Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek
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Vom Singular zum Plural: Männlichkeit im Wandel - Essay


24.9.2012
In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl!“[1] So formulierte der höchste Repräsentant des nationalsozialistischen Staates sein Männerbild, das dann während zwölf Jahren der faschistischen Herrschaft auch das allgemein gültige war. Die Folgen sind bekannt: zerstörte Landschaften und Städte, Millionen Tote im In- und Ausland, ein hoher Blutzoll vor allem bei jüngeren Männern, Hass und Misstrauen über lange Zeit.

Eine Aufarbeitung des Geschehens unter dem Stichwort der "Vergangenheitsbewältigung“ erfolgte zunächst nur zögerlich und allenfalls in moralischen Kategorien, da die pragmatische Bewältigung des Alltags alle Kräfte benötigte. Der notwendige Wiederaufbau fokussierte die Energie nach außen und beförderte damit auch die Reaktualisierung klassischer Männlichkeitsqualitäten wie Kraft, Leistung und Disziplin. Diese Entwicklung wurde später vorwurfsvoll mit dem Wort von der "Unfähigkeit zur Trauer“ belegt. Erst mit der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre setzte eine kritische Auseinandersetzung mit der Generation der Väter ein. Damit verbunden wurden auch sukzessive "heroische“, soldatische und schließlich generell traditionelle Männlichkeitsentwürfe problematisiert. Die erste umfassende Darstellung zu diesem Thema erschien 1977.[2]

Traditionelle Männlichkeit



Die traditionelle Männerrolle besteht vor allem aus Erfolg, Leistung, Härte, Macht, Distanz, Konkurrenz und Kampf. James M. O’Neil, der einst in den USA Hunderte von Untersuchungen über den männlichen Erziehungsprozess geprüft und zusammengefasst hat, kam 1982 zum Ergebnis, dass Männer sozialisiert werden, wettbewerbsbetont, leistungsorientiert und sachkompetent zu sein. Bereits achtjährige Jungen hätten diese Maxime verinnerlicht und wüssten, dass sie kämpfen, sich anstrengen und arbeiten müssten und dass sie nicht schwach und passiv sein dürften, wenn sie Männer werden wollten.[3]

Robert Brannon hat schon 1976 die herrschenden Erwartungen an das Mann-Sein in besonders plastischer Form auf den Punkt gebracht: Erstens, der Junge und spätere Mann müsse in seiner Sozialisation alles vermeiden, was den Anschein des Mädchenhaften hat ("No sissy stuff“). Zweitens, nur wer Erfolg hat, sei ein richtiger Mann. Der Weg zum Erfolg führe ausschließlich über Leistung, Konkurrenz und Kampf ("Be a big wheel“). Drittens, der Junge und spätere Mann müsse wie eine Eiche im Leben verwurzelt sein. Er müsse jedem Sturm trotzen, hart, zäh und unerschütterlich ("Be a sturdy oak“). Und viertens, der Junge und spätere Mann wage alles. Er sei per se ein Siegertyp ("Give ’em hell“).[4]

Um Männlichkeit muss gerungen werden. Der große Berliner Soziologe Georg Simmel (1858–1918) bezeichnete in diesem Verständnis Weiblichkeit als ein "Sein“ und Männlichkeit als ein "Tun“. "Welche Rolle in der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen jedem zukam, war eigentlich von der Natur her nur für die Frauen bestimmt (…) Dieser Mangel eines naturgegebenen Tätigkeitsinhalts wies (den Mann) auf schöpferische Freiheit, macht ihn zum Träger der Arbeitsteilung.“[5] Diese Männlichkeit ist eine über Jahrhunderte und Jahrtausende tradierte gesellschaftliche Festlegung von spezifischen Werten, Verhaltensweisen und Überzeugungen, die durch eine vielschichtige Dynamik von Institutionen wirkt: Familie, Schule, Ausbildung, Arbeit, Militär, Religion, Sport, Massenmedien und soziale Beziehungen.

Der einzelne Mann muss seine eigene Lebensweise von Männlichkeit finden und auch immer wieder neu interpretieren. Der individuelle Freiheitsgrad ist aber durch die Tradition eingeschränkt. Dabei ist es zunächst einmal irrelevant, ob die Begründung für diese Traditionen heute als falsch oder unzeitgemäß bewertet wird. Entscheidend ist vielmehr, dass es diese Tradition gibt und dass sie über eine Vielzahl von gesellschaftlichen Zwängen und Interessen auch unsere Gegenwart bestimmt. Was unsere Vorfahren uns an Bildern von Männlichkeit weitergegeben haben, ist für uns vorgegebene Realität, an der wir uns orientieren und die wir in unserer Erziehung verinnerlichen. Diese Verinnerlichung bestimmt unsere Sichtweise von uns selbst und von den anderen; sie strukturiert überdies unser Erleben und ist damit in gewisser Weise unsere Wirklichkeit, was auch Veränderung – entgegen aller kognitiven Einsicht – so sehr erschwert.

