Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.
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Ungleiche Schwestern? Demokratie und Diktatur im Urteil von Jugendlichen


2.8.2012
Die Studie "Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen"[1] des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin hat in den Medien zu einigen Irritationen geführt. Wissen deutsche Jugendliche wirklich nicht, dass Hitler ein Diktator war? Glauben sie tatsächlich, dass es in der DDR freie Wahlen gab, man aber in der Zeit vor der Wiedervereinigung nicht ohne Weiteres aus der Bundesrepublik auswandern konnte? Wie kann es trotz jahrelangem Geschichts-, Politik- und Sozialkundeunterricht zu solch gravierenden Fehleinschätzungen kommen?

Das dreijährige Forschungsprojekt brachte tatsächlich einige befremdliche bis erschreckende Ergebnisse. Gegenstand der Studie waren Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen über den Nationalsozialismus, die DDR sowie die Bundesrepublik Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung. Neben einem vergleichenden Überblick über das Wissen der 15- und 16-Jährigen zu diesen Systemen interessierten uns insbesondere ihre Systembewertungen sowie die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den zeitgeschichtlichen Kenntnissen und den Urteilen gibt.

Die Studie bestand aus drei unterschiedlichen Teilprojekten. Den größten Umfang nahm dabei eine repräsentative Querschnittbefragung ein. Hierfür befragten wir in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen insgesamt 4627 Schülerinnen und Schüler der im jeweiligen Bundesland relevanten allgemeinbildenden Schularten. Die Jugendlichen sollten dabei Wissens- und Einstellungsfragen beantworten sowie verschiedene Aussagen über die unterschiedlichen Systeme bewerten.

In einem weiteren Teilprojekt befragten wir 30 (andere) Klassen aus denselben Bundesländern über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren hinweg mehrfach. Diese ungleich aufwendigere Befragung konnte – anders als der Querschnitt – nicht repräsentativ angelegt werden. Im Ergebnis zeigen sich aber große Ähnlichkeiten zwischen Längsschnitt- und Querschnittuntersuchung, sodass davon auszugehen ist, dass auch die Ergebnisse des Längsschnitts durchaus typisch sind. In der Längsschnittbefragung stellten wir den Schülerinnen und Schülern zu Beginn und am Ende der Untersuchung dieselben Fragen, um die Veränderung von Kenntnissen und Urteilen nachvollziehen zu können.[2] Die Urteilsfragen waren dabei so formuliert, dass die Jugendlichen dieselben Äußerungen unmittelbar nacheinander für jedes der vier Systeme bewerteten, sodass sich jeweils ein Set subjektiv konsistenter Bewertungen ergab. Darüber hinaus legten wir im Längsschnitt den Jugendlichen Kurztexte mit den abstrakten Beschreibungen fünf hypothetischer Staaten zur Bewertung vor. Diese Form der Untersuchung – der faktorielle Survey – hatte zum Ziel, die Urteile der Jugendlichen über unterschiedliche Staats- und Gesellschaftsformen unabhängig von konkreten historischen Systemen, sozialer Erwünschtheit, familiären Bezügen oder dem "Image" eines Systems zu erheben.

Das dritte Teilprojekt schließlich befasste sich mit den Auswirkungen von Gedenkstättenbesuchen auf zeithistorische Kenntnisse und Urteile. Hierzu kooperierten wir mit vier Berliner Gedenkstätten (dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Topographie des Terrors, der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sowie dem Berliner Stasi-Museum) und befragten Schulklassen am Ort der Gedenkstätte unmittelbar vor dem Besuch derselben. Diese Untersuchung umfasste 60 Klassen mit insgesamt 1992 Schülerinnen und Schülern. Zusätzlich konnten wir 20 dieser Klassen etwa ein halbes Jahr nach deren Gedenkstättenbesuch erneut befragen.

