Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Loukas Lymperopoulos

Kurze Geschichte Neugriechenlands

Erster Weltkrieg

1909 ereignete sich im Athener Vorort Goudi ein Aufstand jüngerer Offiziere gegen die Allmacht des Monarchen.[2] Eleftherios Venizelos, der sich bereits bei den Aufständen auf Kreta einen Namen gemacht hatte, wurde als Ministerpräsident eingesetzt. Er wollte einen modernen europäischen Staat errichten und leitete Reformen ein. Außenpolitisch beabsichtigte er, die Gebiete, die noch unter osmanischer Herrschaft standen, zu befreien und Griechenland anzuschließen. Es kam zu einer Militärallianz zwischen Griechenland, Serbien, Montenegro und Bulgarien gegen das Osmanische Reich. Aus diesem ersten Balkankrieg 1912 ging die Allianz als Siegerin hervor. Auf der Friedenskonferenz von London am 30. Mai 1913 wurden Epirus (Nordwestgriechenland) und viele Inseln in der Ägäis Griechenland zugesprochen. Doch die bulgarischen Expansionspläne wurden mit dem Ausgang des Krieges nicht befriedigt. Es kam zum zweiten Balkankrieg zwischen Bulgarien auf der einen Seite sowie Griechenland und Serbien auf der anderen Seite. Durch den Friedensschluss von Bukarest am 10. August 1913 gewann Griechenland Teile Makedoniens mit Thessaloniki. Damit hatte sich die Fläche Griechenlands verdoppelt und die Bevölkerung stieg von 2,8 auf 5 Millionen.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich auf der Seite Deutschlands gegen die Entente. In Griechenland regierte Konstantin I., der mit Sophie, einer Schwester des deutschen Kaisers Wilhelm II., verheiratet war. Konstantin I. war im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht probritisch, sondern prodeutsch. Ministerpräsident Venizelos wollte Griechenland jedoch an der Seite der Entente in den Krieg führen, da er von ihrem Sieg überzeugt war. Es kam zum Konflikt zwischen dem König und dem Ministerpräsidenten, zwischen den Royalisten und den Republikanern, der das Land auch noch Jahrzehnte später in zwei verfeindete Lager spaltete. Venizelos bildete 1916 eine neue Regierung in Saloniki. Großbritannien und Frankreich intervenierten, und Konstantin wurde gezwungen, 1918 ins Exil zu gehen.

Im Friedensvertrag von Sèvres (1920) erhielt Griechenland weitere Gebiete in den nördlichen Regionen: Ostthrakien bis vor die Tore von Konstantinopel und die Inseln Imbros und Tenedos in der Ostägäis. Der Vertrag übertrug Griechenland auch die Verwaltung von Smyrna (heute Izmir) und Umgebung. Das Gebiet blieb aber osmanisches Hoheitsgebiet. Nach fünf Jahren sollten die Einwohner sich per Volksabstimmung für oder gegen den Anschluss an Griechenland entscheiden. Griechische Militäreinheiten landeten mit Billigung der Entente in Smyrna und sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Die griechische Seite sah die Chance gekommen, den Traum von der Megali Idea zu verwirklichen, und begann einen Expansionskrieg gegen das Osmanische Reich.

Das osmanische Heer unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk konnte den griechischen Vormarsch auf Ankara stoppen. Unterstützt wurde es von den ehemaligen Verbündeten Griechenlands (Frankreich, Italien), die eigene wirtschaftliche Ziele in Anatolien verfolgten. Nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland hatte die Entente zudem Bedenken, dass die Kommunisten eine Expansionspolitik betreiben würden, weswegen sie die heutige Türkei unterstützten. Das griechische Heer wurde vernichtend geschlagen und kehrte 1922 nach Griechenland zurück.

Im Friedensvertrag von Lausanne 1923 verlor Griechenland Ostthrakien und die Inseln Imbros und Tenedos wieder. Außerdem wurde ein Bevölkerungsaustausch vereinbart, der aber rasch zu einer Zwangsvertreibung wurde: 1,5 Millionen Griechen (in erster Linie Christen) verließen die Türkei und gingen nach Griechenland; umgekehrt verließen 500.000 Türken (in erster Linie Muslime) Griechenland und gingen in die Türkei. Griechenland hatte zu dieser Zeit sechs Millionen Einwohner. Über Nacht wuchs die Bevölkerung auf 7,5 Millionen. Vom Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren die Griechen in Istanbul und die Türken in Thrakien. (Die 130.000 Griechen Istanbuls bildeten damals das wirtschaftliche Rückgrat der Türkei, weshalb die türkische Regierung nicht auf sie verzichten wollte. Die Türken in Thrakien waren völkerrechtlich betrachtet die "Geiseln" für die Sicherheit der ersteren.) Der Krieg gegen die Türkei (1920–1922) und dessen Folgen gingen in die Geschichte Griechenlands als die "kleinasiatische Katastrophe" ein. Zu den 1,5 Millionen Vertriebenen müssen noch etwa 750.000 Menschen gezählt werden, die bei den Kämpfen zwischen 1912 und 1923 umkamen. Eine fast 3000-jährige Geschichte in Kleinasien war zu Ende.

Nach dem Ersten Weltkrieg begannen auch in Griechenland soziale Unruhen. 1924 wurde die Kommunistische Partei Griechenlands (KPG) gegründet. In der Zeit von 1924 bis 1936 herrschte große politische Instabilität. Die Republik wurde ausgerufen, der neue König, Georg II., ging freiwillig ins Exil nach London, wo er sich mit dem britischen Premierminister Winston Churchill anfreundete. In dieser Zeit gab es elf verschiedene Regierungen, zwei Militärputsche und viele Putschversuche. Die Royalisten und die Republikaner standen sich unversöhnlich gegenüber. Für etwas Stabilität sorgte die Regierung Venizelos von 1928 bis 1932. Es kam sogar zu einer Annäherung an die Türkei.

1933 kam eine royalistische Regierung an die Macht. 1935 sorgte diese durch ein manipuliertes Plebiszit dafür, dass Georg II. wieder nach Griechenland zurückkehren konnte. Im Januar 1936 fanden Wahlen statt, die zu einer Pattsituation zwischen den Royalisten und den Republikanern führten. Das Zünglein an der Waage bildete die kommunistisch kontrollierte Volksfront, mit der beide Seiten verhandelten. Als sich eine Lösung abzeichnete (es deutete sich eine Koalition zwischen der Volksfront und den Liberalen an) führte General Ioannis Metaxas am 4. August 1936 mit Billigung von Georg II. einen Staatsstreich durch. Diesen Verfassungsbruch verzieh das griechische Volk seinem Monarchen nie. In Griechenland herrschte nun ein totalitäres politisches System, charakterisiert durch Zensur, Folter, Verhaftungen, Verbannungen auf einsame Inseln oder Gesinnungserklärungen, die von der Staatsmacht eingefordert wurden. Metaxas war ein Anhänger des Faschismus und ein Bewunderer von totalitären Systemen. Da er und der König "Ko-Diktatoren" waren, spricht man in Griechenland auch vom Monarchofaschismus dieser Zeit. Außenpolitisch betrieb Metaxas einen Balanceakt zwischen Großbritannien und NS-Deutschland: Einerseits bewunderte er den deutschen Faschismus, andererseits wusste er, dass Griechenland im britischen Einflussbereich lag und von der Schutzmacht abhängig war.

Fußnoten

2.
Vgl. Heinz A. Richter, Griechenland im 20. Jahrhundert, Bd. 1, Köln 1989.