Veränderte Männlichkeit



Die Männlichkeit ist seit den späten 1960er Jahren dabei, sich prinzipiell anders aufzufächern als in den Jahrhunderten zuvor. Das betrifft nicht nur ökonomische, politische und kulturelle Machtpositionen, sondern geht wesentlich tiefer. Getroffen ist der Androzentrismus, das heißt die absolute Selbstverständlichkeit, dass Männer herrschen, die Gesetze machen, die Welt erklären und alle darauf hören. Der Mann ist die längste Zeit der unbestrittene Herrscher der Außenwelt gewesen. Ökonomische Veränderungen bedingen diese Entwicklung.

Die landläufige Meinung, dass erst der moderne Feminismus die traditionelle Männlichkeit in Auflösung gebracht habe, ist irrig. Schon in den 1950er Jahren lebten in den USA die Beats neue Männlichkeiten. Die Literatur vor allem von Jack Kerouac dokumentiert dies ebenso wie die Werke von Allen Ginsberg oder Alan Watts. In Deutschland versuchten einige Jahre später die sogenannten Gammler Vergleichbares. Schon äußerlich unterschieden sie sich mit ihren langen Haaren und gewollt ungepflegter Kleidung von der traditionellen Männlichkeit. In ihrer Lebensauffassung klinkten sie sich bewusst aus der "männlichen“ Leistungsgesellschaft aus und beschworen "kontraproduktive“ Werte wie Müßiggang, Unordnung und Spontaneität. Bundeskanzler Ludwig Erhard versprach damals: "Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören.“ Die NPD verlangte "endlich Maßnahmen (…) um das ganze Problem (…) radikal und im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen“.[6] Kurze Zeit später radikalisierten die Hippies den Lebensentwurf der Gammler. Ihre Kleidung war bunt und "weiblich“, auch Männer trugen Schmuck. Die Kritik an der "Männlichkeitsgesellschaft“ und deren Ausformungen wie zum Beispiel der Krieg in Vietnam verschärften sich.[7] Im Gegensatz zu diesen und anderen Protestbewegungen wie den holländischen Provos oder dem englischen Underground konzentrierten sich Frauenbewegung und Feminismus vor allem auf die machtpolitische Kritik von Männlichkeit und deren Auswirkungen auf Krieg, Naturzerstörung und Sexualität.

Die erwähnten Veränderungen dokumentieren sich unter anderem in verschiedenen Befragungen. 1975 unternahm die Soziologin Helge Pross die erste "repräsentative Untersuchung über die Selbstbilder von Männern und ihre Bilder von der Frau“.[8] Der Anspruch, Haus- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern demokratisch aufzuteilen, fand zu dieser Zeit noch kaum Zuspruch. Die Männer schätzten, dass sie kontinuierlich versorgt wurden; das Ideal war die mütterliche Frau. In der Sexualität beharrten die meisten Männer auf dem männlichen Initiativrecht und einer weiblichen Passivitätspflicht. Männlichkeit wurde noch deutlich höherwertig angesehen als Weiblichkeit, woraus ein Machtanspruch gegenüber Frauen abgeleitet wurde. Belastungen, welche die eigene männliche Rolle in sich birgt, wurden kaum wahrgenommen. Verändert hatte sich jedoch schon die Einstellung gegenüber der "Führungsfähigkeit der Frau in der Politik“; auch die alte Doppelmoral, sich als Mann Vergnügungen zu gönnen, die Frauen nicht zugebilligt werden, erodierte.

Zehn Jahre später erschien die "Brigitte-Studie“. Die Veränderung der Frauen hatten ihrzufolge zu einem stärkeren Einstellungswandel bei den Männern geführt: "Verunsichert sind sie (…). Aber der neue Mann ist noch eine geringe Minderheit“.[9]Hausarbeit galt nach wie vor als Frauensache, aber die Anzahl mithelfender Männer erhöhte sich stetig. Die Bedeutung der weiblichen Erwerbstätigkeit hatte zugenommen und wurde von den Männern auch geschätzt. In der Sexualität wurde "auf die Partnerin Rücksicht genommen“.[10] Generell wurde in der Studie eine "Entwicklung in Richtung auf 'sanftere‘ Männer“ konstatiert.[11]

1988 erschien die Untersuchung "Geschlechtsrollen im Wandel“, die vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurde.[12] Diese Studie vermerkte zunächst ausführlich den "Terraingewinn der Frauen in Bildung und Beruf“. Trotzdem blieb die "Männerrolle – mit ihrer hohen Priorität für die Berufstätigkeit – vergleichsweise stabil“. Der deutsche Mann beteiligte sich vermehrt an Haus- und Erziehungsarbeit, "Entscheidungen über die Verwendung der finanziellen und zeitlichen Ressourcen des Haushalts werden gemeinsam getroffen.“ Das Machtgefälle in der Partnerschaft war demnach nahezu verschwunden. Beide Geschlechter stimmten allerdings nach wie vor der tradierten Ansicht zu, dass "männliche Selbstverwirklichung ohne Beruf schwer vorstellbar“ sei und die Erwerbstätigkeit der Männer "die höchste Geltung“ habe.[13]

Dass die Männerwelt inzwischen stark in Bewegung geraten war, dokumentiert die Berliner Männeruntersuchung von 1990.[14] Das Frauenbild der Männer und die Einschätzung und Anerkennung der Frauen hatten sich positiv verändert. Deutlich hatte sich die Mithilfe des Mannes im Haushalt und bei der Kindererziehung verstärkt. Auch das Bild, das sich die Männer von sich selbst machen, hatte sich "enthärtet“. Männer waren vor allem gefühlvoller, partnerschaftlicher und zu besseren Zuhörern geworden. Auffällig und in diesem Ausmaß erschreckend war aber eine generelle Unzufriedenheit der Männer mit sich und ihrer Situation. Auch die Männerrolle wurde nun kritischer gesehen.

