Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek
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(Nicht) Vater werden und (nicht) Vater sein heute


24.9.2012
In dem vorliegenden Beitrag möchte ich zentrale Thesen aus dem Forschungsprojekt "Warum werden manche Männer Väter, andere nicht? Bedingungen von Vaterschaft heute“[1] mit Ergebnissen aus meinem Dissertationsprojekt[2] zum Thema Vater-Kind-Beziehungen miteinander verbinden. Das Ziel dabei ist, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Väterlichkeit[3] heute stattfindet, und die damit im Zusammenhang stehenden normativen Ansprüche an Männer als Väter zu umreißen.

Lange Zeit konzentrierte sich die sozialwissenschaftliche Forschung zu Familiengründung, zu Ursachen von Kinderlosigkeit und zu Fragen rund um den Kinderwunsch, aber auch zu familiären Beziehungen ausschließlich auf Frauen, sprich Mütter. Männer, beziehungsweise Väter, werden in diesen Zusammenhängen erst in den vergangenen Jahren untersucht.[4] Gleichwohl wird dabei oft Mutterschaft als Orientierungspunkt für Väterlichkeit genutzt, wodurch die tägliche und emotionale Praxis von Vätern weniger als etwas Eigenständiges, sondern vielmehr als eine Art Ko-Elternschaft betrachtet wird. Während Müttern eine "natürliche“ und damit umfassende Kompetenz zugeschrieben wird, die Bedürfnisse von Kindern erkennen und befriedigen zu können, werden Väter als defizitärer Mutterersatz betrachtet. Daran zeigt sich, dass diese Themenfelder nicht nur im Alltagsbewusstsein, sondern auch in der Wissenschaft primär in den Kontext von "Weiblichkeit“ gebracht und in diesem verstanden werden. Somit erscheint es mehr als angebracht, die Bedeutung von "Männlichkeit“ stärker in den Fokus zu nehmen und dabei die Familien- und die Geschlechterforschung möglichst miteinander zu verbinden. Denn während das Erkenntnisinteresse der Geschlechter- beziehungsweise Männlichkeitsforschung auf die Konstruktion von Männlichkeit sowie die Entwicklung einer männlichen Identität zielt, ist die Verknüpfung mit Väterlichkeit in diesem Forschungszweig noch wenig untersucht. Umgekehrt wird der Bedeutung von "Männlichkeit“ in der Familien- und Väterforschung bisher noch wenig Beachtung geschenkt.

Nicht zuletzt daran zeigt sich auch, dass Vaterschaft stets doppelt verschränkt ist: einerseits mit den vorherrschenden normativen Vorstellungen und Praxen von Mutterschaft, andererseits mit den Normen von Männlichkeit.[5] Die Schwierigkeit besteht nun in der Unklarheit darüber, wie Männer eigentlich Väter sein sollen beziehungsweise was Väterlichkeit genau beinhaltet;[6] hat sich doch gezeigt, dass Vorstellungen von Väterlichkeit nicht immer mit Vorstellungen von Männlichkeit übereinstimmen.[7] Die Frage, ob beides immer in Einklang gebracht werden muss oder unverbunden nebeneinander stehen bleiben kann, ist derzeit eine der meist diskutierten in der Väterforschung.

Familiengründung und Kinderwunsch bei Männern



Wer sich anschaut, wie Männer Väter werden, sieht, dass der Prozess einer Familiengründung auch für Männer durchaus komplex ist. Entgegen der landläufigen Meinung werden sie keineswegs "einfach so“ Vater. Vielmehr spielen individuell ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen eine Rolle bei der Frage, ob man(n) Vater werden will oder nicht. Neben den biografischen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie sind das jeweilige Lebensalter und die aktuelle Lebensphase inklusive der damit einhergehenden sozioökonomischen Situation von zentraler Bedeutung. Wie sich gezeigt hat, sind daneben aber auch die Vorstellungen und Praxen von Männlichkeit und Väterlichkeit, über die jeder Mann verfügt, wichtige Faktoren. Eine entscheidende Voraussetzung für Vaterschaft/Väterlichkeit besteht letztlich darin, "parat zu werden“;[8] sprich, eine Bereitschaft herzustellen, sich auf das Vaterwerden einzulassen. Dass man(n) sich hierfür einerseits mit den eigenen Erwartungen, Ängsten, Unsicherheiten, Hoffnungen und Wünschen, andererseits mit den Bildern und Vorstellungen vom Vatersein auseinandersetzen muss, macht die Sache nicht einfacher. Und auch wenn dieser Prozess in vielen Fällen eher unbewusst abläuft, steht am Ende die Entscheidung für oder gegen ein Kind. Männer, die ungewollt Vater werden, stehen vor der Herausforderung, sich nachträglich "parat zu machen“.

