(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)
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Brauchen Kinder ein Recht zu arbeiten? Kindheitskonzepte und Kinderarbeit


16.10.2012
Ob in Deutschland, Europa oder weltweit: Das Ziel, Kinderarbeit zu verbieten und abzuschaffen, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Bei sorgfältiger Betrachtung der Thematik wird allerdings deutlich, dass diese Auffassung nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Sie wird auch keineswegs von allen Menschen vertreten, die sich dafür einsetzen, die Ausbeutung arbeitender Kinder zu bekämpfen und ihre Situation zu verbessern.

Hierzu zählen nicht zuletzt betroffene Kinder und Jugendliche. So musste etwa die deutsche Bundesregierung im Jahr 2000 in einem "Bericht über Kinderarbeit" feststellen, dass Kinder gerne arbeiten und das Arbeitsverbot überwiegend ablehnen.[1] In anderen europäischen Ländern sprechen sich Kinder in Berichten an den UN-Ausschuss über die Rechte des Kindes ebenfalls gegen generelle Arbeitsverbote aus; sie sehen sich dadurch aufgrund ihres Alters diskriminiert.[2] Kinder und Jugendliche in Afrika, Asien und Lateinamerika, die sich in eigenen Organisationen zusammenschließen, fordern sogar ausdrücklich ein "Recht zu arbeiten".[3]

Diese Stimmen werden allerdings kaum gehört. Unsere These ist, dass weite Bereiche der Debatte über Kinderarbeit daran kranken, zu wenig über die damit verbundenen Kindheits- und Arbeitskonzepte zu reflektieren. Wir werden in diesem Beitrag deutlich machen, warum eine solche Reflexion geboten ist, wenn tatsächlich dem in der UN-Kinderrechtskonvention den Kindern zugesicherten Recht, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt zu werden, Genüge getan werden soll. Dabei wird sich zeigen, dass ein Recht zu arbeiten weitaus eher als das bisher dominierende Verbot der Kinderarbeit dem besten Interesse der Kinder entspräche und ihrem Wohlergehen diente.

Problematische Implikationen der Rede von Kinderarbeit



Der Terminus "Kinderarbeit" ist eine wertende und emotional aufgeladene "soziale Konstruktion", die eine objektive Befassung mit der Thematik erschwert. Seit er in der Zeit des europäischen Frühkapitalismus aufkam, werden mit ihm bestimmte politische Intentionen verfolgt und Vorannahmen über Kinder und ihre Beziehung zur Arbeit transportiert. Diese Vorannahmen haben sich so tiefgehend im Alltagsverständnis (und in gesetzlichen Regelungen) eingenistet, dass die Rede von Kinderarbeit automatisch dazu führt, die Arbeit von Kindern nur unter negativen ("schädlichen") Aspekten wahrzunehmen. Die mit ihm ausgelösten Assoziationen lassen die verschiedenen möglichen Bedeutungen und Aspekte der Arbeit von Kindern nicht zur Geltung kommen. Im Fall der Kinder wird von vorneherein ausgeschlossen, Arbeit als eine Tätigkeit wahrzunehmen, die der Lebenserhaltung dient und dem Menschen erlaubt, sich als tätiges Subjekt zu verstehen, das einen Beitrag zum Erhalt und der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft leistet.[4] Mit dem Terminus "Kinderarbeit" wird weiterhin ausgeblendet, dass Arbeit stets unter verschiedenen Bedingungen ausgeübt werden kann. Während bei Erwachsenen die spezifischen Bedingungen der Arbeit herangezogen werden, um die Arbeitsqualität zu beurteilen, reicht bei Kindern allein der Verweis auf ihr Alter aus, um ihre Arbeit zu disqualifizieren.

Arbeitende Kinder verweisen auf genau diesen Sachverhalt, wenn sie zum Ausdruck bringen, dass für sie nicht "die Arbeit" ein Problem darstellt, sondern die Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird. Ferner weisen sie darauf hin, dass selbst wenn sie unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, diese Bedingungen möglicherweise verändert werden können und dass ihre Arbeit immer auch eine "nützliche" Tätigkeit darstellt, die zum Beispiel für ihre Familie und ihren Zusammenhalt wichtig ist und ihnen ermöglicht, sich mit ihrer Familie solidarisch zu zeigen.

