Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Christian Mentel

Die Debatte um "Das Amt und die Vergangenheit"

Reaktionen

Trotz aller Kritik gab es aber stets auch ausgleichende Stimmen, die zwar auf Fehleinschätzungen der Studie verwiesen, in mindestens gleichem Maße aber auch deren Leistungen herausstellten – darunter ebenso namhafte wie unterschiedlich ausgerichtete Historiker, von Jürgen Kocka über Ulrich Herbert bis hin zu Michael Stürmer und Christopher R. Browning.[25] Da die Aufmerksamkeit aller Debattenteilnehmer primär auf die kritischen Beiträge ausgerichtet war, wurden deren überwiegend positive Wortmeldungen im Debattenverlauf jedoch meist nur selten oder gar nicht aufgegriffen.

Schon bald äußerten sich aber auch die Mitglieder der Historikerkommission. Zimmermann hielt Mommsen entgegen, er und andere Kritiker hätten "das Buch sehr selektiv gelesen" und würden auf "sehr unfaire Art und Weise" der Kommission "Ignoranz oder Dokumentenfälschung" vorwerfen und damit "die Leute im Auswärtigen Amt" exkulpieren. Die Vorwürfe seien nicht im Inhalt oder der Methodik der Studie begründet, stattdessen sei man "beleidigt", dass "man selbst nicht zur Kommission gehörte".[26] In einer weiter ausgreifenden ersten Bestandsaufnahme interpretierten Norbert Frei und die Kommissionsmitarbeiterin Annette Weinke die Debatte als Deutungskampf um die "Kontinuität der Funktionseliten". Auch wenn Blasius, die "redaktionelle(n) Stimme der Amtspensionäre", weiterhin diskreditierende und denunziatorische Artikel verfasse, sei mit der Studie doch ein vergangenheitspolitischer Konsens erreicht worden.[27]

Kurz darauf folgte in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) unter der Überschrift "Unser Buch hat einen Nerv getroffen" eine umfassende Stellungnahme der vier Kommissionsmitglieder.[28] Dort beklagten sie, dass Kritiker wie Koerfer "sämtliche Maßstäbe verloren" hätten, das Wort vom "Buch der Rache" sei von rechtsradikalen Medien bereits "dankbar aufgegriffen" worden. Auch machte die Kommission eine von Blasius durch "raunende Fragen, beleidigende Unterstellungen und Falschbehauptungen" betriebene langjährige "Kampagne" aus, die er vor dem Hintergrund seiner früheren Tätigkeit im AA und seiner Nähe zu den "Mumien" betreibe. Doch ging die Kommission auch auf mehrere inhaltliche Kritikpunkte ein, sie verteidigte und erläuterte unter anderem ihre Deutung der Rolle des AA bei der Entschlussbildung zum Holocaust oder wann sie Dokumente nach Akteneditionen, Forschungsliteratur oder dem archivarischen Original zitiert habe.

Auch anderweitig antwortete die Kommission ihren Kritikern, sei es, wie im Falle Conzes, in einem Leserbrief, in dem er "die Art und Weise der Berichterstattung und Kommentierung" der FAZ bemängelte, sei es in Interviews, wo er den Begriff der "verbrecherischen Organisation" als "Bewertung aus dem Jahr 2010 und 2011" verteidigte.[29] Gleichfalls betonte er, dass die vier Kommissionsmitglieder nicht etwa Herausgeber, sondern – gemeinsam mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern – die Autoren des Buches seien, während Weinke einräumte, dass eine Darstellung der Geschichte der AA-Akteneditionen "zu Recht angemahnt" worden sei.[30] Am prononciertesten nahm Zimmermann den scharfen Ton der Vorwürfe auf, als er angesichts der massiven Kritik von einem "Kreuzzug" sprach, in dem jedoch nicht alle Kritiker "satisfaktionsfähig" seien – gemeint war damit vor allem Neitzel mit seinem Verdikt der "Geschichtspornographie".[31]

