Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Loukas Lymperopoulos

Kurze Geschichte Neugriechenlands

Im Jahr 1453 fiel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches Konstantinopel an die Osmanen. Damit geriet Griechenland unter eine jahrhundertelange osmanische Herrschaft. Der Befreiungskampf der Griechen begann 1821 auf der Peloponnes.[1] Während des Befreiungskampfes kam es zu einem innergriechischen Konflikt zwischen den Großgrundbesitzern (die an ihren Privilegien festhalten wollten) und denjenigen, die Reformen anstrebten. Er steigerte sich zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die beinahe zum Scheitern des Befreiungskampfes führten. Erst als eine vereinigte britisch-russisch-französische Flotte die osmanisch-ägyptische Flotte in der Seeschlacht von Navarino schlug (1827), konnte der Befreiungskampf erfolgreich beendet werden. Der griechische Staat wurde 1830 gegründet. Das Gebiet umfasste etwa ein Drittel des heutigen Griechenlands (Südgriechenland und einige Inseln in der Ägäis). Die Bevölkerung betrug knapp eine Million. Nach den Jahren des Krieges war die Lage katastrophal: Die Infrastruktur war zerstört, die Großgrundbesitzer hatten sich den größten Teil des nationalisierten osmanischen Landbesitzes angeeignet, die Bauern lebten in Armut, die finanzielle Abhängigkeit vom Ausland war sehr groß und die politischen Parteien waren hoffnungslos zerstritten.

Obwohl die Griechen eine Republik errichten wollten, oktroyierten Großbritannien, Frankreich und Russland dem Land eine Monarchie. Otto von Wittelsbach, der zweite Sohn des bayrischen Königs Ludwig I., ein begeisterter Philhellene, wurde König. 1833 kam der 17-jährige Otto nach Griechenland und regierte es absolutistisch. Zehn Jahre nach seiner Ankunft in Athen kam es zu einer ersten Revolte gegen ihn. Er wurde gezwungen, eine Verfassung zu akzeptieren. Die Situation wurde in den nächsten Jahren zunehmend schwieriger: Einerseits nahmen die inneren Konflikte zu, andererseits fiel der König in Großbritannien in Ungnade, als er während des Krimkrieges gegen britische Interessen handelte und Russland unterstützte – in der Hoffnung, territoriale Gewinne für Griechenland zu erzielen. Er wurde 1862 zur Abdankung gezwungen und kehrte nach Bayern zurück.

Der neue König, der 17-jährige Georg I., kam aus dem deutsch-dänischen Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg und war ein Wunschkandidat Großbritanniens. Er wurde 1863 der zweite König Griechenlands. Aus diesem Anlass "schenkte" Großbritannien Griechenland die Ionischen Inseln (Korfu und die Inseln südlich davon). Die Glücksburg-Dynastie herrschte mit einigen Unterbrechungen bis 1974. Georg I. war Garant britischer Interessen in Griechenland. Um die Verfassung kümmerte er sich wenig. Minderheitskabinette stellten die Regierung. Eine Reihe politischer und wirtschaftlicher Skandale des Hofes führten zu Massenprotesten, weshalb Griechenland 1875 zur konstitutionellen Monarchie wurde; die Regierung bildete nun die größere Partei, und der König musste die Verfassung respektieren. Aus den vielen kleinen politischen Gruppen wurden zwei große Parteien gebildet: Die eine vertrat das feudal-konservative Lager, die andere das bürgerlich-liberale.

