Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Eberhard Rondholz

Anmerkungen zum Griechenland-Bild in Deutschland - Essay

Feindbild Griechenland: frustrierte Philhellenen

Ein negatives Griechenland-Bild hat es im katholischen Europa seit den Kreuzzügen gegeben. Der Topos von der perfidia graecorum ist in katholischen Milieus immer noch verbreitet: Byzanz übe Verrat an der Sache Gottes, schimpften die Kreuzfahrer nach ihrer Niederlage gegen die Seldschuken im Jahr 1102; Papst Paschalis tat es ihnen gleich, und die gegen die orthodoxen "Schismatiker" von Byzanz gerichtete Propaganda wurde über die Jahrhunderte sorgfältig geschürt.[12]

Eher ein deutscher Fall war die enttäuschte Liebe der Philhellenen. Als im Jahr 1821 die Nachricht vom Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft nach Europa kam, gab es eine Welle des Mitleids und der Solidarität. Man sah in Griechenland Freiheitskämpfer am Werk, die es zu unterstützen galt. Aber während die realistischen Briten nicht nur dichtende Philhellenen wie Lord Byron nach Hellas schickten, sondern vor allem erfahrene Generäle und Admiräle, ebenso wie die Franzosen und die Russen (aus wohlerwogenem geopolitischem Kalkül), schwärmten in Deutschland die Dichter und Denker (vor allem der heute nur noch als Texter der Schubert-Lieder bekannte Wilhelm Müller, wegen seiner Hellas-Hymnen zu Lebzeiten aber auch "Griechen-Müller" genannt) von einer Wiedergeburt des antiken Hellas.

Die Enttäuschung blieb nicht aus, vermerkte 1878 Wilhelm Wagner: "Schwer haben es die heutigen Griechen seit der Errichtung eines selbständigen griechischen Staates büßen müssen, dass die ihnen seit dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zugewandten und in ihrem Freiheitskampf bestätigten Sympathien Europas zum Theil auf einem Irrtum beruhten. Man schwärmte für die Griechen und stand ihnen gegen die Türken bei nicht aus allgemeiner Humanität, aus Mitgefühl für die Geknechteten und Unterdrückten, sondern doch hauptsächlich deshalb, weil man sie für die echten Nachkommen der alten Hellenen hielt – man wähnte, man müsse den Enkeln die Schuld abzahlen, deren die europäische Cultur den Ahnen gegenüber sich bewusst war. Es war ein Wahn, auf welchen der Rückschlag nicht ausbleiben konnte. Die in's Land geeilten Philhellenen wurden bald durch die nackte Wirklichkeit von ihren unklaren Schwärmereien geheilt und kehrten meist gründlich ernüchtert, oft mit Ingrimm und Haß gegen diese 'Griechen' erfüllt, in die Heimath zurück."[13]

Diesen sprach der Philologe und Publizist Jakob Philipp Fallmerayer aus dem Herzen. Er stellte bei Feldforschungen in der Peloponnes (wo die neugriechische Staatsgründung ihren Anfang nahm) fest, dass einerseits bedeutende Teile der dortigen Bevölkerung albanische Dialekte sprachen und andererseits viele Ortsnamen slawischen Ursprungs waren, was sich aus einer zeitweiligen Besiedlung aus dem serbischen Norden der Balkanhalbinsel erkläre. Fallmerayers für viele Philhellenen provokantes Resümee lautete: "Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet, denn auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten Hellenenblutes fließt in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands."[14]

Mit seiner rassenbiologischen These löste Fallmerayer heftigen Widerspruch und Empörung bei den Griechen aus. Wobei ein Teil der Griechen sich auf das biologistische Argument einließ und mit dem Versuch reagierte, Fallmerayers Behauptungen auf derselben Argumentationsebene zu widerlegen, während andere mit einem modernen geistig-kulturellen Begriff von Volk und Nation argumentierten: Grieche sei, wer griechisch spricht und das griechische Kulturerbe als das seine betrachtet.