Kritik in den Fachzeitschriften

Die Kritik, die in den ersten Wochen und Monaten hauptsächlich von Fachhistorikern und Redakteuren (die in den meisten Fällen selbst ausgebildete Historiker sind) in den Publikumsmedien formuliert wurde, ging seit Februar 2011 in die Organe der Fachwissenschaft über. Ehemalige AA-Angehörige, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in fast durchgängig ablehnenden Leserbriefen meist mit Korrekturen biografischer Details hervortaten, waren nun kaum noch zu vernehmen. Dennoch gab es weiterhin Reaktionen aus dem Umfeld des AA: Nicht nur als der frühere Außenminister Walter Scheel der Studie vorwarf, frühere Mitarbeiter "zu verleumden", sondern auch als der amtierende Außenminister Guido Westerwelle sich von der Studie distanzierte, indem er darauf hinwies, dass sich "unser Urteil weiter differenzieren" werde. Nicht zuletzt bemühte sich der ehemalige Diplomat Felix Gaerte – letztlich jedoch mit wenig Erfolg –, gerichtlich gegen die Studie vorzugehen, weil er sich falsch dargestellt sah.[32]

Mit der Verschiebung des Debattenforums vollzog sich auch ein inhaltlicher Transformationsprozess, denn auch wenn die in der Tagespresse bereits geäußerte Kritik in den Fachzeitschriften weitestgehend geteilt wurde, so fand doch ein entscheidender Ausbau durch argumentative Unterfütterung statt, zudem versachlichte sich die Debatte. Nachdem erste Fachrezensionen keinen Widerhall in der Presse gefunden hatten, waren es vor allem zwei Besprechungen, die dort größere Aufmerksamkeit erregten, nämlich zum einen der Anfang April 2011 in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" erschienene, nicht weniger als 26 Druckseiten umfassende Rezensionsaufsatz des am IfZ tätigen Forschers Johannes Hürter, zum anderen die Ende Mai 2011 veröffentlichte Rezension des in Cambridge lehrenden englischen Historikers Richard J. Evans in "Neue Politische Literatur".[33]

Hürter – der sich in seiner Rezension ausschließlich mit der Zeit vor 1945 befasste – zeigte sich enttäuscht, dass statt neuer und differenzierter Ergebnisse in Bezug auf die Personalstruktur des AA ein "apodiktische(r) Tonfall" vorherrsche und durchgängig evidente Unterschiede zwischen traditionellen Diplomaten und nationalsozialistischen Karrieristen ignoriert würden.[34] Als problematisch bewertete Hürter zudem, dass Aussagen zur Genese des Holocaust "in Widerspruch zu nahezu allen noch so kontroversen Forschungen" stünden.[35] Charakteristisch für den Kommissionsbericht – der hinsichtlich des Auftretens der Kommissionsmitglieder als Autoren als "Etikettenschwindel" gelten könne – sei eine "Mischung aus Überzeichnungen, Vereinfachungen, Widersprüchen und richtigen Beobachtungen". Hürters Fazit: Das Werk bediene "eher Erwartungen der vorherrschenden Erinnerungskultur, als dass es wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn" bringe.[36]

Klare Worte wählte auch Evans: Die Studie sei "deeply flawed as a work of scholarship". Wie andere bemängelte auch er, dass der Blickwinkel fast ausschließlich auf den Holocaust verengt und die Rolle des AA überzeichnet sowie Schlüsselpunkte wie die Vorbereitung des Angriffskriegs "almost entirely left out of the frame" seien.[37] So sehr Evans den Abschnitt vor 1945 kritisierte, so sehr lobte er aber den der frühen Nachkriegszeit gewidmeten Teil und attestierte der Studie, "(d)espite its unevennesses and inadequacies", den Mythos vom "Hort des Widerstands" erfolgreich zerstört zu haben.[38] Dennoch gebe es einen "whiff of the witch-hunt", "as if the authors saw it as their job to hunt down the complicity of diplomats and officials in the Holocaust". Besonders griff er die Kommissionsmitglieder an, deren Rolle offenbar "fairly minimal" gewesen sei; entsprechend sprach Evans sie lediglich als Herausgeber und die Mitarbeiter als die eigentlichen Autoren an.[39]