Zeitgeschichtliches Wissen der Jugendlichen



Als ein erstes Ergebnis lässt sich festhalten, dass das zeitgeschichtliche Wissen von Jugendlichen insgesamt eher gering ausgeprägt und zudem in mehrfacher Hinsicht unterschiedlich verteilt ist. So differieren die Schüler der beteiligten Bundesländer nicht nur hinsichtlich des Kenntnisstandes, sondern auch hinsichtlich der Zunahme des Wissens über die Zeit. Am besten schneiden Sachsen-Anhalt und Thüringen ab, das Schlusslicht in allen Untersuchungsteilen bildet Nordrhein-Westfalen. Je nach Gegenstand ist das Wissen der Schüler unterschiedlich groß. Von den vier abgefragten Systemen konnten sie nur für den Nationalsozialismus mehr als die Hälfte der Wissensfragen richtig beantworten. Über die anderen Systeme wissen sie deutlich weniger (siehe Tabelle der PDF-Version). Bei Multiple-Choice-Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten gaben beispielsweise nur jeweils 30 bis 40 Prozent von ihnen korrekt an, wer den Bau der Berliner Mauer veranlasst hat, was am 17. Juni 1953 geschah oder wie die Partei Die Linke beziehungsweise PDS vor 1990 hieß. Erwartbar waren dagegen schulartspezifische Differenzen in den Kenntnissen. Gymnasien schneiden deutlich besser ab als alle anderen Schularten. Unerwartet war hingegen das schlechte Abschneiden der Gesamtschüler. Sie wissen bisweilen kaum mehr als Hauptschüler und werden in puncto Wissen von den Realschülern übertroffen. Eine weitere deutliche Differenz besteht zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Kinder mit Migrationshintergrund verfügen über deutlich weniger Wissen über die deutsche Zeitgeschichte als Kinder ohne Migrationshintergrund. Dieser Unterschied zeigt sich bereits vor der Behandlung der entsprechenden Themen in der Schule. Auch wenn, so die Befunde der Längsschnittuntersuchung, diese Kinder durchaus vom Geschichtsunterricht profitieren, können sie die bestehende Lücke zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ohne Migrationshintergrund nicht schließen. Die Differenz resultiert aus vor- und außerunterrichtlichen Einflüssen. Ein deutlicher Unterschied dürfte dabei im Inhalt von Familiengesprächen über Geschichte bestehen. Zwar unterscheiden sich solche Gespräche zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund kaum hinsichtlich der Quantität, doch regt die klassische Aufforderung von Kindern an ihre Eltern und Großeltern "Erzähl doch mal von früher …" in diesen beiden Gruppen offensichtlich Erzählungen und Gespräche über unterschiedliche Thematiken an. Daraus folgt, dass der zeitgeschichtliche Unterricht gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund von großer Bedeutung ist.

Zusammenhang zwischen Kenntnissen und Urteilen



Man mag sich streiten, welche der gestellten Fragen Jugendliche unbedingt richtig beantworten können sollten. Keinen Zweifel kann es jedoch an der Notwendigkeit politisch-historischer Kenntnisse geben, denn erst das Wissen um grundlegende Fakten ermöglicht ein fundiertes Urteil. Ohne ein Mindestmaß an Wissen bleiben Einschätzungen Vorurteile oder Bekenntnisformeln. Insofern besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Kenntnisgrad und der Angemessenheit der Urteile auf Basis der Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Das überwiegend nicht gute, teilweise sogar ausnehmend geringe zeitgeschichtliche Wissen ist mehr als nur eine wenig schmeichelhafte Unannehmlichkeit. Es ist ein zentraler Grund dafür, dass viele Jugendliche den Nationalsozialismus nicht als Diktatur betrachten und die Bundesrepublik nicht als Demokratie. Kenntnisse sind jedoch eine entscheidende Erklärungsvariable für die Bewertung eines Systems als diktatorisch oder demokratisch, aber auch hinsichtlich der Frage, ob die Jugendlichen einen qualitativen Unterschied zwischen den vier von uns erfragten Systemen sehen. Abhängig von der genauen Fragestellung erklärt die Höhe der Kenntnisse über 30 Prozent der Varianz bei der Bewertung der Systeme sowie bei der Einschätzung der Systeme als Diktatur oder Demokratie. Der Einfluss der Kenntnisse auf die Systembeurteilungen ist damit stärker als beispielsweise die Herkunft der Eltern, die besuchte Schulform oder die Parteipräferenz. siehe Abbildung 1 der PDF-Version verdeutlicht diesen Zusammenhang unmittelbar: Je höher die Kenntnisse der Schüler sind, desto positiver sehen sie die beiden Demokratien und desto negativer die beiden Diktaturen.

