Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Thomas Gesterkamp

Für Männer, aber nicht gegen Frauen - Essay

Zwischen Dialog und Selbstviktimisierung

Die Herausgeber des antifeministischen Sammelbands "Befreiungsbewegung für Männer“ forderten 2009 "das Ende des weiblichen Geschlechtermonologs“ und eine "offensive Interessenvertretung der Männer“.[18] Die Kerngruppe der Autoren gründete kurz nach Erscheinen des Buches den Verein Agens – "Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechter-Demokratie“. Als politische Plattform diente das "Berliner Mannifest“. Das kurze Positionspapier nannte als Kennzeichen einer Geschlechterdemokratie unter anderem den "gemeinsamen Dialog auf Augenhöhe zwischen der befreiten Frau und dem befreiten Mann“. Die harmlos klingende Formel ist dabei kein Zufall, sondern Taktik. In Abgrenzung zu aggressiven Bloggern und Netzkommentatoren gibt sich die Agens-Gruppe seriös und konsensorientiert; sie sucht den Kontakt zu anerkannten Experten. Mediziner und Therapeuten veranstalteten 2010 an der Universität Düsseldorf den Kongress "Neue Männer, muss das sein? – Über den männlichen Umgang mit Gefühlen“. Renommierte, der "Männerrechtlerei“ unverdächtige Redner waren vertreten; es referierte aber auch Agens-Mitglied Gerhard Amendt, dessen Auftritt Frauenaktivistinnen mit Interventionen beim Rektor und bei der Gleichstellungsbeauftragten zu verhindern versucht hatten. Beim Folgekongress im September 2012 fungierte Agens schon als Mitveranstalter und lud zum abendlichen "Get-together“ zur Vernetzung.

2011 gelang es dem Verein, im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), einer der größten Sozialforschungseinrichtungen in Deutschland, eine gut besuchte Veranstaltung anzuregen: "Mann und Frau: 'Wie soll’s eigentlich weiter gehen?‘ Obwohl es dem Podium dabei nicht an Agens-Vertretern oder -Unterstützern mangelte und WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger an der Diskussion teilnahm, beschwerte sich Agens im Nachhinein auf der eigenen Homepage über eine angebliche "Diskursverweigerung“ der Gastgeberin, weil die antifeministischen Thesen der Agens-Referenten im Publikum nicht besonders gut angekommen waren. Das Reaktionsmuster kann als typisch gelten: Aus der gekränkten Haltung, man werde mit seinen Anliegen übersehen und ausgegrenzt, entsteht ein zusätzliches Element der Selbstviktimisierung – unabhängig davon, wie viel Aufmerksamkeit man tatsächlich erlangen konnte.

Historische Parallelen

Was bedeutet das Aufkommen einer sich „freiheitlich“ gebenden, im Gedankengut aber eher rechtskonservativen "Männerrechtsbewegung“ für die Zukunft von Männerpolitik? Progressive und rückwärts gewandte Strömungen existieren unter "Männerbewegten“ von jeher nebeneinander. Auseinandersetzungen über traditionelle und moderne Selbstverständnisse hat es immer wieder gegeben, die Parallelen reichen weit zurück.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts und später auch in der Weimarer Republik meldeten sich in Deutschland Antifeministen zu Wort. 1912 bildeten sie mit dem „Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ erstmals eine eigene Organisation. Diese gründete sich nicht zufällig am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in den viele Rekruten auch deshalb begeistert zogen, weil sie sich davon eine unhinterfragte Wiederherstellung männlich-hegemonialer Werte versprachen. "Von der fortbestehenden faktischen Diskriminierung der Frauen wenig irritiert, imaginierten viele Männer einen Machtantritt der Frauen“, schreibt Claudia Bruns: "Das antifeministische Ressentiment gehörte zum guten Ton im nationalkonservativen und völkischen politischen Spektrum der Gesellschaft. Sein zentrales Motto lautete 'Dem Mann der Staat, der Frau die Familie‘.“[19]

Knapp 20 Jahre danach verlangte Heinrich Berl in einem "antifeministischen Manifest“, dass sich eine Männerbewegung konstituieren müsse. Der "allgemeine Feminismus“ führe zur "decadence der Kultur“. Die Männerbewegung habe "den Auftrag, all das wieder zur Ruhe zu bringen, was sich heute bewegt und insofern erst die eigentliche und wesentliche Bewegung zu schaffen, die immer des Mannes war und sein wird“, formulierte Berl kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sein Manifest blieb allerdings ein Einzelphänomen; die geforderte Bewegung blieb, jedenfalls unter dezidiert geschlechterpolitischen Vorzeichen, aus.[20]

In der "Männergruppenszene“,[21] die sich seit den 1970er Jahren als Reaktion auf die "zweite Welle“ der Frauenbewegung etablierte, war und ist kein einheitlicher Kurs erkennbar. Auf der einen Seite "argumentieren dekonstruktivistische, identitätskritische Ideen mit der Behauptung, 'Männliches‘ (wie 'Weibliches‘) sei und werde ausschließlich kulturspezifisch organisiert“, skizziert Alexander Bentheim die zentrale Kontroverse der jüngeren Zeit. Andererseits werde "nicht zuletzt aufgrund neuerer Forschungen in Biologie und Genetik einer Renaissance des bipolaren Geschlechterdeterminismus das Wort geredet“. Konflikte darüber, ob Männer weiterhin privilegiert oder inzwischen strukturell benachteiligt sind, seien vor diesem Hintergrund "vorprogrammiert“.[22]

Fußnoten

18.
Paul Hermann Gruner/Eckhard Kuhla (Hrsg.), Befreiungsbewegung für Männer. Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie, Gießen 2009, S. 9.
19.
Claudia Bruns, Zwischen Frauenbewegung und Antifeminismus. Das Fin de siecle im deutschen Kaiserreich, in: dies., Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur, Köln 2004, S. 53.
20.
Heinrich Berl, Die Männerbewegung – ein antifeministisches Manifest, Karlsruhe 1931, S. 42f.; vgl. Andreas Kemper, (R)echte Kerle. Zur Kumpanei der Männerrechtsbewegung, Münster 2011, S. 46.
21.
Vgl. Georg Brozka/Gerhard Hafner, Männerfragen im Patriarchat, in: Jörg Ehrenfort/Herwarth Ernst (Hrsg.), Gegenstimmen, Reinbek 1987.
22.
Alexander Bentheim, Wohin des Wegs?, in: Switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit, (2009) 190, S. 4.