Die Außenpolitik Griechenlands wurde im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt von der Megali Idea, dem Traum von der Wiedererrichtung von Teilen des byzantinischen Reiches. Doch Griechenland war zu schwach, um diesen Traum allein zu realisieren, und brauchte die Unterstützung der britischen Schutzmacht. 1881 erhielt Griechenland durch die Konvention von Konstantinopel (ein Vertrag zwischen dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Russland und dem Osmanischen Reich) die Region Thessalien (Zentralgriechenland), und ein Teil des Südepirus, der bisher osmanisch war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts suchte Griechenland verstärkt Anschluss an Europa. Unter dem liberalen Ministerpräsidenten Charilaos Trikoupis machte das Land erste Versuche, eine bescheidene Industrie aufzubauen. Vor allem in den Bergbau von Lavrion in der Nähe von Kap Sounion wurde investiert. Der Kanal von Korinth wurde gebaut, damit verkürzte sich der Seeweg nach Italien erheblich. Die Eisenbahnverbindung zwischen Athen und Piräus wurde in Betrieb genommen. Vor allem bemühte Trikoupis sich, die Verwaltung zu reformieren und den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben. Doch gelang es ihm nicht, gegen die mächtigen Großgrundbesitzer eine Landreform durchzusetzen. Um seine Reformen umzusetzen, musste er Kredite aufnehmen. Um diese zu bedienen, musste er wiederum neue Kredite aufnehmen, was 1893 zum Staatsbankrott und einem anschließenden Machtwechsel führte. Die nun regierenden Konservativen führten 1897 einen erfolglosen Krieg gegen das Osmanische Reich, dessen Folgen für Griechenland katastrophal waren: Zu den bereits vorhandenen Staatsschulden kamen Reparationszahlungen an das Osmanische Reich hinzu. Die Großmächte setzten eine Kommission ein, welche die Finanzen des griechischen Staates kontrollierte. Das wirtschaftliche Elend löste eine Auswanderungswelle aus: 200.000 Griechinnen und Griechen (bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Millionen Einwohnern) wanderten in die USA aus.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden auch auf Kreta wiederholt Aufstände gegen die Osmanische Herrschaft statt. Diese Kämpfe führten dazu, dass Kreta Ende der 1890er Jahre autonom wurde. Daneben kam es im osmanisch kontrollierten Makedonien zu Aufständen der Griechen, die allerdings aufgrund der dort herrschenden Rivalität mit den Bulgaren nicht zur Autonomie führten. Immer wieder entzündeten sich zwischen griechischen und bulgarischen Freischärlern erbitterte Partisanenkämpfe.

Erster Weltkrieg

1909 ereignete sich im Athener Vorort Goudi ein Aufstand jüngerer Offiziere gegen die Allmacht des Monarchen.[2] Eleftherios Venizelos, der sich bereits bei den Aufständen auf Kreta einen Namen gemacht hatte, wurde als Ministerpräsident eingesetzt. Er wollte einen modernen europäischen Staat errichten und leitete Reformen ein. Außenpolitisch beabsichtigte er, die Gebiete, die noch unter osmanischer Herrschaft standen, zu befreien und Griechenland anzuschließen. Es kam zu einer Militärallianz zwischen Griechenland, Serbien, Montenegro und Bulgarien gegen das Osmanische Reich. Aus diesem ersten Balkankrieg 1912 ging die Allianz als Siegerin hervor. Auf der Friedenskonferenz von London am 30. Mai 1913 wurden Epirus (Nordwestgriechenland) und viele Inseln in der Ägäis Griechenland zugesprochen. Doch die bulgarischen Expansionspläne wurden mit dem Ausgang des Krieges nicht befriedigt. Es kam zum zweiten Balkankrieg zwischen Bulgarien auf der einen Seite sowie Griechenland und Serbien auf der anderen Seite. Durch den Friedensschluss von Bukarest am 10. August 1913 gewann Griechenland Teile Makedoniens mit Thessaloniki. Damit hatte sich die Fläche Griechenlands verdoppelt und die Bevölkerung stieg von 2,8 auf 5 Millionen.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich auf der Seite Deutschlands gegen die Entente. In Griechenland regierte Konstantin I., der mit Sophie, einer Schwester des deutschen Kaisers Wilhelm II., verheiratet war. Konstantin I. war im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht probritisch, sondern prodeutsch. Ministerpräsident Venizelos wollte Griechenland jedoch an der Seite der Entente in den Krieg führen, da er von ihrem Sieg überzeugt war. Es kam zum Konflikt zwischen dem König und dem Ministerpräsidenten, zwischen den Royalisten und den Republikanern, der das Land auch noch Jahrzehnte später in zwei verfeindete Lager spaltete. Venizelos bildete 1916 eine neue Regierung in Saloniki. Großbritannien und Frankreich intervenierten, und Konstantin wurde gezwungen, 1918 ins Exil zu gehen.