Systembewertungen der Jugendlichen



Angesichts dieser Ausführungen ist es wenig überraschend, dass Urteile und Einschätzungen der Jugendlichen bezogen auf die vier Systeme bisweilen fast abenteuerlich anmuten. Grundsätzlich charakterisieren zwar Mehrheiten der Befragten Nationalsozialismus und DDR als Diktaturen und die beiden Bundesrepubliken als Demokratien. Dennoch zeigt eine nähere Betrachtung, dass vielen Schülerinnen und Schülern die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur nicht bewusst sind. Teile von ihnen scheinen mit Begriffen wie Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit oder freien Wahlen allenfalls etwas Diffus-Positives zu verbinden. Einigen gelingt aber nicht einmal das. Sie deuteten beispielsweise einen Rechtsstaat als "Staat von Rechten, also Nazis". In Ermangelung konkreten Wissens konstruieren sie bisweilen höchst bizarre Geschichtsbilder.

Zur Bewertung der Systeme präsentierten wir den Jugendlichen Aussagen, zu denen sie sich mittels einer Skala ("stimme voll zu", "stimme eher zu", "lehne eher ab", "lehne voll ab") äußern sollten. Die Statements decken unterschiedliche Dimensionen ab wie beispielsweise die Einschätzung eines Demokratie- beziehungsweise Diktaturcharakters, Sozialpolitik, Meinungsfreiheit oder Wirtschaftspolitik. Darüber hinaus sollten die Schüler Aussagen über eine mögliche Gleichwertigkeit der Systeme bewerten. Aus den Einzelantworten wurde das Gesamtbild eines Systems errechnet und dieses dann in den Kategorien positiv, neutral und negativ erfasst. Diese zusammengefassten Systembewertungen der Jugendlichen zeigen überwiegend eine eindeutige Tendenz.

Ein positives Bild vom Nationalsozialismus haben knapp zehn Prozent der Befragten, ein neutrales Bild dieser Diktatur weist etwa ein Viertel auf; etwa zwei Drittel der Jugendlichen beurteilen ihn negativ. Jugendliche mit Migrationshintergrund sehen den Nationalsozialismus positiver als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Jugendliche mit Eltern aus dem Nahen Osten beispielsweise schätzen ihn zu knapp 18 Prozent positiv ein, solche mit türkischen oder kurdischen Eltern zu knapp 16 Prozent. Etwas positiver als über den Nationalsozialismus fällt das Urteil der Jugendlichen über die DDR aus. Gut zehn Prozent werten die DDR positiv, mehr als ein Viertel sieht die sozialistische Diktatur neutral, 63 Prozent der Befragten haben ein negatives DDR-Bild. Allerdings macht sich hier der Einfluss von in der DDR geborenen Eltern stark bemerkbar. Von ihren Kindern beurteilt nur gut die Hälfte die DDR negativ, etwa 35 Prozent fällen ein neutrales Urteil.

Die alte Bundesrepublik schneidet bei der Systembewertung überraschend schlecht ab: Nur gut ein Drittel der Befragten sieht sie durchgängig positiv. Die meisten Jugendlichen – fast die Hälfte – haben ein neutrales Bild von dem zwischen 1949 und 1990 existierenden System. Ein negatives Bild von der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung haben gut 15 Prozent. Kinder von in der Bundesrepublik geborenen Eltern sehen die alte Bundesrepublik deutlich positiver als jene von in der DDR und im Ausland geborenen Eltern (44,2 Prozent; 34,6 Prozent; 31,9 Prozent).

