Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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Kurze Geschichte Neugriechenlands


23.8.2012
Im Jahr 1453 fiel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches Konstantinopel an die Osmanen. Damit geriet Griechenland unter eine jahrhundertelange osmanische Herrschaft. Der Befreiungskampf der Griechen begann 1821 auf der Peloponnes.[1] Während des Befreiungskampfes kam es zu einem innergriechischen Konflikt zwischen den Großgrundbesitzern (die an ihren Privilegien festhalten wollten) und denjenigen, die Reformen anstrebten. Er steigerte sich zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die beinahe zum Scheitern des Befreiungskampfes führten. Erst als eine vereinigte britisch-russisch-französische Flotte die osmanisch-ägyptische Flotte in der Seeschlacht von Navarino schlug (1827), konnte der Befreiungskampf erfolgreich beendet werden. Der griechische Staat wurde 1830 gegründet. Das Gebiet umfasste etwa ein Drittel des heutigen Griechenlands (Südgriechenland und einige Inseln in der Ägäis). Die Bevölkerung betrug knapp eine Million. Nach den Jahren des Krieges war die Lage katastrophal: Die Infrastruktur war zerstört, die Großgrundbesitzer hatten sich den größten Teil des nationalisierten osmanischen Landbesitzes angeeignet, die Bauern lebten in Armut, die finanzielle Abhängigkeit vom Ausland war sehr groß und die politischen Parteien waren hoffnungslos zerstritten.

Obwohl die Griechen eine Republik errichten wollten, oktroyierten Großbritannien, Frankreich und Russland dem Land eine Monarchie. Otto von Wittelsbach, der zweite Sohn des bayrischen Königs Ludwig I., ein begeisterter Philhellene, wurde König. 1833 kam der 17-jährige Otto nach Griechenland und regierte es absolutistisch. Zehn Jahre nach seiner Ankunft in Athen kam es zu einer ersten Revolte gegen ihn. Er wurde gezwungen, eine Verfassung zu akzeptieren. Die Situation wurde in den nächsten Jahren zunehmend schwieriger: Einerseits nahmen die inneren Konflikte zu, andererseits fiel der König in Großbritannien in Ungnade, als er während des Krimkrieges gegen britische Interessen handelte und Russland unterstützte – in der Hoffnung, territoriale Gewinne für Griechenland zu erzielen. Er wurde 1862 zur Abdankung gezwungen und kehrte nach Bayern zurück.

Der neue König, der 17-jährige Georg I., kam aus dem deutsch-dänischen Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg und war ein Wunschkandidat Großbritanniens. Er wurde 1863 der zweite König Griechenlands. Aus diesem Anlass "schenkte" Großbritannien Griechenland die Ionischen Inseln (Korfu und die Inseln südlich davon). Die Glücksburg-Dynastie herrschte mit einigen Unterbrechungen bis 1974. Georg I. war Garant britischer Interessen in Griechenland. Um die Verfassung kümmerte er sich wenig. Minderheitskabinette stellten die Regierung. Eine Reihe politischer und wirtschaftlicher Skandale des Hofes führten zu Massenprotesten, weshalb Griechenland 1875 zur konstitutionellen Monarchie wurde; die Regierung bildete nun die größere Partei, und der König musste die Verfassung respektieren. Aus den vielen kleinen politischen Gruppen wurden zwei große Parteien gebildet: Die eine vertrat das feudal-konservative Lager, die andere das bürgerlich-liberale.

Die Außenpolitik Griechenlands wurde im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt von der Megali Idea, dem Traum von der Wiedererrichtung von Teilen des byzantinischen Reiches. Doch Griechenland war zu schwach, um diesen Traum allein zu realisieren, und brauchte die Unterstützung der britischen Schutzmacht. 1881 erhielt Griechenland durch die Konvention von Konstantinopel (ein Vertrag zwischen dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Russland und dem Osmanischen Reich) die Region Thessalien (Zentralgriechenland), und ein Teil des Südepirus, der bisher osmanisch war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts suchte Griechenland verstärkt Anschluss an Europa. Unter dem liberalen Ministerpräsidenten Charilaos Trikoupis machte das Land erste Versuche, eine bescheidene Industrie aufzubauen. Vor allem in den Bergbau von Lavrion in der Nähe von Kap Sounion wurde investiert. Der Kanal von Korinth wurde gebaut, damit verkürzte sich der Seeweg nach Italien erheblich. Die Eisenbahnverbindung zwischen Athen und Piräus wurde in Betrieb genommen. Vor allem bemühte Trikoupis sich, die Verwaltung zu reformieren und den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben. Doch gelang es ihm nicht, gegen die mächtigen Großgrundbesitzer eine Landreform durchzusetzen. Um seine Reformen umzusetzen, musste er Kredite aufnehmen. Um diese zu bedienen, musste er wiederum neue Kredite aufnehmen, was 1893 zum Staatsbankrott und einem anschließenden Machtwechsel führte. Die nun regierenden Konservativen führten 1897 einen erfolglosen Krieg gegen das Osmanische Reich, dessen Folgen für Griechenland katastrophal waren: Zu den bereits vorhandenen Staatsschulden kamen Reparationszahlungen an das Osmanische Reich hinzu. Die Großmächte setzten eine Kommission ein, welche die Finanzen des griechischen Staates kontrollierte. Das wirtschaftliche Elend löste eine Auswanderungswelle aus: 200.000 Griechinnen und Griechen (bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Millionen Einwohnern) wanderten in die USA aus.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden auch auf Kreta wiederholt Aufstände gegen die Osmanische Herrschaft statt. Diese Kämpfe führten dazu, dass Kreta Ende der 1890er Jahre autonom wurde. Daneben kam es im osmanisch kontrollierten Makedonien zu Aufständen der Griechen, die allerdings aufgrund der dort herrschenden Rivalität mit den Bulgaren nicht zur Autonomie führten. Immer wieder entzündeten sich zwischen griechischen und bulgarischen Freischärlern erbitterte Partisanenkämpfe.


Fußnoten

1.
Vgl. Emanuel Turczynski, Sozial- und Kulturgeschichte Griechenlands im 19. Jahrhundert, Möhnesee 2003.