Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte


23.10.2012
Die koloniale Epoche endete nach landläufiger Überzeugung Anfang der 1960er Jahre, als die meisten kolonisierten Nationen in die staatliche Unabhängigkeit entlassen wurden. Dessen ungeachtet nimmt das Interesse am Phänomen des Kolonialismus stetig zu. Zum einen wird immer deutlicher, dass koloniale Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der modernen Welt gewesen sind.[1] Die Geschichte des Kapitalismus oder der Globalisierung waren eng mit der kolonialen Ordnung verknüpft. Zum anderen sind koloniale Beziehungen auch in der Gegenwart nicht vollständig verschwunden, wie die Rede von einem US-amerikanischen oder auch einem chinesischen "Imperium" deutlich macht. In dieser doppelten Hinsicht ist Kolonialismus daher von hoher Aktualität.

Was also ist Kolonialismus? Die herkömmlichen Definitionen betonen dreierlei: erstens ein territorial bestimmtes Herrschaftsverhältnis – das unterscheidet Kolonialismus von dem breiteren Begriff des Imperialismus, der auch Formen der informellen Steuerung ohne Ansprüche auf Gebietsherrschaft mit einschließt; zweitens die Fremdherrschaft, die dadurch charakterisiert ist, dass kolonisierende und kolonisierte Gesellschaften unterschiedliche soziale Ordnungen aufweisen und auf eine je eigene Geschichte zurückblicken; drittens schließlich die Vorstellung seitens der Kolonisatoren, dass beide Gesellschaften durch einen unterschiedlichen Entwicklungsstand voneinander getrennt sind.

Für die Analyse von Kolonialreichen bleibt die Beschreibung von Jürgen Osterhammel nach wie vor ein hilfreicher Ausgangspunkt (Kasten). Allerdings darf die Suche nach einer möglichst präzisen und allgemeingültigen Definition nicht den Blick dafür verstellen, dass die koloniale Wirklichkeit im hohen Maße vielschichtig und heterogen war. Der neuzeitliche Kolonialismus seit dem 15. Jahrhundert durchlief unterschiedliche Phasen und brachte eine ungeheure Vielfalt von Erscheinungsformen hervor. Die maritimen Imperien der Portugiesen und Niederländer im 16. und 17. Jahrhundert, die auf der Kontrolle einzelner Handelsstützpunkte basierten, waren von den britischen Siedlerkolonien in Kanada oder Australien oder der bürokratisierten Herrschaft Japans in Korea kategorisch verschieden. Stadtkolonien wie Hongkong oder Macao hatten mit den ländlichen Regionen in Ostafrika, wo die Krankheit eines Offiziers die Verwaltungstätigkeit auf Monate hin lahmlegen konnte, wenig gemein. Die klimatischen und geografischen Bedingungen, die Strukturen der einheimischen Gesellschaften, die Mechanismen der ökonomischen Einbindung, die Ansprüche und Zielsetzungen der Kolonisatoren sowie die Reaktionen der Gesellschaften vor Ort waren häufig so unterschiedlich, dass man eher von Kolonialismen sprechen muss.

Kolonialismus

"Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“

Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995, S. 21.


Angesichts dieser großen Heterogenität ist klar, dass Definitionen stets vorläufig sind und nur ein idealtypisches Hilfsmittel sein können. Das wird beispielsweise deutlich, wenn man sich zwei übliche Formen der Abgrenzung etwas näher anschaut: geografische Distanz und territoriale Herrschaft.

So wird koloniale Herrschaft üblicherweise als Abhängigkeit von einem räumlich entfernten Zentrum beschrieben; die geografische Trennung als konstitutiver Bestandteil von Kolonien fand dann sogar Eingang in die Resolution der Vereinten Nationen im Dekolonisationsjahr 1960. Dieser sogenannte Salzwasser-Test war auch politisch motiviert und sollte verhindern, dass separatistische Bewegungen ihre Unabhängigkeitsbestrebungen als Dekolonisierung verkaufen konnten. Als analytische Bestimmung ist das Distanz-Kriterium jedoch zu rigide. Viele historische Formen, die als Grenzfälle für eine kolonialgeschichtliche Analyse besonders interessant sind, wären damit bereits prinzipiell ausgeschlossen: die britische Herrschaft in Irland, die japanische Eingliederung von Okinawa und Hokkaido, die Verwaltung der polnischsprachigen Gebiete des deutschen Kaiserreichs, die italienische Modernisierungspolitik im Mezzogiorno und viele andere mehr.

