Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Eberhard Rondholz

Anmerkungen zum Griechenland-Bild in Deutschland - Essay

"Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleitegriechen … und die Akropolis gleich mit" – solche und ähnliche Schlagzeilen deutscher Boulevardzeitungen mussten die Griechen in den vergangenen Jahren immer wieder lesen. Sie fügten sich ein in ein kontinuierliches Griechenland-Bashing, das der Journalist Michael Spreng, einst Chefredakteur der "Bild am Sonntag", auf die kurze Formel brachte: "Das grenzt an Volksverhetzung."[1] Dabei waren es nicht nur Boulevardzeitungen wie "Bild", die immer wieder massive antigriechische Vorurteile bedienten (oder erst erzeugten). "Es gibt eine große, übergreifende Erzählung über Griechenland in der Schuldenkrise, und diese Geschichte handelt von faulen, korrupten Griechen, die um 'unsere' Hilfe betteln – und am Ende auch noch undankbar sind", so beschreibt der deutsche Journalist Michalis Pantelouris, Sohn eines griechischen Vaters, das Griechenland-Bild, das ein Teil der deutschen Presse in den vergangenen zwei Jahren gezeichnet hat.[2]

In der Tat: Nimmt man seriöse Presseorgane aus, so dürfte Pantelouris im Großen und Ganzen Recht haben, wenn er den deutschen Medien drei fundamentale Fehler ankreidet: "Der erste, 'die Griechen' als eine Gruppe zusammenzufassen, die in der Politik und Bevölkerung an einem Strang ziehen, um Europas reiche Nordländer auszunehmen; der zweite, 'den Griechen' moralische Verdorbenheit zu unterstellen, denen Faulheit, Korruption und Betrug zur Natur geworden sind – was angesichts der Tatsache, dass sich in Griechenland in praktisch allen großen Korruptionsskandalen deutsche Firmen besonders hervortun, für Verbitterung und heftige polemische Gegenwehr sorgt. Und drittens ist offensichtlich, dass viele, wenn nicht die meisten Redaktionen überfordert sind mit der Einordnung der komplexen Informationen."[3] Soweit eine solche überhaupt beabsichtigt ist.[4]

Es drängt sich auch die Frage auf, warum sich manche deutsche Zeitungen gerade Griechenland als Sündenbock aussuchten und andere Krisenländer wie Italien, Spanien, Portugal oder Irland verschonten. Zumindest für Letzteres glaubt ein irischer Journalist eine plausible Erklärung gefunden zu haben – es ginge um den Schutz des Pensionsfonds des Springer-Hauses: "The Berlin correspondent of the Irish Times recently asked a member of the Bild staff why his newspaper hadn’t followed its diatribes against 'greasy Greeks' with a similar denunciation of the Irish: it turns out that the staff pension fund is heavily exposed to the Irish banking sector and they don’t want to make things worse for themselves."[5]

Kampagnen-Journalismus

Es war aber nicht "Bild" allein, die in einer in der europäischen Presselandschaft einmaligen Kampagne über Griechenland herfiel. So lautete eine "Focus"-Titelgeschichte vom 20. Februar 2010: "Betrüger in der Eurofamilie". Das Titelbild – die Aphrodite von Milos mit Stinkefinger – erregte die Griechen aufs Höchste, der Fall beschäftigte gar die Gerichte. Ein griechisches Blatt "revanchierte" sich mit einem Bild der Berliner Siegessäule, auf der die Göttin Nike ein Hakenkreuz in der Hand hält.

Viel mehr Interesse verdient aber ein Beitrag in derselben Ausgabe, in dem sich ein Redakteur mit offensichtlich wenig Sachkenntnis über 2000 Jahre griechische Kulturgeschichte äußerte. Da heißt es etwa, das neue Griechenland habe nicht einen bedeutenden Dichter hervorgebracht und das griechische Kino fast nie einen Film, über den man in Europa spricht.

Nun gehören die Gedichte von Konstantin Kavafis und Jannis Ritsos vielleicht nicht zum Lektürekanon deutscher Kulturredakteure, aber von den Nobelpreisträgern für Literatur Giorgos Seferis und Odysseas Elytis sollte man schon einmal gehört haben.[6] Und man muss nicht regelmäßig die großen europäischen Filmfestivals frequentieren, um zu wissen, wie viel Edelmetall der griechische Film im Laufe der vergangenen Jahre in Berlin, Cannes und Venedig abgeholt hat, mit wie vielen silbernen Bären, goldenen Löwen und Palmen Regisseure wie Theo Angelopoulos und Nikos Koundouros geehrt worden sind, von Michalis Kakojannis und seinem Sorbas-Film nicht zu reden. Griechischer Wein? Sei untrinkbar. Doch Fakt ist: Man hat in Griechenland heute die Auswahl zwischen mehr als 1.000 Qualitätsweinen, und griechische Weine sammeln auf internationalen Wettbewerben – vom französischen Concours "Chardonnay du Monde" bis zum Londoner "Decanter World Wine Awards" – von Jahr zu Jahr Preise und Medaillen ein. Nicht mit Retsina, wohlgemerkt.

