Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte


23.10.2012
Die koloniale Epoche endete nach landläufiger Überzeugung Anfang der 1960er Jahre, als die meisten kolonisierten Nationen in die staatliche Unabhängigkeit entlassen wurden. Dessen ungeachtet nimmt das Interesse am Phänomen des Kolonialismus stetig zu. Zum einen wird immer deutlicher, dass koloniale Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der modernen Welt gewesen sind.[1] Die Geschichte des Kapitalismus oder der Globalisierung waren eng mit der kolonialen Ordnung verknüpft. Zum anderen sind koloniale Beziehungen auch in der Gegenwart nicht vollständig verschwunden, wie die Rede von einem US-amerikanischen oder auch einem chinesischen "Imperium" deutlich macht. In dieser doppelten Hinsicht ist Kolonialismus daher von hoher Aktualität.

Was also ist Kolonialismus? Die herkömmlichen Definitionen betonen dreierlei: erstens ein territorial bestimmtes Herrschaftsverhältnis – das unterscheidet Kolonialismus von dem breiteren Begriff des Imperialismus, der auch Formen der informellen Steuerung ohne Ansprüche auf Gebietsherrschaft mit einschließt; zweitens die Fremdherrschaft, die dadurch charakterisiert ist, dass kolonisierende und kolonisierte Gesellschaften unterschiedliche soziale Ordnungen aufweisen und auf eine je eigene Geschichte zurückblicken; drittens schließlich die Vorstellung seitens der Kolonisatoren, dass beide Gesellschaften durch einen unterschiedlichen Entwicklungsstand voneinander getrennt sind.

Für die Analyse von Kolonialreichen bleibt die Beschreibung von Jürgen Osterhammel nach wie vor ein hilfreicher Ausgangspunkt (Kasten). Allerdings darf die Suche nach einer möglichst präzisen und allgemeingültigen Definition nicht den Blick dafür verstellen, dass die koloniale Wirklichkeit im hohen Maße vielschichtig und heterogen war. Der neuzeitliche Kolonialismus seit dem 15. Jahrhundert durchlief unterschiedliche Phasen und brachte eine ungeheure Vielfalt von Erscheinungsformen hervor. Die maritimen Imperien der Portugiesen und Niederländer im 16. und 17. Jahrhundert, die auf der Kontrolle einzelner Handelsstützpunkte basierten, waren von den britischen Siedlerkolonien in Kanada oder Australien oder der bürokratisierten Herrschaft Japans in Korea kategorisch verschieden. Stadtkolonien wie Hongkong oder Macao hatten mit den ländlichen Regionen in Ostafrika, wo die Krankheit eines Offiziers die Verwaltungstätigkeit auf Monate hin lahmlegen konnte, wenig gemein. Die klimatischen und geografischen Bedingungen, die Strukturen der einheimischen Gesellschaften, die Mechanismen der ökonomischen Einbindung, die Ansprüche und Zielsetzungen der Kolonisatoren sowie die Reaktionen der Gesellschaften vor Ort waren häufig so unterschiedlich, dass man eher von Kolonialismen sprechen muss.

Kolonialismus

"Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“

Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995, S. 21.


Angesichts dieser großen Heterogenität ist klar, dass Definitionen stets vorläufig sind und nur ein idealtypisches Hilfsmittel sein können. Das wird beispielsweise deutlich, wenn man sich zwei übliche Formen der Abgrenzung etwas näher anschaut: geografische Distanz und territoriale Herrschaft.

So wird koloniale Herrschaft üblicherweise als Abhängigkeit von einem räumlich entfernten Zentrum beschrieben; die geografische Trennung als konstitutiver Bestandteil von Kolonien fand dann sogar Eingang in die Resolution der Vereinten Nationen im Dekolonisationsjahr 1960. Dieser sogenannte Salzwasser-Test war auch politisch motiviert und sollte verhindern, dass separatistische Bewegungen ihre Unabhängigkeitsbestrebungen als Dekolonisierung verkaufen konnten. Als analytische Bestimmung ist das Distanz-Kriterium jedoch zu rigide. Viele historische Formen, die als Grenzfälle für eine kolonialgeschichtliche Analyse besonders interessant sind, wären damit bereits prinzipiell ausgeschlossen: die britische Herrschaft in Irland, die japanische Eingliederung von Okinawa und Hokkaido, die Verwaltung der polnischsprachigen Gebiete des deutschen Kaiserreichs, die italienische Modernisierungspolitik im Mezzogiorno und viele andere mehr.

Zum anderen ist auch die säuberliche Trennung von informeller (imperialistischer) und formeller Herrschaft nicht immer weiterführend. Ägypten beispielsweise wurde bis 1914 offiziell von den Khediven regiert und stand nominell unter der Oberherrschaft des osmanischen Sultans. Aber auch wenn die Konstellation wie ein Musterbeispiel des informal empire erscheint, war doch der formal nur beratende britische Generalkonsul nach 1882 der eigentliche Herrscher des Landes – ausgestattet mit einer Machtfülle, wie sie kaum einer der Gouverneure der Kolonien besaß. Die Übergänge von formaler Territorialherrschaft zu unterschiedlichen Formen indirekter Herrschaft, ökonomischer Kontrolle und imperialistischer Infiltration waren häufig fließend.

Diese Beispiele zeigen, dass das Verständnis kolonialer Beziehungen sich an den konkreten Bedingungen orientieren muss. Zugleich ist es aber auch wichtig, den Begriff nicht so auszuweiten, dass er überdehnt und analytisch wertlos wird. Wenn beinahe alle Formen asymmetrischer Beziehungen "koloniale" Aspekte aufweisen, verliert der Terminus seine Spezifik und unterscheidet sich kaum mehr von allgemeinen Begriffen der Herrschaft oder Macht.