Das wiedervereinigte Deutschland schneidet im Vergleich der Systembewertungen eindeutig am besten ab. Knapp zwei Drittel der befragten Jugendlichen haben ein positives und nur sehr wenige ein durchgängig negatives Bild von dem Staat, in dem sie leben. Allerdings fällt das positive Urteil bei Jugendlichen mit Eltern aus der Bundesrepublik deutlich höher aus als bei denen mit Eltern aus der DDR oder Jugendlichen mit Migrationshintergrund (71,7 Prozent; 57,1 Prozent; 59,9 Prozent). Dennoch lässt sich insgesamt festhalten, dass das wiedervereinigte Deutschland eindeutig das "Lieblingssystem" der befragten Jugendlichen ist. Es ist allerdings auch das einzige der vier Systeme, das die Jugendlichen aus eigenem Erleben kennen. Insofern gehen wir davon aus, dass ihr Urteil auch ihre allgemeine Lebenszufriedenheit widerspiegelt.

Die Systembewertungen der Jugendlichen brachten zwei für uns überraschende Ergebnisse: Erstens bestehen zwischen den Vorstellungen und Urteilen im Hinblick auf die beiden Bundesrepubliken vor und nach der Wiedervereinigung deutliche Differenzen. Demzufolge gibt es unter den Jugendlichen kein verbreitetes Bewusstsein für die große politisch-institutionelle Kontinuität beider Systeme – für Menschen mit Lebenserfahrungen in beiden Zeiträumen mag dies schwer nachvollziehbar sein. Für Jugendliche sind die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung aber offensichtlich zwei verschiedene (Lebens-)Welten. Die Unterschiede, die sie etwa hinsichtlich der demokratischen Legitimation von Regierungen oder der Gewährleistung von Meinungsfreiheit empfinden, lassen sich allerdings in der Realität schwerlich wiederfinden. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Jugendlichen in den vier Systemen nicht zwei Demokratien und zwei Diktaturen erkennen, sondern ein gutes und drei mehr oder weniger schlechte Systeme.

Der zweite Befund ist nicht minder auffällig: Die in den Bewertungen der Jugendlichen zum Ausdruck kommende Differenz zwischen der DDR und der alten Bundesrepublik ist oftmals überraschend gering. Wer sich an die unterschiedlichen Realitäten in Ost und West zu Zeiten der Teilung erinnert (oder auch nur etwas darüber gelernt hat), kann diese Urteile kaum nachvollziehen.

Grundsätzlich unterscheiden sich die Systembeurteilungen im Längsschnitt von den im Querschnitt befragten Jugendlichen nur in Nuancen. Wie im Querschnitt sieht hier eine große Mehrheit den Nationalsozialismus negativ. Positiv oder neutral beurteilt dieses System nur eine Minderheit. Die DDR wird ebenfalls überwiegend negativ gesehen, wenngleich vor allem in den östlichen Bundesländern das Urteil etwas weniger eindeutig ausfällt als hinsichtlich des Nationalsozialismus. Hier wird die DDR deutlich häufiger neutral gesehen.

Auch in der Längsschnittuntersuchung zeichnen viele Jugendliche ein stark unterschiedliches Bild von der alten Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland. Anders als bei den anderen drei Systemen gibt es hinsichtlich der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung keine dominierende Sichtweise, vielmehr stehen hier unterschiedliche Einschätzungen nebeneinander. Zu Beginn unserer Untersuchung urteilte eine relative Mehrheit neutral, das heißt, die von den Jugendlichen gesehenen besseren und schlechteren Aspekte halten sich die Waage. Zugleich haben nahezu gleich starke größere Gruppen ein positives beziehungsweise negatives Bild dieses Systems. Die Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung schneidet auch im Längsschnitt im Urteil der Jugendlichen am besten ab. Eine sehr deutliche Mehrheit beurteilt das System positiv, dementsprechend schätzen nur kleine Minderheiten (insbesondere Kinder von in der DDR oder im Ausland geborenen Eltern) das wiedervereinigte Deutschland neutral oder negativ ein.

