Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Lothar Böhnisch

Männerforschung: Entwicklung, Themen, Stand der Diskussion

Das, was in der sozialwissenschaftlichen Literatur als "Männerforschung“ bezeichnet wird, ist inzwischen zu einem komplexen multidisziplinären Wissenschaftsgebiet geworden. Im deutschsprachigen Raum dominieren hier die soziologisch orientierten Gender-Studien mit dem paradigmatischen Schwerpunkt der "sozialen Konstruktion von Männlichkeit“, was mit dazu geführt hat, dass zum Beispiel tiefenpsychische Ansätze eher im Hintergrund geblieben und entsprechende interdisziplinäre Ansätze immer noch rar sind. Entwickelt hat sich die Männerforschung in den vergangenen 30 Jahren aus den feministischen Diskursen heraus, in denen gefordert wurde, dass die weibliche Emanzipationsperspektive immer auch im Zusammenhang mit der Kritik der Männerfrage, das heißt der Revision patriarchalischer Strukturen und Haltungen, thematisiert werden müsse, wenn ihre gesellschaftliche Transformation gelingen solle. Darin war auch ein Anspruch an männliche Sozialwissenschaftler enthalten, sich kritisch mit der eigenen Wissenschaftsposition zu beschäftigen und sich einer Männerforschung zuzuwenden. In diesem ersten, feministisch inspirierten Männerdiskurs der 1980er und frühen 1990er Jahre verhielt sich die noch junge Männerforschung gleichsam komplementär zum feministischen Diskurs. Erst im Laufe der 1990er und in den 2000er Jahren "löste“ sich die Männerforschung und suchte – vor allem entlang des inzwischen verbreiteten Konzepts der männlichen Hegemonialität – nach Bestimmungen von Männlichkeit, die neue Relationen eröffnen konnten. Gleichzeitig entwickelte sich auch in der Frauenforschung ein Männlichkeitsdiskurs, der nicht mehr zwangsläufig auf das "Widersachermodell“[1] rekurrierte. So finden wir heute im deutschsprachigen wie angelsächsischen Raum eine von Männern und Frauen betriebene Männerforschung vor, die jenseits parteilicher Standpunkte zueinander in Beziehung treten kann.[2]

Wie das bei der Neuentwicklung einer Wissenschaftsdisziplin meist der Fall ist, eilten und eilen auch in der Männerforschung die theoretischen Diskurse den empirischen Studien voraus, gleichwohl sie sich zunehmend aufeinander beziehen können. In den vergangenen Jahren ist in diesem Zusammenhang eine zunehmende Ausdifferenzierung in verschiedene Forschungsbereiche zu beobachten: Sozialisation, Familie, Gesundheit, Sexualität, Gewalt, Alter, Migration, Arbeit, Politik, Militär.[3] Als quantitativ angelegte bundesweite Repräsentativerhebung ragt die Replikationsstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner heraus,[4] aus deren vergleichender Typologie einerseits deutlich wird, dass sich Männlichkeit in Bezug auf Selbstbild, Geschlechterbeziehungen und Alltagsverhalten modernisiert hat, gleichzeitig aber auch in Spannungen steht, verunsichert ist, dass dabei aber Grundstrukturen tradierten männlichen Selbstverständnisses eine überraschende Beharrlichkeit aufweisen. Ähnliche Befunde finden wir in verschiedenen regionalen Männerstudien.

Männlichkeitsdiskurse als Krisendiskurse

Männerdiskurse waren schon immer auch Krisendiskurse. Zwei Argumentationsfiguren haben sich in den zurückliegenden 100 Jahren gehalten und verfestigt. Zum einen: Die Krise des Mannseins bricht mit dem gesellschaftlichen Aufstieg der Frau auf, denn da wird deutlich, dass die Stärke des Mannes lange Zeit an die behauptete Schwäche der Frau gebunden war und mit der weiblichen Emanzipation ihre selbstbehauptete und darin tradierte Legitimation verliert. Die zweite Argumentationsfigur zur Krise des Mannseins sieht die Männer derartig in die Logik der Ökonomie und die Mechanismen der industriellen Produktion verstrickt, dass sie in ihrem Denken und Fühlen eher in der Maschine aufgehen (später in den neuen Technologien), als dass sie ihr Leben in Distanz dazu und aus sich selbst heraus bestimmen könnten.