Zum anderen ist auch die säuberliche Trennung von informeller (imperialistischer) und formeller Herrschaft nicht immer weiterführend. Ägypten beispielsweise wurde bis 1914 offiziell von den Khediven regiert und stand nominell unter der Oberherrschaft des osmanischen Sultans. Aber auch wenn die Konstellation wie ein Musterbeispiel des informal empire erscheint, war doch der formal nur beratende britische Generalkonsul nach 1882 der eigentliche Herrscher des Landes – ausgestattet mit einer Machtfülle, wie sie kaum einer der Gouverneure der Kolonien besaß. Die Übergänge von formaler Territorialherrschaft zu unterschiedlichen Formen indirekter Herrschaft, ökonomischer Kontrolle und imperialistischer Infiltration waren häufig fließend.

Diese Beispiele zeigen, dass das Verständnis kolonialer Beziehungen sich an den konkreten Bedingungen orientieren muss. Zugleich ist es aber auch wichtig, den Begriff nicht so auszuweiten, dass er überdehnt und analytisch wertlos wird. Wenn beinahe alle Formen asymmetrischer Beziehungen "koloniale" Aspekte aufweisen, verliert der Terminus seine Spezifik und unterscheidet sich kaum mehr von allgemeinen Begriffen der Herrschaft oder Macht.

Hochphase der kolonialen Weltordnung



Es ist sinnvoll, die Spezifik kolonialer Epochen und Situationen möglichst genau zu erfassen. Das gilt auch für die Hochphase der kolonialen Weltordnung zwischen etwa 1880 und 1960, die in ihren strukturellen Auswirkungen noch in die Gegenwart hineinreicht und in der öffentlichen Erinnerung besonders stark präsent ist. Diese Phase knüpfte in vielerlei Hinsicht an frühere Epochen an; im britischen Indien, im französischen Algerien, im niederländischen Indonesien und an vielen anderen Orten war koloniale Herrschaft nicht neu, und auch die Mechanismen der Kontrolle, der Migration und der wirtschaftlichen Ausbeutung griffen auf zum Teil langjährige Praxen und Muster zurück. Zudem gab es auch in der üblicherweise als "Hochimperialismus" bezeichneten Epoche große Unterschiede zwischen verschiedenen kolonialen Schauplätzen. Aber klammert man diese Differenzierungen einmal aus, kann man doch von einer eigenständigen Epoche in der Geschichte des Kolonialismus sprechen – und zwar in fünf Hinsichten.

Erstens fielen die Konsolidierung der Kolonialreiche und die Teilung Afrikas in die Zeit der Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei und versprachen, die davon ausgelöste Knappheit durch direkten Zugriff auf lokale Arbeitskraft wettzumachen. Zweitens wurde die koloniale Durchdringung am Ende des 19. Jahrhunderts von bereits industrialisierten Gesellschaften bewerkstelligt. Die Industrialisierung der Machtmittel – vom Dampfschiff bis hin zum Maschinengewehr – verstärkte die Asymmetrie zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten; zugleich intensivierte die industrielle Produktion in den Metropolen – gemeint sind hier nicht Hauptstädte, sondern die kolonisierenden Gesellschaften allgemein – die Nachfrage nach Rohstoffen in den Kolonien, die nun durch den Eisenbahnbau immer stärker in den Weltmarkt integriert wurden.

