E-Book zwischen Büchern
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Digitales Publizieren: Stand und Perspektiven


2.10.2012
Nicht mehr nur eine Minderheit der Deutschen interessiert sich für das elektronische Buch; dies kann man – zumindest in Großstädten – schon im Alltag erkennen. Während ein elektronisches Lesegerät, ein sogenannter E-Reader, vor einem Jahr noch ein vergleichsweise seltener Anblick war, hat er heute in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Bahnhöfen und Flughäfen eine gewisse Selbstverständlichkeit erlangt – neben Smartphones, Handys und MP3-Playern. Die Verbreitung der Lesegeräte hat, vor allem seitdem die Markttreiber Amazon und Apple auch in Deutschland ihre Reader und Tablets verkaufen, stark zugenommen. Nach Angaben des Hightech-Verbandes Bitkom werden in diesem Jahr voraussichtlich 2,2 Millionen Tablets in Deutschland verkauft.

Deutscher E-Book-Markt



Das E-Book ist entsprechend längst im deutschen Buchmarkt angekommen. Für 2011 ermittelte die Gesellschaft für Konsum- und Absatzforschung (GfK) im Auftrag des Börsenvereins einen Marktanteil von elektronischen Büchern im Publikumsmarkt (Einzelkäufer) in Höhe von einem Prozent.[1] Branchenbeobachter rechnen für das Gesamtjahr 2012 mit einem wesentlich höheren Prozentsatz: Die Schätzungen schwanken zwischen 1,5 und fünf Prozent. Für das erste Halbjahr 2012 hat das Baden-Badener Marktforschungsinstitut Media Control für E-Books einen Buchmarktanteil von zwei Prozent ermittelt. In den ersten sechs Monaten des Jahres seien rund 4,59 Millionen kostenpflichtige E-Books heruntergeladen worden. Der durchschnittliche E-Book-Preis sei von 9,56 Euro im Jahr 2011 auf 8,64 Euro 2012 gesunken.[2]

Von den bisherigen Studien nicht erfasst ist das Großkundengeschäft im Fachinformations- und Wissenschaftsbereich. Hier wird bereits seit Jahren ein großer Teil der Zeitschriften und Bücher elektronisch vertrieben. Kunden sind vor allem Bibliotheken, Forschungsinstitute, Großkanzleien und Unternehmen, etwa in der pharmazeutischen und der metallverarbeitenden Industrie. Verlage wie Springer Science + Business Media, De Gruyter, Wolters Kluwer oder Wiley-VCH setzen 50 Prozent und mehr ihrer Titel als E-Books um. In wenigen Jahren wird dort das elektronische Buch das bevorzugte Ausgabeformat sein, gedruckte Versionen werden dann nur noch auf Verlangen (on demand) produziert und ausgeliefert. Die Perspektiven im E-Book-Markt sind für die Sparten recht unterschiedlich: Während vor allem Verlage und der Zwischenbuchhandel von der Entwicklung profitieren, verläuft die Entwicklung im Buchhandel uneinheitlich. Da E-Books in der Regel über das Internet erworben werden, hat der Online-Buchhandel hier deutlich die Nase vorn. Dort liegt der Anteil verkaufter E-Books in vielen Fällen bei zehn und mehr Prozent, beispielsweise bei den Webshops von Weltbild und Hugendubel.

Wesentlich niedriger ist der Prozentsatz verkaufter E-Books im stationären Sortiment, zumindest wenn man den gesamten Buchumsatz zugrunde legt. Viele Buchhändler verkaufen nur in geringer Zahl E-Reader und hoffen, anschließend vom Erwerb der E-Books zu profitieren. Das ist meist dann der Fall, wenn auf dem verkauften Lesegerät der Webshop des Händlers oder eines Barsortiments integriert ist. Stationäre Buchhändler, die im Sinne der Multichannel-Strategie auch das Internet für den Verkauf nutzen, machen zunehmend positive Erfahrungen. So wird beispielsweise über den Online-Shop der Pustet-Buchhandlungen inzwischen ungefähr jedes elfte Buch in digitaler Form verkauft. Und ein mittelständischer Filialist wie Osiander verdient immerhin monatlich hohe vierstellige Eurobeträge mit E-Books.