In den Systembeurteilungen verstärken sich in den nachfolgenden Befragungen für alle Systeme mit Ausnahme der alten Bundesrepublik die zuvor bereits vorhandenen Urteilstendenzen deutlich. Der Nationalsozialismus und die DDR werden negativer als zuvor eingeschätzt, wobei erneut die DDR im Urteil der Jugendlichen besser abschneidet als der Nationalsozialismus. Während zuletzt rund 15 Prozent den Nationalsozialismus positiv oder neutral bewerten, liegt der entsprechende Anteil für die DDR bei über 30 Prozent, also mehr als doppelt so hoch. Das wiedervereinigte Deutschland hingegen gewinnt an Zustimmung; 85 Prozent der Befragten beurteilen das System nun positiv, nur noch 15 Prozent sehen es neutral oder negativ.

Einen "Sonderfall" stellt erneut die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung dar. Für dieses System geht mit dem nun deutlich geringeren Anteil neutraler Bewertungen ein leicht höherer Anteil negativer sowie ein deutlich höherer Anteil positiver Einschätzungen einher. Damit beurteilen zuletzt 38 Prozent der Jugendlichen dieses System positiv und jeweils gut 30 Prozent neutral oder negativ. Auch bei leichter objektivierbaren Aspekten, etwa den Fragen nach der Möglichkeit ungehinderter Auswanderung oder dem Einfluss von Wahlen auf die Politik, fällt das Urteil über die beiden Bundesrepubliken deutlich auseinander. Die alte Bundesrepublik scheint für viele Jugendliche eine Art "Black Box" zu sein. Sie wissen nicht viel über dieses System, vermuten aber auch nicht viel Gutes, sodass sich erneut der Eindruck bestätigt, dass sich in der subjektiven Wahrnehmung der Jugendlichen drei, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß, schlechte und ein gutes System gegenüberstehen.

Gleichwertigkeit der Systeme?



Neben detaillierteren Urteilen über jedes der vier Systeme fragten wir nach einer möglichen Gleichwertigkeit der Systeme. Dazu sollten die Schüler angeben, ob sie die unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systeme und die Gewährleistung von Menschenrechten, individueller Selbstbestimmung und Rechtsstaatlichkeit als gleichwertig ansehen. Mit Ausnahme des politischen Systems, bei dem knapp 17 Prozent von einer Gleichwertigkeit ausgehen, ist dies bei rund 30 Prozent der Befragten der Fall. Eine gleiche Gewährleistung von Menschenrechten in den vier Systemen sehen sogar gut 36 Prozent der Jugendlichen. Insgesamt werden die Aussagen zur Gleichwertigkeit durchgängig nur von rund 60 Prozent der Befragten abgelehnt, wobei sich die Herkunft der Eltern stark auf die Einschätzung auswirkt. Kinder von Eltern aus der Bundesrepublik lehnen zu gut 70 Prozent, die von Eltern aus der DDR zu knapp 60 Prozent und die von im Ausland geborenen Eltern zu rund 50 Prozent eine Gleichwertigkeit von Diktaturen und Demokratien ab. Diese Ergebnisse belegen ebenfalls, dass es überraschend vielen Befragten an Fähigkeiten zur Differenzierung zwischen Demokratie und Diktatur mangelt. Aber auch hier gilt: je höher das Wissen, desto angemessener das Urteil. Eine Gleichwertigkeit der Systeme nehmen vor allem Schüler mit geringem zeitgeschichtlichen Wissen an (siehe Abbildung 1 der PDF-Version).

Bild vom Nationalsozialismus



Zwar sieht eine große Mehrheit der Jugendlichen den Nationalsozialismus negativ, jedoch bestehen im Detail recht befremdliche oder sogar erschreckende Einschätzungen dieses Systems, wie siehe Abbildung 2 der PDF-Version zeigt.

