E-Book zwischen Büchern
Pfeil links 1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Social Reading – Lesen im digitalen Zeitalter

2.10.2012

Bücher in Browsern



Spannender sind innovative Formen des social reading, die den Lesevorgang mit der Diskussion über Literatur verschmelzen. Das Berliner Start-up-Unternehmen Readmill antwortet auf die Frage "Why make a book digital and not make it shareable?“ mit einer interaktiven Leseoberfläche als App, die das einfache Markieren von bestimmten Textpassagen erlaubt. Diese Markierungen sind für alle anderen Nutzer der Plattform sichtbar, sie können wahlweise ein- und ausgeblendet und natürlich auch in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter geteilt werden. Im Unterschied zu den oben genannten Communities ist hier also ein synchroner Austausch über das Gelesene möglich – direkt nach dem Lesen eines Satzes oder eines bestimmten Abschnitts können Anmerkungen verfasst oder die Notizen anderer Leser kommentiert werden. Theoretisch ermöglicht Readmill also Diskussionen anhand konkreter Textstellen, das gemeinsame diskursive Durchdringen von Literatur auf Wort- und Satzebene. In der Praxis sind diese intensiven Gespräche aber noch die Ausnahme.

Wie ein Ausschöpfen der aus den technischen Gegebenheiten resultierenden kommunikativen Möglichkeiten aussehen könnte, hat Bob Stein – Gründer des New Yorker Institute for the Future of the Book – anhand von Doris Lessings Buch "The Golden Notebook“ demonstriert: Der komplette Text ist im Browser abrufbar und wurde von November 2008 bis Februar 2009 von sieben Journalistinnen, Kritikerinnen und Autorinnen gemeinsam gelesen.[4] Die Anmerkungen der Leserinnen wurden dabei neben den einzelnen Seiten angezeigt und beziehen sich direkt auf diese. Es entspannen sich Diskussionen zum gerade Gelesenen, die bis zu 20 Kommentare pro Seite umfassen und beispielsweise Lessings Darstellung von Männer-Stereotypen thematisieren. Konkrete Textstellen werden diskursiv erfahrbar und die neu entstehenden Texte, sogenannte Paratexte,[5] treten mit dem eigentlichen literarischen Text in eine dauerhafte Verbindung – sie sind auch heute noch online. Für den geneigten Leser verändern sie die Rezeption, regen zum weiteren Nachdenken, zur Zustimmung oder zur Ablehnung an. Sie erweitern, um mit dem Philosophen Paul Ricœur zu sprechen, die Welt des Textes und die des Lesers gleichermaßen.

Auch der Autor des diskutierten Werkes kann sich über die Reaktionen auf seinen Text informieren oder sich sogar aktiv an dem Gespräch beteiligen – hier eröffnet social reading eine direkte Verbindung zwischen Verfasser und Leser. All diese neu entstehenden Paratexte bereichern das Buch, sie zeigen vielfältige Interpretationen auf, dokumentieren seine individuell-subjektive Rezeption, geben dem Autor (oder auch dem Lektor) auch nach Erscheinen des Buches eine Stimme.

Die Frage nach der Qualität dieser Diskussionen und dem Grad der Beteiligung ist müßig, das Internet ist keine eigenständige Sphäre, die anderen Regeln folgt als die "Offline-Welt“ (vielmehr verschwimmen die Grenzen zwischen ihnen). Ebenso wie sich im "echten Leben“ nur relativ wenige Menschen in Literaturkreisen intensiv mit Büchern auseinandersetzen, wird dies auch im Virtuellen nur eine Minderheit von Lesern tun. Durch die Unabhängigkeit von Zeit und Raum ermöglicht das Internet aber gerade für sie die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden und mit diesen zu kommunizieren. Da dieser Austausch zumeist öffentlich stattfindet, kann die "schweigende Mehrheit“ bei Bedarf und ad hoc Diskussionen zu bestimmten Büchern verfolgen.

