Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Hanna Huhtasaari

Zur Zukunft des historischen Lernens

Kompetenzvermittlung

Immer wieder gibt es Stimmen, die das mangelnde Geschichtswissen der Jugendlichen beklagen und einen Wissenskanon fordern. Hierbei wird jedoch oft übersehen, dass jeder Kanon bereits eine Deutung der Geschichte darstellt. In der Regel folgt ein Geschichtskanon einer nationalgeschichtlichen Perspektive und lässt hierbei bestimmte Sichtweisen, beispielsweise von Migranten in einer Gesellschaft, außen vor beziehungsweise vernachlässigt sie. Somit zieht man eine Grenze zwischen der "Wir-Gemeinschaft" und "den Anderen".[18]

Wichtiger als das Auswendiglernen von Geschichtsfakten und dem Erlernen einer vorgegebenen Deutung ist es jedoch, Kompetenzen im Umgang mit Vergangenheit, mit Geschichte und Geschichten, mit Narrativen und Deutungen zu erarbeiten.[19] Denn Geschichte richtet sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern geschieht aus der Gegenwart heraus und folgt einem Interesse an der Zukunft. Historisches Denken ist stets gegenwarts- und zukunftsbezogen. Geschichte ist also immer eine Re-konstruktion von Vergangenheit. Dabei werden Zeit- und Sinnzusammenhänge hergestellt, um Sinnbezüge zu schaffen. Konstruktionen von Geschichte zu erkennen und zu hinterfragen, zu dekonstruieren, sind Kompetenzen, die politische Bildung vermitteln sollte.[20]

In unserer Informationsgesellschaft haben wir nicht mehr das Problem, Zugang zu Daten und Fakten zu erhalten und Informationen zu beschaffen. Mithilfe von Suchmaschinen erhält man zu fast allen Themen in Sekundenschnelle meist mehrere tausend Treffer. Nur wie geht man mit dieser Flut an Informationen um? Nach welchen Kriterien soll man Daten bewerten und einordnen? Die neue Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist der richtige und kritische Umgang mit den zur Verfügung stehenden Informationen. Hier muss die politische Bildung Angebote machen. Sie muss Schülern und Studierenden Antworten geben können auf die Fragen, wie Geschichtsrecherche im Zeitalter von Wikipedia aussieht und welche Geschichtskompetenzen wir zukünftig brauchen. Denn nur wer Information einschätzen, quellenkritisch hinterfragen und vermitteln kann, wird sich in einer digitalen Gesellschaft konstruktiv beteiligen und einbringen können. Wichtig ist es, neue Medien und die damit verbundenen Möglichkeiten nicht kategorisch abzulehnen, sondern sich mit ihnen aktiv auseinanderzusetzen.

Beispielsweise durch den Einsatz von Video-Interviews von Zeitzeugen oder durch Spielfilme und Computerspiele zum Thema Zweiter Weltkrieg lassen sich Geschichtskompetenzen stärken. Auch Projekte zum Umgang mit Quellen, ihrer Darstellung und digitalen Aufbereitung können Geschichts- und Medienkompetenzen fördern. Eine Aufgabe wird es sein, Angebote zur historisch-politischen Bildung zu schaffen, die vor allem Jugendliche ansprechen. Denn sonst werden es Andere mit gegebenenfalls anderen Absichten tun. Welche Ansätze dabei gewählt und welche Richtung eingeschlagen wird, ist allerdings offen und kaum beeinflussbar.

Die historisch-politische Bildung hat die Aufgabe, Wege aufzuzeigen, wie die Vergangenheit auf aktuelle politische Fragen bezogen werden kann. Dabei darf sie nicht versuchen, Deutungen der Geschichte zu zementieren, dies führt dazu, Lernende zu bevormunden. Ziel einer demokratischen historischen Bildung sollte daher sein, die Gesellschaft zu einer selbstständigen Reflexion von Geschichtsdeutungen und einer aktiven Beteiligung von Kontroversen zu befähigen.