Diese Anbindung an transnationale wirtschaftliche Zusammenhänge, drittens, war zwar nicht grundsätzlich neu, stand aber nun im Zeichen der globalen Integration der Märkte. Viertens stand der Kolonialismus des späten 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Formierung von Nationalstaaten in Europa, den Amerikas und Ostasien. Dadurch gewann das koloniale Projekt – nicht zuletzt als Prestige-Unterfangen – eine zusätzliche Dynamik; auf der anderen Seite wurde es auch durch die Übernahme nationaler Diskurse durch kolonisierte Eliten politisch unterminiert. Fünftens schließlich zeichnete sich die moderne Epoche des Kolonialismus durch eine ideologische Legitimierung aus, die sich auf die mit universalem Anspruch formulierten Werte der Aufklärung sowie auf die vorgeblich objektiven Prinzipien der modernen Wissenschaften berief. Sie kulminierte in der Zivilisierungsmission, die in vielen Fällen auch unter führenden Vertretern der kolonialen Gesellschaften auf Anerkennung hoffen durfte.[2] Das verlieh der kolonialen Herrschaft einen Anschein der Natürlichkeit, der die Formierung von Widerstand lange Zeit erschwerte.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn nicht vorher, waren koloniale Verhältnisse integraler Bestandteil der internationalen Ordnung. Es ist jedoch wichtig, sich klarzumachen, dass der Kolonialismus ein umfassendes Phänomen war, dessen Bedeutung über die Ebene der Herrschaft weit hinausging. Die unterschiedlichen Formen des grenzüberschreitenden Austauschs waren kolonial geprägt: Die Weltwirtschaft basierte auf der asymmetrischen Einbeziehung der Rohstoffe, Arbeitskraft und Kaufinteressen außereuropäischer Gesellschaften.

Der Kolonialismus war Bedingung und zentrale Ingredienz der politischen Ordnung der Welt, aber auch der rechtlichen und ideologischen Legitimierung dieser Ordnung. Ein großer Teil der Migrationsbewegungen und Siedlungsprojekte vollzog sich unter kolonialen Bedingungen. Und auch die kulturelle Ordnung der Welt – inklusive der Weltausstellungen, der Missionstätigkeit, aber auch der Vorstellungen von Modernisierung und "Entwicklung" – war kolonial konnotiert. Die Verflechtung der Welt vollzog sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unter kolonialen Bedingungen. Historiker haben daher auch die Verbindung zwischen Kolonialismus und der frühen Geschichte der Globalisierung betont. Vor allem das britische Empire, in dem nach zeitgenössischer Überzeugung "die Sonne nie unterging", setzte bereits im 19. Jahrhundert Strukturen durch – wie politische Hegemonie, Telegrafenkabel, Dominanz auf den Finanzmärkten, die Übermacht der britischen Marine, die Ideologie des Freihandels –, innerhalb derer sich viele grenzüberschreitende Austauschprozesse abspielten.

Auswirkungen auf unterworfene Gesellschaften und Effekte auf die Kolonisierenden



Den unmittelbarsten Niederschlag hatte der Kolonialismus in den unterworfenen Territorien selbst. In zahlreichen Gesellschaften wurde die Fremdherrschaft als eine tiefe Zäsur empfunden, und auch im Rückblick und in der öffentlichen Erinnerung erscheint sie als fundamentaler Einschnitt. Tatsächlich wurden viele Gesellschaften im Zuge kolonialer Interventionen nachhaltig verändert und transformiert. Die Maßnahmen reichten von der Bestallung politischer Autoritäten über Infrastrukturprojekte, der Ausrichtung der Wirtschaft an den Bedürfnissen der Metropole bis hin zu Eingriffen in die Gesellschaftsstruktur, das Bildungswesen und den kulturellen Wertehorizont.

Gleichwohl erreichten sie nicht alle. Zwar beanspruchten viele kolonisierende Staaten eine totale Lenkung und Kontrolle der beherrschten Bevölkerungen. In der Praxis war es damit allerdings häufig nicht weit her. Vor allem in ländlichen Regionen war die Präsenz des Kolonialstaats meist auf "Inseln der Herrschaft" beschränkt. Auf einen britischen Kolonialbeamten in Indien kamen 28000 Einheimische; in Nigeria war das Verhältnis sogar 1 zu 54000. Die Kolonialmächte waren für die Kontrolle der Territorien daher auf intermediäre Gewalten angewiesen, also auf lokale Eliten, an die Herrschafts- und Rechtsprechungsbefugnisse übertragen wurden. Vor allem das britische Empire setzte auf diese Formen indirekter Herrschaft.

In jedem Fall waren die Auswirkungen auf die kolonisierten Bevölkerungen uneinheitlich. Insgesamt wird man den sozialgeschichtlich transformativen Charakter kolonialer Interventionen jedoch nicht übersehen können. Eine Reihe von Eingriffen – etwa ins Bildungs- und Rechtssystem – haben das formale Ende der Kolonialzeit überlebt; zum Teil wirken dadurch geschürte Konflikte bis in die Gegenwart nach.