Hochphase der kolonialen Weltordnung



Es ist sinnvoll, die Spezifik kolonialer Epochen und Situationen möglichst genau zu erfassen. Das gilt auch für die Hochphase der kolonialen Weltordnung zwischen etwa 1880 und 1960, die in ihren strukturellen Auswirkungen noch in die Gegenwart hineinreicht und in der öffentlichen Erinnerung besonders stark präsent ist. Diese Phase knüpfte in vielerlei Hinsicht an frühere Epochen an; im britischen Indien, im französischen Algerien, im niederländischen Indonesien und an vielen anderen Orten war koloniale Herrschaft nicht neu, und auch die Mechanismen der Kontrolle, der Migration und der wirtschaftlichen Ausbeutung griffen auf zum Teil langjährige Praxen und Muster zurück. Zudem gab es auch in der üblicherweise als "Hochimperialismus" bezeichneten Epoche große Unterschiede zwischen verschiedenen kolonialen Schauplätzen. Aber klammert man diese Differenzierungen einmal aus, kann man doch von einer eigenständigen Epoche in der Geschichte des Kolonialismus sprechen – und zwar in fünf Hinsichten.

Erstens fielen die Konsolidierung der Kolonialreiche und die Teilung Afrikas in die Zeit der Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei und versprachen, die davon ausgelöste Knappheit durch direkten Zugriff auf lokale Arbeitskraft wettzumachen. Zweitens wurde die koloniale Durchdringung am Ende des 19. Jahrhunderts von bereits industrialisierten Gesellschaften bewerkstelligt. Die Industrialisierung der Machtmittel – vom Dampfschiff bis hin zum Maschinengewehr – verstärkte die Asymmetrie zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten; zugleich intensivierte die industrielle Produktion in den Metropolen – gemeint sind hier nicht Hauptstädte, sondern die kolonisierenden Gesellschaften allgemein – die Nachfrage nach Rohstoffen in den Kolonien, die nun durch den Eisenbahnbau immer stärker in den Weltmarkt integriert wurden.

Diese Anbindung an transnationale wirtschaftliche Zusammenhänge, drittens, war zwar nicht grundsätzlich neu, stand aber nun im Zeichen der globalen Integration der Märkte. Viertens stand der Kolonialismus des späten 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Formierung von Nationalstaaten in Europa, den Amerikas und Ostasien. Dadurch gewann das koloniale Projekt – nicht zuletzt als Prestige-Unterfangen – eine zusätzliche Dynamik; auf der anderen Seite wurde es auch durch die Übernahme nationaler Diskurse durch kolonisierte Eliten politisch unterminiert. Fünftens schließlich zeichnete sich die moderne Epoche des Kolonialismus durch eine ideologische Legitimierung aus, die sich auf die mit universalem Anspruch formulierten Werte der Aufklärung sowie auf die vorgeblich objektiven Prinzipien der modernen Wissenschaften berief. Sie kulminierte in der Zivilisierungsmission, die in vielen Fällen auch unter führenden Vertretern der kolonialen Gesellschaften auf Anerkennung hoffen durfte.[2] Das verlieh der kolonialen Herrschaft einen Anschein der Natürlichkeit, der die Formierung von Widerstand lange Zeit erschwerte.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn nicht vorher, waren koloniale Verhältnisse integraler Bestandteil der internationalen Ordnung. Es ist jedoch wichtig, sich klarzumachen, dass der Kolonialismus ein umfassendes Phänomen war, dessen Bedeutung über die Ebene der Herrschaft weit hinausging. Die unterschiedlichen Formen des grenzüberschreitenden Austauschs waren kolonial geprägt: Die Weltwirtschaft basierte auf der asymmetrischen Einbeziehung der Rohstoffe, Arbeitskraft und Kaufinteressen außereuropäischer Gesellschaften.

Der Kolonialismus war Bedingung und zentrale Ingredienz der politischen Ordnung der Welt, aber auch der rechtlichen und ideologischen Legitimierung dieser Ordnung. Ein großer Teil der Migrationsbewegungen und Siedlungsprojekte vollzog sich unter kolonialen Bedingungen. Und auch die kulturelle Ordnung der Welt – inklusive der Weltausstellungen, der Missionstätigkeit, aber auch der Vorstellungen von Modernisierung und "Entwicklung" – war kolonial konnotiert. Die Verflechtung der Welt vollzog sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unter kolonialen Bedingungen. Historiker haben daher auch die Verbindung zwischen Kolonialismus und der frühen Geschichte der Globalisierung betont. Vor allem das britische Empire, in dem nach zeitgenössischer Überzeugung "die Sonne nie unterging", setzte bereits im 19. Jahrhundert Strukturen durch – wie politische Hegemonie, Telegrafenkabel, Dominanz auf den Finanzmärkten, die Übermacht der britischen Marine, die Ideologie des Freihandels –, innerhalb derer sich viele grenzüberschreitende Austauschprozesse abspielten.


Fußnoten

1.
Vgl. Jane Burbank/Frederick Cooper, Imperien der Weltgeschichte. Das Repertoire der Macht vom alten Rom und China bis heute, Frankfurt/M. 2012; John Darwin, Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400–2000, Frankfurt/M. 2010; Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2012².
2.
Vgl. Boris Barth/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Zivilisierungsmissionen: Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005.
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Autor: Sebastian Conrad für bpb.de
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