Im Friedensvertrag von Sèvres (1920) erhielt Griechenland weitere Gebiete in den nördlichen Regionen: Ostthrakien bis vor die Tore von Konstantinopel und die Inseln Imbros und Tenedos in der Ostägäis. Der Vertrag übertrug Griechenland auch die Verwaltung von Smyrna (heute Izmir) und Umgebung. Das Gebiet blieb aber osmanisches Hoheitsgebiet. Nach fünf Jahren sollten die Einwohner sich per Volksabstimmung für oder gegen den Anschluss an Griechenland entscheiden. Griechische Militäreinheiten landeten mit Billigung der Entente in Smyrna und sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Die griechische Seite sah die Chance gekommen, den Traum von der Megali Idea zu verwirklichen, und begann einen Expansionskrieg gegen das Osmanische Reich.

Das osmanische Heer unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk konnte den griechischen Vormarsch auf Ankara stoppen. Unterstützt wurde es von den ehemaligen Verbündeten Griechenlands (Frankreich, Italien), die eigene wirtschaftliche Ziele in Anatolien verfolgten. Nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland hatte die Entente zudem Bedenken, dass die Kommunisten eine Expansionspolitik betreiben würden, weswegen sie die heutige Türkei unterstützten. Das griechische Heer wurde vernichtend geschlagen und kehrte 1922 nach Griechenland zurück.

Im Friedensvertrag von Lausanne 1923 verlor Griechenland Ostthrakien und die Inseln Imbros und Tenedos wieder. Außerdem wurde ein Bevölkerungsaustausch vereinbart, der aber rasch zu einer Zwangsvertreibung wurde: 1,5 Millionen Griechen (in erster Linie Christen) verließen die Türkei und gingen nach Griechenland; umgekehrt verließen 500.000 Türken (in erster Linie Muslime) Griechenland und gingen in die Türkei. Griechenland hatte zu dieser Zeit sechs Millionen Einwohner. Über Nacht wuchs die Bevölkerung auf 7,5 Millionen. Vom Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren die Griechen in Istanbul und die Türken in Thrakien. (Die 130.000 Griechen Istanbuls bildeten damals das wirtschaftliche Rückgrat der Türkei, weshalb die türkische Regierung nicht auf sie verzichten wollte. Die Türken in Thrakien waren völkerrechtlich betrachtet die "Geiseln" für die Sicherheit der ersteren.) Der Krieg gegen die Türkei (1920–1922) und dessen Folgen gingen in die Geschichte Griechenlands als die "kleinasiatische Katastrophe" ein. Zu den 1,5 Millionen Vertriebenen müssen noch etwa 750.000 Menschen gezählt werden, die bei den Kämpfen zwischen 1912 und 1923 umkamen. Eine fast 3000-jährige Geschichte in Kleinasien war zu Ende.

Nach dem Ersten Weltkrieg begannen auch in Griechenland soziale Unruhen. 1924 wurde die Kommunistische Partei Griechenlands (KPG) gegründet. In der Zeit von 1924 bis 1936 herrschte große politische Instabilität. Die Republik wurde ausgerufen, der neue König, Georg II., ging freiwillig ins Exil nach London, wo er sich mit dem britischen Premierminister Winston Churchill anfreundete. In dieser Zeit gab es elf verschiedene Regierungen, zwei Militärputsche und viele Putschversuche. Die Royalisten und die Republikaner standen sich unversöhnlich gegenüber. Für etwas Stabilität sorgte die Regierung Venizelos von 1928 bis 1932. Es kam sogar zu einer Annäherung an die Türkei.