Der Philologe Curt Wachsmuth kam ihnen zu Hilfe – in einer viel beachteten Bonner Universitätsrede von 1864 antwortete er Fallmerayer: "Schließlich aber ist ja fürwahr die Nationalität eines Volkes nimmer in absoluter Unversetztheit mit fremden Bestandtheilen beschlossen. Oder wären wir deswegen keine Deutsche mehr, weil wir ein gut Theil slavisches und wendisches Blut in uns aufgenommen haben? Das Wesen und die Eigenständigkeit einer Nation liegt, meine ich, ganz ungleich mehr in seiner Sprache, seinem Denken und Empfinden, seiner ganzen Art und Gesittung. (…) Eine mit Händen zu greifende Ahnenprobe giebt vor allem die Sprache, der auch in erster Reihe die Griechen die Erhaltung ihrer Eigenart in den langen Jahrhunderten der Fremdherrschaft zu verdanken haben."[15]

Griechenland-Bild der Generäle

Heute liest kaum mehr ein Griechenland-Reisender Fallmerayer. Aber dass sein Griechenland-Bild auch nach seinem Tod 1861 nicht in Vergessenheit geriet, dafür haben gelegentlich immer wieder Publizisten gesorgt. Einer von ihnen war Adolf Hitlers späterer Chefideologe Alfred Rosenberg. Ganz im Sinne Fallmerayers schrieb auch er, dass der Hellene die Erde auf ewig verlassen habe und mit ihm "jene herrliche Rassenseele, die einst die Pallas Athene und den Apoll erschuf", weil die "vielfache Übermacht des Vorderasiatentums durch tausend Kanäle einsickerte, Hellas vergiftete und anstelle des Griechen den schwächlichen Levantiner zeugte, der mit dem Griechen nur den Namen gemeinsam hat".[16] Und an dessen Stelle seien "die aufgewühlten Schlammfluten der Mischlinge Asiens und Afrikas, des ganzen Mittelmeerbeckens und seiner Ausläufer" getreten.[17]

Hasstiraden, die allerdings nicht von Anfang an zum offiziellen Griechenland-Bild des "Dritten Reiches" passten, solange das Liebeswerben um den anglophilen Joannis Metaxas anhielt, der seit dem 4. August 1936 in Athen Diktator von Königs Gnaden war und nach deutschem Vorbild eine Dritte griechische Zivilisation errichten wollte. Da störten Rosenbergs Schmäh-Parolen, stattdessen kamen aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda noch 1938 ganz andere Töne: So schrieb Ministerialrat Franz Baron von Weyssenhoff von "der Straße, die von Alt-Hellas nach Neu-Griechenland führt, jener niemals unterbrochenen, niemals verschüttet gewesenen Straße, auf der eines der ältesten Kulturvölker Europas immer mit erhobenem Haupt dahingeschritten ist". Alle Versuche der fremden Eroberer, so von Weyssenhoff im Widerspruch zu Rosenberg, seien "immer wieder daran gescheitert, daß die Griechen sich dem Vermengen mit fremdem Volkstum instinktiv und bewußt widersetzten". Man werde "immer wieder, wenn man mit dem Herzen und auch dem Verstande sich hineinfühlt in die Seele dieses Volkes, empfinden, unweigerlich empfinden müssen: unsterbliches Hellas".[18]

Solche emphatischen Bekenntnisse waren zunächst ganz im Sinne des "Führers", von dem bekannt war, dass er als Verehrer der klassischen Antike galt. Er liebte deshalb den Bildhauer Arno Breker und dessen schwülstigen antikisierenden Bombast. Auch habe er sich, so Breker in seinen Memoiren, im Sommer 1941 bei dessen griechischer Frau persönlich für den Krieg gegen Griechenland entschuldigt.[19] Und er lobte die unterlegenen griechischen Soldaten, sie hätten wie die Helden des alten Hellas gekämpft.