Vom Bild des Maschinenmannes bis hin zu dem des abstract worker – also von der vorletzten Jahrhundertwende bis zu Beginn dieses Jahrhunderts – zieht sich das gleiche Klage- und Kritikmotiv industriell zugerichteter Männlichkeit durch die Verständigungs- und Selbstvergewisserungsschriften (männer-)kritischer Wissenschaftler und Publizisten. Kein Wunder, dass Männlichkeitsdiskurse bis heute immer dann auch als Krisendiskurse geführt wurden, wenn Transformationsprozesse wie vor allem die Veränderungen im arbeitsgesellschaftlichen System, in der Arbeitsteilung der Geschlechter und damit im Geschlechterverhältnis aufziehen. "Viel zu oft werden diese Transformationen als 'Krise‘ beschrieben, ohne dass dabei genau bezeichnet würde, für wen die Veränderungen eigentlich tatsächlich wie krisenhaft, wie bestandskritisch und bedrohlich sind (…). Die ständige Männerkrisenbeschwörung der letzten Jahr(hundert)e ließe sich demnach (…) als ein Echo beschreiben, das durch seinen ständigen Nachhall eine spezifische Vorstellung von Männlichkeit am Leben erhält, im gesellschaftlichen und kulturellem Zentrum verankert und diese Konstellation letztlich womöglich sogar als 'natürlich‘ erscheinen lässt.“[5]

Hegemoniale Männlichkeit und die Dialektik von Dominanz und Verfügbarkeit

Erst mit der Einführung des Paradigmas der hegemonialen Männlichkeit in der Ablösung des traditionellen Patriarchatsbegriffs eröffnete sich der Männerforschung ein eigenständiger und nun offener Theorie- und Forschungshorizont. R. Connell[6] sieht eine Entstrukturierung der Macht des Patriarchats im Zuge der industriegesellschaftlichen Modernisierung hin zu einer fragilen wie flexiblen Dominanzstruktur (Hegemonie) auf drei Ebenen: in den politischen Machtverhältnissen, in der Hierarchie der Arbeitsbeziehungen und in den emotionalen Beziehungsverhältnissen. Damit ist nicht nur die tradierte Selbstverständlichkeit männlicher Macht obsolet geworden, es können auch unterschiedliche Männlichkeiten in einer Gesellschaft gelebt werden.

Trotz dieser Entstrukturierung bleibt aber die Tendenz, männliche Macht in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen durchzusetzen, erhalten. Denn "Männlichkeit ist, als soziales Konstrukt, scheinbar unauflöslich mit Macht konnotiert. Die symbolische Verknüpfung von Männlichkeit und Macht gilt für die heterosoziale wie für die homosoziale Dimension der Gesellschaftsverhältnisse.“[7] Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit bezieht sich also sowohl auf Dominanzverhältnisse gegenüber Frauen als auch unter Männern. Dass sich männliche Macht in modernen Gesellschaften nicht nur halten, sondern immer wieder neu durchsetzen kann, männliche Machtgruppen auch von vielen anderen Männern gewollt oder ungewollt unterstützt werden und damit ihre hegemoniale Funktion behaupten, wird einem kulturell wie tiefenpsychisch wirksamen Bindungsverhältnis unter Männern zugeschrieben. Dieses wird als patriarchale Dividende bezeichnet. Mit diesem Begriff ist die allen Männern gleichsam kulturgenetisch eingeschriebene, in der Entwicklungsdynamik des Kindes- und Jugendalters immer wieder aktivierte und eingeübte Haltung gemeint, dass der Mann "im Grunde“ doch der Frau überlegen sei, egal ob das der Überprüfung durch die soziale Wirklichkeit standhält.[8] Die Erfahrungen in der Beratungspraxis zeigen, dass diese männliche Dividende in kritischen Lebenssituationen quer durch alle Schichten aktiviert wird. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, dass es von den sozialen Spielräumen der jeweiligen Lebenslage abhängt, ob Männer darauf "angewiesen“ sind, auf sie zurückzugreifen.

In der neueren, international vergleichenden Männerforschung, wie sie sich etwa im "Handbook of Studies on Men and Masculinities“[9] präsentiert, wird auf den wachsenden Einfluss verwiesen, den die globale kapitalistische Ökonomie auf die Freisetzung und Formung von Männlichkeiten hat. Einig ist sie sich darin, dass eine Abkehr von einem einseitigen Hierarchiemodell männlicher Dominanz notwendig ist und eher die Frage gestellt werden muss, wie Männlichkeit in die globalisierten Machtstrukturen ambivalent verstrickt ist. Grundthese ist dabei, dass die transnationalen Korporationsstrukturen ein Gender-Regime aufgebaut haben, das jenseits von Rasse und Nationalität durch einen männlichen Code zusammengehalten wird. Indem der neue Männerbund der global player die Kultur der internationalen Beziehungen in Wirtschaft und Politik besetzt, nistet sich hegemoniale Männlichkeit in fast allen transnationalen Organisationen ein. Sie scheint sich zunehmend in die Sphären sozial entbetteter Technologie und Ökonomie zu verlagern, die sich sozialen Bindungen und gesellschaftlicher Verantwortung entziehen. Verkörpert wird diese neue hegemoniale Männlichkeit durch entsprechende Leitfiguren in den weltweit operierenden transnationalen Konzernen, Technologie- und Finanzzentren.[10]

Hier setzt die kritische Frage nach der weiteren Gültigkeit des Hegemonialitäts-Modells als Leitkonzept der Männerforschung an.[11] Kann das neue global agierende Managertum überhaupt noch als hegemoniales Vorbild für zum Beispiel sozial benachteiligte Männer fungieren? Empirische Studien zeigen aber, dass gerade sozial benachteiligte Männer in ihrer sozialen Hilflosigkeit zu dezidiert maskulinen Kompensations- und Bewältigungsmustern greifen.[12] Männlicher Habitus und männliche Dividende scheinen also auch unabhängig von einer bestimmten Führungselite zu wirken, vielmehr sind sie in die ökonomische wie institutionelle Struktur einer Gesellschaft eingeschrieben.

