(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Barbara Küppers

Gibt es "gute" Kinderarbeit? Plädoyer für den kinderrechtlichen Ansatz

Angebots- und Nachfrageseite bearbeiten

Kehren wir nach Tirupur zurück und fragen, wie es gelingen konnte, die Ausbeutung von 40.000 Kindern deutlich zu reduzieren. Heute arbeiten etwa 5.000 Kinder unter 14 Jahren in Nähereien, zumeist in kleinen Betrieben, die für den heimischen Markt produzieren. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Textilindustrie hat sich auf etwa 400.000 verdoppelt. terre des hommes und seine Partner vor Ort hatten eine Strategie entwickelt, die sowohl die "Angebots-" wie auch die "Nachfrageseite" berücksichtigte. Die Kombination beider Ansätze ermöglicht positive Synergien: Auf der einen Seite werden Kinder und ihre Familien und Gemeinschaften gestärkt und der Zugang zu Bildung ermöglicht, sodass sich das "Angebot" an minderjährigen Arbeitskräften verringert. Auf der anderen Seite wird die Regulierung des Textilsektors vorangetrieben, was wesentlich dazu beiträgt, die "Nachfrage" nach Kinderarbeitern zu stoppen.

In Tirupur unterstützen terre des hommes und andere Organisationen die Reintegration von Kinderarbeitern in Schulen, die Verbesserung der öffentlichen Schulen durch Schulmanagementsysteme, Aufklärung und Organisation in den Slums und Dörfern sowie Anwaltschaftsarbeit gegenüber den örtlichen Aufsichtsbehörden für die Textilindustrie. In Europa wurden Handelskonzerne über öffentliche Kampagnen dazu gedrängt, Verhaltenskodizes zu erarbeiten und sie wirksam und seriös mit ihren Zulieferern umzusetzen.

In den vergangenen Jahren führen auch Programme und Gesetzesinitiativen der indischen Regierung zu einem Rückgang ausbeuterischer Kinderarbeit in der Region. Dazu gehören etwa Maßnahmen wie kostenlose Schulspeisungen, Mittel für die Renovierung oder den Bau von Grundschulen oder auch das Regierungsprogramm zur Armutsbekämpfung, das Erwachsenen das Recht auf 100 Tage bezahlter Arbeit pro Jahr in öffentlichen Vorhaben zusichert.

Auf Seiten der NGOs wurde großes Gewicht darauf gelegt, klassische Methoden der Armutsbekämpfung mit der Bekämpfung ausbeuterischer Arbeit zu kombinieren: So verpflichteten sich Frauenselbsthilfegruppen, die mittels Sparprogrammen und Mikrokrediten kleine Gewerbe aufbauen, die Erträge ihrer Mühen zunächst für den Schulbesuch ihrer Kinder zu verwenden. Und Jugendliche, die bereits einige Jahre in der Textilindustrie gearbeitet hatten, wurden ausgebildet und dabei unterstützt, sich in Kooperativen zusammenzuschließen und ihrerseits Gewerbe aufzubauen. Eine Querschnittsevaluierung dieser Projekte in Tirupur belegt: Ganze Dörfer und Slumviertel wurden mit diesem Ansatz nachhaltig frei von der Ausbeutung von Kindern, das heißt: Alle Kinder besuchen eine Schule und keines unterliegt einer ausbeuterischen Arbeitssituation.

Die Zahl der Kinderheiraten reduzierte sich ebenfalls drastisch. Ehemalige Kinderarbeiter, die in Schulen reintegriert wurden und eine Berufsausbildung absolvieren konnten, haben Zugang zu besser bezahlter Arbeit mit grundlegender sozialer Absicherung. Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzen ihre neuen Möglichkeiten, um dafür zu sorgen, dass ihre kleine Geschwister zur Schule gehen.[6]

Diese Programmerfahrungen dokumentieren, dass Verbote ohne sozialpolitische Maßnahmen für Kinder und ihre Familien keine Wirkung zeigen und die Situation von Kindern sogar verschlimmern können. Stattdessen muss erstens das Verbot von Ausbeutung durch Programme flankiert werden, die vor allem den Zugang zu qualitativ guter Bildung eröffnen. Zweitens braucht es konkrete Alternativen, die ausgebeuteten Kindern tatsächlich sofort zugute kommen. Die Kombination von Maßnahmen in Richtung "Angebots-" und "Nachfrageseite" ist unerlässlich.