1933 kam eine royalistische Regierung an die Macht. 1935 sorgte diese durch ein manipuliertes Plebiszit dafür, dass Georg II. wieder nach Griechenland zurückkehren konnte. Im Januar 1936 fanden Wahlen statt, die zu einer Pattsituation zwischen den Royalisten und den Republikanern führten. Das Zünglein an der Waage bildete die kommunistisch kontrollierte Volksfront, mit der beide Seiten verhandelten. Als sich eine Lösung abzeichnete (es deutete sich eine Koalition zwischen der Volksfront und den Liberalen an) führte General Ioannis Metaxas am 4. August 1936 mit Billigung von Georg II. einen Staatsstreich durch. Diesen Verfassungsbruch verzieh das griechische Volk seinem Monarchen nie. In Griechenland herrschte nun ein totalitäres politisches System, charakterisiert durch Zensur, Folter, Verhaftungen, Verbannungen auf einsame Inseln oder Gesinnungserklärungen, die von der Staatsmacht eingefordert wurden. Metaxas war ein Anhänger des Faschismus und ein Bewunderer von totalitären Systemen. Da er und der König "Ko-Diktatoren" waren, spricht man in Griechenland auch vom Monarchofaschismus dieser Zeit. Außenpolitisch betrieb Metaxas einen Balanceakt zwischen Großbritannien und NS-Deutschland: Einerseits bewunderte er den deutschen Faschismus, andererseits wusste er, dass Griechenland im britischen Einflussbereich lag und von der Schutzmacht abhängig war.

Zweiter Weltkrieg

Der italienische Faschist Benito Mussolini betrachtete den südosteuropäischen Raum als sein Einflussgebiet.[3] Im Frühjahr 1939 besetzte er Albanien; zur selben Zeit garantierten Großbritannien und Frankreich die Unabhängigkeit von einigen europäischen Staaten (darunter Griechenland). Da Mussolini wusste, dass Italien auf einen Krieg mit Großbritannien nicht vorbereitet war, blieb Italien bis kurz vor Ende des deutschen Frankreich-Feldzuges 1940 neutral und überfiel Griechenland schließlich am 28. Oktober 1940. Damit begann für Griechenland der Zweite Weltkrieg. Entgegen allen Einschätzungen konnte das griechische Heer den Angriff abwehren und die italienischen Streitkräfte nach Albanien zurückdrängen. Für Hitler, der zu dieser Zeit bereits den Krieg gegen die Sowjetunion plante, entstand eine neue Situation: Die Briten konnten nun von Griechenland aus die Ölfelder in Rumänien bombardieren und den deutschen Vormarsch bedrohen. Daher beschloss er, Griechenland anzugreifen.

Im April 1941 marschierte die Wehrmacht in Griechenland ein. Im Mai erfolgte die Besetzung Kretas durch Fallschirm- und Gebirgsjäger der Wehrmacht. Der griechische König und die Regierung flohen zuerst nach Ägypten und später nach London, wo sich die griechische Exilregierung in den darauffolgenden Jahren aufhielt. Griechenland wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt: Italien besetzte den größten Teil Griechenlands, Bulgarien als Satellitenstaat der Nationalsozialisten Nordostgriechenland und die Wehrmacht einige wenige strategisch wichtige Gebiete. Der erste Winter (1941/1942) war für die Bevölkerung besonders hart; Schätzungen zufolge sollen bis zu 95.000 Menschen erfroren und verhungert sein.

Innerhalb der griechischen Gesellschaft organisierte sich Widerstand, der ausschließlich republikanisch orientiert war. Im Wesentlichen gab es zwei große Widerstandsgruppen: Die EAM (Nationale Befreiungsfront) war links gerichtet und ein Sammelbecken von Kommunisten, Sozialisten, Liberalen, Republikanern und Gewerkschaftlern. Sie hatte versucht, eine Basisdemokratie einzuführen, und investierte in den Aufbau von Strukturen in den Bereichen Bildung, Kultur und Gerichtsbarkeit. Gleichzeitig versuchte sie, den Widerstand zu monopolisieren, indem sie beispielsweise andere, ebenfalls republikanisch ausgerichtete Widerstandsgruppen wie die EKKA (Nationale und Soziale Befreiung) liquidierte. Der militärische Arm der EAM war die ELAS (Volksbefreiungsarmee).

Die zweite große Widerstandsgruppe war die EDES (Nationale Republikanische Liga), die anfangs zwar auch republikanisch ausgerichtet war, später aber unter britischem Einfluss royalistisch wurde. Gegen den Versuch der EAM, den Widerstand zu monopolisieren, wehrte sich die EDES, indem sie im Winter 1943 einen Nichtangriffspakt mit der Wehrmacht schloss, der bis Frühsommer 1944 eingehalten wurde. Der militärische Zusammenstoß zwischen EDES und ELAS im Winter 1943 war gewissermaßen die erste Runde des bevorstehenden innergriechischen Bürgerkrieges.