Ein zentraler Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass das Konzept nur die eine, die Herrschaftsseite männlicher Hegemonialität sieht. Männer stellen zwar Machtverhältnisse her, sind ihnen aber gleichzeitig unterworfen. Sie sind eben die Geschlechtergruppe, die den Bedingungen kapitalistischer Verwertung ohne echte Rückzugsmöglichkeit (wie sie die Frau in der gesellschaftlich gebilligten Zone der Mutterschaft hat) ausgesetzt ist. Das Konzept kann also nur die Seite der Dominanz von Männlichkeit, nicht aber die Seite der männlichen Verfügbarkeit und Verletzlichkeit, der abhängigen Verstrickung des Mannes in den industriekapitalistischen Verwertungsprozess aufschließen. Damit gerät das Hegemonialkonzept in Gefahr, selbst zum Verdeckungszusammenhang zu werden, in dem dann Leiden von Männern nicht mehr thematisiert werden können. Hegemoniale Männlichkeit konstituiert sich vielmehr – in den industriekapitalistischen Gesellschaften – in der Dialektik von männlicher Dominanz und Verfügbarkeit.[13] Gerade in kritischen Lebenslagen – wie Trennung, Arbeitslosigkeit, Konkurrenzdruck – wird männliche Hilflosigkeit sichtbar, auch wenn die betroffenen Männer auf dezidiert maskuline Bewältigungsmuster zurückgreifen: Gefühlsabwehr und Rationalisierung, Kontroll- und Abwertungsstrategien.[14] Männlichkeit fungiert hier als Mittel der Lebensbewältigung. Gerade deshalb ist es auch plausibel, dass die gendertheoretische Männerforschung (Männlichkeit als soziale Konstruktion) einer psychoanalytischen Perspektive bedarf.

Fußnoten

1.
Vgl. Susan Faludi, Männer – das betrogene Geschlecht, Reinbek 2001, S. 632.
2.
Vgl. Brigitte Aulenbacher et al. (Hrsg.), FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art, Münster 2006; Themenheft Männlichkeit von EWE – Erwägen. Wissen. Ethik, 21 (2010) 3.
3.
Vgl. Mechthild Bereswill/Michael Meuser/Sylka Scholz, Dimensionen der Kategorie Geschlecht: Der Fall Männlichkeit, Münster 2007; Sylka Scholz, Männlichkeitssoziologie. Studien aus den sozialen Feldern Arbeit, Politik und Militär im vereinten Deutschland, Münster 2012.
4.
Vgl. Rainer Volz/Paul M. Zulehner, Männer im Aufbruch, Ostfildern 1998; dies., Männer in Bewegung, Baden-Baden 2009.
5.
Jürgen Martschukat, Von Krisen, Echos und Stabilisierungen, in: EWE (Anm. 2), S. 373ff., hier: S. 374.
6.
Vgl. R. Connell, Gender and Power, Stanford 1987; dies., Der gemachte Mann, Opladen 1999.
7.
Michael Meuser, Geschlecht, Macht, Männlichkeit, in: EWE (Anm. 2), S. 325–336, hier: S. 327.
8.
Vgl. Lothar Böhnisch, Männliche Sozialisation, Weinheim–München 2004.
9.
Vgl. Michael S. Kimmel/Jeff Hearn/R. Connell (eds.), Handbook of Studies on Men and Masculinities, Thousend Oaks u.a. 2005.
10.
Vgl. Luc Boltanski/Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2006; R. Connell, Im Innern des gläsernen Turms, in: Feministische Studien, (2010) 1, S. 8–24.
11.
Vgl. zu dieser und anderer Kritik: EWE (Anm. 2).
12.
Thomas Kreher, "Heutzutage muss man kämpfen“. Bewältigungsformen junger Menschen angesichts entgrenzter Übergänge in Arbeit, Weinheim–München 2007; Klaus Dörre, Prekarisierung und Geschlecht, in: Brigitte Aulenbacher et al. (Hrsg.), Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft, Wiesbaden 2007, S. 285–301.
13.
Vgl. L. Böhnisch (Anm. 8).
14.
Vgl. Wolfgang Neumann/Björn Süfke, Den Mann zur Sprache bringen, Tübingen 2004.