Bei der Analyse des Kinderwunsches hat sich anhand des empirischen Materials[9] gezeigt, dass interessanterweise zwischen einem eigenständigen Kinderwunsch und dem Wunsch nach einer Familie unterschieden werden muss. Es gibt also Männer, die zwar keinen genuinen Kinderwunsch haben, sich sehr wohl aber eine Familie wünschen. Dieser "Familienwunsch“ zielt mehr auf die Lebensform Familie, unter der Frau und Kinder dann subsumiert werden. In diesem Bild kommt den Männern dabei der Status des Familienvaters zu. Damit einher geht eine eher als theoretisch-abstrakt zu bezeichnende Vorstellung der Vater-Kind-Beziehung, in der das väterliche Engagement vorwiegend situativ ist und sich auf außeralltägliche Aktivitäten stützt.

Bei Männern, bei denen im Sinne des Wortes von einem Kinderwunsch gesprochen werden kann, zeigt sich, dass dieser eigenständig – also unabhängig von einer Partnerin – und intrinsisch motiviert ist. Die Vorstellung von der Vater-Kind-Beziehung zeichnet sich durch eine Bilateralität aus, in der das Kind als individuelles Gegenüber gemeint ist. Diese Väter stellen die Beziehung zu ihrem Kind entweder über alltägliche (und damit wiederkehrende) oder außeralltägliche (gleichwohl aber regelmäßig stattfindende) Momente der Zweisamkeit her. Das heißt, je klarer der Kinderwunsch eines Mannes ist, desto engagierter setzt er sich für die (Herstellung der) Vater-Kind-Beziehung ein.

Doch weder ein vorhandener Familien- noch ein Kinderwunsch führt automatisch zu einer Familiengründung. Auffällig ist jedoch, wie viel einfacher eine solche verläuft, wenn auf Seiten des Mannes ein originärer Wunsch der einen oder anderen Spielart vorhanden ist. In den Fällen, in denen beides nicht zutrifft, verlaufen die Familiengründungsprozesse zumeist schwieriger und konfliktreicher.

Heutiges Ideal des guten Vaters



Wenn Männer sich nicht bereits in der Phase des Paratwerdens mit dem aktuellen Väterideal auseinandersetzen (müssen), so doch spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem sie Vater geworden sind. In der Diskussion um heutige Väter taucht häufig der Begriff "neue Väter“ auf. Das Attribut "neu“ rekurriert dabei auf eine "alte“ Form von Väterlichkeit, von der sich eine neue überhaupt erst abzeichnen kann. In dieser als "neu“ bezeichneten Form wird der Vater als liebevoll, antiautoritär und in das Familienleben integriert beschrieben.[10] Doch wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die im Ideal des "neuen Vaters“ konstatierten Veränderungen jedoch vor allem auf der Ebene von Einstellungen zu Väterlichkeit, weniger auf der Ebene der individuellen Alltagspraxis zu finden sind. Das heißt, die Aussage, ein "neuer“ und engagierter Vater sein zu wollen, muss keineswegs ein familiale Aufgabenteilung nach sich ziehen, in der der Vater zu gleichen Teilen Betreuungsaufgaben wahrnimmt wie die Mutter.[11] Was aber wird dann unter "neuer Vater“ verstanden?

Wesentlich für das heutige Idealbild des Vaters ist, dass die alte Form von Väterlichkeit mit der Figur des "abwesenden Ernährers“ – oft auch in deutlicher Abgrenzung vom eigenen Vater – abgelehnt wird. Dies ist, wie gesagt, sogar dann der Fall, wenn die Aufgabenteilung des Paares der traditionellen Form (der Mann als der Ernährer, die Frau als die Hauptverantwortliche für Familie und Haushalt) entspricht. Daran zeigt sich, dass sich das Ideal des "guten“ Vaters in den vergangenen Jahren durchaus gewandelt hat. Auch wenn sich das Arbeitsarrangement äußerlich nicht groß von dem der eigenen Eltern entfernt hat, haben heutige Väter andere Vorstellungen und damit andere Ansprüche an sich als Vater.

Ein erster wesentlicher Aspekt ist dabei die Zeit. Ein im heutigen Sinn "guter Vater“ ist einer, der Zeit mit seinen Kindern verbringt. Das heißt, obwohl viele der jetzigen Väter dies bei ihren eigenen Vätern anders erlebt haben, hinterfragen sie den einseitigen Lebensschwerpunkt "Berufsleben“ und äußern vermehrt den Wunsch, am Alltag und am Heranwachsen ihrer Kinder teilzuhaben.[12] Doch auch hier sind mit "Zeit verbringen“ nicht automatisch fürsorgliche Tätigkeiten beziehungsweise Aktivitäten mit dem Kind gemeint. Vielmehr kann darunter auch "einfach da sein“ im Sinne physischer Präsenz verstanden werden.

