Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Uriel Kashi

Yad Vashem – Gedenken im Wandel

Pädagogische Arbeit

1993 wurde in Yad Vashem die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS) eröffnet. Seit ihrer Gründung entwickelte sie eine breite Fülle an Lehrmaterialien und Unterrichtseinheiten, die weltweit an Schulen und außerschulischen Einrichtungen Anwendung finden. Charakteristisch für die in Yad Vashem entwickelten Lehrmittel ist wieder, dass die jüdische Perspektive auf das Geschehen eine zentrale Bedeutung einnimmt. Die Unterrichtsmaterialien sind dabei dem jeweiligen Alter der Schüler angepasst. Während sich junge Kinder der dritten oder vierten Klasse der persönlichen Geschichte einer einzelnen Person – meist einem Kind – widmen sollen und auf die Darstellung zu vieler traumatisierender Details verzichtet wird, rücken bei den Materialien für spätere Altersstufen eine Familie oder eine ganze jüdische Gemeinde in das Zentrum der Auseinandersetzung. Die Möglichkeit einer empathischen Annäherung im jungen Alter soll die Schüler dazu befähigen, sich ab der neunten Klasse dem Thema analytisch zu nähern und historische Prozesse besser einordnen zu können.

Um die entwickelten Lehrbücher und Materialien auch international bekannt zu machen, organisiert die ISHS mehrtägige Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ausland. Während der Seminare diskutieren die Teilnehmenden mit israelischen Pädagogen, inwiefern sich die Vermittlungsansätze Yad Vashems auch im jeweiligen Heimatland umsetzen lassen.

Ein eigenes Desk für die deutschsprachigen Länder ist dabei für die Fortbildungsseminare für Lehrkräfte und Multiplikatoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein zuständig. Auf der Website der ISHS finden sich Hinweise zu deutschsprachigen pädagogischen Materialien und Stundenbildern zum Herunterladen. Eine interaktive Website ermöglicht es Schülern, sich "spielerisch" über das Leben der Kinder im Getto zu informieren, und ein deutschsprachiger Youtube-Kanal bietet eine reiche Auswahl an Vorträgen zu Forschung, Erinnerung, Erziehung und Gedenken an den Holocaust. Auch können über den Kanal zahlreiche Zeitzeugeninterviews abgerufen werden.

Auf jährlichen Konferenzen wie dem International Commission on the Holocaust Era Insurance Claims (ICHEIC)-Forum for Holocaust Education diskutiert die ISHS mit ihren internationalen Kooperationspartnern neue Fragestellungen und Herausforderungen der Holocaust-Pädagogik. In diesem Jahr eröffnete die Leiterin des Desks für die deutschsprachigen Länder Noa Mkayton das Forum mit einem Workshop zu der Frage, wie eine sinnvolle pädagogische Beschäftigung mit den Tätern in der zunehmend multikulturell geprägten Lernumgebung Europas aussehen könnte. Während einerseits die Beschäftigung mit den Tätern nicht zu Entwicklung von Empathie führen sollte, müssten die Schüler dennoch befähigt werden, zwischen unterschiedlichen Stufen von Verantwortung zu unterscheiden. Wie differenziert man pädagogisch zwischen Tätern und Mitläufern? Welche Art von Quellmaterialien eignet sich am besten für die Beschäftigung mit den Tätern? Sollten Gender-Fragen in den Unterricht integriert werden? Um Juden nicht auf ihre Opferrolle während des Holocaust zu reduzieren, plädiert die ISHS stets dafür, bei der Beschäftigung auch über deren Leben vor und gegebenenfalls nach dem Holocaust zu sprechen. Sollte dieser Ansatz auch bei der Beschäftigung mit den Tätern gelten? Die nachdenkliche Debatte verdeutlichte, dass die Frage einer zeitgemäßen Holocaust-Pädagogik noch lange nicht abschließend beantwortet ist.

Gerechte unter den Völkern

Betritt man heute das rund 182.000 Quadratmeter große Gelände Yad Vashems, fallen einem die vielen Johannisbrotbäume auf, die auf dem gesamten Areal gepflanzt wurden. Diese immergrünen Bäume sind Teil der "Allee der Gerechten unter den Völkern" und wurden als Anerkennung jener Nichtjuden gepflanzt, die während des Holocaust ihr Leben gefährdeten, um uneigennützig Juden zu retten. Der Name des Geehrten und sein Herkunftsland sind in kleine Metallschilder eingraviert, die vor den einzelnen Bäumen stehen.

Eingeweiht wurde die Allee 1962, ein Jahr später richtete Yad Vashem eine unabhängige Kommission ein, die Regeln und Kriterien zur Anerkennung von "Gerechten" entwickeln sollte. Heute prüft eine eigene "Abteilung zur Anerkennung der Gerechten" in einem sehr strikten Verfahren die Anträge, die hauptsächlich gerettete Juden oder deren Nachfahren in Yad Vashem einreichen. Nur wenn das Komitee, bestehend aus Überlebenden der Shoa, Vertretern der Öffentlichkeit und Mitarbeitern von Yad Vashem, die Verdienste des Retters anerkennt, wird ihm der Titel als "Gerechter unter den Völkern" zugesprochen. Vorsitzender dieser Kommission ist bis heute ein Richter des Obersten Gerichtshofes des Staates Israel.

