Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Thomas Gesterkamp

Für Männer, aber nicht gegen Frauen - Essay

Mangelnde Gelassenheit

Im öffentlichen Diskurs fällt es insbesondere Frauen bisweilen schwer, kritischen Beiträgen männlicher Geschlechterforscher mit Interesse und Offenheit zu begegnen. Peter Döge und Rainer Volz haben 2006 in ihrer Studie "Weder Pascha noch Nestflüchter“[8] anhand von Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (eine jährlich wiederholte, repräsentative Befragung) untersucht, wie deutsche Männer ihre Zeit verwenden. Daraus ergab sich eine Kontroverse mit feministischen Kolleginnen, die sich im Kern um die Frage drehte, was Hausarbeit ist und was nicht. Die Frauenforscherinnen zählten Tätigkeiten wie Steuererklärung, Autowartung oder Kleinreparaturen nicht dazu. Diese Aktivitäten sind aber keineswegs männliche Selbstverwirklichung im Hobbykeller. Es handelt sich vielmehr um Service- und Instandhaltungstätigkeiten, damit die Lampe im Bad wieder funktioniert oder das Fahrzeug einwandfrei läuft, mit dem die Kinder aus der Tagesstätte abgeholt oder Einkäufe gemacht werden. Selbstverständlich ist das also auch Familienarbeit.

Ein anderes Beispiel: Um das Thema "neue Väter“ zu diskreditieren, spielen manche Frauen die Zahl der Männer in Elternzeit herunter. Von "Mitnahmeeffekten“ oder einer "Vater Morgana“ ist die Rede, begleitet von skeptischen Zwischenrufen wie "Elchjagd“ oder "Fußballweltmeisterschaft“. Diese wollen darauf hinweisen, dass Männer in Skandinavien (von dort stammt die Idee der Väterzeit) ihre "Papamonate“ statistisch betrachtet häufig im Sommer nehmen. Doch was ist dagegen zu sagen? Wenn Männer glauben, sich mehr als ein paar Monate berufliche Auszeit nicht leisten zu können, warum sollten sie diese Pause dann im Januar bei Schnee und Eis machen? Und kann es nicht durchaus engagierte Väterlichkeit sein, mit seinem Sohn oder seiner Tochter zusammen ein Fußballspiel anzuschauen?

In Deutschland ist die Quote der Männer in Elternzeit seit der Einführung einer Lohnersatzleistung rasant gewachsen. Vor der Reform nahmen lediglich rund drei bis fünf Prozent der Väter Erziehungsurlaub; im Einführungsjahr 2007 gingen dann schon 10,5 Prozent in Elternzeit, mittlerweile sind es rund 25 Prozent.[9] Dieser Anstieg lässt sich unterschiedlich kommentieren: So, wie es manche Zeitungen (und auch einige wissenschaftliche Beobachterinnen) gemacht haben, mit dem Tenor: "Die nehmen eh nur zwei Monate!“, was das altbekannte Klischee vom Mann als "faulen Sack“ nur wiederholt. Es ließe sich aber auch genauer hinsehen und anerkennend feststellen, dass es sich um eine deutliche Steigerung binnen fünf Jahren handelt. Es braucht also, und nicht nur in diesem Fall, mehr (weibliche) Gelassenheit, um zu registrieren, dass es das Pflänzchen männlicher Rollenveränderung gibt – ein Gewächs, das noch der sorgfältigen Pflege bedarf, das Männer und Frauen gemeinsam gießen sollten, das aber inzwischen groß genug ist zum Umtopfen oder gar für den Garten geeignet ist.

Verschwörungston und Ressentiments

Die Haltung in Teilen der Frauenbewegung, die "Männer in Bewegung“ abzuwerten und männliche Nachteile in bestimmten Lebensbereichen zu leugnen, provoziert Gegenreaktionen und hat möglicherweise auch zum Auftauchen und Erstarken antifeministischer Männerrechtler beigetragen. Vor allem in privat oder beruflich deklassierten Milieus, etwa unter Trennungsvätern und "Quotengeschädigten“, werden männliche Opfererfahrungen politisiert und manchmal zu absurden Verschwörungstheorien ausgebaut. Den Akteuren gehe es "um die Stärkung oder zumindest den Erhalt männlicher Vorrechte“, glaubt der Sozialwissenschaftler Hinrich Rosenbrock, der die Denkweisen dieser antifeministischen Netzwerke untersucht hat: "Dies gipfelt teilweise in Vernichtungsphantasien gegen den Feminismus und auch gegen einzelne feministische Personen.“[10]

Männerrechtler melden sich vor allem in rechtskonservativen Medien zu Wort. Ihre Kernthese lautet: Die Gleichstellung der Geschlechter sei erreicht, die Emanzipation der Frauen abgeschlossen. Sie klagen über eine "Kaste der Genderfunktionäre“, deren kulturelle Hegemonie jeden Widerspruch unterdrücke. Mit der gesellschaftlichen Realität hat das wenig zu tun: Denn wann immer die (von Männern dominierten) Leitmedien sich in der Vergangenheit mit dem komplizierten Wortpaar Gender Mainstreaming beschäftigten, schwankte die Bewertung zwischen lächerlich und gefährlich.[11] Der "Stern“ bezeichnete die "neue Geschlechtergefühligkeit“ als "trivial und teuer“,[12] "Der Spiegel“ malte ein düsteres Bild autoritärer Gender-Pädagogik, das Jungen "früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts“ mache.[13] Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wetterte gegen ein "angewandtes Kaderprinzip der feministischen Lobby“, die eine "politische Geschlechtsumwandlung“ plane.[14] Die rechtslastige Wochenzeitung "Junge Freiheit“ nahm den Verschwörungston dankbar auf: Hier werde "eine totalitäre Ideologie durch eine auserwählte Truppe Linientreuer von oben nach unten durchgesetzt“.[15]

