Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Loukas Lymperopoulos

Kurze Geschichte Neugriechenlands

Bürgerkrieg 1946–1949

Im März 1946 fanden in Griechenland Wahlen statt. Die Linke boykottierte sie, weil es sich ihrer Meinung nach nicht um freie Wahlen handelte. Das war ein schwerer politischer Fehler, weil die Linke etwa ein Drittel der Parlamentssitze bekommen hätte – und der anschließende Bürgerkrieg vielleicht hätte vermieden werden können. Im September fand eine Volksabstimmung über die Rückkehr des Königs statt, die manipuliert wurde. Georg II. kam nach Athen zurück. Seine Person und Machtbesessenheit hatten die griechische Gesellschaft bereits im Vorfeld seiner Rückkehr stark polarisiert.

Im März 1946 griff eine linke Partisanengruppe eine Polizeistation in Nordgriechenland an; das war der Beginn der dritten Runde des Bürgerkrieges. Sie dauerte bis Ende August 1949. Dieses Mal standen sich die Royalisten und die Kommunisten gegenüber. Anführer der Kommunisten war der Generalsekretär der KPG Nikolaos Zachariadis. Er wurde in Adrianopel (das heutige Edirne in der Türkei) geboren, kam als junger Mann nach Griechenland und wurde später in der Sowjetunion geschult. Als er nach Athen zurückkehrte, wurde er Generalsekretär der KPG, weshalb er während der Diktatur von Metaxas im Gefängnis saß und während der Besatzungszeit im Konzentrationslager in Dachau interniert war. Nach der Befreiung kam er nach Griechenland zurück und übernahm erneut die Führung der KPG.[4] Die KPG stand während des Bürgerkrieges auf verlorenem Posten. Die Partisanen bekamen ihre Waffen vom damaligen Jugoslawien. Es waren ehemalige Waffenbestände der Wehrmacht, die sie auf ihrem Rückzug nach Deutschland zurückgelassen hatte. Hinzu kamen katastrophale Fehler der KPG-Führung: Zachariadis entließ die erfahrenen militärischen Kämpfer aus der Zeit der Résistance und ersetzte sie durch Politkommissare. Wenn er sich auf die Guerillataktik beschränkt hätte, wäre es für die reguläre Armee nicht einfach gewesen, den Sieg zu erringen. Er aber suchte die frontale Auseinandersetzung, obwohl seine Armee der royalistischen Armee gegenüber personell und materiell weit unterlegen war.

Zwischenzeitlich hatte sich Großbritannien 1947 mangels Finanzmitteln aus Griechenland zurückgezogen. Die USA übernahmen jetzt die Rolle der "Schutzmacht". Mit der Truman-Doktrin (1947) sollten alle Länder unterstützt werden, die vom Kommunismus bedroht waren. Zwar nahmen keine US-Soldaten am Kriegsgeschehen teil, aber die USA schickten Militärberater und Kriegsmaterial nach Athen.

1948 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Josip Broz Tito (damaliger Ministerpräsident Jugoslawiens) und Stalin, was auch die KPG-Führung in Griechenland in ein Dilemma brachte: Einerseits bestand diese aus Anhängern Stalins, andererseits war sie auf die Hilfen von Tito angewiesen. Hinzu kam das Problem mit Makedonien, da die slawophonen Partisanen einen unabhängigen makedonischen Staat gründen wollten. Zachariadis geriet zwischen alle Fronten und versuchte zu lavieren. Im Sommer 1949 schließlich ließ Tito die Grenze nach Griechenland schließen, sodass die Partisanen weder Nachschub noch Rückzugsmöglichkeiten nach Jugoslawien hatten. Im August erfolgte der Generalangriff der griechischen Nationalarmee. Die Partisanen wurden vernichtend geschlagen. Etwa 100.000 Partisanenkämpfer flohen mit ihren Familien nach Albanien und in andere sozialistische Länder.