Doch als die Griechen begannen, dem Eindringling Widerstand zu leisten, kam die Kehrtwende. Aus dem "unsterblichen Hellas" wurde das "Sauvolk", das "Land der Schieber, Nichtstuer und Korrupteure".[20] In Schulungsschriften der Wehrmacht wurden die deutschen Soldaten eindringlich auf den "völkischen Niedergang" des Neugriechentums hingewiesen, das – so steht es etwa in einer Lehrgangsbroschüre aus der Feder des NS-Historikers Georg Stadtmüller – rassisch und kulturell mit seinen hellenischen Namensspendern nur noch wenig gemein habe.[21] An anderer Stelle wird vor Eheschließungen mit Griechinnen gewarnt, da sie "aus rassischen Gründen" nicht "umvolkbar" seien.[22]

Viele einfache Soldaten mögen ihre Vorstellungen von den Einwohnern des besetzten Landes auch aus der Trivialbelletristik bezogen haben. Allen voran sei hier der Erfolgsschriftsteller Karl May genannt.[23] Bei May tauchen Griechen vor allem als verschlagene, tückische Individuen auf, als schmuddelige, betrügerische Spelunkenwirte, die vor keinem Verbrechen zurückschrecken, als finsteres Gesindel, als Raubmörder und Erpresser.[24] Und an der "Verderbnis der Türken, die doch einst unverdorben aus der Steppe kamen", sei laut May der Grieche schuld: "Der Türke war einst ein zwar rauher, aber wackerer Nomade, ein ehrlicher, gutmütiger Gesell, der gern einem jeden gab, was ihm gehörte, sich aber auch etwas. (…) Das blieb so, bis er gezwungen wurde, bis an den Leib in dem Sumpfe byzantinischer Heuchelei und griechischer Raffinesse zu waten."[25]

Welche Folgen das von der NS-Propaganda bei der Wehrmacht verbreitete Bild des jeweiligen Gegners beim Umgang mit der Zivilbevölkerung hatte, ist bekannt.[26] Wie der Militärhistoriker Wolfram Wette nachgewiesen hat, half Negativpropaganda dieser Art, beim Wehrmachtssoldaten die Tötungshemmungen abzubauen, eine "psychische Distanz zu den Opfern zu schaffen, um so das Töten zu erleichtern".[27] So hatten die Griechen unter allen nichtslawischen NS-besetzten Ländern die meisten Opfer des Besatzungsterrors zu beklagen.

Fußnoten

12.
Vgl. Hans Georg Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche im byzantinischen Reich, Göttingen 1980, S. 151f.
13.
Wilhelm Wagner im Vorwort zu: Demetrius Bikelas, Die Griechen des Mittelalters und ihr Einfluss auf die europäische Kultur, Gütersloh 1878, S. 5f.
14.
Jakob Philipp Fallmerayer, Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, Stuttgart 1930, S. III f.
15.
Curth Wachsmuth, Das alte Griechenland im neuen, Bonn 1864, S. 10.
16.
Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts, München 193553, S. 50.
17.
Ebd., S. 83.
18.
Karl Bömer/Charilaos Kriekoukis (Hrsg.), Unsterbliches Hellas, Berlin 1938, S. 12, S. 16.
19.
Vgl. Arno Breker, Im Strahlungsfeld der Ereignisse, Preußisch Oldendorf 1972, S. 183.
20.
Hagen Fleischer, Die "Viehmenschen" und das "Sauvolk", in: Wolfgang Benz et al. (Hrsg.), Kultus – Propaganda – Öffentlichkeit, Berlin 1998, S. 162.
21.
Vgl. ebd., S. 160f.
22.
Vgl. ebd.
23.
Vgl. Eberhard Rondholz, Völkerpsychologische Stereotypen bei Karl May, in: NrhZ, Online-Flyer Nr. 127 vom 2.1.2008.
24.
Vgl. ebd.
25.
Zit. nach: ebd.
26.
Vgl. Eberhard Rondholz, Blutspur in Hellas, in: Choregia, Münstersche Griechenland-Studien 10, Münster 2012.
27.
Wolfram Wette, "Rassenfeind", in: Walter Manoschek (Hrsg.), Die Wehrmacht im Rassenkrieg, Wien 1996, S. 55.