Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek
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Für Männer, aber nicht gegen Frauen - Essay


24.9.2012
Im März 2001 sorgte ein Verwaltungsakt in Österreich für mediale Aufregung: Das Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz richtete eine "Männerpolitische Grundsatzabteilung“ ein. Durchgesetzt vom Koalitionsbündnis aus konservativer ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ, stand das Vorhaben anfangs stark in der Kritik. Die damals oppositionelle SPÖ und viele Verbände fürchteten die Umschichtung von Fördergeldern zu Lasten von Frauenprojekten. Mittlerweile regiert eine Große Koalition die Alpenrepublik, ein Sozialdemokrat übernahm die Verantwortung für das umstrittene Ressort. Die polarisierten Fronten haben sich weitgehend aufgelöst, die Diskussion wird längst nicht mehr so kontrovers geführt wie vor gut zehn Jahren.

"Männerpolitik“ ist ein missverständlicher Begriff. Ist der übliche Politikbetrieb nicht immer schon Männerpolitik gewesen, geprägt von geschlechterpolitischer Blindheit und der selbstverständlichen Verteidigung männlicher Privilegien? In einem männeremanzipatorischen Verständnis dagegen bedeutet Männerpolitik etwas anderes: einen politischen Ansatz, der männliche Interessen, Bedürfnisse und auch mögliche Diskriminierungen unter Gender-Aspekten betrachtet und entsprechend Einfluss zu nehmen versucht – als eigenständiges Pendant zur Frauenpolitik.[1]

Diese Deutung hat sich noch längst nicht überall durchgesetzt. Geschlechterpolitik war lange Zeit ausschließlich Frauensache und wurde von den Akteurinnen auch so definiert: als Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsstrategie "von und für Frauen“, als Ausgleichspolitik, bei der Frauen gewinnen und Männer auf Vorrechte verzichten sollten. Selbst Männer, die mit den Zielen des Feminismus im Grundsatz sympathisierten, hatten in diesem Arbeitskontext wenig Gelegenheit, eine produktive andere Sichtweise einzubringen. Männer waren bei der Institutionalisierung von Frauenpolitik Anfang der 1980er Jahre, als in Behörden und anderen Institutionen die ersten Frauenbeauftragten ihr Amt übernahmen, schlicht keine Adressaten von Gleichstellungspolitik.

In den Bezeichnungen vieler Bundes- oder Landesministerien tauchten seither, meist im Rahmen einer Aufzählung der Benachteiligten, "Frauen“ als Zielgruppe auf. "Männer“ blieben stets unerwähnt. Auf Nachfragen (wenn diese nicht gleich auf völliges Unverständnis stießen) hieß es, männliche Anliegen würden "mitgedacht“. Männer galten pauschal nicht als hilfsbedürftig und damit auch nicht als förderungswürdig. Sie schienen in keiner Lebenslage Benachteiligungen zu erfahren oder gar "Opfer“ zu sein.

Lockerungsübungen



"In den 1970er Jahren hatten die Feministinnen in ihren Diskursen 'die Männer‘ einerseits als geschlossene herrschende Geschlechtergruppe beschrieben und sie andererseits doch zu individuellen Veränderungen und zur Unterstützung aufgerufen“, resümiert Ilse Lenz in ihrem historischen Standardwerk: "Die paradoxe Konstellation zwischen Frauenbewegungen und emanzipativen Männern lockerte sich ab Mitte der 1980er Jahre auf.“ Neue persönliche und politische Erfahrungen trugen dazu bei, das negativ gefärbte "Kollektivbild des Mannes“ zu korrigieren.[2]

Erst in den 1990er Jahren wurde diese Veränderung in der Geschlechterpolitik deutlicher spürbar. Einzelne Gleichstellungsbeauftragte (wie die Frauenbeauftragten nun häufig hießen) begannen auch Männer anzusprechen. Vor allem interessierte sie das Thema "Väter“, von dem sie sich eine Entlastung der Mütter bei der Familienarbeit erhofften. Mitarbeiterinnen aus dem Arbeitsfeld Gleichstellung haben in vielen Unternehmen und Institutionen bis heute eine Türöffner-Funktion, wenn es darum geht, mit männerpolitischen Anliegen an den Kern der (männlichen) Zielgruppen heranzukommen.

