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Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek
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Männlichkeit, Mannhaftigkeit und Mannbarkeit: Wie aus Jungen Männer werden


24.9.2012
Für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren sind und waren Jungs schon immer das Thema Nummer 1. Im Gegensatz dazu sind sie für die Sozialwissenschaften und die professionelle Pädagogik erst in den vergangenen zehn bis 15 Jahren stärker in den Fokus gerückt. Während sich in den 1990er Jahren und zu Beginn der 2000er Jahre die Diskussion dabei vor allem auf jene Probleme konzentrierte, die (junge) Kerle machen, werden seit einigen Jahren in wachsendem Maße auch solche Aspekte kommunikativ salonfähig, die stärker auf die Probleme abheben, die Jungen haben – angeblich oder tatsächlich: Schwierigkeiten in der Schule, Benachteiligungen durch die fortschreitende Feminisierung des Betreuungs- und Bildungswesens, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Opferrollen im gesellschaftlichen Gewaltgeschehen oder Irritationen in der männlichen Identitätsbildung überhaupt. Die zunehmende Thematisierung von Jungen, Jungenrollen und Jungenleben ist nicht zufällig, sondern ein Indiz für die Menge an Klärungsbedarfen, die mit Blick auf das Aufwachsen des männlichen Teils der nachwachsenden Generation(en) gesehen werden.

Um diesen Bedarfen in einzelnen Fragen nachkommen zu können, sind einige grundlegende Klarstellungen zu den Charakteristiken von Jungesein und Mannwerdung unter den heutigen Bedingungen modernisierter Geschlechterverhältnisse notwendig. Diese versuche ich vorzunehmen, indem ich in einem ersten Schritt unter Hinweis auf die Spezifik des Jugendalters als bestimmte Lebensphase und unter einführender Verwendung der beiden Begriffe der "Mannhaftigkeit“ und "Mannbarkeit“ Dimensionen männlicher Sozialisation herausarbeite, in einem zweiten Schritt kurz mit zentralen Befunden der jungenbezogenen Sozialisationsforschung bekannt mache und abschließend in einem dritten Schritt einige Vorschläge für den Umgang mit Jungen und Jungenproblemen unterbreite.

Jungs – die unbekannten Wesen?



Jungen, vulgo: Jungs, sind Kinder und Jugendliche, die männlich sind. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass die Jugendphase soziologisch betrachtet durchaus nicht mit der Volljährigkeit enden muss. Status-, sozialisations- und entwicklungsbezogen können auch bei über 18-Jährigen Charakteristika vorliegen, die sie als Jugendliche kennzeichnen. Dies gilt dann, wenn sie noch in Entwicklungsaufgaben stecken, die der Lebensphase Jugend zugerechnet werden (zum Beispiel Ablösung vom Elternhaus, Aufbau einer beruflichen Perspektive, Entwicklung sexueller Identität).[1] Bekanntlich machen sich auch Jugendhilfe, Polizei und Rechtsprechung solche Vorstellungen von der erweiterten Jugendphase zu eigen, wenn sie Hilfeberechtigung (in der Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahr), Verdächtigenkategorisierung und Strafbemessung davon abhängig machen (bis 21-Jährige sind in der Kriminalstatistik "Heranwachsende“ und können unter das Jugendstrafrecht fallen).

Jungesein und Männlichkeit sind allerdings auch Angelegenheiten der Selbstdefinition, der Selbstdarstellung und der Zuschreibung. Insofern sind als Jungen auch diejenigen Kinder und Jugendlichen zu bezeichnen, die sich männlich fühlen, aber nicht unbedingt – wie etwa Intersexuelle und Transidentitäre – von ihrer Umwelt so wahrgenommen werden, oder diejenigen, die als männlich gelten, ohne dass sie dies dem Eigenempfinden nach sind. Die Eigendefinition als maskulin und die Attribuierung von Männlichkeit wiederum können von sehr unterschiedlichen Faktoren abhängig gemacht werden. Sie können etwa das Körperempfinden, das Aussehen, bestimmte Eigenschaften, unterstellte oder beobachtete Haltungen, Gefühlsbekundungen, spezifische Verhaltensweisen und anderes mehr betreffen.

