E-Book zwischen Büchern
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

In der dunklen Höhle. Zur Zukunft des Buches - Essay


2.10.2012
Wenn eine Schriftstellerin einen Essay über die Zukunft des Buches verfasst, müsste sie sich theoretisch nur zurücklehnen, an einem Futurologischen Kongress der Literatur in ihrem Kopf teilnehmen und alles aufschreiben. Dort laufen womöglich austauschbare Projektionsflächen von Autoren-Avataren herum, direkt vernetzt mit Social-chip-Implantaten im Hirn ihrer Leserinnen und Leser. Buchhandlungen sind zu riesigen multimedialen Vergnügungszentren geworden. Ein paar Feuilleton-Bots erscheinen in Maske und schauen irgendeiner sexy gestylten Holografie zu, die als interaktiv quatschendes und werkelndes Sterne-Kochbuch in Küchen gebeamt wird und selbstständig den Online-Einkaufszettel im Kühlschrank umprogrammiert. Oder hätte sich das "gute alte Buch“ wie ein Steampunk-Objekt irgendwann aufgrund einer globalen Stromknappheit wieder durchgesetzt?

Etwas kopflos tappen wir derzeit wie in einer dunklen Höhle zwischen E-Books und Papierbüchern umher und streiten, wo Geschichten stattfinden sollen: draußen zum Anfassen oder als flüchtige Projektion auf der Höhlenwand. So viele Wege gabeln sich in dieser Höhle – welcher wird der vielversprechendste sein? Befinden wir uns womöglich auf einem Weg "zurück“ in die Zukunft, hin zu den Ursprüngen des Erzählens, hin zum Erzählmenschen, für den das herkömmlich gedachte Buchkonzept gar keine Rolle spielt?

Der große Umbruch



Die gesamte Buchbranche befindet sich weltweit in einer Umbruchsituation: Schöpferinnen und Schöpfer, Verlage, Distributoren, Handel, Leserinnen und Leser proben ein neues Rollenverständnis und Zusammenspiel. Während dieser Essay getippt wurde, eröffnete Amazon seinen Kindle-Shop in Indien und führte in den USA das Abonnement von Kindle Serials zum Pauschalpreis ein. Amazons E-Book-Verkäufe überholten erstmals auch in Europa die Verkäufe an gedruckten Büchern.[1] In Deutschland hat sich der E-Book-Markt nach sechs Monaten zum Vorjahr insgesamt verdoppelt.[2] Kobo wird mit seiner Self-publishing-Plattform nun auch in Europa zum Konkurrenten von Amazon und Apple. Während in der "New York Times“ die absolut gleichberechtigt behandelten self publisher die Bestsellerlisten stürmen, kommt auch die deutsche Fachpresse langsam nicht mehr um die Bestsellerautorinnen und -autoren im self publishing herum, obwohl diese in den offiziellen Bestsellerlisten weiterhin nicht eingerechnet werden. Sieben deutschsprachige Self-publishing-Titel halten sich im Sommer in den Kindle Top Ten, 49 in den Top 100.[3]

Im englischsprachigen Raum mischt Penguin Books die Vorstellung von einem Verlag auf: Ohne Berührungsängste wurde für 116 Millionen Dollar die Vanity-Firma Author Solutions gekauft, um eine Self-publishing-Plattform zu kreieren. Letzteres machen zwar Holtzbrinck mit Epubli und Droemer Knaur mit Neobooks in Deutschland schon länger, aber noch nie zuvor hat sich ein etablierter seriöser Verlag derart offen mit einem Bezahlverlag verknüpft. Die Leserschaft fragt längst nicht mehr nach hoheitlichen Definitionen von Büchern: Kurze Handyromane aus Asien werden genauso als Buch wahrgenommen wie ein in Deutschland verkaufter 1.000-Seiten-Klotz aus Papier. Wer ein Smartphone oder ein Tablet besitzt, kommt längst in den Genuss von Apps, die das Buch multimedial aufbrechen und mit Elementen aus der Spielewelt, dem Film oder mit praktischen Anwendungen durchsetzen. Es erscheint sogar eine zum Deutschen Buchpreis.

Die Stimmung bleibt dennoch gespalten. Da sind die einen, die das herkömmliche Buch wie eine bedrohte Art betrachten und zu seinem Schutz gegen jede Veränderung anrennen. Sie fürchten vor allem drei Faktoren: den Durchbruch digitaler Technologie, die Gleichberechtigung von self publishing mit herkömmlichen Verlags- und Handelswegen sowie eine mögliche Verlagerung des stationären Buchhandels in die Hände weniger großer Internetkonzerne. Und da sind die anderen, die sich vor allem auf die Chancen und nicht immer unproblematischen Herausforderungen einer künftigen Vielfalt konzentrieren: neue technische wie literarische Formen, aber auch eine Veränderung der Veröffentlichungswege und Durchdringung unterschiedlicher Geräte mit Inhalten unterschiedlicher Medien. Auch wenn das Papierbuch, wie wir es kennen und lieben, womöglich nie untergehen wird – es hat bereits Geschwister bekommen, die nicht weniger liebenswert sind.


Fußnoten

1.
Vgl. Virginia Kirst, Großbritannien: Amazon verkauft mehr eBooks als gedruckte Bücher, 7.8.2012, online: www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hardware-Grossbritannien-Amazon-verkauft-mehr-eBooks-als-gedruckte-Buecher-7675167.html (11.9.2012).
2.
Vgl. Media Control, Deutscher E-Book-Markt mit großen Zuwächsen, 11.9.2012, online: www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zu-waechsen.html (11.9.2012).
3.
Vgl. Serienmorde und Holunderküsschen, 25.7.2012, online: www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2012/07/25/serienmorde-und-holunderkuesschen.htm (6.9.2012).