Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.
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"Das Leben bedeutet Kampf". Abituraufsätze im "Dritten Reich"

2.8.2012

Deutscher Prüfungsaufsatz, Gymnasium zu Berlin-Steglitz, den 19.1.1934



Wie gedenke ich den Satz: Gemeinnutz geht vor Eigennutz in meinem Leben zu verwirklichen? 1933! Nationale Erhebung! Neues Reich! Welche Flut, welche Unmenge von Eindrücken, Erlebnissen, Gedanken stürzt sich auf mich! Ich denke an den Fackelzug des 30. Januar, der wie ein leuchtendes Symbol, aus der Nacht zum Licht!, das Neue Reich beginnen läßt, ich denke an die Weihestunde der Jäger von Potsdam, ich denke an den Tag der Arbeit: ich durfte Deutsche Geschichte erleben, und ich durfte mehr erleben: ich sah die begeisterte Erhebung eines Millionen-Volkes zu Licht und Sonne, zu neuer Macht und Herrlichkeit. Das Dritte Reich war entstanden.

Jeder Staatsbürger jedes Staates hat die Pflicht, seinem Volke zu dienen, seinen Staat in jeder Beziehung zu fördern, um wieviel mehr habe ich als Deutscher diese Pflicht, und ebenso alle deutschen Volksgenossen! Im neuen Reiche ist es nicht nur Pflicht, es ist pflichtmäßige Lebensaufgabe in allerhöchster Potenz, alle seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Es ist nicht möglich, den Führern unseres Volkes, die die Erhebung so glorreich geleistet haben, jemals unsere Schuld abzutragen; aber wir können wenigstens einen geringen Teil zum endgültigen Gelingen des Aufbaues von Volk und Staat beitragen, indem wir uns mit Gut und Blut in den Dienst des erwachten Deutschland stellen.

Die erste und wichtigste Pflicht, die der Staat von mir verlangt, ist der Gehorsam. Und zwar muß der Gehorsam freudig, pünktlich sein; jede ungenaue Erfüllung von Pflicht schadet dem Staate und mir. Stete Dienstbereitschaft zu allen Dingen ist meine Pflicht als Staatsbürger. Ebenso muß ich alle Pflichten als Staatsbürger treulich erfüllen, wie ich ja auch alle Rechte eines solchen in Anspruch nehme; "ohne Pflichten keine Rechte". Wie oft vielleicht wird mir auch irgendeine Pflichterfüllung schwer werden, besonders, wenn sie mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Hier muß ich mich als wahrer Staatsbürger zeigen: Freudiges Ertragen auch dieser Widrigkeiten ist Pflicht.

Pflichten und Ehrgeiz sind es, die der Staat neben dem Gehorsam von mir verlangt. "Eifer in der Pflichterfüllung", "Streben nach Ehre" sind in der Tat die Grundpfeiler jeder staatsbürgerlichen Auffassung, sind für den Aufbau des Staates, der sich doch aus den Bürgern zusammensetzt, von allerhöchster, grundlegender Wichtigkeit. Ein Mensch ohne Pflichteifer wird seine Pflicht, auch gegen den Staat und sein Volk, stets vernachlässigen, wird immer für sich da sein und nur sein eigenes Ich befriedigen. Als wahrer Deutscher aber muß ich bereit sein, mit allen meinen Kräften und geistigen Anlagen für das Wohl meines Vaterlandes zu arbeiten. Erst, wenn alle Volksgenossen zusammen, aber jeder in seinem Schweiß, für den Staat tätig sind, kann man von Volksgemeinschaft sprechen; ein Mitglied, tätiges Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden, muß mein höchster Wunsch sein.

