Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Sebastian Conrad

Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte

In den Metropolen spielten koloniale Sehnsüchte und Begierden, Exotismus und Unterwerfungsfantasien eine wichtige Rolle. Noch wichtiger war jedoch, in dieser Lesart, der allgemeine Diskurs der Moderne, der in den Vorstellungen von Fortschritt und "Zivilisierung" kulminierte. Dieser Diskurs beruhte auf der Annahme einer universalen Entwicklung menschlicher Gesellschaften und basierte auf einem linearen Zeitverständnis, das kulturelle Differenzen hierarchisierte, Gesellschaften in fort- und rückschrittlich einteilte und auf diese Weise koloniale Interventionen zum Zweck der "Hebung" und "Zivilisierung" geradezu unausweichlich erscheinen ließ. Postkoloniale Kritik zielte vor diesem Hintergrund darauf, die eurozentrischen Annahmen dieses Weltbilds zu hinterfragen und der angeblichen Universalität vieler Diskurselemente – wie etwa der Säkularisierung, der Rolle von Klassen oder Nationen, des historischen Entwicklungsdenkens, der Geschlechterordnung – den theoretischen Boden zu entziehen.

Diese Kritik setzte methodisch – und das ist der dritte Punkt – auf die in der Folge sehr einflussreich gewordene Forderung, Kolonien und Metropolen innerhalb eines einheitlichen analytischen Feldes zu untersuchen. Damit richtete sie sich gegen die lange Zeit übliche binäre Optik in der Geschichtsschreibung, die von einem grundsätzlichen Gegensatz von Kolonisierenden und Kolonisierten ausging: Die europäische Expansion, so diese Logik, führte zu einer irreversiblen Veränderung indigener Gesellschaften, die wahlweise positiv (Kulturmission und Modernisierung) oder negativ (Unterdrückung und Ausbeutung) gedeutet werden konnte. Europa habe mithin die Welt radikal verändert, ohne selbst im Kern davon betroffen worden zu sein. Diese Sichtweise, so argumentierte die postkoloniale Kritik, habe aber die zahlreichen Wechselverhältnisse und Austauschbeziehungen zwischen den beiden Polen übersehen oder sogar unsichtbar gemacht.

Dieser Befund bezog sich auch auf die koloniale Praxis, in der Interaktionen zwischen kolonisierenden und kolonisierten Akteuren wichtiger und die Grenzziehung zwischen diesen Gruppen häufig unschärfer waren als üblicherweise angenommen. Das Argument zielte aber zugleich darauf, ganz allgemein europäische Geschichte und Kolonialgeschichte nicht mehr als getrennte Entitäten zu betrachten, sondern den zahlreichen Wechselbeziehungen und Austauschverhältnissen eine konstitutive Rolle zuzugestehen. Das hieß konkret, dass die koloniale Interaktion auch in den europäischen Gesellschaften ihren Niederschlag gefunden hatte – und dass Spuren davon bis in die Gegenwart hinein nachvollziehbar sind. Mit anderen Worten: Die Forderung nach einem gemeinsamen analytischen Feld formulierte eine Kritik an der Vorstellung, die europäische/westliche Entwicklung sei abgekoppelt vom "Rest" der Welt verlaufen und könne daher aus sich heraus verstanden werden. Der Fluchtpunkt dieses Arguments war das Narrativ von der wechselseitigen, gemeinsamen Konstituierung der modernen Welt im Zuge grenzüberschreitender, häufig auch kolonial strukturierter Austauschprozesse.

Diese Perspektive hat zur Entstehung zahlreicher Studien beigetragen, die untersuchen, wie koloniale Entwicklungen in die kolonisierenden Gesellschaften hineinwirkten und wie stark auch Makroprozesse – wie etwa Auseinandersetzungen über die Geschlechterordnung, die Bedeutungsveränderung von Religion, die Aufklärung, die Entwicklung des Kapitalismus – von der Verflechtung unterschiedlicher Weltregionen beeinflusst waren.