Lange Zeit hat sich die Forschung vor allem für die Auswirkungen der Herrschaft auf die abhängigen Nationen in Afrika, Lateinamerika und Asien interessiert. In jüngerer Zeit sind jedoch auch die Rückkoppelungen und Effekte auf die kolonisierenden Gesellschaften zunehmend in den Blick geraten. Imperiale Expansion setzte auch in Europa, Japan und den USA soziale Gruppen voraus, die sich mit diesem Ziel identifizierten; zugleich schuf die territoriale Ausweitung auch in den Metropolen ein koloniales Bewusstsein: Die Imperien waren immer auch "zu Hause" präsent.

Auf der Ebene der Imagination trugen Kolonialausstellungen und Völkerschauen, Dioramen und Vortragsreihen, Brettspiele und Kolonialwarenläden, Zeitschriften und Kolonialromane dazu bei, das koloniale Projekt in breiteren Bevölkerungsschichten zu verankern. Manche erhofften sich von den Kolonien die Lösung sozialer Probleme zu Hause und setzten darauf, Reformprojekte – von der Stadtplanung über medizinische Experimente oder eine neue Bodenordnung – in den Kolonien zu testen, bevor sie auch in Europa Anwendung fanden.

Über diese konkreten Rückwirkungen hinaus ist jedoch zu beobachten, dass soziale Akteure zunehmend in einem imperialen und globalen Referenzrahmen dachten und agierten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zivilisierungsmission. Sie richtete sich am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur auf die Kolonien, sondern auch auf unterprivilegierte Schichten im Innern. Auch in Europa wurden "Vagabunden", Landstreicher und andere nicht-sesshafte Bevölkerungsgruppen zum Gegenstand einer Sozialpädagogik, deren Rhetorik und Praxis sich von der Kulturmission in Übersee kaum unterschied. "Fremde" und "Wilde" – das waren die Termini, die Landstreicher in Deutschland, Unterschichten in den Londoner Arbeitervierteln und "Eingeborene" in Afrika gleichermaßen bezeichneten.

Postkolonialismus



Viele der angesprochenen Aspekte sind nicht zuletzt dank der Anregungen der Postcolonial Studies ins Zentrum der Kolonialgeschichtsschreibung gerückt. Diese Forschungsrichtung ist in den 1980er Jahren entstanden, meist unter Bezug auf Edward Saids Buch "Orientalismus" (1978).[3] Die Perspektive ist jedoch älter, und bereits bei Mahatma Gandhi, Frantz Fanon oder Aimé Césaire in der Nachkriegszeit finden sich Positionen, die eine ähnlich gelagerte Kritik am kolonialen Diskurs formuliert haben. Die Postcolonial Studies stehen für einen in hohem Maße interdisziplinären Zugang, der vor allem in der Literaturwissenschaft und den Cultural Studies, aber auch in der Geschichtswissenschaft große Resonanz gefunden hat. Allgemein gesprochen zeichnet sich der Ansatz durch eine dreifache Schwerpunktsetzung aus.

Erstens gehen postkoloniale Kritiker davon aus, dass die Geschichte des Kolonialismus mit der formalen Unabhängigkeitserklärung nicht vorbei war. Zwar sind im Laufe der Nachkriegszeit die meisten ehemaligen Kolonien in die staatliche Souveränität entlassen worden; mehrheitlich in den 1960er Jahren, Mosambik und Angola jedoch erst 1975, Hongkong erst 1997. Mit der politischen Dekolonisation waren koloniale Beziehungen jedoch nicht mit einem Schlag beendet. Viele Abhängigkeitsverhältnisse, etwa auf wirtschaftlichem Gebiet, dauerten an und wurden seit den 1960er Jahren unter dem Stichwort des Neokolonialismus diskutiert. Hinzu kam, dass auch die Eliten in vielen neuerdings unabhängigen Staaten auf eine Form der Politik setzten, die sich von der Kolonialzeit nur wenig unterschied. In vielen Ländern setzten die im Zeichen der Nationsbildung stehenden Programme der Modernisierung die koloniale Entwicklungspolitik in Grundzügen – wenn auch mit neuem Personal – fort. Gandhi befürchtete daher, die neue indische Regierung würde lediglich English rule without the Englishmen praktizieren, eine Herrschaft also, die auf ähnlichen Prämissen und ideologischen Grundlagen beruhte wie der Kolonialismus auch.