Dass der entsprechende Redakteur das alles nicht weiß, ist eines. Aber dass die Redaktion jemanden über ein Thema schreiben lässt, von dem er offensichtlich kaum Ahnung hat, nährt den Verdacht, dass es auf die Fakten nicht ankommt.

Nicht nur Boulevardzeitungen bedienen Vorurteile über Griechenland und seine Bevölkerung und greifen ungeprüft auf, was europäische Entscheidungsträgerinnen und -träger über die "faulen Griechen" (und die anderen Südländer) mitzuteilen haben – obwohl es seriöse Statistiken gibt, denen genaue Zahlen über Wochen- und Lebensarbeitszeit und Urlaubstage zu entnehmen sind. Bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt es hierzu folgende Zahlen: In Deutschland arbeiten Beschäftigte im Durchschnitt um ein Drittel weniger als in Griechenland, nämlich 1.390 Stunden pro Jahr im Vergleich zu 2.119 Stunden (2010 waren es 1.408 Stunden im Vergleich zu 2.017 Stunden) – was im Übrigen die längste Jahresarbeitszeit in allen OECD-Ländern ist.[7]

Dabei gibt es genügend negative Fakten, über die zu berichten wäre: beispielsweise über sinnlose Waffenimporte in irrsinnigem Ausmaß, darüber, wer sich daran eine goldene Nase verdient und warum bislang nur ein einziger der korrupten griechischen Politiker als Schmiergeldempfänger in Haft kam. Die griechischen Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten "über ihre Verhältnisse" Waffen gekauft. Nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI haben sie über Jahre hinweg bis zu 17 Prozent der weltweiten Waffenexporte Deutschlands abgenommen,[8] um im Wettrüsten mit der Türkei[9] (die ähnlich hohe Importzahlen aufweist) gleichzuziehen. Dabei hätte der griechisch-türkische Konflikt um Hoheitsgewässer und Flugzonen seitens der EU und der NATO längst geschlichtet werden können und sollen.

Von diesen Zahlen ist im aktuellen Griechenland-Diskurs der deutschen Presse seltener die Rede. Dass die deutschen Waffengeschäfte mit Griechenland auch nach Bekanntwerden der griechischen Haushaltsmisere munter weitergingen, kann man gelegentlich sogar in den deutschen Mainstream-Medien lesen – seltener jedoch kann man lesen, welcher Zusammenhang zwischen Waffenkäufen und Finanzhilfen der europäischen Partner bestand.[10]

Aber da wäre dann auch zu berichten, was man in Berlin und Brüssel über die Athener Bilanz-Kosmetik wusste, und warum man trotzdem darüber hinwegsah. So hat kein geringerer als Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker auf einer Pressekonferenz in Washington anlässlich einer Sitzung des Weltwährungsfonds am 10. Oktober 2010 die Brüsseler Versäumnisse kritisch reflektiert: Er habe die griechische Krise schon lange kommen sehen, darüber mit den Deutschen und den Franzosen diskutiert, aber nicht öffentlich machen dürfen, was er wusste, wegen der guten Geschäfte beider Länder mit Griechenland, wie die französische Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) berichtete.[11] Man mag sich fragen, warum diese AFP-Meldung von keiner deutschen Zeitung aufgegriffen wurde. Fragen mag man sich auch, warum gerade in Deutschland die antigriechischen Vorurteile so verbreitet sind. Dazu ein Blick zurück.

Fußnoten

1.
Medium Magazin vom 7.8.2011.
2.
Ebd.
3.
Ebd.
4.
Vgl. Hans-Jürgen Arlt/Wolfgang Storz, Drucksache "Bild" – Eine Marke und ihre Mägde, Frankfurt/M. 2011.
5.
Zit. nach: London Review of Books vom 17.3.2011.
6.
Vgl. hierzu den Beitrag von Danae Coulmas in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)
7.
Vgl. OECD Employment and Labour Market Statistics (database), Stand: 11.7.2012, online: www.oecd-ilibrary.org/employment/average-annual-working-time_20752342-table8 (18.7.2012).
8.
Vgl. die Hauptabnehmer deutscher Waffenexporte, die in den SIPRI-Jahrbüchern bis 2011 aufgelistet werden, online: www.sipri.org/yearbook (18.7.2012).
9.
Vgl. Eberhard Rondholz, Wettrüsten an der Ägäis, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2005) 10, S. 1242–1247.
10.
Vgl. "Broke? Buy a few warships, France tells Greece", Agenturmeldung Reuters (Paul Taylor und Renée Maltezon), Paris/Athen, vom 23.3.2010.
11.
"Il était évident qu’un jour la Grèce devrait affronter ce genre de problème, et je savais que ce problème arriverait parce que nous discutions, les Allemands, les Francais, le président (Jean-Claude) Trichet à la BCE, la Commission (européenne) et moi-mème, des perspectives de ce qui n’était pas alors connu comme ce qu’on a appelé la crise grecque. (…) Je savais, je savais mème que la France et l’Allemagne gagnaient d’ènormes montants d’argent par (…) leurs exportations vers la Grèce. (…) je ne pouvais pas rendre public ce que je savais." Agence France Presse, Washington, vom 10.10.2010.