In solchen von Frauen angeregten Settings stoßen "emanzipatorisch“ orientierte Männer bisweilen auf die kühle und schweigsame Abwehr ihrer Geschlechtsgenossen. Führungskräfte in großen Konzernen lassen sich nur ungern dazu auffordern, weniger zu arbeiten und das "gute Leben“ jenseits der traditionellen Karriere nicht aus den Augen zu verlieren. Einladende Gleichstellungsbeauftragte sind immer noch überrascht, wenn sie Männer im öffentlichen Raum über Gefühle, Zumutungen und persönliche Probleme reden hören. Derartige neue Erfahrungen können aber nur gemacht werden, wenn Männer und Frauen sich nicht in separierte Nischen zurückziehen, sondern gemeinsam geschlechterpolitische Perspektiven entwickeln.

Mann als Depp?



Für Männer ist wichtig, dass ihnen andere Männer abweichende Formen von Männlichkeit in attraktiver Weise vorstellen. Selbstbewusste Pioniere können im besten Fall andere Arbeitsmuster unter Männern akzeptanzfähig machen und so Betriebskulturen schleichend verändern. Ein zäher Prozess, denn je vielfältiger die männlichen Lebensentwürfe werden, desto größer sind die Irritationen und desto heftiger die Gegenbewegungen, die auf klarer Akzentuierung traditioneller Männlichkeitsmuster beharren. Gerade weil althergebrachte Aufgaben wie die des finanziellen Versorgers nicht mehr so einfach zu erfüllen sind, werden männliche Rollenexperimente lächerlich gemacht.

In den vergangenen 20 Jahren hat eine kulturelle Umdeutung des Mannes stattgefunden. Überspitzt ausgedrückt ist aus dem "geachteten Ernährer“ vielfach der „verspottete Depp“ geworden. Der Männerforscher Walter Hollstein[3] spricht in diesem Zusammenhang gar von "Misandrie“, also von aggressivem Männerhass – eine übertriebene Diagnose, handelt es sich doch eher um die Retourkutsche zum Blondinenwitz. Eine zentrale Rolle haben dabei Werbung und Unterhaltungsindustrie gespielt. Beliebte Figuren in der Comedyszene waren der "Frauenversteher“, der "Sitzpinkler“ oder auch das "Weichei“. Die sexuelle Denunziation von Männern, an der sich auch Frauen mit Vergnügen beteiligt haben, hat den Höhepunkt ihrer Beliebtheit allerdings überschritten und wird nur noch bei Auftritten des Komikers Mario Barth zelebriert.

Wie lässt sich mit scheinbar "unbeweglichen“ Männern ins Gespräch kommen? Bestimmt nicht mit Vorwürfen und Beleidigungen als Einstieg. Wenn zum Beispiel Väterlichkeit gleich mit dem Klischee vom "Familienflüchtling“ oder gar mit der These vom "faulen Geschlecht“[4] in Verbindung gebracht wird, scheitert der Dialog, bevor er begonnen hat. Denn Männer sind immer noch stolz auf ihre Erwerbsarbeit; sie betrachten das Geldverdienen als Dienst an ihrer Familie, als eine männliche Form der Sorge.[5]

Schon die britische Autorin Rosalind Coward weist in ihrem Buch "Unsere trügerischen Herzen“[6] auf die weibliche Beteiligung, ja Komplizenschaft an traditionellen Lebensentwürfen hin. Die Journalistin Bascha Mika hat diese alte These mit dem medientauglichen, aber etwas schlichten Label "Die Feigheit der Frauen“[7] versehen. Dass es in vielen Familien nach wie vor einen männlichen Haupternährer gibt, hat jedenfalls nicht nur mit den patriarchalen Strukturen der Arbeitswelt zu tun, sondern beruht auch auf einem gemeinsam getroffenen Arrangement in privaten Paarbeziehungen.


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu ausführlich: Markus Theunert (Hrsg.), Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht, Wiesbaden 2012.
2.
Ilse Lenz, Wie entdecken Männer ihr Geschlecht?, in: dies. (Hrsg.), Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, Wiesbaden 2009, S. 1077.
3.
Vgl. Walter Hollstein, Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des starken Geschlechts, Berlin 2008, S. 154. Siehe auch den Beitrag von Hollstein in dieser Ausgabe ().
4.
Claudia Pinl, Das faule Geschlecht. Wie Männer es schaffen, Frauen für sich arbeiten zu lassen, Frankfurt/M. 1994.
5.
Vgl. Dieter Schnack/Thomas Gesterkamp, Hauptsache Arbeit? Männer zwischen Beruf und Familie, Reinbek 1998; Thomas Gesterkamp, Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere, Opladen 2010. Siehe auch den Beitrag von Diana Baumgarten in dieser Ausgabe ().
6.
Rosalind Coward, Unsere trügerischen Herzen, München 1994.
7.
Bascha Mika, Die Feigheit der Frauen, München 2011.