(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)
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Fairer Handel? Süße Schokolade aus bitteren Bohnen


16.10.2012
Mohammed, 13, taucht seinen Zeigefinger sacht in die weiche Masse. Dann leckt er daran, lässt die Schokolade auf der Zunge zergehen. "Ganz schön süß", sagt der Junge und reicht die Tafel, die bei 30 Grad Celsius im Schatten schon jegliche Kontur verloren hat, an den Vater weiter. Ansu Lamin, Kakaobauer aus Sierra Leone in der dritten Generation, hält sie sich unter die Nase. Da ist er wieder, der typische Duft des Kakaos – seiner Kakaobohnen, die er mit seinem Sohn Mohammed erntet, sortiert, fermentiert, trocknet und an die Händler aus Deutschland, Holland oder England verkauft.

Dass fern von Afrika und fern seiner Kakaobäume aus den bitter schmeckenden Bohnen süße Pralinen oder Schokoriegel hergestellt werden, das weiß Ansu. Doch probiert hat er die weltweit begehrte Süßigkeit erst jetzt, mit 55 Jahren. Die aus Europa importierten Köstlichkeiten, die im klimatisierten Supermarkt in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, angeboten werden, könnte sich Ansu niemals leisten – weder die Tafel Milka für umgerechnet drei Euro noch das Glas Nutella für acht. Von acht Euro leben Ansu, seine zwei Frauen und fünf Kinder eine ganze Woche. Und während die Kunden im reichen Norden Glück und Genuss mit der glänzend braunen Süßigkeit verbinden, bedeutet Kakao für Ansu harte Arbeit. Allerdings auch Hoffnung: Denn sein Sohn Mohammed kann dank der Bohnen eine Schule besuchen. Ansu Lamin baut auf seiner Parzelle mit Unterstützung der Welthungerhilfe bio-fairen Kakao an. Dadurch bekommt er für seine Bohnen einen einigermaßen fairen Preis.

Für Mohammed heißt das, dass er nur manchmal nachmittags, nach der Schule, für einige wenige Stunden auf der Plantage mithelfen muss – anders als Tausende Kinder und Jugendliche in anderen Kakao produzierenden Ländern: Über eine Million Kinder schuften nach Angaben des Siegburger Instituts Südwind auf den Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste; UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, geht von 200.000 minderjährigen Arbeitern in der Elfenbeinküste, Mali, Burkina Faso und Togo aus. Viele dieser Minderjährigen wurden von ihren Not leidenden Eltern an Menschenhändler verkauft. Oder von Schleppern entführt, die sie nun als billige Arbeitskräfte auf die Kakaoplantagen schicken. Eine Schule haben diese Kinder in der Regel nie besucht.

Kakao ist nur eines der Produkte, die im deutschen Handel angeboten und immer wieder mit Kinderarbeit und Ausbeutung in Verbindung gebracht werden. Kinder und Teenager sind in der Herstellungskette vieler Gebrauchsgüter und Lebensmittel involviert, wie Menschenrechtsgruppen, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften kritisieren. Sie sind auf Minderjährige gestoßen, die in Vietnam Tee pflücken, in Pakistan Teppiche knüpfen, in Peru Kunsthandwerk schnitzen, sich in Ägypten oder Tadschikistan auf Baumwollplantagen mit Giften gegen Schädlinge plagen, in Guatemala Bananen für den europäischen Markt ernten, in El Salvador auf Zuckerrohrfeldern mit scharfen Messern hantieren oder in indischen Steinbrüchen mit schwerem Gerät Naturstein für deutsche Küchen oder Rathausplätze aus dem Fels hauen.

Besonders eklatante Fälle von Ausbeutung hat Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte des Hilfswerks Misereor, in Indien und Bangladesch vorgefunden: In dunklen Kellerverliesen fand er Kinder, die – keine sechs Jahre alt – von Schleppern in die Metropolen des Landes entführt worden waren. Dort mussten sie, nach Monaten eines sklavenähnlichen Daseins sichtlich verwahrlost, Pailletten auf Blusen oder Schmuckdöschen anbringen – Produkte, die in Deutschland über Versandhäuser angeboten wurden, wie das WDR-Nachrichtenmagazin "Plusminus" nachweisen konnte.

Ausbeuterische Kinderarbeit in der Herstellung von Produkten, die wir täglich konsumieren, gibt es jedoch nicht nur in Asien, Lateinamerika oder Afrika, sondern auch ganz in der Nähe, etwa in der Türkei. Von dort stammen 90 Prozent der weltweit konsumierten Haselnüsse. Deutschland ist eines der Hauptabnehmerländer. Bis zu 300.000 kurdische Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter, darunter auch viele Kinder, pflücken die Nüsse für die großen Süßwarenkonzerne, ziehen Sommer für Sommer von Ernte zu Ernte. Für einen harten Elfstundentag an den steilen und heißen Hängen bekommen sie umgerechnet zwölf Euro Lohn. Nach Angaben der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen versäumt jedes fünfte kurdische Kind bis zu vier Monate Unterricht im Jahr, weil es auf den Haselnussplantagen schuften muss. Die Folgen sind verheerend: Viele brechen die Schule ab oder können nach der Grundschule weder richtig lesen noch schreiben. "Das zementiert letztendlich Armut", sagt Friedel Hütz-Adams von Südwind. Zwar sei Kinderarbeit in der Türkei verboten, aber "die türkische Regierung hat das Problem lange Zeit nicht ausreichend beachtet, da sie Weltmarktführer bei den Haselnüssen bleiben will", so Hütz-Adams. "Und diese Position kann sie nur mit billigen Arbeitskräften halten."[1]