Über die Rezensionen von Hürter und Evans wurde von der FAZ, der SZ und "Spiegel Online" im Vor- und Nachgang berichtet, jedoch stellte dies lediglich ein kurzes Wiederaufflackern der in der Presse bereits verklungenen Debatte dar. Auch die Historikerkommission schaltete sich ein, Zimmermann reagierte in einem Interview mit dem Vorwurf, Hürter sei Teil einer Kampagne mit politischer Agenda, um "die sogenannten 'anständigen' Leute (…) rückwirkend zu entlasten" und "die Mitglieder der Unabhängigen Historikerkommission zu diskreditieren"[40] – eine Reaktion, die in der FAZ als "bestürzende Hilflosigkeit" qualifiziert wurde.[41] In ihrer zweiten gemeinsamen Stellungnahme beklagte die Historikerkommission in der "Frankfurter Rundschau" (FR) dann auch, dass Hürters Ton "zuletzt im Historikerstreit vor 25 Jahren gebräuchlich" gewesen sei und er – gemeinsam mit Horst Möller, der als damaliger IfZ-Direktor die Studie ebenfalls hart angegangen war – das IfZ offenbar "in der Rolle einer geschichtspolitischen Revisions- und Kontrollinstanz" sehe. Den Ruf nach mehr Differenzierung beantwortete die Kommission damit, dass eine Gesamtdarstellung "auch zu Bewertungen jenseits des Einzelfalls gelangen" müsse, und auch in ihrer Schwerpunktsetzung auf den Holocaust – der "zentralen Frage" – sah sich die Kommission bestätigt.[42]

Fußnoten

25.
Vgl. Jörg Degenhardt, "Überzeugend geschriebenes Buch", in: Deutschlandradio Kultur (DLR) am 11.12.2010; Stefan Reinecke/Christian Semler, "Am Ende nur noch Opfer", in: Die Tageszeitung vom 9.12.2010, S. 15; Joachim Scholl, "Das waren alles mehr oder weniger Schreibtischtäter", in: DLR am 28.10.2010; Christopher R. Browning, Das Ende aller Vertuschung, in: FAZ vom 10.12.2010, S. 33, S. 35.
26.
Zit. nach: Mascha Drost, "Ich wundere mich über Herrn Mommsen", in: DLF am 1.12.2010.
27.
Norbert Frei/Annette Weinke, Warum es um die "Mumien" einsam wird. Das Ende der Legende vom "anständig" gebliebenen Auswärtigen Amt, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 55 (2010) 12, S. 75–83, hier: S. 76, S. 83.
28.
Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann, Unser Buch hat einen Nerv getroffen, in: SZ vom 10.12.2010, S. 13; vgl. auch die Korrektur in: SZ vom 28.12.2010, S. 31.
29.
Eckart Conze, Eine Kampagne, in: FAZ vom 18.1.2011, S. 15; Ingo Kahle, Das umstrittene Amt?, in: RBB Inforadio am 15.1.2011.
30.
Zit. nach: Christian Mentel/Annette Schuhmann/Matthias Speidel, Die Debatte um "Das Amt". Ein Interview mit Eckart Conze und Annette Weinke, in: Zeitgeschichte-online vom März 2011, online: www.zeitgeschichte-online.de/md=Interview-Conze-Weinke (11.7.2012).
31.
Zit. nach: Dirk Becker, "Das ist eine Art Kreuzzug", in: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 26.1.2011, S. 22.
32.
Walter Scheel, in: internAA vom Mai 2011, S. 13; vgl. auch die deutlich schärfere Stellungnahme: ders., Für mehr Diskussionskultur, in: FAZ vom 21.3.2012, S. 10; Guido Westerwelle, Ein Blick zurück nach vorn, in: internAA vom Mai 2011, S. 3; Hans-Jürgen Döscher, Der Fall Gaerte, in: Die Zeit, Nr. 10 vom 3.3.2011, S. 19; Willi Winkler, Die Fußnote des Untersturmführers, in: SZ vom 11.4.2011, S. 14.
33.
Johannes Hürter, Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Bemerkungen zu einem Kommissionsbericht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 59 (2011) 2, S. 167–191; Richard J. Evans, The German Foreign Office and the Nazi Past, in: Neue Politische Literatur, 56 (2011) 2, S. 165–184.
34.
J. Hürter (Anm. 33), S. 171, S. 175.
35.
Ebd., S. 179.
36.
Ebd., S. 167, S. 177, S. 190.
37.
R. Evans (Anm. 33), S. 182.
38.
Ebd., S. 182, S. 178.
39.
Ebd., S. 183, S. 169ff.
40.
Zit. nach: Alan Posener, "Das ist eine Kampagne", in: Die Welt vom 4.4.2011, S. 23
41.
Patrick Bahners, "Das Amt" könnte viel kritischer sein, in: FAZ vom 6.4.2011, S. N3.
42.
Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann, Zauberwort Differenzierung, in: FR vom 4.5.2011, S. 24f.