Schluss

Es ist deutlich geworden, dass die Geschichtsvermittlung zur NS-Geschichte eine neue Vermittlungspraxis benötigt. Historisches Lernen sollte den Umgang mit Geschichte zum Gegenstand machen. Dabei sollte es weniger um individuelle Schuld, um moralische Appelle oder erhobene Zeigefinger gehen. Stattdessen brauchen wir neue Zugänge zur Geschichte, die aktuelle Fragen der heutigen jungen Generation und neue Perspektiven zulassen. Ansonsten laufen wir Gefahr, Gefühle des Überdrusses und der Übersättigung zu erzeugen, die in Ablehnung und Ignoranz münden.[21] Aufgabe ist es, die Verantwortung nicht für die Geschichte, sondern den Umgang mit ihr in unserer Migrationsgesellschaft zu verdeutlichen.

Hier besteht ein biografischer Anknüpfungspunkt für jeden, unabhängig von der Herkunft und von persönlichen Bezügen zur Geschichte. Jeder, der in Deutschland lebt, hat eine Geschichte mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit den Diskursen und Debatten der vergangenen Jahrzehnte. Insofern ergibt sich eine Verantwortung nicht für das Geschehene: Die Generation von heute und künftige Generationen haben Verantwortung für die Formen der Erinnerung zu übernehmen.[22]

Jede Generation sucht sich ihren Zugang zur Geschichte. Erinnerung kann man der nächsten Generation nicht "verordnen". Aus der Vergangenheit lassen sich nicht zwingend dieselben Orientierungen für nachfolgende Generationen ableiten.[23] Stattdessen gehören zu einer demokratischen Erinnerungskultur plurale Geschichtsbilder, die in einer Gesellschaft sicht- und hörbar sein sollten. Dies wird immer wichtiger, da Erinnerungen, Geschichtsnarrative und historisches Bewusstsein immer mit Identität verbunden sind. In einer pluralistischen Gesellschaft ist die Deutungsmacht stets umkämpft, die Erinnerungskultur dynamisch. Es geht also darum, sich in der Gesellschaft mit ihren historischen Voraussetzungen orientieren und verhalten zu können und widersprüchliche Deutungen in einer sich permanent wandelnden Geschichtskultur zu erkennen, ja anzuerkennen.

Fußnoten

18.
Vgl. Heidemarie Uhl, Warum Gesellschaften sich erinnern, in: Forum politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung, Bd. 32, Innsbruck–Wien–Bozen 2010, S. 11.
19.
Seit den TIMMS- und PISA-Studien wird in der Bildungspolitik vermehrt über Kompetenzmodelle diskutiert. Die Kompetenzorientierung im Unterricht hat gegenüber verbindlichen Inhalten eines Curriculums an Bedeutung gewonnen, die Diskussion dauert noch an. Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Expertise, Bonn–Berlin 2007, online: www.bmbf.de/pub/zur_entwicklung_nationaler_bildungsstandards.pdf (10.7.2012).
20.
Vgl. D. Lange (Anm. 7).
21.
Vgl. Astrid Messerschmidt, Geschichtsbeziehungen – Erinnerungsprozesse in der Einwanderungsgesellschaft, in: Zeitgemäße Bildungskonzepte zu Nationalsozialismus und Holocaust. Dokumentation zum Fachtag vom 9.10.2008 in Stuttgart, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 32–33.
22.
Vgl. dies., Künftiges Lernen. Konzepte der Vermittlung von Geschichte des Nationalsozialismus, Podiumsgespräch, in: Landeshauptstadt München/Kulturreferat (Hrsg.), Der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Perspektiven des Erinnerns, München 2007, S. 39.
23.
Vgl. Christoph Kühberger, Erinnerungskulturen als Teil des historisch-politischen Lernens, in: Forum politische Bildung (Anm. 19), S. 42.

Wie sieht das “Lernen in der digitalen Gesellschaft” aus? Welche Chancen bietet das Internet im Bildungsbereich? Und wo müssen gewohnte Strukturen für ein digitales und vernetztes Lernen aufgebrochen werden, um diese Chancen effektiv zu nutzen?

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