Im Längsschnitt sollten die Jugendlichen ebenfalls verschiedene Aspekte der vier Systeme beurteilen, darunter: "Demokratie gibt es in diesem System faktisch nicht." Das glauben für den Nationalsozialismus in der ersten Befragungswelle nur gut zwei Drittel der Befragten, in der Wiederholungsbefragung zum Ende des Untersuchungszeitraums waren es mit 70,5 Prozent kaum mehr. Damit sehen – nach der Behandlung des Nationalsozialismus im Unterricht – fast 30 Prozent demokratische Elemente im NS-Staat. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Umgang mit der doppelten Verneinung einigen Schülern schwer fällt, kann der hohe Anteil ablehnender Antworten allein damit nicht erklärt werden. Zudem bleibt es das Geheimnis der Jugendlichen, was genau dieses System als Demokratie qualifiziert – Wahlen sind es zumindest für einen großen Teil von ihnen nicht.

Mit einem weiteren Statement erfragten wir in der Längsschnittuntersuchung, ob nach Ansicht der Jugendlichen die Menschen durch Wahlen die Politik mitbestimmen können. Zum ersten Befragungszeitpunkt und damit vor beziehungsweise zu Beginn der Behandlung dieses Themas im Unterricht, bejahten für den Nationalsozialismus gut 25 Prozent diese Aussage; in der Replikationsbefragung reduzierte sich dieser Anteil auf knapp 13 Prozent. Damit zeigt sich zum einen, dass bei einer zwar kleinen, aber nicht zu vernachlässigenden Minderheit trotz Geschichtsunterricht und häufig auch anderen Angeboten der politischen Bildung solch historisch unzutreffende Vorstellungen bestehen bleiben. Zum anderen wird deutlich, dass wesentlich weniger Jugendliche im Nationalsozialismus die Möglichkeit politischer Mitbestimmung durch Wahlen sehen, als es Jugendliche gibt, die dieses System als zumindest verhalten demokratisch charakterisieren.

Zwei weitere Statements befassen sich mit der Meinungsfreiheit im Nationalsozialismus: "Unterschiedliche Meinungen und Interessen werden öffentlich diskutiert" sowie "Es gibt Meinungs- und Pressefreiheit". In der ersten Befragungswelle 2010 sprechen sich jeweils rund 20 Prozent für diese Aussagen aus. In der Replikationsbefragung aus dem Jahr 2011 sind es mit 10,6 Prozent beziehungsweise 7,5 Prozent (Meinungs- und Pressefreiheit) deutlich weniger Befragte. Allerdings zeigt eine nähere Analyse, dass viele Jugendliche nicht beiden Aussagen zustimmen, sondern eines der beiden Statements ablehnen, dem anderen aber zustimmen. Damit gab es ihrer Ansicht nach zwar keine Meinungsfreiheit, aber unterschiedliche Meinungen konnten trotzdem öffentlich diskutiert werden oder umgekehrt. Hier zeigt sich ein ähnliches Phänomen wie zuvor im Hinblick auf den Zusammenhang von Wahlen und Demokratie.

Um nicht alle Jugendlichen als politisch "unzurechnungsfähig" zu disqualifizieren, interpretieren wir diese Diskrepanz als Ausdruck dafür, dass es einem nennenswerten Teil von ihnen nicht gelingt, theoretische Konzepte wie beispielsweise Grundfreiheiten – deren Bedeutung und die Konsequenzen ihres Fehlens – auf die Realität zu übertragen oder in dieser wiederzuerkennen. Diese Transferschwierigkeiten werden besonders in einem weiteren Untersuchungsteil, dem faktoriellen Survey, deutlich.

