(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)
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Der Kampf der ILO gegen Kinderarbeit: Eine Bestandsaufnahme


16.10.2012
Jedes siebte Kind auf der Welt muss arbeiten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kämpft seit vielen Jahren für die Abschaffung der Kinderarbeit. Konzertierte internationale Anstrengungen haben inzwischen zu einigen Erfolgen geführt. So ergab eine umfassende Erhebung der ILO für den Zeitraum 2000 bis 2004 einen Rückgang der Zahl der Kinderarbeiter um elf Prozent auf 222 Millionen.[1] Auch in den darauffolgenden vier Jahren ging die Zahl weiter zurück – wenn auch in deutlich verlangsamtem Tempo – auf 215 Millionen im Jahr 2008.[2] Wie die Entwicklung seither verlief, untersucht die ILO gegenwärtig; die neuen Zahlen sollen im nächsten Jahr veröffentlicht werden.

Zunächst ist es für entsprechende Erhebungen wichtig abzugrenzen, wo Kinderarbeit genau anfängt. Ist es Kinderarbeit, wenn Kinder nach der Schule noch Zeitungen austragen oder unbezahlt im Familienbetrieb mitarbeiten, zum Beispiel in der Landwirtschaft? Oft hat dies ja die Funktion, die Kinder auf die spätere Übernahme des kleinen Ladens oder der landwirtschaftlichen Fläche vorzubereiten oder ihnen handwerkliche Fähigkeiten beizubringen.

ILO-Übereinkommen gegen Kinderarbeit



Genau definiert ist der Begriff "Kinderarbeit" durch das ILO-Übereinkommen (auch als ILO-Konvention bekannt) Nummer 138 über das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung. Dieses Übereinkommen aus dem Jahr 1973, das inzwischen von 163 Staaten ratifiziert wurde, gehört zu den Kernarbeitsnormen – ebenso wie das Verbot von Zwangsarbeit, von Diskriminierung bei der Arbeit sowie das Recht auf Vereinigungsfreiheit. Die Kernarbeitsnormen sind Menschenrechte und besitzen als solche universelle Gültigkeit, selbst in den Ländern, die das Übereinkommen nicht ratifiziert haben. Zu diesen gehören beispielsweise Indien, Bangladesch und Saudi-Arabien, aber auch Kanada und die USA.

Das Übereinkommen enthält entgegen einer weitverbreiteten Annahme kein Verbot der Kinderarbeit. Vielmehr verpflichtet es die Mitgliedstaaten der ILO dazu, "eine innerstaatliche Politik zu verfolgen, die dazu bestimmt ist, die tatsächliche Abschaffung der Kinderarbeit sicherzustellen und das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung oder Arbeit fortschreitend bis auf einen Stand anzuheben, bei dem die volle körperliche und geistige Entwicklung der Jugendlichen gesichert ist" (Artikel 1).

Dieses Alter wird mit 15 Jahren angegeben, wobei Entwicklungsländer für eine Übergangszeit 14 Jahre als Mindestalter ansetzen können; sie müssen jedoch regelmäßig in Berichten begründen, ob und warum sie diese Übergangsklausel weiter in Anspruch nehmen wollen. Generell gilt, dass Kinder zwischen 13 und 15 Jahren wöchentlich einige Stunden leichte Arbeit verrichten dürfen – wie viele Stunden genau, können die Mitgliedstaaten in ihren nationalen Gesetzen festlegen. Entscheidend ist, dass dadurch der Schulbesuch nicht infrage gestellt sein darf.

Der Kampf gegen Kinderarbeit erhielt 1999 einen kräftigen Impuls, als das Übereinkommen 182 über das Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit verabschiedet wurde. Kaum ein Land konnte und wollte sich deren Bekämpfung verweigern. Heute haben 175 der 185 ILO-Mitgliedstaaten das Übereinkommen, das ebenfalls zu den Kernarbeitsnormen zählt, ratifiziert. Dank der internationalen Aufmerksamkeit, die das Übereinkommen über die schlimmsten Formen der Kinderarbeit erhielt, profitierte übrigens auch das ältere Übereinkommen 138 über das Mindestalter von einem Ratifizierungsschub.

Als die schlimmsten Formen der Kinderarbeit definiert das Übereinkommen 182 folgende Arbeiten von Kindern unter 18 Jahren: Kinderprostitution und -pornografie, der Einsatz als Soldaten, illegale Tätigkeiten wie Drogenschmuggel sowie generell Arbeit, die "für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit schädlich ist". Hierunter lassen sich zum Beispiel auch das Tragen schwerer Lasten etwa in Steinbrüchen, Arbeit unter Tage oder in großen Höhen, der Umgang mit gefährlichen Chemikalien beziehungsweise Maschinen oder sehr lange Arbeitszeiten und Nachtarbeit zählen. Anders als das Übereinkommen 138 über das Mindestalter verlangt das Übereinkommen 182 explizit das Verbot dieser schlimmsten Formen der Kinderarbeit in der nationalen Gesetzgebung. Ebenfalls verboten sind laut dem Übereinkommen jegliche Arbeit von Kindern unter zwölf Jahren sowie Kinderhandel, Leibeigenschaft und Zwangs- oder Pflichtarbeit von Kindern.