Die Leiterin der Abteilung der "Gerechten unter den Völkern", Irena Steinfeldt, betont, dass die Ehrung von Rettern keine Selbstverständlichkeit sei.[9] Während Opfer von Genoziden immer Wege suchten, ihrer eigenen Märtyrer zu gedenken, sei es sehr ungewöhnlich, Angehörigen jener Nationen zu gedenken, die verantwortlich für die eigene Tragödie waren. Die Überlebenden seien bei der Entwicklung dieses Programms sicher von einem "Gefühl von moralischer Verpflichtung sowie tiefer Dankbarkeit den Rettern gegenüber" geleitet worden. Gleichzeitig stand das Programm für die Hoffnung der Überlebenden, dass es in einer Welt, in der Auschwitz möglich wurde, es auch andere Menschen gab, die moralische Werte zu verteidigen suchten. Als "Gerechter unter den Völkern" anerkannt zu werden, gilt heute als eine der höchsten Auszeichnungen, die der Staat Israel im Namen des jüdischen Volkes an Nichtjuden vergibt. Bestandteil dieser Auszeichnung ist eine Medaille, auf deren Vorderseite das Zelt der Erinnerung und ein Johannisbrotbaum abgebildet sind. Auf der Rückseite sieht man eine Weltkugel, um die sich ein gedrehter Strang aus Stacheldraht windet. Um die Weltkugel herum findet sich ein Zitat aus dem Mischna-Traktat Sanhedrin: "Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet." Da es auf dem Gelände Yad Vashems aus Platzmangel heute keine Möglichkeit weiterer Baumpflanzungen gibt, werden die Namen der Gerechten auf der "Wall of Honor" im Garten der Gerechten in Yad Vashem verewigt. Bis Ende 2011 wurden insgesamt 24.355 Menschen für ihren Heldenmut anerkannt und geehrt.

Archiv

Schon während des Krieges versuchten Juden, die Schrecken des Holocaust zu dokumentieren und damit die Erinnerung an die Menschen wie auch eine historische Aufarbeitung der Zeit zu ermöglichen. Dazu gehörte die Gruppe "Oneg Schabath"[10] um Emanuel Ringelblum, welche in wasserdichten Metallkisten und Milchkannen zahlreiche Tagebücher, Notizen, Briefe, Berichte und Untergrundzeitungen aus dem Getto Warschau versteckte und damit für die Nachwelt rettete.

Das 1955 eröffnete Archiv Yad Vashem lehnt sich an Ringelblum an und hat es sich zur Aufgabe gemacht, "alle Zeugnisse zum Holocaust und zu Heldentum zu sammeln, zu erforschen und zu veröffentlichen".[11] Neben der Sammlung von Originaldokumenten konzentriert sich Yad Vashem auf das Kopieren, Abfotografieren und Scannen relevanter Dokumente aus ausländischen Archiven. Aber auch innerhalb Israels werden große Anstrengungen unternommen, vor dem unabwendbaren Sterben der Zeitzeugen noch in den Besitz möglichst vieler Dokumente und Berichte zu gelangen. 2011 startete Yad Vashem das Projekt "Gathering the Fragments". Begleitet durch eine große Öffentlichkeitskampagne im Radio und im Fernsehen fahren Mitarbeiter von Yad Vashem durch das ganze Land und bitten Überlebende oder deren Angehörige um die Übergabe von Erinnerungsstücken aus der Zeit des Holocaust. Da viele Menschen die sehr persönlichen Andenken nur ungern abgeben, sind die Mitarbeiter Yad Vashems während ihrer Besuche mit entsprechender Technik ausgerüstet, die eine Digitalisierung der Objekte vor Ort ermöglicht. Innerhalb eines Jahres kam Yad Vashem auf diese Art in Kontakt mit etwa 3.100 Spendern und erweiterte seine Sammlung um über 51.000 Objekte, darunter zahlreiche Tagebücher, Kunstwerke, Fotografien und Tausende von Briefen. Yad Vashem beherbergt heute weltweit die größte Sammlung an Dokumenten über den Holocaust.

Fußnoten

9.
Vgl. Irena Steinfeld, Die "Gerechten unter den Völkern" – Erläuterungen über den präzedenzlosen Versuch der Überlebenden deren Retter und Helfer zu ehren, in: E-Newsletter für die deutschsprachigen Länder, Juni 2012, online: www1.yadvashem.org/yv/en/education/languages/german/newsletter/06/index.asp (5.7.2012).
10.
Oneg Schabath bedeutet übersetzt "Freude des Schabath". Der Tarnname rührt aus der Tatsache, dass sich die Gruppe am Samstagnachmittag traf.
11.
B. Guttermann/A. Shalev (Anm. 3), S. 16.