Bewertungen hypothetischer Staaten



Die oben dargestellten Befunde werfen Fragen nach den Gründen für die jeweiligen Urteile der Schüler auf – nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse, sondern vor allem auch für die politische Bildung. Ist die Zustimmung zu einem Statement als Provokation gemeint? Wie stark ist das Antwortverhalten durch Konformität mit dem sozial Erwünschten geprägt? Welche Werthaltungen und Einstellungen beeinflussen die Beurteilung eines Systems jenseits dieser Faktoren?

Um diese Fragen beantworten zu können, führten wir im Rahmen der Längsschnittuntersuchung einen faktoriellen Survey durch, bei dem die Jugendlichen fünf Kurzbeschreibungen von hypothetischen Staaten erhielten. Für jeden Staat wurden die Aspekte persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheit, das Wohlstandsniveau und das System der sozialen Absicherung in drei verschiedenen Ausprägungen beschrieben. Die Jugendlichen sollten die hypothetischen Staaten im Hinblick auf zwei Fragen mit Schulnoten bewerten: "Möchte ich in diesem Staat leben?" und "Wäre dies ein guter Staat für alle Menschen?". Ziel war es, Bewertungen unterschiedlicher politischer Systeme unabhängig von Faktoren wie dem Image eines Systems oder sozialer Erwünschtheit zu erheben. Das Ergebnis fällt unerwartet eindeutig aus und ist mit den sonstigen von den Jugendlichen geäußerten Systembewertungen auf den ersten Blick nicht in Übereinstimmung zu bringen. In allen Bundesländern, für alle Schularten und für beide Geschlechter zeigt sich eine eindeutige Präferenz für liberale Staaten. Je liberaler ein Staat ist, desto besser wird er benotet, desto lieber möchten die Jugendlichen in ihm leben und für desto besser geeignet halten sie ihn als Lebenshintergrund für alle Menschen. Auch aus den Kommentaren, die wir während der Erhebung vernahmen, wurde deutlich, dass die Jugendlichen Einschränkungen individueller Freiheit entschieden ablehnen.

Allerdings spiegelt sich diese eindeutige Präferenz weder in den Urteilen über die realen Systeme noch in den Antworten auf andere Einstellungsfragen wider. Obschon also Freiheit für die Jugendlichen ein hohes Gut darstellt, sind sie oftmals nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen derselben in der (historischen) Realität zu erkennen. Vielen fällt es offenbar ausgesprochen schwer, entsprechende Transferleistungen zu erbringen.

Konsequenzen für die politische Bildung



Vor diesem Hintergrund erscheinen manche befremdlichen Befunde in einem anderen Licht: Die vermeintliche Demokratiefeindlichkeit oder Diktaturaffinität dürfte sich in vielen Fällen als ein solches Transferproblem erweisen. Diese Erklärung beruhigt jedoch nur auf den ersten Blick, denn aus ihr folgen hohe Anforderungen an politische Bildung.

Doch auch "verordnete" Einstellungen helfen nicht weiter. So begrüßenswert es ist, dass sich gegenüber dem Nationalsozialismus inzwischen eine eindeutig ablehnende normative Bewertung etabliert hat, ist damit der politischen Bildung nur bedingt geholfen. Die "richtige" Einstellung alleine versetzt Jugendliche nicht in die Lage, ihre Urteile auch auf konkrete Einzelfragen, auf andere Situationen oder andere Systeme zu übertragen. Im Ergebnis führt dies, gemeinsam mit ihrem geringen Wissen, zu erschreckenden Befunden, etwa zu dem Ergebnis, dass etwa jeder Dritte die Gestapo für eine Sonderpolizei hält, wie sie auch jeder demokratische Staat hat. Dem Ministerium für Staatssicherheit attestieren dies sogar insgesamt knapp 35 Prozent der Befragten (Kinder von in der DDR geborenen Eltern: 40,2 Prozent).