Fair essen, fair reisen, fair kleiden



Zustände wie diese lösen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern hierzulande zunehmend Unbehagen aus. Immer mehr Konsumenten wollen wissen, wer den Tee gepflückt, das T-Shirt genäht oder das Smartphone zusammengeschraubt hat – und orientieren sich an Anbietern und Siegeln des Fairen Handels. Der Faire Handel hat in den zurückliegenden 20 Jahren einen enormen Boom erlebt. Allein in Deutschland ist 2011 der Warenumsatz für fair erzeugte und gehandelte Produkte gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent auf 477 Millionen Euro gestiegen. Diese Produkte finden sich längst nicht mehr nur in einem der europaweit rund 3.000 Weltläden, sondern inzwischen auch in Naturkostläden, Bio-Märkten, konventionellen Supermärkten und Discountern. Warenhäuser, Kantinen, Mensen, Online-Shops und Fluglinien ziehen nach. Selbst Hotels, Caterer oder Speisewagen wie die der Schweizer Bundesbahn bieten Produkte an, die in einem Entwicklungs- oder Schwellenland unter fairen Bedingungen produziert worden sind.

"Fair" – kleine Terminologie

Das Wort "fair" bedeutet laut Fremdwörter-Duden ein "gerechtes, anständiges Verhalten (im Geschäftsleben)". Das Wort "Handel" umschreibt den weltweiten Warenaustausch zwischen Nationen, Regionen und Menschen. Inzwischen haben sich im Zusammenhang mit Fairem Handel unterschiedliche Begriffe eingebürgert:

  • fairer Handel (mit kleinem f) bezeichnet ein generell gerechtes Verhalten beim lokalen bis internationalen Warenaustausch.
  • Fairer Handel (mit großem F) umfasst die gesamte Fairhandelsbewegung – also auch Organisationen und Unternehmen, die mit oder ohne Siegel die wichtigsten Kriterien des Fairen Handels erfüllen, wie sie etwa die World Fair Trade Organization (WFTO) oder der Dachverband Fairtrade International (FLO) definiert hat.
  • Fair Trade (zwei Wörter) entspricht dem deutschen Begriff "Fairer Handel".
  • Fairtrade (ein Wort) steht für das gleichnamige blau-grüne Produktsiegel, das viele, aber nicht alle seriösen fairen Produkte tragen. In Deutschland vergibt die Organisation Transfair das Fairtrade-Siegel. Die Standards hierfür definiert Fairtrade International (FLO), der Dachverband aller nationalen Fairtrade-Siegelorganisationen.


Der Löwenanteil der fairen Produkte im Handel trägt das blau-grüne Fairtrade-Siegel. Und auch hier ist ein Boom zu verzeichnen: Der Umsatz der so ausgelobten Produkte hat 2011 gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent auf 400 Millionen Euro zugelegt – das Achtfache von dem, was Kunden zehn Jahre zuvor an Fairem einkauften. Für 2012 rechnet Transfair, die Organisation, die in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt und die dem Dachverband Fairtrade International – kurz FLO – angehört, sogar mit 500 Millionen Euro.

Auch weltweit verkaufen sich Waren mit dem Fairtrade-Siegel immer besser: 2011 wurden sie für fünf Milliarden Euro eingekauft – ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2010. Allein in Südafrika oder der Tschechischen Republik haben sich die Umsätze verdreifacht. Zuwächse verzeichnete auch das Vereinigte Königreich Großbritannien, der weltweit größte Fair-Trade-Markt, sowie die Schweiz, wo die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Faires mit umgerechnet 33 Euro am höchsten liegen (in Deutschland gibt jeder Bürger nur rund fünf Euro pro Jahr aus). Von dem Boom profitieren mehr als eine Million Kleinbauern und Bäuerinnen sowie Arbeiterinnen und Arbeiter in über 60 Ländern. Zählt man ihre nahen Familienangehörigen hinzu, sind das sechs Millionen Menschen. Die Tendenz ist steigend, denn jedes Jahr kommen neue Produzenten hinzu.

Vom Fair-Trade-Boom profitieren auch die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland. Ihnen bietet der Faire Handel inzwischen sehr viele, sehr hochwertige Produkte – und damit eine gute Alternative zu billig und mit Kinderarbeit belasteten Waren. Produkte aus dem Fairen Handel – das waren vor 20 Jahren vor allem Kaffee und Kunsthandwerk. Inzwischen ist das Angebot riesig, wenngleich Kaffee darunter noch immer das mit Abstand beliebteste Produkt ist. Heute gibt es eine große Menge Lebensmittel in fairer, oftmals sogar bio-fairer Qualität – von Ananas bis Zucker. Mehrere Hundert verschiedene Produkte mit dem Fairtrade-Siegel oder anderen Soziallabels liegen mittlerweile in Supermärkten oder Weltläden aus, können im Internet oder über Versandhäuser bestellt werden. Man kann heute fair verreisen, fair Eis schlecken, mit fair erzeugten Kautschuk-Produkten fair verhüten, fair spielen, fair Geld anlegen, sich fair einkleiden oder sein Haus fair möblieren. Wer sozial nachhaltig konsumieren möchte, findet jede Woche neue Waren, deren Hersteller damit werben, ökologisch sauber, fair und kinderarbeitsfrei erzeugen zu lassen. Aber halten diese Hersteller auch, was sie den Verbraucherinnen und Verbrauchern versprechen?



Fußnoten

1.
Siehe auch den Beitrag von Friedel Hütz-Adams in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).