Ein Beispiel, das in den vergangenen Jahren in Deutschland kontrovers diskutiert wurde, betrifft die Gewaltgeschichte der Moderne, genauer gesagt den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus. Ausgangspunkt dafür ist die These, dass zwischen dem Herero-Krieg, den das Deutsche Reich von 1904 bis 1907 im damaligen Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) führte, und der Schoah ein Zusammenhang besteht.[5] Ermächtigt durch den berüchtigten "Schießbefehl" General von Trothas, der auch Frauen und Kinder nicht geschont wissen wollte, richteten deutsche Soldaten in dem Krieg ein Massaker an, bei dem große Teile der Herero getötet wurden, in Konzentrationslagern umkamen oder bewusst in die wasserlose Wüste abgedrängt wurden. Das Ziel habe nicht in der militärischen Niederwerfung des Gegners, sondern in der totalen Vernichtung der Lebensgrundlagen des Herero-Volkes bestanden. Ohne den Tabubruch der Entfesselung völkermörderischer Gewalt in den Kolonien, so lautet die These weiter, wäre auch die spätere Durchführung eines Genozids im Herzen Europas kaum denkbar gewesen.

Diese These, die auf frühere Anregungen von Frantz Fanon und Hannah Arendt zurückgeht, hat viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik erfahren. Die Einwände richten sich einerseits darauf, dass ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen – personell, institutionell oder selbst diskursiv – nur schwer nachweisbar ist. Darüber hinaus war eine Ausrottungspolitik, wie sie die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie in Gang setzte, kein typisches Kennzeichen kolonialer Herrschaft – nicht zuletzt, weil die kolonisierte Bevölkerung als Ressource und Arbeitskraft galt. Und schließlich scheinen auch die Unterschiede zwischen dem Massaker in Deutsch-Südwestafrika und der industrialisierten Tötungspraxis der Nationalsozialisten groß.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die deutsche Kolonialpraxis aus dem Zusammenhang des europäischen Kolonialismus herauszulösen und eine Art des genozidalen Sonderwegs zu postulieren. Die meisten Historiker stehen der Kontinuitätsthese daher skeptisch gegenüber.

Zugleich ist aber klar, dass die allgemeine Fragestellung – lohnt es sich, den Nationalsozialismus im Rahmen der Geschichte des europäischen Kolonialismus zu interpretieren? – heuristisch weiterführend sein kann. Selbst wenn man von direkten Verbindungen absieht, kann es fruchtbar sein, nach dem Zusammenhang zwischen dem Rassismus des "Dritten Reiches", aber auch der Expansion und dem Besatzungsregime im Osten Europas mit einer breit verstandenen Kolonialgeschichte zu fragen.

Facettenreiche Wirklichkeit kolonialer Erfahrung

Das genannte Beispiel ist nur eines aus einer breiten Palette von Gegenständen und Fragestellungen, die durch die Postcolonial Studies auf die Agenda gesetzt wurden. Auf vielen Feldern sind innovative und überzeugende Arbeiten entstanden, die das Bild der kolonialen Erfahrung komplexer gemacht und bereichert haben. Aus der Vielfalt der Themen ragen besonders die Studien zum "Empire zu Hause" heraus, vor allem die Auseinandersetzung mit kolonialen Diskursen und Fragen der Repräsentation. Die Analyse der "imperialen Fantasien" hat eine weit verzweigte koloniale Kultur zum Vorschein gebracht, die über die organisierten Kolonialinteressen hinaus tief in die westlichen Gesellschaften hineinwirkte.

Ein weiteres, verwandtes Feld bezieht sich auf das koloniale Wissen und die Rolle der Wissenschaften, etwa der Geografie oder der Medizin, im Kontext des Erwerbs und der Durchdringung kolonialer Territorien. In diesen Studien wird Wissen zum einen als Vorbedingung europäischer Vormachtstellung verstanden – sowohl das Wissen von den Kolonien selbst, generiert in den großen Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts, als auch das soziale und technische Wissen, das die Beherrschung großer Bevölkerungen möglich machte.