Bis etwa September 1943 richteten sich die Angriffe der Partisanen primär gegen die italienische Besatzungsmacht. Nach der italienischen Kapitulation im Sommer 1943 übernahm die Wehrmacht die Kontrolle über die bislang italienisch besetzten Gebiete. Das folgende Jahr war geprägt von Angriffen der ELAS auf die Besatzungsmacht. Repressalien und Gräueltaten der Wehrmacht und der SS gegen die griechische Bevölkerung bestimmten den Alltag. Es gab Tausende Todesopfer. 81 Prozent der griechischen Juden wurden in Vernichtungslagern in Polen ermordet.

Im März 1944 wurden von der EAM in den von ihr kontrollierten Gebieten freie Wahlen organisiert. Daraus ging die PEEA (Nationales Komitee der Nationalen Befreiung) hervor, welche die Interessen des linken Widerstandes vertrat. Da abzusehen war, dass der Zweite Weltkrieg bald zu Ende sein würde, wurden Pläne für die Nachkriegszeit geschmiedet. Großbritannien hatte bereits während der Besatzungszeit britische Offiziere nach Griechenland geschickt – offiziell um den Widerstand zu koordinieren, inoffiziell aber, um ihn zu kontrollieren. Im Frühjahr 1944 trafen sich alle Vertreter des griechischen politischen Spektrums, auch der Widerstandsbewegungen, im Libanon und beschlossen, nach dem Abzug der Wehrmacht eine Übergangsregierung zu bilden und danach freie Wahlen abzuhalten. Bei den Verhandlungen erwies sich der probritische Politiker Giorgos Papandreou als besonders geschickter Taktiker, weshalb er wenig später Ministerpräsident der Übergangsregierung wurde.

Britische Intervention im Dezember 1944

Churchill hatte die Entwicklung in Griechenland genau verfolgt. Da er Griechenland als wichtiges Glied zur Sicherung des Seewegs nach Indien betrachtete, musste das Land auch nach dem Krieg im britischen Einflussbereich gehalten werden. Dazu war in seinen Augen die Restauration der Monarchie notwendig. Er wusste, dass der Widerstand gegen die Nationalsozialisten republikanisch orientiert war und sich dagegen wehren würde. Daher bereitete er seit Sommer 1943 eine bewaffnete Intervention vor. Um einer Konfrontation mit Stalin aus dem Weg zu gehen, schloss er im Oktober 1944 das berüchtigte Prozentabkommen ab, das ihm freie Hand in Griechenland gab. Im Gegenzug bekam Stalin entsprechenden Einfluss in den osteuropäischen Ländern.

Im Oktober 1944 zog sich die Wehrmacht aus Griechenland zurück. Die Übergangsregierung kehrte zurück und übernahm die Regierungsarbeit. Bald kam es zu Meinungsverschiedenheiten über die Entwaffnung der Partisanenverbände. Die Linke war zwar kompromissbereit, bestand aber auf einer gleichzeitigen Entwaffnung aller bewaffneten Einheiten. Als einige Minister der Linken den Fehler machten, zurückzutreten, ging die Initiative auf die griechische Rechte über, wodurch sie de facto freie Hand hatte. Als am 3. Dezember die Athener Polizei eine unbewaffnete Demonstration blutig auflöste, begann der Bürgerkrieg, der etwa einen Monat dauerte. Das war die zweite Runde des Bürgerkrieges.

Nach wenigen Tagen mischten sich auch britische Soldaten in die Kämpfe ein. Das Ziel war die Zerschlagung der linken Résistance. Im Februar 1945 wurde in dem Athener Vorort Varkiza ein Friedensabkommen zwischen den beiden Lagern unterschrieben. Es sah die Entwaffnung aller, eine Amnestie und freie Wahlen vor. Wäre dieses Abkommen eingehalten worden, wäre Griechenland viel Elend erspart geblieben. Doch die Zeit danach war vom sogenannten weißen Terror geprägt: Das royalistische Lager übernahm die Staatsmacht – die Royalisten waren vor allem bei der Polizei, der Gendarmerie, dem Militär und in der Politik vertreten – und machte Jagd auf Linke, Liberale, Republikaner und ehemalige Widerstandskämpfer. Andersdenkende wurden verfolgt.