Gläserner Leser



Doch nicht alles ist schön in dieser neuen Bücherwelt. Große Verlage und Buchhändler beobachten die Leser ebenfalls mit Interesse und verstehen social reading auf eine etwas andere Weise. Während man gemütlich mit dem E-Book-Reader ein Buch liest, schauen einem diese Unternehmen über die Schulter – und zeichnen alles auf: "Your E-Book Is Reading You“, wie das "Wall Street Journal“ treffenderweise schrieb.[6] Die Daten geben ein genaues Abbild des individuellen Leseverhaltens wieder und lassen in der Summe bestimmte Trends und Tendenzen erkennen: Wie lange braucht der durchschnittliche Leser für "Shades of Grey“, welche Kapitel überspringt er in "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, welche Begriffe sucht er besonders häufig im Spanien-Reiseführer?

Mit diesen und weiteren Informationen entstehen ganze Leserbiografien, Landkarten literarischer Vorlieben und Abneigungen, die alle einem Zweck dienen: der besseren Kenntnis des Kunden, einer genaueren Vorstellung der anvisierten Zielgruppen und damit schlussendlich passgenaueren Angeboten und Werbung, die den Umsatz ankurbeln sollen. Big data ist hier das Schlagwort, der gläserne Leser die Voraussetzung. Die Erkenntnis, dass lange Sachbücher selten zu Ende gelesen werden, hat bereits zu neuen Produkten wie etwa den nook snaps geführt – in Deutschland verlegen unter anderem Suhrkamp (Edition Suhrkamp Digital) oder Campus (Keynote) Mini-E-Books zu verschiedenen aktuellen Themen wie Fukushima, der Occupy-Bewegung oder der Euro-Krise.

Inwieweit die entstehenden Datenberge aber wirklich die Buchwelt umkrempeln, ist schwer abzusehen. Gerade Amazon, der Buchhandelsgigant, der zunehmend auch als Verlag agiert, könnte über die Häufung bestimmter Suchbegriffe oder markierter Stellen ein verstärktes Interesse an bestimmten Themen registrieren und Bücher dazu lancieren – vor allem im Sachbuch- und Ratgeberbereich liegt dies im Bereich des Vorstellbaren. Dies geht einher mit dem Phänomen der mass customization, die es dem Nutzer ermöglicht, Bücher online zu kreieren und zu bestellen – hierzulande beispielsweise vom Münchner Verlag Gräfe & Unzer oder auch von Dr. Oetker realisiert, die individualisierte Kochbücher drucken.[7]

Die Möglichkeiten für die Belletristik sind allerdings eingeschränkt: Dass ein literarischer Autor sein Buch überarbeitet, weil im sechsten Kapitel 67,9 Prozent der Leser einige Seiten überspringen, scheint eher unwahrscheinlich. In Bezug auf Klassiker kündigte Jonathan Galassi, Verleger von Farrar, Straus & Giroux, bereits an: "We’re not going to shorten ‚War and Peace‘ because someone didn’t finish it.“[8]

Spannender als die entstehenden Möglichkeiten für Schriftsteller sind eher die neuen Geschäftsmodelle der Datensammler, die mit dem stark wachsenden Segment der ohne Verlag publizierenden Autoren, self publisher genannt, Geld verdienen wollen. So erfährt der interessierte Autor/Verleger bei Hiptype, dem amerikanischen Anbieter von data-driven publishing, dass der durchschnittliche Bestseller 375 Seiten umfasst, eine weibliche Hauptfigur hat, ein romantisches Sujet behandelt und 3,99 US-Dollar kostet.[9] Für individuelle Datenanalysen berechnet Hiptype ab 20 US-Dollar im Monat.

Die Leser bekommen einen Ausschnitt der gesammelten Daten zu sehen. Die beliebtesten Markierungen von Nutzern des Amazon-Lesegeräts Kindle werden bei Amazon in anonymisierter Form angezeigt. So kann man besonders wichtige oder eindrückliche (sofern man der Schwarmintelligenz vertraut) Zitate finden und sich diese auch während der Lektüre auf seinem E-Reader anzeigen lassen. Diese Option stellt aber ein bloßes Gimmick dar und dient nicht der Diskussion und des Austauschs wie etwa bei Readmill, vielmehr trägt das "frisch gekaufte Buch (…) schon die Spuren früherer Leser, so wie schlecht behandelte Bände aus der Bibliothek“.[10] 19 der 25 häufigsten Markierungen stammen dabei aus der "Tribute von Panem“-Trilogie, während die Bibel das Buch mit den meisten virtuellen Unterstreichungen ist.[11]