Auch der Begriff "Männlichkeit“ an sich ist komplizierter als er auf den ersten Blick erscheint. Da sich Männlichkeit letztlich nicht eindeutig objektiv bestimmen lässt – zu denken ist etwa an die ungelösten Probleme von Geschlechtsnachweisen bei manchen Sportlerinnen und Sportlern –, liegt es nahe, dann von Maskulinität und Männlichsein zu sprechen, wenn eine Person dies aus dem Selbsterleben heraus so fühlt und für sich reklamiert. Von dieser subjektiven Dimension der "bio-psychischen Maskulinität“ ist die Dimension "sozialer Männlichkeit“ abzugrenzen, die sich darauf bezieht, wie Männlichkeit sozial verhandelt, (re-)präsentiert und damit hergestellt wird (Performanz). Sie schlägt sich im Verhalten und in Handlungen von Personen und in Strukturen nieder, die als "männlich“ betrachtet werden und mitbestimmend sind für gesellschaftliche Machtkonstellationen.[2] Das, was den ihnen zugrunde liegenden Praxen an "Männlichkeit“ zugerechnet wird, lässt sich als "Mannhaftigkeit“ verstehen. Mannhaftigkeit bezeichnet demnach den Bereich der Resultate intersubjektiver Verständigung über "Männlichkeit“, also das, was als personaler Ausdruck von Männlichkeit gesellschaftlich anerkannt wird.

Damit wird nicht behauptet, dass die Eigendefinition von Personen als "männlich“ unabhängig von den gesellschaftlichen Konstruktionen von Männlichkeit verliefe. Allein die inhaltlichen Füllungen von Begriffen wie "männlich“ sind ja historisch und kulturell spezifisch und mithin konstruiert. Sie sind aber nur typisierende Bezeichnungen für das bio-psycho-physische Erleben des eigenen Körpers und seiner zeitlichen, räumlichen und sozialen Verortung. Dieses Erleben selbst vollzieht sich unabhängig von ihnen. Demzufolge liegt zwischen Mannsein und der Zuschreibung von Mannhaftigkeit die gleiche Kluft wie zwischen dem Jungesein und dem Attest von Jungenhaftigkeit, das bisweilen auch noch gestandenen Männern ausgestellt wird.

Männliche Sozialisation ist demnach mindestens dreierlei: zum Ersten der auf der Basis des Empfindens leiblich-seelischer Maskulinität sich vollziehende Prozess der Entwicklung individueller und sozialer Handlungsfähigkeit über die aktiv-produktive Auseinandersetzung mit der natürlichen, materiellen und sozialen Umwelt;[3] zum Zweiten die Entwicklung einer spezifischen Performanz, nämlich einer solchen, die mit männlicher Selbstdefinition, vor allem aber mit gesellschaftlich verbreiteten Männlichkeitsmustern assoziiert wird; und zum Dritten die nach außen wirkende Signalisierung einer Männlichkeit, der im obigen Sinne Mannhaftigkeit zugeschrieben werden kann.

Männliche Sozialisation ist damit nicht nur Männlichkeitssozialisation, sondern zum großen Teil auch Mannhaftigkeitssozialisation, also die aktive Aneignung gesellschaftlicher Muster von (Eigen-)"Arten“ des Männlichen. Das zentrale Diktum für männliche Kinder und Jugendliche heißt entsprechend: "Steh Deinen Mann!“ beziehungsweise "Sei ein Kerl!“ Mit anderen Worten: "Verhalte Dich, wie man es von jemandem erwartet, dem man zweifelsfrei Männlichkeit zuschreibt!“[4]