Mit anderen Worten: Post-kolonial erschöpft sich nicht in einem zeitlichen "danach", beschreibt nicht einfach die Situation nach dem formalen Ende kolonialer Herrschaft. Postkoloniale Kritik zielt auch – das ist die zweite Bedeutung des post – auf die Dekonstruktion und Überwindung zentraler Annahmen des kolonialen Diskurses.

Das bringt uns, zweitens, zu der Bedeutung, die Vertreter der Postcolonial Studies den kulturellen und auch epistemologischen Grundlagen des Kolonialismus zusprechen.[4] Diese Privilegierung von Kultur war Teil der allgemeinen kulturellen Wende (cultural turn), der die Humanwissenschaften und auch die Geschichtswissenschaft seit den 1980er Jahren erfasste. Auf die Kolonialgeschichte bezogen hieß das, dass die wichtigsten Faktoren der Kolonisierung nicht in technisch-industrieller Überlegenheit, wirtschaftlicher Ausbeutung oder internationaler Konkurrenz gesucht werden. Noch fundamentaler seien kulturelle Dispositionen, die koloniale Expansion und Herrschaft überhaupt attraktiv und akzeptabel – und noch grundlegender: denkbar – machten. Ohne den zugrunde liegenden kolonialen Diskurs könne man weder die kolonialen Ambitionen der Propagandisten noch die Bereitschaft breiter Bevölkerungsgruppen, das Expansionsprojekt mitzutragen, verstehen; selbst auf Seiten der Kolonisierten wurden zentrale Annahmen dieses Diskurses geteilt.

In den Metropolen spielten koloniale Sehnsüchte und Begierden, Exotismus und Unterwerfungsfantasien eine wichtige Rolle. Noch wichtiger war jedoch, in dieser Lesart, der allgemeine Diskurs der Moderne, der in den Vorstellungen von Fortschritt und "Zivilisierung" kulminierte. Dieser Diskurs beruhte auf der Annahme einer universalen Entwicklung menschlicher Gesellschaften und basierte auf einem linearen Zeitverständnis, das kulturelle Differenzen hierarchisierte, Gesellschaften in fort- und rückschrittlich einteilte und auf diese Weise koloniale Interventionen zum Zweck der "Hebung" und "Zivilisierung" geradezu unausweichlich erscheinen ließ. Postkoloniale Kritik zielte vor diesem Hintergrund darauf, die eurozentrischen Annahmen dieses Weltbilds zu hinterfragen und der angeblichen Universalität vieler Diskurselemente – wie etwa der Säkularisierung, der Rolle von Klassen oder Nationen, des historischen Entwicklungsdenkens, der Geschlechterordnung – den theoretischen Boden zu entziehen.

Diese Kritik setzte methodisch – und das ist der dritte Punkt – auf die in der Folge sehr einflussreich gewordene Forderung, Kolonien und Metropolen innerhalb eines einheitlichen analytischen Feldes zu untersuchen. Damit richtete sie sich gegen die lange Zeit übliche binäre Optik in der Geschichtsschreibung, die von einem grundsätzlichen Gegensatz von Kolonisierenden und Kolonisierten ausging: Die europäische Expansion, so diese Logik, führte zu einer irreversiblen Veränderung indigener Gesellschaften, die wahlweise positiv (Kulturmission und Modernisierung) oder negativ (Unterdrückung und Ausbeutung) gedeutet werden konnte. Europa habe mithin die Welt radikal verändert, ohne selbst im Kern davon betroffen worden zu sein. Diese Sichtweise, so argumentierte die postkoloniale Kritik, habe aber die zahlreichen Wechselverhältnisse und Austauschbeziehungen zwischen den beiden Polen übersehen oder sogar unsichtbar gemacht.