Bürgerkrieg 1946–1949

Im März 1946 fanden in Griechenland Wahlen statt. Die Linke boykottierte sie, weil es sich ihrer Meinung nach nicht um freie Wahlen handelte. Das war ein schwerer politischer Fehler, weil die Linke etwa ein Drittel der Parlamentssitze bekommen hätte – und der anschließende Bürgerkrieg vielleicht hätte vermieden werden können. Im September fand eine Volksabstimmung über die Rückkehr des Königs statt, die manipuliert wurde. Georg II. kam nach Athen zurück. Seine Person und Machtbesessenheit hatten die griechische Gesellschaft bereits im Vorfeld seiner Rückkehr stark polarisiert.

Im März 1946 griff eine linke Partisanengruppe eine Polizeistation in Nordgriechenland an; das war der Beginn der dritten Runde des Bürgerkrieges. Sie dauerte bis Ende August 1949. Dieses Mal standen sich die Royalisten und die Kommunisten gegenüber. Anführer der Kommunisten war der Generalsekretär der KPG Nikolaos Zachariadis. Er wurde in Adrianopel (das heutige Edirne in der Türkei) geboren, kam als junger Mann nach Griechenland und wurde später in der Sowjetunion geschult. Als er nach Athen zurückkehrte, wurde er Generalsekretär der KPG, weshalb er während der Diktatur von Metaxas im Gefängnis saß und während der Besatzungszeit im Konzentrationslager in Dachau interniert war. Nach der Befreiung kam er nach Griechenland zurück und übernahm erneut die Führung der KPG.[4] Die KPG stand während des Bürgerkrieges auf verlorenem Posten. Die Partisanen bekamen ihre Waffen vom damaligen Jugoslawien. Es waren ehemalige Waffenbestände der Wehrmacht, die sie auf ihrem Rückzug nach Deutschland zurückgelassen hatte. Hinzu kamen katastrophale Fehler der KPG-Führung: Zachariadis entließ die erfahrenen militärischen Kämpfer aus der Zeit der Résistance und ersetzte sie durch Politkommissare. Wenn er sich auf die Guerillataktik beschränkt hätte, wäre es für die reguläre Armee nicht einfach gewesen, den Sieg zu erringen. Er aber suchte die frontale Auseinandersetzung, obwohl seine Armee der royalistischen Armee gegenüber personell und materiell weit unterlegen war.

Zwischenzeitlich hatte sich Großbritannien 1947 mangels Finanzmitteln aus Griechenland zurückgezogen. Die USA übernahmen jetzt die Rolle der "Schutzmacht". Mit der Truman-Doktrin (1947) sollten alle Länder unterstützt werden, die vom Kommunismus bedroht waren. Zwar nahmen keine US-Soldaten am Kriegsgeschehen teil, aber die USA schickten Militärberater und Kriegsmaterial nach Athen.

1948 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Josip Broz Tito (damaliger Ministerpräsident Jugoslawiens) und Stalin, was auch die KPG-Führung in Griechenland in ein Dilemma brachte: Einerseits bestand diese aus Anhängern Stalins, andererseits war sie auf die Hilfen von Tito angewiesen. Hinzu kam das Problem mit Makedonien, da die slawophonen Partisanen einen unabhängigen makedonischen Staat gründen wollten. Zachariadis geriet zwischen alle Fronten und versuchte zu lavieren. Im Sommer 1949 schließlich ließ Tito die Grenze nach Griechenland schließen, sodass die Partisanen weder Nachschub noch Rückzugsmöglichkeiten nach Jugoslawien hatten. Im August erfolgte der Generalangriff der griechischen Nationalarmee. Die Partisanen wurden vernichtend geschlagen. Etwa 100.000 Partisanenkämpfer flohen mit ihren Familien nach Albanien und in andere sozialistische Länder.