Darüber hinaus ist jedoch auch gefragt worden, wie umgekehrt die koloniale Erfahrung in den Wissenschaften ihren Niederschlag gefunden hat. In zahlreichen Disziplinen – besonders deutlich im Fall der Ethnologie oder der Eugenik – waren koloniale Deutungsmuster tief in die leitenden Begriffe und Fragestellungen eingelassen. Auch die Ordnung des Wissens – man denke an die disziplinäre Trennung der Analyse "moderner" westlicher Gesellschaft einerseits (als Gegenstand der Soziologie), "primitiver" Stämme und Völker (durch die Ethnologie) andererseits – korrespondierte mit den Ungleichheiten des kolonialen Machtgefüges.

Als drittes Feld ist die Analyse der komplexen Konstruktion von Identitäten unter Bedingungen kolonialer Ungleichheit zu nennen. Historiker haben gezeigt, dass die Unterscheidungen zwischen Gruppen und Identitäten in der kolonialen Praxis häufig keineswegs so eindeutig waren, wie sie in der Theorie erschienen. Die klaren Einteilungen des kolonialen Diskurses – nach "Rasse", Klasse, Nation, Geschlecht und Sexualität – wurden in der kolonialen Praxis regelmäßig infrage gestellt.

Viertens schließlich steht die Problematik der Erinnerung im Zentrum einer Reihe von Arbeiten, die sich mit den Nachwirkungen einer Geschichte der Repression und Gewalt, aber auch der biografischen Spannungen und Brüche auseinandersetzen.

Diese kulturgeschichtlichen Arbeiten haben viel dazu beigetragen, die facettenreiche Wirklichkeit kolonialer Erfahrung zu rekonstruieren und einige überlieferte Stereotype der Geschichtsschreibung zu überwinden. Sie sind aber auch stark kritisiert worden, nicht zuletzt für die komplizierte und mit Jargon überfrachtete Sprache, die einige ihrer theoretisch ambitionierten Beiträge auszeichnete. Hinzu kam der Vorwurf, die Rückwirkungen des Kolonialismus auf Europa und die Bedeutung der Kolonialgeschichte insgesamt zu stark zu gewichten.

In der Substanz zielten die Einwände vor allem auf eine Kritik an der kulturgeschichtlichen Ausrichtung der Forschung. Der postkoloniale Fokus auf Fragen von Repräsentation und Identitäten ging bisweilen damit einher, die materielle Dimension des Kolonialismus etwas aus dem Blick zu verlieren. Daher konnte es so erscheinen, als habe sich koloniale Herrschaft in erster Linie in den Köpfen abgespielt, als sei die koloniale Begegnung vor allem eine Angelegenheit der Imagination und der Fantasie gewesen.

Demgegenüber sind Fragen der militärischen Überlegenheit, der politischen Hierarchien und der ökonomischen Ausbeutung inzwischen wieder stärker in das Zentrum der Forschung gerückt. Die Kritik hat insofern dazu geführt, einige Einseitigkeiten der kulturgeschichtlichen Wende zu überwinden.

Gleichwohl bleiben viele Anregungen weiterhin wichtig und sind zum Teil längst in den Mainstream der Geschichtsschreibung eingegangen. Und sie bleiben auch in den zukünftigen Diskussionen über Globalgeschichte relevant. So können die kritischen Perspektiven der von den Postcolonial Studies beeinflussten Kolonialgeschichtsschreibung und die Aufmerksamkeit für die koloniale Prägung von politischen und diskursiven Strukturen ein wichtiges Korrektiv gegen vorschnelle Annahmen von der Naturwüchsigkeit des Globalisierungsprozesses darstellen.

Fußnoten

5.
Vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin u.a. 2011; Robert Gerwarth/Stephan Malinowski, Der Holocaust als "kolonialer Genozid"?, in: Geschichte & Gesellschaft, 33 (2007), S. 439–466.
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Autor: Sebastian Conrad für bpb.de
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