Dieser Befund bezog sich auch auf die koloniale Praxis, in der Interaktionen zwischen kolonisierenden und kolonisierten Akteuren wichtiger und die Grenzziehung zwischen diesen Gruppen häufig unschärfer waren als üblicherweise angenommen. Das Argument zielte aber zugleich darauf, ganz allgemein europäische Geschichte und Kolonialgeschichte nicht mehr als getrennte Entitäten zu betrachten, sondern den zahlreichen Wechselbeziehungen und Austauschverhältnissen eine konstitutive Rolle zuzugestehen. Das hieß konkret, dass die koloniale Interaktion auch in den europäischen Gesellschaften ihren Niederschlag gefunden hatte – und dass Spuren davon bis in die Gegenwart hinein nachvollziehbar sind. Mit anderen Worten: Die Forderung nach einem gemeinsamen analytischen Feld formulierte eine Kritik an der Vorstellung, die europäische/westliche Entwicklung sei abgekoppelt vom "Rest" der Welt verlaufen und könne daher aus sich heraus verstanden werden. Der Fluchtpunkt dieses Arguments war das Narrativ von der wechselseitigen, gemeinsamen Konstituierung der modernen Welt im Zuge grenzüberschreitender, häufig auch kolonial strukturierter Austauschprozesse.

Diese Perspektive hat zur Entstehung zahlreicher Studien beigetragen, die untersuchen, wie koloniale Entwicklungen in die kolonisierenden Gesellschaften hineinwirkten und wie stark auch Makroprozesse – wie etwa Auseinandersetzungen über die Geschlechterordnung, die Bedeutungsveränderung von Religion, die Aufklärung, die Entwicklung des Kapitalismus – von der Verflechtung unterschiedlicher Weltregionen beeinflusst waren.

Ein Beispiel, das in den vergangenen Jahren in Deutschland kontrovers diskutiert wurde, betrifft die Gewaltgeschichte der Moderne, genauer gesagt den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus. Ausgangspunkt dafür ist die These, dass zwischen dem Herero-Krieg, den das Deutsche Reich von 1904 bis 1907 im damaligen Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) führte, und der Schoah ein Zusammenhang besteht.[5] Ermächtigt durch den berüchtigten "Schießbefehl" General von Trothas, der auch Frauen und Kinder nicht geschont wissen wollte, richteten deutsche Soldaten in dem Krieg ein Massaker an, bei dem große Teile der Herero getötet wurden, in Konzentrationslagern umkamen oder bewusst in die wasserlose Wüste abgedrängt wurden. Das Ziel habe nicht in der militärischen Niederwerfung des Gegners, sondern in der totalen Vernichtung der Lebensgrundlagen des Herero-Volkes bestanden. Ohne den Tabubruch der Entfesselung völkermörderischer Gewalt in den Kolonien, so lautet die These weiter, wäre auch die spätere Durchführung eines Genozids im Herzen Europas kaum denkbar gewesen.

Diese These, die auf frühere Anregungen von Frantz Fanon und Hannah Arendt zurückgeht, hat viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik erfahren. Die Einwände richten sich einerseits darauf, dass ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen – personell, institutionell oder selbst diskursiv – nur schwer nachweisbar ist. Darüber hinaus war eine Ausrottungspolitik, wie sie die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie in Gang setzte, kein typisches Kennzeichen kolonialer Herrschaft – nicht zuletzt, weil die kolonisierte Bevölkerung als Ressource und Arbeitskraft galt. Und schließlich scheinen auch die Unterschiede zwischen dem Massaker in Deutsch-Südwestafrika und der industrialisierten Tötungspraxis der Nationalsozialisten groß.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die deutsche Kolonialpraxis aus dem Zusammenhang des europäischen Kolonialismus herauszulösen und eine Art des genozidalen Sonderwegs zu postulieren. Die meisten Historiker stehen der Kontinuitätsthese daher skeptisch gegenüber.

Zugleich ist aber klar, dass die allgemeine Fragestellung – lohnt es sich, den Nationalsozialismus im Rahmen der Geschichte des europäischen Kolonialismus zu interpretieren? – heuristisch weiterführend sein kann. Selbst wenn man von direkten Verbindungen absieht, kann es fruchtbar sein, nach dem Zusammenhang zwischen dem Rassismus des "Dritten Reiches", aber auch der Expansion und dem Besatzungsregime im Osten Europas mit einer breit verstandenen Kolonialgeschichte zu fragen.

