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Social Reading – Lesen im digitalen Zeitalter

2.10.2012

Social Reading in Wissenschaft und Bildung



Communities wie Lovely Books und Goodreads, Plattformen und dazugehörende Lese-Apps wie Readmill und die eher subkutan verlaufende Protokollierung von Millionen weltweiter Lesevorgänge: Egal wie social reading auch immer ausgestaltet ist, sowohl die freiwillig veröffentlichten als auch die von Unternehmen aufgezeichneten Daten bieten Wissenschaftlern reiches Material. Mit kommunikationssoziologischem Blick kann das Rezeptionsverhalten einer großen Anzahl von Lesern untersucht werden, Literaturwissenschaftlern bieten sich neue Einblicke in Leser-Leser- und Autor-Leser-Interaktionen und – eine langfristige Archivierung und Kompatibilität der Daten vorausgesetzt – auch für Historiker und Kulturwissenschaftler eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten.

Ähnlich den mittelalterlichen Marginalien und den mit Bleistift an den Rand geschriebenen Notizen können in der Rückschau intellektuelle Biografien einzelner Personen oder Personengruppen gezeichnet werden. Insgesamt gesehen erlaubt social reading nie dagewesene Einblicke in Leseprozesse – und das sogar unter Umgehung von bisherigen methodischen Schwierigkeiten. Klassischerweise wird das Leseverhalten mit Fragebögen ermittelt, wobei aber neben den oft kleinen Stichprobengrößen auch das Problem der sozialen Erwünschtheit auftritt, die Antworten also verfälscht werden, um den Befragten in einem möglichst positiven Licht zu zeigen. Vor allem bei den mehr oder weniger kontinuierlich und zumeist unbemerkten Datensammlungen durch Amazon und Co. sind beide Probleme der empirischen Forschung weitestgehend ausgeschlossen. Die Anonymisierung der Daten muss hierbei natürlich unter allen Umständen gewährt sein.

Auch im Bildungsbereich besitzt social reading großes Potenzial. Schülerinnen und Schüler sowie Studierende können Texte auch jenseits von Klassen- und Seminarräumen diskutieren, wahlweise mit oder ohne Einbindung des Lehrers/Dozenten. Die Möglichkeit, bestimmte Textstellen in den Marginalien zu diskutieren und die Markierungen und Notizen der Lerngruppe anzeigen zu lassen, führt unter Umständen zu fokussierterem Arbeiten.[15] Der interkulturelle Austausch kann durch geeignete Plattformen mit mehrsprachigen Texten von social reading profitieren und neue Einblicke in die unterschiedlichen Rezeptionstraditionen ermöglichen.

Zukunft des Lesens



Angesichts der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens stellt sich allerdings eine viel globalere Frage: Ist die Zeit des Lesens vorbei, wie etwa Nicholas Carr mutmaßt? Sie wäre dann ein äußerst kurzes Intermezzo in der Geschichte der Menschheit gewesen – von der "Leserevolution“ im ausgehenden 18. Jahrhundert, die das individuelle, leise Lesen unterschiedlichster Texte einläutete, bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts – und uns stünde die Wiederkehr der Vergangenheit bevor, in der nur eine ausgewählte Minderheit diese Kulturtechnik beherrschte. Die Hochphase der Literatur, der Belletristik, wäre dann – Leser und Autoren stehen schließlich in einer Wechselbeziehung – ebenfalls vorbei: "Bücher und Bücherlesen (steuern) auf ihren kulturellen Lebensabend zu.“[16] Auch die Thesen des Hirnforschers Manfred Spitzer gehen in eine ähnliche Richtung und warnen vor der drohenden "digitalen Demenz“.[17]

Interessanterweise legt gerade der Erfolg von social reading eine optimistischere Zukunftsperspektive für das Lesen nahe: Schließlich müssen die Bücher, über die gerade in Chats, Foren, Sozialen Netzwerken oder Plattformen gesprochen wird, auch irgendwann gelesen worden sein (Bücher übrigens, die – wie ein Blick auf die Bestsellerliste verrät – nicht unbedingt immer dünner werden). Im Zeitalter der Digitalisierung wird Lesen wieder sozialer und nähert sich damit der Situation vor der Leserevolution nur insofern an, als dass Texte wieder zunehmend gemeinschaftlich rezipiert werden – damals durch das Vorlesen in Gruppen, heute durch "Bücher mit Internetanschluss“. Social reading greift also in die Vergangenheit zurück und verbindet sie mit dem noch recht jungen Phänomen des stillen Lesens. Statt eines Kulturpessimismus – der in ähnlicher Form übrigens auch jene oben erwähnte Leserevolution begleitete und vor den negativen Auswirkungen massenhafter Lektüre warnte – wäre ein offener Umgang mit den neuen Möglichkeiten, aber auch den Herausforderungen für die Kulturtechnik des Lesens gewinnbringender und im Sinne einer wachsenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien förderlicher.

Gerade die oben erwähnte gelungene Verbindung von Offline und Online bringt die Potenziale von social reading auf den Punkt. Die individuelle, stille Lektüre von Büchern verbindet sich mit den reichen Interaktionsmöglichkeiten des Internets und schafft so kommunikative Räume für den Text. Diese wirken wiederum zurück auf den Leser, den Autor und vielleicht auch auf die Gespräche in book clubs und Lesekreisen. Um mit der amerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison zu sprechen: "Reading is solitary, but that’s not its only life. It should have a talking life, a discourse that follows.“[18]


Fußnoten

15.
Vgl. Jennifer Pearson et al., Co-Reading: Investigating Collaborative Group Reading, in: Proceedings of the 12th ACM/IEEE-CS Joint Conference on Digital Libraries, New York 2012, S. 325–334; Les Nelson et al., Impact on Performance and Process by a Social Annotation System: A Social Reading Experiment, in: Dylan D. Schmorrow/Ivy V. Estabrooke/Marc Grootjen (eds.), Foundations of Augmented Cognition. Neuroergonomics and Operational Neuroscience, Heidelberg 2009, S. 270–278.
16.
Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert, München 2010, S. 177.
17.
Vgl. Manfred Spitzer, Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012.
18.
In Oprah Winfreys Sendung „Oprah’s Book Club“ vom 6. März 1998.