Spitzenreiter im Markt für E-Books dürfte allerdings nach Brancheninformationen Amazon sein. Der deutsche Ableger des US-Internetkonzerns verkauft wenige Monate nach der Eröffnung des deutschen Kindle-Shops etwa jedes zweite E-Book in Deutschland. Grund für den Erfolg ist, wie in den USA, dass Amazon einerseits über attraktive Lesegeräte verfügt (den Kindle gibt es jetzt in der fünften Generation), andererseits über das größte Angebot an E-Books. Die gewünschten Titel lassen sich zudem mit wenigen Mausklicks herunterladen, bei Geräten mit UMTS-Schnittstelle auch mobil aus dem Netz. Die Kunden können allerdings, und das ist der dritte Erfolgsfaktor, nur E-Books im MOBI-Format lesen. E-Books von anderen Anbietern, die in der Regel als PDF oder als sogenanntes EPUB angeboten werden, sind hingegen auf dem Kindle nicht zu lesen. Mit Hilfe einer von Amazon entwickelten App können Kindle-E-Books auch auf anderen Geräten verfügbar gemacht werden.

Die Marktentwicklung in Deutschland hängt auch vom E-Book-Angebot der Verlage ab. 2011 hatte erst die Hälfte aller Verlage E-Books im Programm, dieser Anteil wird in den kommenden Jahren laut der E-Book-Studie des Börsenvereins deutlich steigen – auf mehr als 85 Prozent.[3] Der Anteil der Novitäten, die parallel als E-Book erscheinen, lag bei den Verlagen, die E-Books anbieten, 2011 bei 42 Prozent; der Anteil der digitalisierten Backlist-Titel erreichte 30 Prozent. Rechnet man diese Anteile auf alle Verlage hoch, erschien 2011 also nur jedes fünfte Buch gleichzeitig als E-Book. 2012 wird sich die Situation deutlich verbessern, zumal auch eine große Zahl mittlerer und kleinerer Verlage ins digitale Buchgeschäft eingestiegen ist oder noch einsteigt – beispielsweise der Reclam Verlag, der eine wachsende Zahl an Titeln aus seiner Universalbibliothek als E-Book herausbringt.

Die im Handel angebotenen digitalen Titel repräsentieren inzwischen in wesentlichen Teilen die Print-Programme der Verlage. Vor allem Spitzentitel aus der Belletristik, dem Sachbuch und dem Ratgeberbereich sind in der Regel gleichzeitig – oder manchmal sogar vor der gedruckten Version – als E-Book erhältlich. Das Marktforschungsinstitut Media Control GfK international erstellt daher E-Book-Bestsellerlisten für Belletristik und Sachbuch,[4] die dem Handel und den Verlagen inzwischen als Orientierung dienen können.

Auch auf Handelsseite wird das Engagement bei E-Books künftig verstärkt. Der 2011 im stationären Sortimentsbuchhandel erzielte Umsatzanteil lag zwar bei nur 0,5 Prozent, könnte aber, wie die oben genannten Beispiele zeigen, in diesem Jahr deutlich höher liegen. Die in der E-Book-Studie des Börsenvereins befragten Sortimenter rechnen mit einem Anteil am Gesamtumsatz in Höhe von 1,2 Prozent. Unterdessen steigt auch der Anteil der Buchhändler, die E-Books oder E-Reader verkaufen. Waren dies im Jahr 2011 nur 32 Prozent, beträgt der Anteil 2012 bereits 65 Prozent. Von den verbleibenden 35 Prozent, die bisher weder E-Reader noch E-Books anbieten, will zumindest jeder fünfte künftig auch E-Books offerieren. Bei etwa 20 Prozent der Buchhandlungen wird es auch in Zukunft keine E-Books geben, einige Sortimenter haben sich allerdings noch nicht festgelegt.

Das Wachstumspotenzial des E-Book-Markts wird von Buchhändlern und Verlegern sehr unterschiedlich eingeschätzt: Während die in der E-Book-Studie befragten Verleger damit rechnen, 2015 etwa 17 Prozent ihres Gesamtumsatzes mit elektronischen Büchern zu machen, erwarten die Sortimentsbuchhändler nur etwa 3,5 Prozent.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. Armin Oldendorf/Bianca Corcoran-Schliemann/Julia Hofmann (Hrsg.), Markt mit Perspektiven. Das E-Book in Deutschland 2011, Frankfurt/M. 2012.
2.
Vgl. Media Control, Pressemitteilung vom 11.9.2012, online: http://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.html (12.9.2012).
3.
Vgl. A. Oldendorf/B. Corcoran-Schliemann/J. Hofmann (Anm. 1).
4.
Vgl. online: www.boersenblatt.net/template/bb_tpl_bestseller_ebook/ (11.9.2012).
5.
Vgl. A. Oldendorf/B. Corcoran-Schliemann/J. Hofmann (Anm. 1)