Der griechische Bürgerkrieg wurde von der internationalen Öffentlichkeit kaum beachtet. Griechenland war nach dem Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Bürgerkrieg am Boden zerstört. Mit dem Marshall-Plan wollten die USA das Land wieder aufbauen. Das meiste Geld verschlangen aber der Krieg und die Versorgung der Flüchtlinge, sodass wenige Mittel übrig blieben, um den Aufbau des Landes voranzutreiben. Hinzu kamen Fehlplanungen der USA bezüglich der notwendigen Maßnahmen und die individuelle Bereicherung mancher griechischer Politiker. Insgesamt erhielt Griechenland damals Hilfsgelder in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar.

Während des Bürgerkrieges wurde ein repressiver Staatsapparat aufgebaut, der das Ziel hatte, jede demokratische Bewegung zu eliminieren. Tausende wurden verhaftet und auf die Verbannungsinseln deportiert. Die Zeit war geprägt von Zensur, Todesurteilen der Militärgerichte gegen Linksgerichtete, Schikanen und Terror.

Steinerne Jahre 1950–1967

In den Jahren nach dem Bürgerkrieg suchte Griechenland außenpolitisch den Anschluss an die westliche Staatengemeinschaft. 1952 wurde das Land NATO-Mitglied. Es wurde der Versuch unternommen, einen Pakt mit Jugoslawien und der Türkei zu schließen, um die Lage im südosteuropäischen Raum zu stabilisieren. Dieser Versuch schlug später aufgrund des Zypern-Konflikts fehl. Die wirtschaftliche Situation war nach wie vor problematisch, und die griechischen Regierungen ersuchten Finanzhilfen zuerst in den USA und später in der Bundesrepublik Deutschland. Innenpolitisch wird die Zeit bis Ende der 1960er Jahre als die "steinerne Zeit" bezeichnet. Dem Anschein nach hatte das Land eine parlamentarische Demokratie, tatsächlich herrschte ein totalitäres System. Militär, Polizei, Gendarmerie, Miliz, Justiz und Geheimdienste arbeiteten eng zusammen und bildeten einen im Untergrund agierenden "Nebenstaat" (Parakratos). Diese Strukturen waren der parlamentarischen und öffentlichen Kontrolle entzogen, hatten keinerlei Rechenschaftspflichten und arbeiteten eng mit den Sicherheitskräften zusammen.

1951 wurde die EDA (Vereinigte Griechische Linke) gegründet, die anfangs von der mittlerweile verbotenen KPG kontrolliert wurde, später aber eine eigenständige Linie verfolgte. Die EDA war zeitweilig die zweitstärkste politische Kraft im Land. Nach dem Tod von Premierminister Papagos (1952–1955) wurde 1955 die ERE (Nationale Radikale Union) unter dem konservativen Politiker Konstantin Karamanlis gegründet. Es war die Zeit des Kalten Krieges, und es galt, die Macht um jeden Preis zu erhalten. Auch vor der Manipulation von Parlamentswahlen wurde nicht zurückgeschreckt (so beispielsweise bei den Wahlen 1961).

Mit Beginn des Bürgerkrieges hatte in Griechenland die Landflucht eingesetzt. Sie verstärkte sich in den 1950er Jahren, was vor allem Athen vor eine große Herausforderung stellte. Es kam zu einem planlosen Bauboom in der Stadt. Die ländliche Bevölkerung hatte kaum Arbeit, und viele lebten in Armut. Als schließlich in Australien und in der Bundesrepublik Deutschland Arbeitskräfte gesucht wurden, verließen Hunderttausende das Land.

1961 wurde in Griechenland von Georgios Papandreou eine neue Partei gegründet, die liberale EK (Zentrumsunion), die binnen Kurzem die EDA als größte Oppositionspartei ablöste. Im Februar 1964 gewann Papandreou die Wahlen und leitete demokratische Reformen ein. Politische Gefangene aus der Zeit des Bürgerkrieges wurden freigelassen. Sein Kontrahent Karamanlis ging freiwillig ins Exil nach Paris. Er hatte sich zuvor mit dem Hof überworfen, der größeren Einfluss auf die Politik Griechenlands einforderte.