Untersuchungen um die Jahrtausendwende und danach belegen, dass diese Trends sich gefestigt haben. "Männer im Aufbruch“ titelt eine Befragung von 1998 und macht einen steigenden Anteil "neuer Männer“ aus.[15] Unterschiedliche Männlichkeiten können nun gelebt werden. Die traditionelle Männlichkeit hat ihre verbindliche Eindimensionalität verloren. Das gilt nicht nur für sexuelle Präferenzen, sondern auch für Rollenmodelle wie Hausmann, teilzeitarbeitender Vater und andere. Doch sollte diese Entwicklung nicht überschätzt werden. Männlichkeit bleibt eine Gratwanderung zwischen der Hardware-Männlichkeit, wie sie offiziell noch immer gelebt wird, und einer Software-Männlichkeit, wie sie inzwischen in bestimmten Milieus gefordert ist. Aber die Erwartung, leistungsstark, erfolgreich und kämpferisch zu sein, bleibt das Maß für Beruf und Karriere. Privat hingegen wird vermehrt eine Männlichkeit verlangt, die kooperativ, emphatisch, flexibel und irgendwie feminin ist. Das gilt vor allem für die Milieus der mittleren Schichten. Beides ist vor allem dann schwierig zu leben, wenn es simultan verlangt wird. In diesem Sinne merkte William Pollack an: "Wir fordern, dass unsere Jungen den sensiblen New-Age-Mann und den coolen Kerl gleichzeitig verkörpern.“[16]

Der Schluss, dass die traditionelle Männlichkeit inzwischen überholt ist, wäre jedoch fahrlässig. Ebenso ist es eine Fehlannahme, von einer veränderten Sozialisation auszugehen. Empirische Studien konstatieren, dass für den Umgang mit Jungen noch immer der Verhaltenskodex der traditionellen Männlichkeit verbindlich ist.[17] Der Kulturhistoriker George L. Mosse wies nach, dass die traditionelle Männlichkeit sich trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen behauptet hat und geht davon aus, dass sie es auch weiterhin tun wird.[18]


Fußnoten

1.
Adolf Hitler am 14. September 1935, Der Parteitag der Freiheit vom 10. bis 16. September 1935, München 1935, S. 183.
2.
Vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien, Reinbek 1977.
3.
Vgl. James M. O’Neil, Gender-Role Conflict and Strain in Men’s Lives, in: Kenneth Solomon/Norman B. Levy (eds.), Men in Transition, New York 1982.
4.
Vgl. Robert Brannon, No "Sissy Stuff“, in: Deborah S. David/Robert Brannon (eds.), The Forty-Nine Percent Majority. The Male Sex Role, Reading, MA 1976. S. 12f.
5.
Georg Simmel, Bruchstücke aus einer Psychologie der Frauen, in: Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter, Frankfurt/M. 1985, S. 177.
6.
Beide Zitate nach: Gammler. Schalom aleichem, in: Der Spiegel, Nr. 39 vom 19.9.1966, S. 72.
7.
Vgl. Walter Hollstein, Der Untergrund. Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen, Neuwied–Berlin 1969.
8.
Vgl. Helge Pross, Die Männer, Reinbek 1978.
9.
Vgl. Sigrid Metz-Göckel/Ursula Müller, Der Mann. Die Brigitte-Studie, Weinheim–Basel 1986, S. 19.
10.
Ebd., S. 148.
11.
Ebd., S. 152.
12.
Vgl. Wolfgang Hartenstein et al., Geschlechtsrollen im Wandel. Partnerschaft und Aufgabenteilung in der Familie, Stuttgart u.a. 1988.
13.
Ebd., S. 23.
14.
Vgl. Walter Hollstein, Die Männer – vorwärts oder zurück?, Stuttgart 1990.
15.
Vgl. Paul M. Zulehner/Rainer Volz, Männer im Aufbruch, Ostfildern 1998.
16.
William F. Pollack, Richtige Jungen, Bern 1998, S. 13.
17.
Vgl. ebd.; Klaus Hurrelmann, Leistungsdefizite junger Männer – was sind die Ursachen und Hintergründe?, in: Matthias Franz/André Karger (Hrsg.), Neue Männer – muss das sein?, Göttingen 20112, S. 191–207.
18.
Vgl. George L. Mosse, Das Bild des Mannes, Frankfurt/M. 1997.