Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Thomas Gesterkamp

Für Männer, aber nicht gegen Frauen - Essay

Ansätze staatlicher Männerpolitik

Die schwarz-gelbe Bundesregierung kündigte nach der Bundestagswahl 2009 in ihrem Koalitionsvertrag eine "eigenständige Jungen- und Männerpolitik“ an. Mit der Schaffung des Referats 408 "Gleichstellungspolitik für Männer und Jungen“ im Familienministerium wurde dem Thema erstmals institutionalisierter Raum gegeben. Eines der wichtigsten politischen Ziele besteht darin, Männern Chancen in pädagogischen und pflegerischen Berufen aufzuzeigen. So soll etwa durch die bis 2013 laufende Initiative "Mehr Männer in Kitas“ die sehr niedrige Zahl männlicher Erzieher in Krippen und Kindertagesstätten gesteigert werden.

Abgesehen von dem Projekt "Neue Wege für Jungs“ hatte es weder unter der rot-grünen noch unter der Großen Koalition eine solche männerpolitische Akzentsetzung gegeben. Die einzigen parlamentarischen Anfragen zum Thema Männer und Jungen stellten zuvor die CDU-Fraktion 2004 und die FDP-Fraktion 2008. Beiden Initiativen lag allerdings keine vorrangig geschlechterpolitische Motivation zu Grunde. Sie wurden vielmehr ausgelöst durch alarmistische Interventionen der Arbeitgeber, die sich Sorgen um das geringe Qualifikationsniveau männlicher Schulabgänger machten. Es drohe ein vorwiegend „männliches Proletariat“, warnte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag; ähnlich argumentierte ein Gutachten des Aktionsrates Bildung im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.[23]

Haben die Oppositionsparteien im Deutschen Bundestag das Thema "Männerpolitik“ schlicht verschlafen, es versäumt, eigene Akzente zu setzen? Nur wenige (meist weibliche) Abgeordnete beschäftigten sich in der Vergangenheit überhaupt mit Gender-Themen, noch weniger interessierten sich für die männliche Perspektive. Manche Initiativen von Familienministerin Kristina Schröder ("Jetzt sind die Männer und die Jungen dran.“[24]) schürten zusätzliches Misstrauen. Als warnendes Exempel dienten zudem die Erfahrungen aus Österreich: Einige (nicht alle) der Publikationen, welche die zu Beginn finanziell gut ausgestattete "Männerpolitische Grundsatzabteilung“ verbreitete, hatten eine sehr konservative oder gar antifeministische Schlagseite.

Eine Idee muss aber nicht falsch sein, nur weil sie der politische Gegner funktionalisiert oder mangelhaft in die Praxis umgesetzt hat. Es kommt auf Deutungen, Gewichtungen und die Wahl der Kooperationspartner an. In Wien wurde das Männerthema vollkommen isoliert von der Frauenpolitik im Sozialministerium angesiedelt, institutionell also kein geschlechterpolitischer Dialog begonnen. In Berlin und Bonn ist das Männerreferat integriert in die Abteilung Gleichstellungspolitik im Familienministerium. So bieten sich grundsätzlich bessere Voraussetzungen für den Austausch zwischen den Akteuren und Akteurinnen in der Geschlechterpolitik.

Dringend notwendig ist, zwischen Männern und Frauen das gängige Täter-Opfer-Schema zu überwinden. Denn einige der von antifeministischen Männerrechtlern zugespitzt skandalisierten Themen sind brisant: Besonders Jungen aus "bildungsfernen“ Schichten haben Schwierigkeiten in der Schule. Erst in jüngster Zeit kommt auch für Männer eine spezifische und vom Staat unterstützte Gesundheitsberichterstattung in Gang – angesichts der über fünf Jahre kürzeren Lebenserwartung des angeblich "starken Geschlechts“ ist das überfällig. Dass Gewalt nicht nur von Männern ausgeht, sondern sich vielfach auch gegen sie richtet, war lange Zeit ein unterbelichtetes Thema. Und so manchem Trennungsvater wird in der Tat übel mitgespielt; Kinder werden nach Scheidungen von Männern wie Frauen zum Faustpfand in Beziehungskonflikten instrumentalisiert. Bei aller Tragik im Einzelfall lässt sich daraus allerdings keine flächendeckende gesellschaftliche Diskriminierung des Mannes qua Geschlecht ableiten.