Militärdiktatur 1967–1974

Die politische Entwicklung unter Papandreou gefährdete die Interessen des Hofs, des Militärs und des Parakratos. Im Juli 1965 wurde Papandreous Regierung gestürzt. Einige Abgeordnete des Koalitionspartners, der Zentrumsunion, überwarfen sich mit Papandreou und verließen die Partei, sodass er keine Mehrheit mehr hatte. Es folgten zwei unruhige Jahre mit Massenprotesten und Demonstrationen gegen den König und das rechte politische Lager. Für Mai 1967 waren Wahlen geplant. Diesen Wahlen kam im April der Putsch der Obristen unter Georgios Papadopoulos zuvor. Die Obristen hatten alle überrascht, da niemand mit einem Putsch rechnete. Viele (linke wie auch rechte) Demokraten wurden unter Arrest gestellt, eingesperrt oder verbannt. Die folgende Militärjunta wies alle Merkmale einer Diktatur auf: Zensur, Bespitzelung, Unterdrückung, willkürliche Verhaftungen, manipulierte Prozesse, Folter oder Verfolgung von Andersdenkenden. Einige Monate später versuchte der König vergeblich mithilfe einiger Offiziere, die Militärjunta zu stürzen. Im Dezember verließ auch er Griechenland und floh ins Ausland. Das war de facto das Ende der Monarchie in Griechenland.

Angesichts des zunehmenden Drucks aus dem europäischen Ausland leitete der Chef der Junta, Papadopoulos, einige Jahre später kleine Liberalisierungsmaßnahmen in die Wege. Doch nicht alle Regimeangehörige unterstützten diesen Kurs: Dimitrios Ioannidis, der Chef der Militärpolizei und der heimliche starke Mann der Junta, organisierte einen internen Putsch und stürzte Papadopoulos.

Schon unter Papadopoulos kam es wegen des Festlandsockels und des Luftraumes über der Ägäis zu Spannungen mit der Türkei. Um von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, plante nun die neue Führung der Junta einen Putsch gegen den Präsidenten Zyperns, Erzbischof Makarios III., weil er den Widerstand gegen die Junta unterstützt hatte. Außerdem hoffte Ioannidis doch noch den Anschluss Zyperns an Griechenland durchzusetzen. Im Juli 1974 kam es zum Putsch gegen Makarios.

Diesen Putsch nahm die türkische Regierung wiederum zum Anlass, um auf Zypern zu intervenieren, offiziell um die türkisch-zypriotische Minderheit zu schützen und den Status quo ante wiederherzustellen. Militärische Einheiten landeten im nördlichen Teil Zyperns und besetzten 36 Prozent der Insel. Etwa 200.000 Menschen mussten aus dem nördlichen Teil in den Süden Zyperns fliehen. Umgekehrt verließ die türkisch-zypriotische Bevölkerung den südlichen Teil und ging nach Norden.

Die Invasion der Türkei auf Zypern führte in Griechenland zum Sturz der Junta. Karamanlis kam im Juli 1974 aus Paris nach Athen zurück. Im November fanden Parlamentswahlen statt, bei der auch die KPG zugelassen wurde. Karamanlis gewann die Wahlen mit absoluter Mehrheit. Ein Referendum entschied über die Monarchie: 70 Prozent der Bevölkerung stimmten gegen die Monarchie, die damit auch de jure abgeschafft wurde. Karamanlis regierte bis 1981 und betrieb den Anschluss Griechenlands an die EG. Ihn löste Andreas Papandreou mit seiner sozialistischen Partei PASOK ab. Seitdem wechselten sich die Konservativen und die Sozialisten in der Regierung ab.

Mit dem Beitritt zur heutigen EU wurde auch Brüssel zu einem Akteur in der griechischen Politik – umgekehrt hatten und haben die politischen Entwicklungen in Griechenland nun auch direkte Auswirkungen auf die europäischen Nachbarn.
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Fußnoten

1.
Vgl. Emanuel Turczynski, Sozial- und Kulturgeschichte Griechenlands im 19. Jahrhundert, Möhnesee 2003.
2.
Vgl. Heinz A. Richter, Griechenland im 20. Jahrhundert, Bd. 1, Köln 1989.
3.
Vgl. Hagen Fleischer, Im Kreuzschatten der Mächte, Bd. 1 und 2, Frankfurt/M. 1986; Heinz A. Richter, Griechenland im Zweiten Weltkrieg, Ruhpolding 20112.
4.
Vgl. Heinz A. Richter, Griechenland 1940–1950. Die Zeit der Bürgerkriege, Ruhpolding 2012.