Auch der kanadische Amazon-Konkurrent Kobo bietet ähnliche Möglichkeiten, legt aber einen stärkeren Schwerpunkt auf Vernetzung und Interaktion mit seinen Angeboten Reading Life und Kobo Pulse. Darüber hinaus wird das Lesen durch Spielelemente angereichert (gamification): Für durchlesene Nächte, möglichst viele abgeschlossene Lektüren oder auch das Lesen zur Frühstückszeit wird man mit virtuellen Abzeichen belohnt und kann sich so mit seinen Freunden messen.[12]

Die Erfahrungen mit sozialen Netzwerken, die immer stärkere Nutzung von Cloud-Diensten (Datenspeicherung im Internet) und die soziale Anreicherung von Google-Suchergebnissen lassen einen Proteststurm gegen die Nutzung der gesammelten Daten durch Buchhändler und Verleger unwahrscheinlich erscheinen. Wenn ohnehin schon private Fotos in Facebook auftauchen, die Sicherung wichtiger Dokumente in Dropbox[13] geschieht, Bankgeschäfte online getätigt werden und cookies persönliche Bewegungsprofile im Internet aufzeichnen, wird die Überwachung des eigenen Leseverhaltens eher keinen allzu großen Unmut hervorrufen.

Vielmehr rückt vor allem ein anderes Element, das den Konsum von E-Books reguliert, immer mehr in den Mittelpunkt der Kritik: der Kopierschutz. Eigentlich soll das sogenannte Digital Rights Management (DRM) die illegale Verbreitung von virtuellen Gütern mittels Tauschbörsen und ähnlichen Angeboten verhindern – unerwünschte Nebeneffekte sind aber die erschwerte Nutzung durch technisch weniger versierte Nutzer und auch die Einschränkung von Community-basierten Social-reading-Angeboten. Offene Plattformen wie Readmill können nur mit einem E-Book ohne DRM sinnvoll genutzt werden – kopiergeschützte Bücher sind hingegen in ihrem jeweiligen Apple-, Amazon- oder Adobe-Ökosystem gefangen. Hier steht ein Austarierungsprozess zwischen der berechtigten Sorge der Rechteinhaber vor Piraterie und den Interessen der Leser erst am Anfang.[14]


Fußnoten

4.
Vgl. online: http://thegoldennotebook.org (6.9.2012).
5.
Vgl. Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt/M. 2001.
6.
Alexandra Alter, Your E-Book Is Reading You, 19.12.2012, online: http://online.wsj.com/article/SB10001424052702304870304577490950051438304.html (6.9.2012).
7.
Vgl. online: www.küchengötter.de; www.oetker-select.de (10.9.2012).
8.
Zit. nach: A. Alter (Anm. 6).
9.
Vgl. online: www.hiptype.com/infographic (6.9.2012).
10.
Jörg Häntzschel, Was einen anspringt. Amazon liest mit, 28.10.2010, online: www.sueddeutsche.de/kultur/amazon-liest-mit-was-einen-anspringt-1.1017099 (6.9.2012).
11.
Vgl. online: https://kindle.amazon.com/most_ popular; https://kindle.amazon.com/most_popular/books_by_popular_highlights_all_time (6.9.2012).
12.
Kobo bietet auch eine besonders umfangreiche Erfassung der eigenen Lesebiografie mittels diverser farbenfroh designter Statistiken und Diagramme an. Vgl. Charlie Sorrel, Kobo update adds social features, nerd-friendly stats, 10.12.2010, online: www.wired.com/gadgetlab/2010/12/kobo-update-adds-social-features-nerd-friendly-stats/ (6.9.2012).
13.
Ein Webdienst, der die Synchronisation von Dateien zwischen verschiedenen Rechnern und Nutzern sowie eine Online-Datensicherung ermöglicht.
14.
In letzter Zeit ist ein Wandel hin zu offenen E-Book-Formaten festzustellen, eine Entwicklung, die an die Musikindustrie Anfang der 2000er Jahre erinnert. Vgl. Cylus Farivar, Tor Books to release only DRM-free e-books, 25.4.2012, online: http://arstechnica.com/business/2012/04/tor-books-to-release-only-drm-free-e-books/ (6.9.2012).