Der griechische Bürgerkrieg wurde von der internationalen Öffentlichkeit kaum beachtet. Griechenland war nach dem Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Bürgerkrieg am Boden zerstört. Mit dem Marshall-Plan wollten die USA das Land wieder aufbauen. Das meiste Geld verschlangen aber der Krieg und die Versorgung der Flüchtlinge, sodass wenige Mittel übrig blieben, um den Aufbau des Landes voranzutreiben. Hinzu kamen Fehlplanungen der USA bezüglich der notwendigen Maßnahmen und die individuelle Bereicherung mancher griechischer Politiker. Insgesamt erhielt Griechenland damals Hilfsgelder in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar.

Während des Bürgerkrieges wurde ein repressiver Staatsapparat aufgebaut, der das Ziel hatte, jede demokratische Bewegung zu eliminieren. Tausende wurden verhaftet und auf die Verbannungsinseln deportiert. Die Zeit war geprägt von Zensur, Todesurteilen der Militärgerichte gegen Linksgerichtete, Schikanen und Terror.

Steinerne Jahre 1950–1967

In den Jahren nach dem Bürgerkrieg suchte Griechenland außenpolitisch den Anschluss an die westliche Staatengemeinschaft. 1952 wurde das Land NATO-Mitglied. Es wurde der Versuch unternommen, einen Pakt mit Jugoslawien und der Türkei zu schließen, um die Lage im südosteuropäischen Raum zu stabilisieren. Dieser Versuch schlug später aufgrund des Zypern-Konflikts fehl. Die wirtschaftliche Situation war nach wie vor problematisch, und die griechischen Regierungen ersuchten Finanzhilfen zuerst in den USA und später in der Bundesrepublik Deutschland. Innenpolitisch wird die Zeit bis Ende der 1960er Jahre als die "steinerne Zeit" bezeichnet. Dem Anschein nach hatte das Land eine parlamentarische Demokratie, tatsächlich herrschte ein totalitäres System. Militär, Polizei, Gendarmerie, Miliz, Justiz und Geheimdienste arbeiteten eng zusammen und bildeten einen im Untergrund agierenden "Nebenstaat" (Parakratos). Diese Strukturen waren der parlamentarischen und öffentlichen Kontrolle entzogen, hatten keinerlei Rechenschaftspflichten und arbeiteten eng mit den Sicherheitskräften zusammen.

1951 wurde die EDA (Vereinigte Griechische Linke) gegründet, die anfangs von der mittlerweile verbotenen KPG kontrolliert wurde, später aber eine eigenständige Linie verfolgte. Die EDA war zeitweilig die zweitstärkste politische Kraft im Land. Nach dem Tod von Premierminister Papagos (1952–1955) wurde 1955 die ERE (Nationale Radikale Union) unter dem konservativen Politiker Konstantin Karamanlis gegründet. Es war die Zeit des Kalten Krieges, und es galt, die Macht um jeden Preis zu erhalten. Auch vor der Manipulation von Parlamentswahlen wurde nicht zurückgeschreckt (so beispielsweise bei den Wahlen 1961).

Mit Beginn des Bürgerkrieges hatte in Griechenland die Landflucht eingesetzt. Sie verstärkte sich in den 1950er Jahren, was vor allem Athen vor eine große Herausforderung stellte. Es kam zu einem planlosen Bauboom in der Stadt. Die ländliche Bevölkerung hatte kaum Arbeit, und viele lebten in Armut. Als schließlich in Australien und in der Bundesrepublik Deutschland Arbeitskräfte gesucht wurden, verließen Hunderttausende das Land.

1961 wurde in Griechenland von Georgios Papandreou eine neue Partei gegründet, die liberale EK (Zentrumsunion), die binnen Kurzem die EDA als größte Oppositionspartei ablöste. Im Februar 1964 gewann Papandreou die Wahlen und leitete demokratische Reformen ein. Politische Gefangene aus der Zeit des Bürgerkrieges wurden freigelassen. Sein Kontrahent Karamanlis ging freiwillig ins Exil nach Paris. Er hatte sich zuvor mit dem Hof überworfen, der größeren Einfluss auf die Politik Griechenlands einforderte.