Statistische Trends



Im Jahr 2006 setzte sich die ILO ein visionäres Ziel: die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2016 zu beseitigen. Ist dieses Ziel überhaupt realistisch? Die vorliegenden Statistiken, die allerdings lediglich bis zum Jahr 2008 reichen, enthalten eindeutige Zeichen für Fortschritte, aber auch beunruhigende Lücken. "So wie die Dinge heute liegen, reicht das Tempo des Fortschritts nicht aus, um das für 2016 angepeilte Ziel zu erreichen", stand im ILO-Bericht "Das Vorgehen gegen Kinderarbeit forcieren" von 2010.[3]

Im Folgenden werden die Daten aus diesem Bericht sowie aus den detaillierteren statistischen Informationen dazu präsentiert.[4] Die ILO wertete dafür nationale Datensätze aus 50 Ländern aus, zum Beispiel spezielle Kinderarbeitsstudien, nationale Arbeitskräfteerhebungen oder Haushaltsbefragungen, und machte sie miteinander vergleichbar. Eine statistische Analyse der kombinierten Datensätze erlaubt dann Schätzungen auch für diejenigen Regionen der Welt, für die keine verwertbaren nationalen Daten vorliegen.[5]

Die Kinderarbeit war demzufolge im Zeitraum 2004 bis 2008 zwar rückläufig, aber nur in relativ bescheidenem Umfang. 215 Millionen Kinder – 13,6 Prozent der Altersgruppe zwischen 5 und 17 Jahren – waren 2008 immer noch davon betroffen, das sind 3,2 Prozent weniger als 2004. Zwischen 2000 und 2004 hingegen hatte sich der Rückgang auf 11 Prozent belaufen. (Vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version)

Immer noch ist die Zahl von 115 Millionen Kindern in gefährlicher Arbeit – 7,3 Prozent aller Kinder zwischen 5 und 17 Jahren – erschütternd hoch. Gefährliche Arbeit, beispielsweise in Steinbrüchen oder mit gefährlichen Geräten, wird oft als Ersatzindikator für die schlimmsten Formen der Kinderarbeit verwendet, denn viele davon sind statistisch kaum zu erfassen, weil sie im Verborgenen stattfinden, etwa in illegalen Bordellen oder bewaffneten Konflikten.

Insgesamt gilt: Je schädlicher die Arbeit und je verwundbarer die beteiligten Kinder, umso ausgeprägter der Rückgang. Während die Zahl der Kinderarbeiter insgesamt zwischen 2004 und 2008 um nur gut 3 Prozent sank, betrug der Rückgang bei den Kindern in gefährlicher Arbeit immerhin 10,2 Prozent. Die Anzahl der Mädchen in gefährlicher Arbeit fiel sogar um fast ein Viertel. 2008 gingen somit noch 5,4 Prozent aller Mädchen gefährlichen Arbeiten nach, während es bei den Jungen immer noch 9 Prozent waren. Auch ergab sich ein Rückgang der gefährlichen Arbeit bei den jüngeren Kindern (bis 14 Jahre) um immerhin fast 31 Prozent.

Diese Trends mögen als Anzeichen dafür gelten, dass die Politik Prioritäten gesetzt hat und dass entsprechende Bemühungen von Regierungen, Sozialpartnern und Zivilgesellschaft tatsächlich einen Unterschied machen. Die Entwicklungen zeigen jedoch auch, dass es noch viel zu tun gibt. Denn leider sind in manchen Bereichen auch erschütternde Zuwächse zu verzeichnen: bei den Jungen (plus 7 Prozent), bei der gefährlichen Arbeit in der Altersgruppe 15 bis 17 Jahre (plus 20 Prozent) und generell in Afrika südlich der Sahara.

Was die Auswirkung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf das Schicksal von Kindern anbelangt, deutet eine vorläufige Analyse der Situation in Schwellenländern auf eine differenzierte Entwicklung hin, abhängig von verschiedenen Faktoren wie etwa der Verfügbarkeit von Krediten oder eines sozialen Netzes.[6] Und während sich oft beobachten lässt, dass mit einem Sinken des Lebensstandards ein Anstieg von Kinderarbeit einhergeht, könnte dieser Effekt in der Krise durch die rückläufige Nachfrage nach Arbeitskräften – auch der Arbeitskraft von Kindern – konterkariert werden.


Fußnoten

1.
Vgl. ILO, Das Ende der Kinderarbeit: Zum Greifen nah. Gesamtbericht im Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO [ILO] über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Genf 2006.
2.
Vgl. ILO, Das Vorgehen gegen Kinderarbeit forcieren. Gesamtbericht im Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO [ILO] über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit, Genf 2010.
3.
Vgl. ebd., S. XIII.
4.
Vgl. Yacouba Diallo et al., Global child labour developments: Measuring trends from 2004 to 2008, International Labour Office, Statistical Information and Monitoring Programme on Child Labour (SIMPOC), Geneva 2010.
5.
Diese Methodik impliziert allerdings, dass die ILO keine unmittelbar vergleichbaren Angaben für einzelne Länder machen kann.
6.
Vgl. ILO, IPEC action against child labour 2010–2011: Progress and future priorities, Geneva 2012.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Nicola Liebert für bpb.de

 
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