Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.
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"Das Leben bedeutet Kampf". Abituraufsätze im "Dritten Reich"


2.8.2012
Die beiden hier dokumentierten Abituraufsätze[1] stammen aus dem Gymnasium Steglitz, einem 1886 gegründeten altsprachlichen, humanistischen Gymnasium mit Latein und Griechisch als Pflichtfächer in Berlin-Steglitz. Sie sind Teil einer umfangreicheren Arbeit, die demnächst veröffentlicht wird.[2] Die Aufsätze befanden sich im Keller der Schule. Solche "Archive", die neben den Abiturarbeiten auch die Jahresberichte, Festreden und Ähnliches enthalten, gibt es an den meisten Schulen. Sie sind wahre Fundgruben, die Aufschluss über Schule im "Dritten Reich" geben. Anhand dieser Quellen lässt sich ersehen, wie die Politik der NSDAP an der Schule umgesetzt wurde, wie viele Lehrer beispielsweise der NSDAP, dem NS-Lehrerbund angehörten, wie viele Schüler jüdischer Herkunft waren, wann und wie sie von der Schule "entfernt" wurden. Für Lehrer und Schüler kann es eine äußerst interessante Aufgabe sein, die Geschichte ihrer Schule im Nationalsozialismus anhand dieses Quellenmaterials aufzuarbeiten. Doch leider sind diese Quellen oft in einem sehr schlechten Zustand, und es besteht die Gefahr, dass dieses wertvolle Quellenmaterial verloren geht, wenn nicht für deren Erhaltung gesorgt wird.

Neben Einblicken in den Schulalltag geben die Abituraufsätze auch Auskunft über die allgemeinen Ziele des "Dritten Reiches". Die Schulgeschichte ist ein Spiegelbild der Zeitgeschichte. Die Aufsätze sind stark politisiert, alle wesentlichen Themen des Nationalsozialismus werden in ihnen angesprochen. Der erste hier dokumentierte Aufsatz wurde im Januar 1934 geschrieben, und schon in ihm ist vom "Endkampf der Völker" die Rede. Dies verdeutlicht, dass entgegen der allgemeinen Friedenspropaganda von Anbeginn die Bevölkerung – hier die Schuljugend – psychologisch auf den kommenden Krieg vorbereitet wurde. 1928 hatte Hitler erklärt: "An sich hat die nationalsozialistische Bewegung das deutsche Volk dahin zu erziehen, daß es für die Gestaltung seines Lebens den Bluteinsatz nicht scheut."[3]. Zentrales Thema aller Aufsätze ist der Krieg: "Das Leben bedeutet Kampf"; Deutschlands Aufstieg könne nur "mit dem Schwert in der Hand" erreicht werden, heißt es im ersten Aufsatz. In den Aufsätzen wird immer wieder vom Sterben gesprochen. "Auch auf unser Leben dürfen wir keinerlei Rücksicht nehmen; so lange Menschen denken, war es höchstes Glück eines jeden, für sein Vaterland freudig zu sterben", heißt es im zweiten, ebenfalls Anfang 1934 geschriebenen Aufsatz. Die "Erziehung zum Sterben", die Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, war grundlegendes Erziehungsziel und Teil der Kriegsvorbereitung. Bereits in "Mein Kampf" hatte Hitler gefordert: Schon der Jugend müsse "ein eiserner Grundsatz in die noch bildungsfähigen Köpfe hineingehämmert werden: Wer sein Volk liebt, beweist es einzig durch die Opfer, die er für dieses zu bringen bereit ist."[4] Ziel war die völlige Selbstaufgabe der eigenen Person. So heißt es im zweiten Aufsatz: "Ausschaltung und völlige Indienststellung der eigenen Person ist daher das Hauptziel der Erziehung". Die "Erziehung zur Härte" war ein weiteres Anliegen. "Nicht durch Prinzipien der Humanität lebt der Mensch (…), sondern einzig und allein durch die Mittel brutalsten Kampfes",[5] hatte Hitler erklärt. Die folgenden Abiturarbeiten sind eindrucksvolle Zeugnisse dieser Erziehungsarbeit.


Fußnoten

1.
Die Aufsätze werden im Folgenden im Originalwortlaut wiedergegeben. Unterlegt sind die Fragestellungen, es folgt die Transkription der handschriftlichen Aufzeichnungen der Schüler, die Bewertungen der Lehrer sind kursiv gesetzt.
2.
Bernhard Sauer, "Nie wird das Deutsche Volk seinen Führer im Stiche lassen." Abituraufsätze im Dritten Reich, Berlin 2012 (i.E.).
3.
Adolf Hitler 1928, zit. nach: Hildegard von Kotze/Helmut Krausnick (Hrsg.), Es spricht der Führer, Gütersloh 1966, S. 16.
4.
Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1933, S. 474.
5.
Adolf Hitler 1928, zit. nach: Joachim C. Fest, Das Gesicht des Dritten Reiches, München 1963, S. 24.