In einer Welt der Pluralisierung von Männlichkeit sind solche Zuschreibungen zwar immer weniger eindeutig und stereotyp. Dennoch sind unterschiedliche männliche Praxen und Mannhaftigkeitsmuster keineswegs jederzeit austauschbar und gleichwertig. In der männlich hegemonialisierten Gesellschaft erweist sich vielmehr nach wie vor der Typus hegemonialer Männlichkeit als Leitfigur geschlechtsspezifischer Sozialisation.[5] Von diesem Leitbild geht – vereinfacht gesprochen – die Botschaft aus: Ein "richtiger Kerl“ ist heterosexuell, handelt (wenigstens scheinbar und gemäß männlicher Kriterien) vernünftig und sagt, wo es langgeht.

Ob man nun davon ausgeht, dass männliche Kinder und Jugendliche aus intrinsischen Motiven heraus männliche Identität und männliche Habitualisierungen herausbilden wollen oder nicht: In der herrschenden "Kultur der Zweigeschlechtlichkeit“[6] sehen sie sich in jedem Fall mit dem Anspruch konfrontiert, sich in spezifischer, geschlechtlich unverwechselbarer Weise als männlich zu gerieren und über kurz oder lang ein "richtiger Mann“ zu werden. Sie müssen dafür ein doing masculinity praktizieren, das nicht nur ihre Männlichkeit und jungenspezifische Mannhaftigkeit, sondern auch ihre "Mannbarkeit“ unter Beweis stellt. Damit ist hier nicht ihre biologische Geschlechtsreife gemeint, sondern die primär in der Jugendphase bedeutsam werdende Fähigkeit, als jemand aufzutreten, der nicht nur altersentsprechende Momente von Mannhaftigkeit in sein aktuelles Sich-Orientieren und Agieren integrieren, sondern auch den Eindruck vermitteln kann, im Prozess der Mannwerdung zukünftig ein Niveau anerkennbarer erwachsener Mannhaftigkeit erwerben zu können. Das Leitbild hegemonialer Maskulinität hat dabei aufgrund seiner festen strukturellen Verankerung in den Geschlechterverhältnissen und seiner hohen gesellschaftlichen Anerkennung die Kraft, Habitus generierend zu wirken und damit bis hinein in die korporale und psychische Repräsentanz quasi als "zweite Natur“ Wahrnehmungs-, Orientierungs-, Bewertungs- und Ausdrucksformen zu prägen.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Robert J. Havighurst, Developmental Tasks and Education, New York 1948; Eva Dreher/Michael Dreher, Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Bedeutsamkeit und Bewältigungskonzepte, in: Detlef Liepmann/Arne Stikrud (Hrsg.), Entwicklungsaufgaben und Bewältigungsprobleme in der Adoleszenz, Göttingen u.a. 1985, S. 56–70.
2.
Vgl. zu dieser begrifflichen Abgrenzung: Øystein Gullvåg Holter, Social Theories für Researching Men and Masculinities, in: Michael S. Kimmel/Jeff Hearn/R. Connell (eds.), Handbook of Studies on Men and Masculinities, Thousend Oaks u.a. 2005, S. 15–34.
3.
Vgl. Klaus Hurrelmann, Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim–Basel 20069, S. 15f.
4.
Von hervorgehobener Bedeutung ist dabei die Bewertung durch andere Jungen und Männer. Mädchen und Frauen fungieren eher als "schmeichelnde Spiegel“, die bei den "ernsten Spielen des Wettbewerbs“ um verlässliche Männlichkeitsausweise dem jeweiligen maskulinen Akteur "das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen“. Vgl. Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt/M. 1997, S. 153–217; hier: S. 203.
5.
Vgl. R. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit, Wiesbaden 20063. Zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit siehe auch den Beitrag von Lothar Böhnisch in dieser Ausgabe ().
6.
Vgl. Carol Hagemann-White, Sozialisation: Weiblich – männlich?, Opladen 1994.
7.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1982; ders., Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1993; Michael Meuser, Geschlecht und Männlichkeit, Wiesbaden 20103.