Egoist allerdings darf kein wahrer Deutscher sein; er kann es auch nicht sein, wenn er stets im Interesse von Volk und Staat wirkt. Ausschaltung und völlige Indienststellung der eigenen Person ist daher das Hauptziel der Erziehung zum modernen Dienen seines Volkes. Ich und jeder andere Volksgenosse, wir alle müssen darauf bedacht sein, zuerst immer für den Staat da zu sein, dann erst an uns zu denken. Das soll natürlich nicht heißen, daß wir uns vernachlässigen sollen; im Gegenteil, wir müssen auch auf unser Wohl bedacht sein, und damit wir um so besser dem Staat dienen können. Männlichkeit und Wahrhaftigkeit sind im Neuen Reiche die unbedingten Forderungen an jeden Deutschen, restloses Sich-Einsetzen ist unbedingte Pflicht. Auch auf unser Leben dürfen wir keinerlei Rücksicht nehmen; so lange Menschen denken, war es höchstes Glück eines jeden, für sein Vaterland freudig zu sterben, denn er wußte, daß er nur ein Glied im Ganzen ist, daß es besser ist, ein Glied kommt um, als daß das Ganze zugrunde geht.

Aber nicht nur in Kriegszeiten ist es nötig, daß ich mich für mein Volk voll und ganz einsetze; auch im Frieden drohen dem Staat mancherlei Gefahren von innen. Es wird ja immer unzufriedene Menschen geben, die mit nichts sich abfinden wollen und überall zerstörenden Einfluß ausüben. In der Bekehrung oder Bekämpfung dieser Volksteile muß sich jeder wahre Staatsbürger vom Gedanken an das Ziel des Staates leiten lassen; freudige Bejahung des Staatsgedankens ist selbstverständliche Pflicht für mich und für jeden anderen Deutschen. Wie könnte ein Staat bestehen, dessen Ziele von seinen Bürgern verfolgt oder nicht verstanden werden. Im Neuen Deutschland gibt es nur einen Staatsgedanken: "Deutschland muß wieder zu Macht und Ehre kommen!"; diesen Gedanken muß auch der letzte Volksgenosse erfaßt haben, und daher ist es nicht nur meine Pflicht, diesen Gedanken selbst zu begreifen, sondern ich muß auch für ihn gewissermaßen werben, werben bei denen, die ihn noch nicht verstanden haben oder verstehen wollen. Die Gefahr inneren Umtriebs ist die schwerste, die dem Staate drohen kann; meine Pflicht ist es, mitzuhelfen, daß der Bestand des Reiches in seiner jetzigen Gestalt unbedingt gewahrt bleibt.

"Bedenke, daß du ein Deutscher bist!", hatte der Große Kurfürst gesagt. Wir können getrost sagen: "Sei stolz, daß du ein Deutscher bist!". Aber wir müssen diesen Stolz nicht nur untereinander zeigen, nein, vor allem müssen wir im Ausland uns immer voller Stolz bewußt sein, daß wir aus dem Neuen Reiche kommen. Wir müssen unserem Vaterland Ehre machen, in jeder Hinsicht, denn nur so können wir es würdig vertreten.

Viele Tausende von jungen Menschen sind die Hoffnung des Staates. Kann es eine höhere Aufgabe als die der heutigen Jugend geben, den Bestand des Reiches zu sichern und es vor allen Angriffen zu schützen. Kann es aber auch einen Staat geben, der mit mehr Hoffnung in die Zukunft blicken kann? Ja, wir jungen Deutschen haben Grund, stolz zu sein auf unsere Aufgabe. Doch ist diese Aufgabe, Sicherung des Reiches, nicht leicht; durch unser Leben müssen wir, muß auch ich beweisen, daß "Gemeinnutz vor Eigennutz geht". Wenn wir immer nur auf das Wohl des Staates und Volkes bedacht sind, stets unsere Pflichten erfüllen, dann kann das Vaterland, das eben erst aus der Nacht zum Licht geführt wurde, nie untergehen, trotz Geburtenrückgang und sonstigen Bedrohungen, denn: "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg". Und so will auch ich, wie jeder andere gute Deutsche, für mein Vaterland einstehen mit Hab und Gut, mit Blut und Leben.

Eine umsichtige, gut gegliederte und in gewandteste Form gekleidete Arbeit, die leider insofern theoretisch bleibt, als sie nur von Vorsätzen redet, ohne Anwendungsbeispiele für die eigene Zukunft zu geben. Außerdem wiederholen sich einzelne Gedankengänge.

Das Thema ist eigenwillig umgebogen. Immerhin ist die Leistung Genügend. (3 +) gez. Sch.