Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Danae Coulmas

Von der Ungleichzeitigkeit der Kultur oder: das "schwierige Geschäft, Grieche zu sein"

Kultur als Widerstand

Griechenland befindet sich gegenwärtig in einer besonders schwierigen Lage. Armut und Arbeitslosigkeit steigen, die Abhängigkeit von ausländischen Krediten, die ohne korrigierende Maßnahmen zum wirtschaftlichen Aufbau gewährt werden, führt zu einem weitverbreiteten Unbehagen. Die verschuldete Klientelgesellschaft steht zweifellos vor einem Umbruch, der sich aber nicht so schnell vollziehen kann, wie es nötig wäre.

Währenddessen wächst das Aufbegehren gegen das "politische System" und die immer noch steuerflüchtigen ökonomischen "Oligarchen" innerhalb und außerhalb des Landes. Überhaupt: Schuldzuweisungen betreffen nicht nur die mysteriösen "Märkte" und die namentlichen Bewertungsagenturen, sondern auch sie selbst: Denker der Nation und Intellektuelle jeglicher politischer Couleur sprechen von nationaler Dekadenz, vom Niedergang, von einer humanen Katastrophe, in die man durch die globale hedonistische Konsumgier getrieben worden sei, und immer wieder vom Verfall der Werte.

In der Krise fällt das Moralisieren leicht – auch das ist kein ausschließlich griechisches Phänomen. Der Pessimismus treibt seit jeher in schweren Zeiten und mit den immer gleichen Begriffen seine bösen Blüten. Dabei kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass dieser Diskurs noch in seinen Anfängen steckt: Denn die Situation bleibt trotz glänzender und kontroverser Analysen unfassbar. Für die Wissenschaft von Interesse, für die Bevölkerung existenziell.

Griechenland und Deutschland

Zu den bösen Blüten der "Krise" gehören die getrübten Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland in breiten Schichten der Bevölkerung beider Länder. Die Animosität der Griechinnen und Griechen gegenüber ihrem – wichtigsten – Kreditgeber ist nicht allein auf dessen Politik zurückzuführen, auch wenn das Brüsseler Mnimonio (Memorandum) von einem großen Teil des politischen Spektrums infrage gestellt wird, wie die Ergebnisse der Parlamentswahlen im Mai und Juni 2012 deutlich zeigten. Sie liegt vielmehr in der Art und Weise begründet, wie diese Politik zum Ausdruck gebracht wird, und vor allem im Verhalten der Medien – insbesondere der deutschen.

Man muss hier darauf hinweisen, dass die deutsch-griechischen Beziehungen im Laufe der Zeit schon immer ungewöhnliche Höhepunkte und unerfreuliche, ja, fatale Tiefpunkte aufwiesen. Deutschland ist das Land, in dem sich in früheren Jahrhunderten der europäische Philhellenismus am stärksten entfaltete und das nach der Gründung des neugriechischen Staates den ersten "König der Griechen" stellte: Otto von Wittelsbach.[9] Trotz positiver Leistungen misslang sein Regieren aufgrund des Aufeinanderprallens zivilisatorischer und kultureller Gegensätze und wird auch heute noch Wawarokratia (Bayernherrschaft) genannt.

Das Pendel schlug auch im 20. Jahrhundert oft um. Zunächst in Richtung einer ernsthaften bilateralen Annäherung im Zeitraum zwischen den zwei Weltkriegen, von der die Griechen erheblich profitierten, unter anderem durch das Studium an deutschen Universitäten. Darauf folgten der Überfall der Nationalsozialisten auf Griechenland und die Besatzungszeit (1941–1944), die den radikalen Bruch jeglicher Beziehungen bedeuteten. Einige Jahrzehnte später gewährte die Bundesrepublik Deutschland den griechischen Demokraten ihre Unterstützung gegen das Militärregime (1967–1974): durch tägliche, in Griechenland gehörte, gegen die Junta gerichtete Sendungen der "Deutschen Welle" und durch konkrete Maßnahmen seitens der höchsten politischen Instanz und mit bleibender Wirkung – wie die Befreiung von Giorgos A. Mangakis[10] auf Druck der deutschen Regierung. Die Haltung der Bundesrepublik half, die vom Krieg herrührenden Ressentiments abzubauen. Es brach eine Zeit des Vertrauens an.

Heute hingegen bestimmen gegenseitige Animositäten die öffentliche Meinung in beiden Ländern. Griechischerseits macht sich Kritik – oftmals zusammenhanglos – an der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands fest, besonders in Karikaturen und im Kabarett. In Deutschland bedient man sich hierfür seltsamerweise der griechischen Antike: Die Akropolis wird in unsäglichen Erzeugnissen, schlimmer als ein Lord Elgin es je vermocht hat, bildlich zerstört, den Griechen wird der Verkauf des Parthenon angeraten.