Wer – umgekehrt – die Regulierung eines Wirtschaftszweiges vernachlässigt, riskiert, dass zwar die einheimischen Kinder in den Projektregionen zur Schule gehen, stattdessen aber Kinder aus anderen Regionen oder noch stärker marginalisierten Bevölkerungsgruppen rekrutiert werden. So konzentrierten sich indische NGOs und Entwicklungsorganisationen Anfang der 1990er Jahre zum Beispiel im indischen "Teppichgürtel" um die Stadt Varanasi im Bundesstaat Uttar Pradesh auf Befreiungsaktionen und Bildung für Kinder, die als Schuldknechte Teppiche knüpften. Die Arbeit war erfolgreich, viele Kinder wurden befreit und konnten wieder zur Schule gehen. Allerdings gab es immer wieder neuen "Nachschub" und offensichtlich lohnte sich für die Arbeitgeber sogar das Geschäft mit Kinderhändlern aus benachbarten Bundesstaaten.

Diese Situation führte zu einem Aufruf des indischen Aktivisten Kailash Satyarthi, den Teppichhandel mit der Situation zu konfrontieren und mittels Verhaltenskodizes und Zertifizierungen den Sektor zu regulieren. Das erste Sozialsiegel, das Zeichen "Rugmark" für Teppiche ohne Kinderarbeit, wurde daraufhin gemeinsam mit indischen NGOs, dem Handel und den Hilfswerken Brot für die Welt, Misereor und terre des hommes ins Leben gerufen.

Eine andere Geschichte: Kinderarbeit in Würde

Dass Kinderarbeit nicht zwingend Kinderrechte verletzt, ist für viele Menschen kaum vorstellbar. Die Arbeit von Kindern ist nicht per se ausbeuterisch. Mädchen und Jungen arbeiten mit und lernen dabei zum Beispiel im Haushalt die grundlegenden Fertigkeiten der Hauswirtschaft oder im elterlichen Betrieb verschiedene Handwerks- oder Landbebauungstechniken. Durch Mithilfe und Arbeit werden wichtige gesellschaftliche Werte vermittelt, wie zum Bespiel Zusammenarbeit und Einsatz für eine Gemeinschaft. Arbeit kann ein Mittel zur Selbstverwirklichung sein und kann materielle und soziale Bedürfnisse befriedigen. Werden Kinder ihrem Alter und ihren Fähigkeiten entsprechend an Arbeiten beteiligt, erlangen sie Selbstbewusstsein und lernen, gemeinsam mit anderen produktiv für die Gemeinschaft zu sein – wichtige Werte in vielen Kulturen, die eine andere Vorstellung von Kindheit haben. [7]

Die Arbeit von Kindern steht auch nicht automatisch dem Schulbesuch im Wege. Eine große Zahl von Kindern weltweit arbeitet und geht gleichzeitig zur Schule, dies gilt zum Beispiel für die große Mehrheit der Kinder in Lateinamerika und Afrika.[8]

Nicht-ausbeuterische Kinderarbeit kann als Potenzial für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung gesehen werden. Projekte für Kinderarbeiter zum Beispiel in Kolumbien und Peru zeigen, dass vor allem die Einbeziehung der Erfahrungen der Kinder im Schulunterricht vielfältige positive Wirkungen hat: Die Werkstattschulen der Organisation Creciendo Unidos in Kolumbien zum Beispiel knüpfen an die täglichen Erfahrungen arbeitender Kinder an und qualifizieren die Kinder weiter: Sie werden nicht gedrängt, ihre Arbeit aufzugeben und niemand muss sich schämen, weil er arbeitet.