Arbeitsverbot schützt nicht vor wirtschaftlicher Ausbeutung



Die UN-Kinderrechtskonvention schreibt in Artikel 32 das Recht der Kinder fest, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt zu werden. Diese Schutzgarantie wird oft so verstanden, dass Kinder davor bewahrt werden sollen, arbeiten zu müssen. In diesem Sinne werden die – etwa in Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur Kinderarbeit oder in nationalen Gesetzen – festgelegten Arbeitsverbote für Kinder als Manifestation eines spezifischen Menschenrechts von Kindern verstanden, ohne dessen Erfüllung auch andere Rechte von Kindern, wie das Recht auf Bildung, nicht zum Zuge kommen könnten. So heißt es beispielsweise in einer Stellungnahme der Kampagne "Stop Child Labour – School is the best place to work": "Children’s rights are human rights. Children have the right to be free from child labour and have the right to education."[5]

Bei einer solchen Interpretation wird nicht nur unter der Hand Kinderarbeit pauschal mit Ausbeutung gleichgesetzt, sondern es wird auch unterstellt, dass das Verbot von Kinderarbeit und darauf gestützte Maßnahmen umstandslos dazu geeignet seien, der Ausbeutung arbeitender Kinder einen Riegel vorzuschieben. In einer Art logischem Kurzschluss wird das Recht, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt zu werden, umgedeutet in das vermeintliche Recht, "frei von Kinderarbeit" zu sein.

Dem steht die Forderung der Bewegungen arbeitender Kinder nach einem "Recht zu arbeiten" gegenüber. Darunter wird nicht verstanden, dass irgendwelche Personen das Recht hätten, die Arbeit der Kinder in Anspruch zu nehmen. Das Recht zu arbeiten richtet sich gegen jede Form des Arbeitszwangs, sei es als Zwangsarbeit, Sklavenarbeit, Schuldknechtschaft oder die Erzwingung der Arbeit, auch durch die eigenen Eltern. Genauso wenig wird impliziert, dass den Kindern eine Arbeit garantiert werden müsse ("Recht auf Arbeit"). Stattdessen sollen Kinder selbst entscheiden können, ob, wo, wie und wie lange sie arbeiten wollen.

Demgemäß soll das Recht zu arbeiten dazu beitragen, den Entscheidungsspielraum von Kindern zu erweitern und ihre Stellung als handelnde Subjekte zu stärken. Die Forderung richtet sich also gleichermaßen gegen eine Rechtsauffassung, die Kinderrechte in erster Linie als ein Recht von Erwachsenen versteht, die Rahmenbedingungen für das Wohl von Kindern festzulegen, wie gegen eine Vorstellung von Kinderschutz, die der Gefährdung von Kindern vor allem durch Ausschluss-Maßnahmen und Verbote zu begegnen versucht.


Fußnoten

1.
Vgl. Bericht der Bundesregierung über die Kinderarbeit in Deutschland, 2.6.2000, Bundestags-Drucksache 14/3500, S. 8f.
2.
Vgl. Madeleine Leonard, Children’s Views on Children’s Right to Work. Reflections from Belfast, in: Childhood, 11 (2004) 1, S. 45–61; Smiljana Simeunovic Frick (ed.), Children’s Rights: Claimed and Experienced. Children’s Reports to the UN Committee on the Rights of the Child, Zürich–Berlin 2011, S. 153f. (Belgien), S. 231 (Großbritannien).
3.
Organisationen arbeitender Kinder entstehen in Lateinamerika seit den 1980er, in Afrika und Asien seit den 1990er Jahren. Zu ihrer Geschichte und Bedeutung vgl. Manfred Liebel, Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder in verschiedenen Kulturen und Kontinenten, Frankfurt/M.–London 2001, S. 235ff.; ProNATs e.V./Christliche Initiative Romero e.V., "Wir sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung". Arbeitende Kinder zwischen Ausbeutung und Selbstbestimmung, Berlin–Münster 2008. Die Autoren dieses Beitrags engagieren sich im Verein ProNATs zur Unterstützung arbeitender Kinder (http://www.pronats.de«) und sind als Berater der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher in Lateinamerika, Afrika und Asien tätig.
4.
Auf die Tatsache, dass Arbeit nicht nur als Erwerbsarbeit verstanden werden kann, macht mit Blick auf Kinder aufmerksam: Anne Wihstutz, Verantwortung und Anerkennung. Qualitative Studie zur Bedeutung von Arbeit für Kinder, Berlin 2009.
5.
Gerard Oonk, Child Labour, Trade Relations and Corporate Social Responsibility. What the European Union should do, The Hague 2008. Die Kampagne wird in Deutschland von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) propagiert.
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Autoren: Manfred Liebel, Philip Meade, Iven Saadi für bpb.de
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