Aber zur selben Zeit besinnen sich deutsche Autorinnen und Autoren auf Hellas als Inspirationsquelle und begriffliches Reservoir. So Günter Grass in seinem Gedicht über "Europas Schande"[11] – dem einige sein antikisierendes Engagement zum Vorwurf machten – und auch andere, die mit Nachdruck das antike Erbe Europas in den Vordergrund stellen[12] und sich gegenüber der – alten wie auch modernen – griechischen Kultur persönlich verpflichtet fühlen, wie Durs Grünbein es zum Ausdruck brachte.[13]

Rezeption Griechenlands und griechisches Bewusstsein

Die griechische Antike hat im abendländischen Raum eine grundlegende Bedeutung, die sich am deutlichsten in Deutschland manifestiert. Zunächst in der besonderen Tradition des Zu-den-Quellen-Gehens, womit wir nicht nur Martin Luther assoziieren, sondern die Beschäftigung der Deutschen vornehmlich mit Hellas. Dadurch wurden sie im Rahmen des deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert führend und vorbildhaft für Europa.[14] "Direkt zu den Quellen!" hieß nicht mit Vergil nach Rom, sondern mit Homer zu den Anfängen. Der Philhellenismus wurde später, zur Zeit des griechischen Befreiungskampfes im 19. Jahrhundert, zu einer regelrechten Bewegung, welche die breiten Massen erfasste und sich auch in anderen Ländern ausbreitete bis hin nach Russland und Amerika – man eilte an Ort und Stelle den bedrängten Griechen zu Hilfe, in der ersten Reihe die Deutschen.

Nicht so in der Zeit davor. Die Idealisierung von Hellas als "edle Einfalt und stille Größe", wie Johann Joachim Winckelmanns Satz über die griechische Kunst folgenreich lautete, erklärt vielleicht die ängstliche Ferne, die "Abstinenz" vom realen Griechenland: Während all die "Reisenden" nach Griechenland fuhren, blieben sie – Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Hölderlin und viele andere – dem Land ihrer Sehnsucht fern. Das tat nichts zur Sache, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die "Gräkomanie" zum tyrannischen Einfluss wurde:[15] Hellas blieb auch im 20. Jahrhundert ein Orientierungs- und Identifikationspunkt. Eine Position, die bei den Nationalsozialisten einen tragikomischen Zug erhielt: Sich im Rahmen ihrer rassistischen Arier-Ideologie als Nachkommen der alten Griechen propagierend, überboten sie sich zu Beginn der Besatzung gegenüber dem leidenden Volk an verbaler Freundlichkeit und Fraternisierungsgesten, bis sich Griechinnen und Griechen im bewaffneten Widerstand organisierten und die Deutschen mit Massakern an Zivilisten des "arischen" Volkes anfingen. Auch im Nachkriegsdeutschland blieb Hellas in der deutschsprachigen Literatur präsent, aus vielfältigen, teilweise auch politischen Motiven bei so bedeutenden Autorinnen und Autoren wie Christa Wolf und Heino Müller.

Die Griechen selbst erfahren ihr Verhältnis zur eigenen Antike naturgemäß als eine gegebene Zugehörigkeit, die sich aber im Laufe ihrer bewegten Geschichte mitunter als ambivalent erweist. Das Pendel schlägt auch hier große Bögen: mal als Legitimation eines in den 1920er Jahren aufkommenden, elitären Hellenozentrismus und einer mystischen Vision von Welterneuerung; mal als ein tief verankertes Gefühl von schwerer Bürde, so empfunden von einem der bedeutendsten Dichter der sogenannten Generation der 1930er Jahre und Nobelpreisträger für Literatur 1963, Giorgos Seferis: "Wer die schweren Steine trägt versinkt:/die Steine da ich hielt sie solang ich’s ertrug (…) Verwundet von meiner eigenen Erde/versengt von meinem eigenen Gewand."[16]

Und wieder schlug das Pendel um, als die Militärjunta – eine reine Usurpation der Macht, ohne Massenbasis, ohne Ideologie – den Ahnenkult bis zur Perversion missbrauchte: Hellas musste, neben Byzanz, zu Zwecken der Propaganda herhalten, definitorisch verdichtet in der Selbstdarstellung als "Christlich-Griechische Zivilisation" (ellinochristianikos politismos). In einer Reihe antidiktatorischer Texte, gehalten in der Signalsprache der Geknebelten, lehnten einige der Autorinnen und Autoren einen derartigen Identitätsfaktor ab: "Ich pfeife auf dich und deine Gesetze (…) hatte Antigone dem aufgeblasenen Kreon ins Gesicht gerufen. (…) Wunderschön dein goldnes Zeitalter, Perikles! Ein wahrer Albtraum, wo die Menschen lieber sterben als in der goldenen Aura deiner Ära zu leben!"[17]

Fußnoten

9.
Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach (1815–1867), Sohn von Ludwig I. von Bayern; seine Regierungszeit begann 1832 und endete 1862 mit seiner erzwungenen Abdankung. Vgl. hierzu den Beitrag von Heinz A. Richter in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)
10.
Giorgos A. Mangakis (1922–2011) war Professor für Strafrecht und wurde 1970 von der Militärjunta zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. 1972 wurde er nach Heidelberg berufen und anschließend mit einer Maschine der Bundeswehr nach Deutschland gebracht.
11.
Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 25.5.2012.
12.
So Kai Hensel in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "To Vima" vom 10.6.2012.
13.
Vgl. Durs Grünbein in einem Interview, in: ebd. vom 24.6.2012.
14.
Hermann August Korff, Geist der Goethezeit, Leipzig 1923. Vgl. auch: Esther Sünderhauf, Griechensehnsucht und Kulturkritik: Die deutsche Rezeption von Winckelmanns Antikenideal 1840–1945, Berlin 2004.
15.
Vgl. Eliza Marian Butler, Deutsche im Banne Griechenlands, Berlin 1948.
16.
Giorgos Seferis, Gymnopädie, II Mykene, in: ders., Poesie: griechisch–deutsch, Frankfurt/M. 19872, S. 67.
17.
Iro Lambrou, Die Exekution des Mythos … fand am frühen Morgen statt, in: Danae Coulmas (Hrsg.), Die Exekution des Mythos … fand am frühen Morgen statt, Frankfurt/M. 1973, S. 124f.