Wissenschaftlicher Kronzeuge der Männerrechtler ist häufig Gerhard Amendt. Der Soziologe, einst Vorkämpfer für die Legalisierung der Abtreibung mit gutem Ruf in linksliberalen Kreisen, behauptet zum Beispiel, Frauen seien in privaten Beziehungen ebenso gewalttätig wie Männer. In der Tageszeitung "Die Welt“ forderte er gar die Abschaffung der Frauenhäuser: Wegen ihrer "antipatriarchalen Kampfrhetorik“ und einer "Ideologie des Radikalfeminismus“ seien die dort Tätigen zu "professionellen Interventionen“ nicht fähig.[16]

Auch das Wochenmagazin "Focus“ schrieb mit regelmäßigen Berichten über Männer als das "geschwächte Geschlecht“ eine "neue Bürgerrechtsbewegung“ geradezu herbei.[17] Doch gedruckte Texte nehmen die meisten Antifeministen ohnehin nur als Spuren im Internet wahr. Sie verbringen viel Zeit in elektronischen Diskussionszirkeln, wo sie sich vor allem gegenseitig bestätigen. Beiträge auf Internetseiten wie "wgvdl“ ("Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land?“) oder im "Forum Männerrechte“, das dem Verein MannDat nahe steht, stilisieren Männer zum diskriminierten Geschlecht. Die Netzbeiträge schwanken zwischen trotzig-beleidigtem "Da seht ihr’s mal wieder“-Tonfall und direkter verbaler Aggression aus dem anonymen virtuellen Hinterhalt: Andersdenkende Männer gelten als "lila Pudel“, die bei der eigenen "Kastration“ assistieren. Ähnlich geifernde Attacken gegen Frauen überschreiten gelegentlich die Grenze von der Beleidigung zur persönlichen Bedrohung.

Zugleich versuchen Antifeministen, emanzipatorische Begriffe wie "Befreiung“ oder "Geschlechterdemokratie“ im eigenen Sinne umzudeuten. Nach dem Muster der US-amerikanischen Tea Party präsentieren sie sich als Freiheitskämpfer und Bewahrer von Bürgerrechten. So trägt der Online-Auftritt "freiewelt.net“ den nüchternen Untertitel "Die Internet- & Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“. Eine andere Publikation nennt sich "eigentümlich frei“ – die Macher betrachten sich als Libertäre, sprachlich wie personell aber gibt es Überschneidungen zur "Jungen Freiheit“. Ein wichtiges Argumentationsmuster sind Biologismen, welche die populäre These "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ aufgreifen. Ausgesuchte Hinweise auf Hirnforschung oder Verhaltensbiologie untermauern fragwürdige Behauptungen zur Geschlechterdifferenz. So entstehen vereinfacht abgeleitete, angeblich natürliche Rollenstereotype. Den Befürwortern des Gender Mainstreaming wird vorgehalten, eine "anthropologische Neutralisierung“ anzustreben und wissenschaftlich belegte Unterschiede zu leugnen.

Eine weitere Denkfigur ist der Anti-Etatismus. Männerrechtler wenden sich häufig gegen eine angebliche Bevormundung durch öffentliche Institutionen, die sich ihrer Ansicht nach viel zu sehr in die Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau einmischen, und schüren – auch in der Debatte um Krippen und Kitas – Ressentiments gegen den intervenierenden Staat.

Fußnoten

8.
Peter Döge/Rainer Volz, Weder Pascha noch Nestflüchter, Opladen 2006; unter demselben Titel auch in: APuZ, (2004) 46, S. 13–23, online: www.bpb.de/apuz/27972 (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg, Jahresbericht 2011, S. 14; Svenja Pfahl/Stefan Reuyß, Das neue Elterngeld. Erfahrungen und betriebliche Nutzungsbedingungen von Vätern, Düsseldorf 2009.
10.
Heinrich-Böll-Stiftung, Pressemitteilung vom 20.1.2012 zur Veröffentlichung der Expertise von Hinrich Rosenbrock, Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung.
11.
Zum Folgenden vgl. ausführlich: Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, Bonn 2010.
12.
Kerstin Schneider, Ich Mann, du Frau. In Deutschland denken Bürokraten unter dem Stichwort "Gender Mainstreaming“ angestrengt über den kleinen Unterschied nach, in: Stern, Nr. 13 vom 13.3.2003, S. 64.
13.
Rene Pfister, Der neue Mensch. Unter dem Begriff "Gender Mainstreaming“ haben Politiker ein Erziehungsprogramm für Männer und Frauen gestartet, in: Der Spiegel, Nr. 1 vom 30.12.2006, S. 27.
14.
Volker Zastrow, Politische Geschlechtsumwandlung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.6.2006, S. 8.
15.
Michael Paulwitz, Freiheit statt Feminismus, in: Junge Freiheit, Nr. 7 vom 8. Februar 2008, S. 1.
16.
Gerhard Amendt, Der Mythos von der braven Frau, in: Die Welt vom 17. Juni 2009, S. 7.
17.
Michael Klonovsky, Das geschwächte Geschlecht. Gegen die Benachteiligung und Abwertung von Männern formiert sich eine neue Bürgerrechtsbewegung, in: Focus, Nr. 41 vom 6.10.2008, S. 126.