Der Wunsch nach Anwesenheit in der Familie verweist auf einen zweiten wichtigen Aspekt des heutigen Vaterideals: das Bedürfnis nach einer emotionalen Vater-Kind-Beziehung. Wesentlich hierfür ist die Fähigkeit der Väter, ihre Emotionen dem Kind gegenüber auch ausdrücken zu können. Interessanterweise verlieren eher traditionell männlich besetzte Werte wie Ordnung, Regeln, Autorität und Gehorsam an Bedeutung, wenn Väter sich ihren Kindern vermehrt liebevoll zuwenden.


Fußnoten

1.
Das Projekt wurde durch den Schweizer Nationalfond finanziert (Laufzeit 2007–2010) und am Zentrum Gender Studies der Universität Basel unter der Leitung von Prof. Dr. Andrea Maihofer realisiert. Neben der Autorin gehörten Dipl.-Soz. Karsten Kassner und Dr. des. Nina Wehner zur Projektgruppe. Die hier vorgestellten Erkenntnisse sind das Produkt unserer gemeinsamen Arbeit am Thema, vgl. online: »http://genderstudies.unibas.ch/forschung/forschungsprojekte/vaterschaft-heute« (1.9.2012).
2.
Vgl. Diana Baumgarten, "Ich find’s grundsätzlich eine gute Beziehung“ – Eine qualitative Untersuchung der Sichtweisen von Vätern und ihren jugendlichen Kindern auf ihre Beziehung zueinander, unveröff. Diss., Philosophisch-Historische Fakultät, Universität Basel 2011.
3.
Ich verwende diesen Begriff als Bezeichnung väterlichen Tuns, welches die alltägliche physische wie emotionale Fürsorge von Vätern meint. Demgegenüber bezeichnet "Vaterschaft“ die sozialen und rechtlichen Verantwortlichkeiten, die an die spezifische Position als Vater gebunden sind. Vgl. Sylka Scholz, Männlichkeit erzählen. Lebensgeschichtliche Identitätskonstruktionen ostdeutscher Männer, Münster 2004; Anja Wolde, Väter im Aufbruch. Deutungsmuster von Väterlichkeit und Männlichkeit im Kontext von Väterinitiativen, Wiesbaden 2007; Günter Burkart, Das modernisierte Patriarchat. Neue Väter und alte Probleme, in: Westend. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, (2007) 1, S. 82–91.
4.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Lothar Böhnisch in dieser Ausgabe ().
5.
Vgl. Nancy E. Dowd, Redefining Fatherhood, New York–London 2000.
6.
Vgl. Stuart C. Aitken, The Awkward Spaces of Fathering, in: Bettina van Hoven/Kathrin Hörschelmann (eds.), Spaces of Masculinities, London–New York 2005, S. 222–235.
7.
Vgl. A. Wolde (Anm. 3).
8.
Vgl. Diana Baumgarten/Karsten Kassner/Nina Wehner, Vater werden ist nicht schwer …, in: Uni Nova. Wissenschaftsmagazin der Universität Basel, (2008) 110, S. 9–11; Diana Baumgarten et al., Warum werden manche Männer, andere nicht? Männlichkeit und Kinderwunsch, in: Heinz Walter/Andreas Eickhorst (Hrsg.), Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis, Gießen 2012, S. 415–443.
9.
Grundlage der vorgestellten Erkenntnisse sind insgesamt 68 qualitative Interviews mit Vätern und kinderlosen Männern im Alter von 21 bis 68 Jahren.
10.
Vgl. Esther Dermott, Intimate Fatherhood. A sociological analysis, London–New York 2008.
11.
Karsten Kassner schlägt daher vor, genauer zwischen "neuen“ und "aktiven“ Vätern zu unterscheiden. Soweit es sich vor allem um eine familienzentrierte Einstellung handelt, solle lediglich von "aktiver Vaterschaft“ gesprochen werden. Erst wenn die Männer für veränderte Formen von innerfamilialer Arbeitsteilung und insbesondere für Abstriche bei der Berufsarbeit zugunsten der Familie bereit sind, solle von "neuen Vätern“ die Rede sein. Vgl. Karsten Kassner, Männlichkeitskonstruktionen von "neuen Vätern“, in: Nina Baur/Jens Luedtke (Hrsg.), Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland, Opladen 2008, S. 141–163, hier: S. 144.
12.
Vgl. Doris Palz/Harald Werneck/Martina Beham, Einführung: Männer zwischen Familie und Beruf, in: dies. (Hrsg.), Aktive Vaterschaft. Männer zwischen Familie und Beruf, Gießen 2006, S. 13–27; Tanja Mühling, Wie verbringen Väter ihre Zeit? Männer zwischen "Zeitnot“ und "Qualitätszeit“. in: dies./Harald Rost (Hrsg.), Väter im Blickpunkt. Perspektiven der Familienforschung, Opladen–Farmington Hills, MI 2007, S. 115–160.

 
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