Ein Abrutschen in ausbeuterische oder illegale Arbeit wird durch den Zusammenhalt der Gruppen verhindert. Fertigkeiten, die Mädchen und Jungen bei ihrer Arbeit gelernt haben, helfen ihnen in der Schule. Viele arbeitende Kinder können zum Beispiel gut rechnen. Umgekehrt hilft die Schule, ihre Produkte und ihr Marketing zu verbessern. Einige Kinder schließen sich zusammen und stellen ihre Waren, etwa kleine Süßigkeiten, gemeinsam her oder kaufen im Verbund zu einem günstigeren Preis ein. So verbessern sie ihr Einkommen und unterstützen sich gegenseitig.

Pauschale Verbote jeglicher Arbeit von Kindern würde diese Kinder in die Illegalität treiben und damit ihre Situation deutlich verschlechtern. Damit wären arbeitende Kinder weitaus verletzlicher und gefährdet, in ausbeuterische Arbeit abzurutschen oder drangsaliert zu werden.

"Kinderarbeit" gilt es differenziert und im Hinblick auf die Kinderrechte zu betrachten. Am besten fassen es Kinder selbst zusammen – wie beispielsweise in der Erklärung des ersten internationalen Treffens von Kinderarbeitern aus Afrika, Asien und Lateinamerika im indischen Kundapur im Dezember 1996, in der es heißt:

"Wir, die Kinderarbeiter der Welt …
  • Wir wollen, dass unsere Probleme, unsere Vorschläge, Bemühungen und unsere Organisationen beachtet und anerkannt werden.
  • Wir sind gegen Boykotte von Waren, die von Kindern gemacht wurden.
  • Wir wollen Respekt und Sicherheit für uns und die Arbeit, die wir leisten.
  • Wir wollen Unterricht, in dem wir etwas über unsere Situation und für unser Leben lernen.
  • Wir wollen eine Berufsausbildung, die unseren Fähigkeiten und unserer Lebenssituation entspricht.
  • Wir wollen eine gute Gesundheitsversorgung, die für arbeitende Kinder zugänglich ist.
  • Wir wollen bei allen Entscheidungen gefragt werden, die uns betreffen, egal ob diese Entscheidungen in unseren Städten und Dörfern, unseren Ländern oder international getroffen werden.
  • Wir wollen, dass die Ursachen für Kinderarbeit, vor allem die Armut, benannt und bekämpft werden.
  • Wir wollen, dass auf dem Land Lebensmöglichkeiten erhalten oder geschaffen werden, sodass Kinder nicht in Städte abwandern müssen.
  • Wir sind gegen ausbeuterische Arbeit, wir wollen in Würde arbeiten und Zeit zum Lernen, Spielen und Ausruhen haben.
  • Wir wollen, dass Kinder auf den großen Konferenzen gehört werden. Wenn 20 Minister zu einer Konferenz kommen, dann sollen auch 20 Kinderarbeiter da sein. Wir wollen mit den Ministern diskutieren, sie sollen nicht über unsere Köpfe hinweg über uns reden."[9]


Fußnoten

6.
Vgl. terre des hommes, Report: Strategies, Functioning and Outcomes of Projects/Programmes by Terre des Hommes and Partners against Child Labour in India, Osnabrück–Pune 2011.
7.
Vgl. den Beitrag von Manfred Liebel/Philip Meade/Iven Saadi in dieser Ausgabe.
8.
Vgl. Klaus Heidel, Schulbesuch trotz Kinderarbeit, Kinderarbeit trotz Schulbesuch, in: Deutsches Forum Kinderarbeit (Anm. 3), S. 13–17.
9.
Vgl. terre des hommes, Kinderarbeit – kein Kinderspiel, Osnabrück 2003.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Barbara Küppers für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.