchern einzelne Täterbiografien vorgestellt, so zum Beispiel die von Karl Kretschmer, Obersturmführer des Sonderkommando 4a in der Einsatzgruppe C. In der Ausstellung findet sich der Auszug eines sehnsüchtigen Briefes Kretschmers vom Sommer 1942 an seine Familie zu Hause. In dem Brief beschreibt er den Anblick der toten Juden als "nicht aufmunternd", doch gäbe ihm der "Glaube an den Führer" die Kraft, auch diese "schwere und undankbare Aufgabe" zu erfüllen. An dieser Stelle wird deutlich, dass jenes Bild des unpersönlichen und gesichtslosen Täters, wie wir es etwa im Relief von Nathan Rapoport vorfanden, durch die Präsentation dieses Briefes gebrochen wird. Auch wenn der Brief Kretschmer nicht von seiner Verantwortung bei der Beteiligung des Massenmordes an den europäischen Juden entbindet – die Täter werden nunmehr als Individuen, als Menschen mit Gefühlen verstanden; ein Umstand, der in früheren Ausstellungen Yad Vashems nicht denkbar gewesen wäre. Die Frage des Umgangs mit solchen Täterbiografien spielt auch in der pädagogischen Diskussion innerhalb Yad Vashems eine wichtige Rolle.


Fußnoten

1.
Vgl. Video der Zeremonie online: »www1.yadvashem.org/yv/en/remembrance/2012/broadcast.asp« (5.7.2012).
2.
Eine englische Übersetzung des Liedes findet sich auf »http://ingeb.org/songs/akaltena.html« (5.7.2012).
3.
Vgl. Das Gesetz zur Erinnerung an Holocaust und Heldentum – Yad Vashem, 5713/1953, in: Bella Gutterman/Avner Shalev (Hrsg.), Zeugnisse des Holocaust, Jerusalem 2008, S. 16.
4.
James E. Young, Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation, Frankfurt/M. 1992, S. 293.
5.
Vgl. Yechiam Weiz, Shaping the Memory of the Holocaust in Israeli Society of the 1950s, in: Yisrael Gutman (Hrsg.), Major changes within the Jewish people in the wake of the Holocaust. Proceedings of the Ninth Yad Vashem International Historical Conference 1993, Jerusalem 1995, S. 497–518.
6.
Marek Edelman, Kommandeur des Aufstands im Warschauer Getto und Überlebender, kommentierte das Denkmal folgendermaßen: "They didn’t have rifles, cartridge pouches or maps; besides, they were dark and dirty. But in the monument they look the way they were ideally supposed to. On the monument, everything is bright and beautiful." Zit. nach: Idith Zertal, Israel’s Holocaust and the Politics of Nationhood, New York 2005, S. 36.
7.
Tom Segev beschreibt die alte Ausstellung folgendermaßen: "Die meisten Ausstellungsstücke sind Fotografien. Sie zeigen Massendeportationen, Exekutionen, Foltern, 'medizinische Experimente' und andere Scheußlichkeiten." Tom Segev, Die siebte Million, Hamburg 1995, S. 556.
8.
Das in Yad Vashem ausgestellte Tagebuch liegt in deutscher Übersetzung vor: Hanno Loewy/Andrzej Bodek (Hrsg.), "Les Vrais Riches" – Notizen am Rand: Ein Tagebuch aus dem Ghetto Łódź (Mai bis August 1944), Leipzig 1997.