E-Book zwischen Büchern

Editorial


2.10.2012
Wie konnte es so weit kommen? Das fragten sich nicht wenige Literaturkritiker, als ein Buch von recht bescheidener literarischer Qualität einer bis dato unbekannten Autorin in diesem Jahr weltweit die Bestsellerlisten sprengte. Von den Diskussionen um Thema und Botschaft des Buches abgesehen, zeigt der Weg, den "Fifty Shades of Grey" bei seiner Verbreitung beschritten hat – von der Fan-Fiction über ein E-Book im Selbstverlag bis hin zum Verkauf der Rechte an große Verlage – , welche Chancen das digitale Publizieren abseits der klassischen Vertriebs- und Verwertungswege über einen Verlag bieten kann. Der Erfolg der Trilogie ist neben wenigen anderen Beispielen noch eine Ausnahme, doch wirft self publishing – je nach Blickwinkel – sein Licht oder seinen Schatten auf die künftigen Entwicklungen im Verlagsgeschäft.

Während es technisch immer einfacher wird, Texte (auch) als E-Book zu veröffentlichen, haben sich auch gestalterisch neue Wege eröffnet. Mit Animationen und Videos, Audiospuren und interaktiven Funktionen lassen sich E-Books multimedial anreichern oder als App umsetzen. Ob sie sich wirtschaftlich rechnen werden, bleibt abzuwarten. Nachgedacht und experimentiert wird längst über das meist nachträgliche enhancement hinaus: Wie können die technischen Möglichkeiten genutzt werden, um originäre Formen des digitalen Erzählens zu schaffen – noch unmittelbarer, transmedialer, nicht-linearer und auf Kommunikation und Partizipation angelegt?

Die fortschreitende Digitalisierung von Inhalten und das illegale Herunterladen oder Teilen (sharing) von Textpassagen oder ganzen Büchern haben eine intensive Debatte um das Urheberrecht neu befeuert, die nach der Film- und Musikbranche nun auch die Buchbranche erfasst hat. Es gilt, die legitimen Interessen der Autorinnen und Autoren und ihrer Verlage zu schützen, aber auch veränderte Nutzungsgewohnheiten zu berücksichtigen, etwa beim gemeinsamen Lesen (social reading) oder beim kreativen Weiterbearbeiten eines Werkes. Lohnenswert könnte hierbei ein Blick auf andere Kulturgütermärkte und ihre Regelungsarrangements sein.