Die Stilisierung des Mannes zum Opfer "des Feminismus“ ist wenig hilfreich, ein vorurteilsfreier Blick auf die möglichen Nachteile männlicher Lebensentwürfe aber sehr wohl dringlich. Kooperationsbereite Initiativen wie das Bundesforum Männer, das sich im November 2010 als männliches Pendant zum Deutschen Frauenrat gegründet hat, können hier eine wichtige Rolle spielen. Der Zusammenschluss, in dem neben kirchlichen Gruppen und Sozialverbänden auch Jungenarbeiter, Väterinitiativen und Wissenschaftler mitarbeiten, versteht sich als Dachverband und Sprachrohr. In zehn Grundsätzen wird ausdrücklich der "konstruktive Dialog zwischen den Geschlechtern“ befürwortet. Männerthemen müssten in Ministerien und Behörden mehr Beachtung finden, fordert das Forum, das sich von antifeministischen Strömungen jedoch ausdrücklich distanziert hat und die Kooperation mit Vereinen wie MannDat oder Agens ablehnt.

Strategische Einseitigkeit

Männerpolitik wird in der Gleichstellungsdebatte inzwischen zwar als eigenständiger Bereich postuliert. In vielen Praxisfeldern (und in der Förderpraxis der Europäischen Union) aber überwiegt immer noch ein Denken, das Geschlechterpolitik mit Frauenpolitik gleichsetzt. Mitgemeint, aber nicht mitgenannt: Dass das Wort "Männer“ in den Titeln der zuständigen Stellen, in den Bezeichnungen für Kommissionen oder Berichten nicht auftaucht, ist keine Formalie. Vielmehr drücken sich darin, bei allem gutem Willen einzelner, inhaltliche Nachrangigkeit und eine strukturelle Missachtung aus.

Förderprogramme für Jungen oder mehr Männerforschung an den Universitäten müssen keineswegs automatisch zu Lasten der nach wie vor notwendigen Frauenpolitik gehen. Eine partnerschaftliche und dialogische Männerpolitik nimmt Antifeministen den Wind aus den Segeln. Der Gestus des Tabubrechers, der angebliche Denkverbote missachtet, wird auf diese Weise ebenso erschwert wie das Umdeuten von Begriffen wie Befreiung, Zivilgesellschaft oder Geschlechterdemokratie. Wenn sich die konsensorientierten Gruppen stärker öffentlich zu Wort melden, zeigt sich, dass antifeministische Männerrechtler keineswegs die Mehrheit der "Männer in Bewegung“ bilden.

Chancengleichheit und gleichberechtigte politische Strukturen können die Geschlechter nur gemeinsam erreichen. Männerpolitische Anliegen sind jedoch kein bloßer Appendix von Frauenförderung. Zu Recht kritisiert Peter Döge, dass "Organisationskulturen“ in Gleichstellungsprozessen zu wenig angegangen werden: "Es geht um Frauen in Führungspositionen, nicht um den Umbau der Karrieremuster; Frauen sollen zur Bundeswehr und nicht die Bundeswehr soll in eine defensive Verteidigungsarmee umgebaut werden; Frauen sollen in die Wissenschaft, der patriarchale Initiationsritus der Habilitation bleibt unangetastet; Frauen sollen in die Wirtschaft, aber die alles dominierende Profitorientierung wird nicht in Frage gestellt.“ Diese "strategische Einseitigkeit“ führe zu einer "Anpassung von Frauen an männliche Habituskulturen“.[25]

Der Rollenwandel von Frauen bewegt sich nicht im luftleeren Raum. In der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, aber auch in den individuellen Aushandlungsprozessen von privaten Beziehungen hängt er stets zusammen mit dem Rollenwandel von Männern. Zumindest Teilgruppen der Männer wollen sich verändern, sie sind "in Bewegung“.[26] Deshalb gehen witzige, auf Männer gemünzte Phrasen wie die "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“ – ein mittlerweile über ein Vierteljahrhundert altes Zitat des Soziologen Ulrich Beck[27] – an der vielfältigen Realität heutiger "Männlichkeiten“ schlicht vorbei. Frauenpolitische Appelle, die Männer als Defizitwesen betrachten und nur zum Verzicht auffordern, bleiben im alten Denken verhaftet. Mit eigenständig entwickelten Ideen und Konzepten liefern Männer ihren Beitrag zu Geschlechterdemokratie und Gleichstellungspolitik: für Männer, aber nicht gegen Frauen.

Fußnoten

23.
Vgl. Aktionsrat Bildung, Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem, Wiesbaden 2009.
24.
So die Ministerin bei der Vorstellung des ersten Männergesundheitsberichts im Oktober 2010, zit. nach: Heike Haarhoff, Jetzt sind die Männer dran, 28.10.2010, online: www.taz.de/!60455/ (1.9.2012).
25.
Peter Döge, Vom Lebendigen her denken, in: Switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit, (2010) 192, S. 23.
26.
Rainer Volz/Paul Zulehner, Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland, Baden-Baden 2009.
27.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 1986, S. 169.

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