Militärdiktatur 1967–1974

Die politische Entwicklung unter Papandreou gefährdete die Interessen des Hofs, des Militärs und des Parakratos. Im Juli 1965 wurde Papandreous Regierung gestürzt. Einige Abgeordnete des Koalitionspartners, der Zentrumsunion, überwarfen sich mit Papandreou und verließen die Partei, sodass er keine Mehrheit mehr hatte. Es folgten zwei unruhige Jahre mit Massenprotesten und Demonstrationen gegen den König und das rechte politische Lager. Für Mai 1967 waren Wahlen geplant. Diesen Wahlen kam im April der Putsch der Obristen unter Georgios Papadopoulos zuvor. Die Obristen hatten alle überrascht, da niemand mit einem Putsch rechnete. Viele (linke wie auch rechte) Demokraten wurden unter Arrest gestellt, eingesperrt oder verbannt. Die folgende Militärjunta wies alle Merkmale einer Diktatur auf: Zensur, Bespitzelung, Unterdrückung, willkürliche Verhaftungen, manipulierte Prozesse, Folter oder Verfolgung von Andersdenkenden. Einige Monate später versuchte der König vergeblich mithilfe einiger Offiziere, die Militärjunta zu stürzen. Im Dezember verließ auch er Griechenland und floh ins Ausland. Das war de facto das Ende der Monarchie in Griechenland.

Angesichts des zunehmenden Drucks aus dem europäischen Ausland leitete der Chef der Junta, Papadopoulos, einige Jahre später kleine Liberalisierungsmaßnahmen in die Wege. Doch nicht alle Regimeangehörige unterstützten diesen Kurs: Dimitrios Ioannidis, der Chef der Militärpolizei und der heimliche starke Mann der Junta, organisierte einen internen Putsch und stürzte Papadopoulos.

Schon unter Papadopoulos kam es wegen des Festlandsockels und des Luftraumes über der Ägäis zu Spannungen mit der Türkei. Um von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, plante nun die neue Führung der Junta einen Putsch gegen den Präsidenten Zyperns, Erzbischof Makarios III., weil er den Widerstand gegen die Junta unterstützt hatte. Außerdem hoffte Ioannidis doch noch den Anschluss Zyperns an Griechenland durchzusetzen. Im Juli 1974 kam es zum Putsch gegen Makarios.

Diesen Putsch nahm die türkische Regierung wiederum zum Anlass, um auf Zypern zu intervenieren, offiziell um die türkisch-zypriotische Minderheit zu schützen und den Status quo ante wiederherzustellen. Militärische Einheiten landeten im nördlichen Teil Zyperns und besetzten 36 Prozent der Insel. Etwa 200.000 Menschen mussten aus dem nördlichen Teil in den Süden Zyperns fliehen. Umgekehrt verließ die türkisch-zypriotische Bevölkerung den südlichen Teil und ging nach Norden.

Die Invasion der Türkei auf Zypern führte in Griechenland zum Sturz der Junta. Karamanlis kam im Juli 1974 aus Paris nach Athen zurück. Im November fanden Parlamentswahlen statt, bei der auch die KPG zugelassen wurde. Karamanlis gewann die Wahlen mit absoluter Mehrheit. Ein Referendum entschied über die Monarchie: 70 Prozent der Bevölkerung stimmten gegen die Monarchie, die damit auch de jure abgeschafft wurde. Karamanlis regierte bis 1981 und betrieb den Anschluss Griechenlands an die EG. Ihn löste Andreas Papandreou mit seiner sozialistischen Partei PASOK ab. Seitdem wechselten sich die Konservativen und die Sozialisten in der Regierung ab.

Mit dem Beitritt zur heutigen EU wurde auch Brüssel zu einem Akteur in der griechischen Politik – umgekehrt hatten und haben die politischen Entwicklungen in Griechenland nun auch direkte Auswirkungen auf die europäischen Nachbarn.

Fußnoten

4.
Vgl. Heinz A. Richter, Griechenland 1940–1950. Die Zeit der Bürgerkriege, Ruhpolding 2012.