Politische Bildung sollte ein Bewusstsein für die Bedeutung einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie wecken, damit Jugendliche die Wichtigkeit von Abwehrrechten, der Gewaltenteilung, der individuellen Freiheit und der Möglichkeit des gewaltlosen Regierungswechsels erkennen. Dieser Anspruch richtet sich insbesondere an Schulen. Für die Lehrpläne ebenso wie für den konkreten Unterricht, die Lehrpersonen und die von ihnen gelehrten Inhalte ist eine Ausrichtung an den Maßstäben der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unabdingbar. Dabei müssen Konzepte wie persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder pluralistische Demokratie die Grundlage der Bewertung von Systemen bilden. Schulunterricht sollte nicht – wie nicht wenige Lehrer und Zeithistoriker behaupten – prinzipiell "ergebnisoffen" sein, sondern er sollte dies nur in dem normativen Rahmen sein, den die freiheitlich-demokratische Grundordnung absteckt.

Da es "die" Schule nicht gibt, bedeutet die Umsetzung dieser Anforderungen somit für jede Schule etwas anderes. Insbesondere sollten sie nicht als Aufforderung zu einer gedankenlosen Steigerung des Ressourceneinsatzes fehlinterpretiert werden – weder in finanzieller Hinsicht noch bezogen auf das Engagement vieler Lehrkräfte.

Dass sich Engagement bisweilen auch kontraproduktiv auswirken kann, zeigt sich etwa im Hinblick auf Gedenkstättenbesuche. Eingebettet in eine Vor- und vor allem in eine Nachbereitung, die den Schülern eine Einordnung und Verarbeitung des Gesehenen und Gehörten erlaubt, können solche Besuche ein wertvoller Beitrag zur politisch-historischen Bildung sein. Werden jedoch mehrere Gedenkstättenbesuche beispielsweise in das enge Zeitkorsett einer Klassenfahrt gedrückt, ist vielen Jugendlichen eine angemessene Verarbeitung der dargebotenen Informationen nicht möglich. In der entstehenden Verwirrung können Informationen verfälscht oder falsch zugeordnet werden oder es bildet sich eine Verweigerungshaltung heraus – zumal die politische Bildung nur für die wenigsten Jugendlichen zu den Höhepunkten einer Klassenfahrt zählt. Ein strukturierter und stetiger Geschichtsunterricht kann hier unter Umständen mehr bewirken. Verlässliche Normalität ohne Ausnahmen, "Action" und "Highlights" mag unmodern sein, bedeutet jedoch nicht, dass diese Form von Unterricht schlecht ist, im Gegenteil: Manchmal kann weniger mehr sein.

Fazit



Die Studie "Später Sieg der Diktaturen?" belegt, dass das zeitgeschichtliche Wissen von Jugendlichen häufig recht gering ist. Durchschnittlich am meisten wissen die Befragten über den Nationalsozialismus; über die DDR und die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung wissen sie deutlich weniger. Dieser Befund ist deshalb so problematisch, weil mit einem geringen zeitgeschichtlichen Wissen nach den Maßstäben der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unangemessene Urteile einhergehen. Auch dies hat die Studie gezeigt.

Daraus aber auf eine grundsätzliche Diktaturaffinität der Jugendlichen oder ihre Distanz zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechten zu schließen, wäre falsch. Im Gegenteil erbrachte unsere Befragung, dass die meisten Schülerinnen und Schüler freiheitliche Systeme sehr schätzen. Viele von ihnen sind jedoch nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen dieser Freiheit in der (historischen) Realität zu erkennen. Damit einher geht das Phänomen, dass für viele die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen. Festhalten lässt sich, dass bessere, wertorientiert vermittelte zeitgeschichtliche Kenntnisse bei Jugendlichen unabdingbar sind. Sie sind Voraussetzung dafür, dass Jugendliche theoretisch und vor allem auch praktisch lernen, die wesentlichen Unterschiede zwischen Demokratien und Diktaturen zu erkennen.

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Fußnoten

1.
Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder/Rita Quasten/Dagmar Schulze Heuling, Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen, Frankfurt/M. 2012.
2.
In der Replikationsbefragung wurden die Fragen in einer veränderten Reihenfolge präsentiert.

 
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