Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Eberhard Rondholz

Anmerkungen zum Griechenland-Bild in Deutschland - Essay

Sorbas, Mikis und Melina

Mit dem Ende des NS-Reichs war es auch mit der Verbreitung der Griechen-Hetze à la Rosenberg vorbei. Stattdessen begannen populäre Sympathieträger das negative Bild der Neugriechen zu überlagern. Allen voran Alexis Sorbas, die Hauptperson des großen Erfolgsromans von Nikos Kazantzakis, der allein in deutscher Übersetzung eine Million Mal verkauft wurde. Hinzu kam 1964 der große Erfolgsfilm zum Buch, "Zorba the Greek", unter der Regie von Michalis Kakojannis. Auch in Deutschland wurde er zu einem der größten Kassenschlager aller Zeiten, mit Hauptdarsteller Anthony Quinn als Sorbas und der Musik von Mikis Theodorakis. Beide wurden zu Lieblingen der Deutschen. Zu Sympathieträgerinnen wurden auch die Schauspielerin Melina Merkouri (das "Mädchen von Piräus") oder die Sängerin Nana Mouskouri mit ihren "Weißen Rosen aus Athen".

Was die Nationalsozialisten in Griechenland angerichtet hatten, wurde schnell und nachhaltig verdrängt.[28] Wenn daran erinnert wurde, bestimmte Täterliteratur wie die massenhaft verbreiteten Landserhefte das Bild. Die Griechen ihrerseits reichten als erste unter den ehemals NS-besetzten Ländern den Deutschen die Hand zur Versöhnung, empfingen die ersten deutschen Rucksacktouristen freundlich – ihre Gastfreundschaft war überwältigend, das durfte auch der Autor dieser Zeilen als Oberschüler erfahren, als er mit einem äußerst schmalen Budget durch das Land trampte. Auf Strafverfolgung der Täter bestanden sie schon bald nicht mehr.[29] Dass sich die materielle Entschädigung auf ein Minimum beschränkte, darüber sahen Griechenlands Regierungen hinweg. Auch dass sich die Bundesrepublik bis heute um die Rückzahlung eines dem besetzten Land abgepressten Zwangskredits drückt, wird von Athen nicht mehr ernsthaft reklamiert.[30]

Dass ein Teil der griechischen Journalisten das nun aufgreift – mehr noch: dass man in Griechenland vermehrt antideutsche Karikaturen zu sehen bekommt, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern –, nehmen ihnen manche ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen übel.

"List und Arglist"

"Man kann es nicht mehr hören, was der nordwestlich von Athen gelegene Teil des Abendlandes den Griechen verdankt. Es kann aber hilfreich sein, sich Eigenschaften dieses einst stolzen Volkes ins Gedächtnis zu rufen. Die Griechen haben nicht nur den Wutanfall zum Kulturgut geadelt. Mit Odysseus haben sie auch die List hoffähig gemacht", so heißt es in der Legende zu einem auf der Titelseite der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgebildeten Vasenbild aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus.[31] Es zeigt eine Szene aus dem 9. Gesang der Odyssee, die Blendung des Riesen Polyphem, und darüber stehen die Worte: List und Arglist.

Arglist – darunter versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch eine absichtliche, boshafte Hinterlist, eine hinterhältige Handlung zum Nachteil anderer, aus niederen Beweggründen motiviert und daher moralisch verwerflich. Doch ist es ein Akt der Arglist, was Odysseus mit dem menschenfressenden Ungeheuer, das schon sechs seiner Begleiter verschlungen hatte, in seiner Höhle anstellt, und wie er sich und die seinen befreit, wollte der Redakteur der oben beschriebenen Titelseite auf eine Täuschung im Sinne des Paragrafen 123 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) hinaus?

Auf den ersten Blick nimmt man auf dem Vasenbild vor allem den listenreichen Odysseus wahr, wie er mit seinen Gefährten zur Blendung des betrunken gemachten einäugigen Polyphem ansetzt, er ist der Schurke im Stück. Erst beim näheren Hinsehen geraten die zwei menschlichen Beine ins Blickfeld, die der Riese in seinen Händen hält, Überreste seines letzten kannibalischen Mahls. Sich und die anderen Gefährten vor einem solchen Ende zu bewahren, ist hier das Tatmotiv – Notwehr, juristisch gesprochen. Arglist sei es, suggeriert der Redakteur und resümiert: "Dass moderne Griechen von ihren Vorfahren noch viel an sich haben, ist offensichtlich."

Und die verdienen keine Hilfe. Da verdient Beherzigung, was Kurt Biedenkopf, elder statesman und Professor emeritus für Nationalökonomie, eine der wenigen Stimmen der Vernunft im aktuellen deutschen Griechenland-Diskurs, den "Griechenland-Rettern" aus Presse und Politik ins Stammbuch geschrieben hat: "Wir retten Griechenland nicht. Wir helfen den Griechen, ihr Land zu retten, nachdem wir es vor 70 Jahren überfallen haben und heute als Europäer mit ihnen solidarisch fühlen – übrigens auch zu unserem eigenen Nutzen."[32] Statt die Griechen zu beschimpfen, weil sie sich an die deutsche Besatzung erinnern, an Deutschlands zerstörerische Rolle im Zweiten Weltkrieg, sollten die Medien die Deutschen daran erinnern, "dass wir auch Pflichten gegenüber den Griechen haben und dass wir bisher von der Eurozone mehr Gewinn hatten als die anderen Eurostaaten. Stattdessen suggeriert man ihnen, (…) die Griechen wollten nur an unser Geld. Das ist unreif und dumm."[33] Derlei besonnene Stimmen hörten wir gern mehr.

Fußnoten

28.
Vgl. Eberhard Rondholz, Rechtsfindung oder Täterschutz?, in: Loukia Droulia/Hagen Fleischer, Von Lidice bis Kalavryta, Berlin 1999.
29.
So konstatierte der damalige deutsche Botschafter in Athen, Theo Kordt, 1957 in einem Schreiben an das Auswärtige Amt, dass Griechenland "die sogenannten Kriegsverbrecherprozesse im Gegensatz zu anderen Ländern sehr zurückhaltend behandelt hat". Zit. nach: Susanne Sophia Spiliotis, Der Fall Merten, Athen 1959, Magisterarbeit, LMU München 1991, S. 52.
30.
Vgl. zur Frage der deutschen Kriegsschulden: Anestis Nessou, Alles erledigt? Die Frage griechischer Reparationsansprüche gegen die Bundesrepublik Deutschland, in: Choregia (Anm. 26).
31.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.2.2012.
32.
So Kurt Biedenkopf in einem Interview. Cicero online vom 16.2.2012: www.cicero.de/weltbuehne/kurt-biedenkopf-Griechenland-wir-haben-uns-gerne-betruegen-lassen/48337?seite=1 (16.7.2012).
33.
Ebd.