Facettenreiche Wirklichkeit kolonialer Erfahrung



Das genannte Beispiel ist nur eines aus einer breiten Palette von Gegenständen und Fragestellungen, die durch die Postcolonial Studies auf die Agenda gesetzt wurden. Auf vielen Feldern sind innovative und überzeugende Arbeiten entstanden, die das Bild der kolonialen Erfahrung komplexer gemacht und bereichert haben. Aus der Vielfalt der Themen ragen besonders die Studien zum "Empire zu Hause" heraus, vor allem die Auseinandersetzung mit kolonialen Diskursen und Fragen der Repräsentation. Die Analyse der "imperialen Fantasien" hat eine weit verzweigte koloniale Kultur zum Vorschein gebracht, die über die organisierten Kolonialinteressen hinaus tief in die westlichen Gesellschaften hineinwirkte.

Ein weiteres, verwandtes Feld bezieht sich auf das koloniale Wissen und die Rolle der Wissenschaften, etwa der Geografie oder der Medizin, im Kontext des Erwerbs und der Durchdringung kolonialer Territorien. In diesen Studien wird Wissen zum einen als Vorbedingung europäischer Vormachtstellung verstanden – sowohl das Wissen von den Kolonien selbst, generiert in den großen Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts, als auch das soziale und technische Wissen, das die Beherrschung großer Bevölkerungen möglich machte.

Darüber hinaus ist jedoch auch gefragt worden, wie umgekehrt die koloniale Erfahrung in den Wissenschaften ihren Niederschlag gefunden hat. In zahlreichen Disziplinen – besonders deutlich im Fall der Ethnologie oder der Eugenik – waren koloniale Deutungsmuster tief in die leitenden Begriffe und Fragestellungen eingelassen. Auch die Ordnung des Wissens – man denke an die disziplinäre Trennung der Analyse "moderner" westlicher Gesellschaft einerseits (als Gegenstand der Soziologie), "primitiver" Stämme und Völker (durch die Ethnologie) andererseits – korrespondierte mit den Ungleichheiten des kolonialen Machtgefüges.

Als drittes Feld ist die Analyse der komplexen Konstruktion von Identitäten unter Bedingungen kolonialer Ungleichheit zu nennen. Historiker haben gezeigt, dass die Unterscheidungen zwischen Gruppen und Identitäten in der kolonialen Praxis häufig keineswegs so eindeutig waren, wie sie in der Theorie erschienen. Die klaren Einteilungen des kolonialen Diskurses – nach "Rasse", Klasse, Nation, Geschlecht und Sexualität – wurden in der kolonialen Praxis regelmäßig infrage gestellt.

Viertens schließlich steht die Problematik der Erinnerung im Zentrum einer Reihe von Arbeiten, die sich mit den Nachwirkungen einer Geschichte der Repression und Gewalt, aber auch der biografischen Spannungen und Brüche auseinandersetzen.

Diese kulturgeschichtlichen Arbeiten haben viel dazu beigetragen, die facettenreiche Wirklichkeit kolonialer Erfahrung zu rekonstruieren und einige überlieferte Stereotype der Geschichtsschreibung zu überwinden. Sie sind aber auch stark kritisiert worden, nicht zuletzt für die komplizierte und mit Jargon überfrachtete Sprache, die einige ihrer theoretisch ambitionierten Beiträge auszeichnete. Hinzu kam der Vorwurf, die Rückwirkungen des Kolonialismus auf Europa und die Bedeutung der Kolonialgeschichte insgesamt zu stark zu gewichten.

In der Substanz zielten die Einwände vor allem auf eine Kritik an der kulturgeschichtlichen Ausrichtung der Forschung. Der postkoloniale Fokus auf Fragen von Repräsentation und Identitäten ging bisweilen damit einher, die materielle Dimension des Kolonialismus etwas aus dem Blick zu verlieren. Daher konnte es so erscheinen, als habe sich koloniale Herrschaft in erster Linie in den Köpfen abgespielt, als sei die koloniale Begegnung vor allem eine Angelegenheit der Imagination und der Fantasie gewesen.

Demgegenüber sind Fragen der militärischen Überlegenheit, der politischen Hierarchien und der ökonomischen Ausbeutung inzwischen wieder stärker in das Zentrum der Forschung gerückt. Die Kritik hat insofern dazu geführt, einige Einseitigkeiten der kulturgeschichtlichen Wende zu überwinden.

Gleichwohl bleiben viele Anregungen weiterhin wichtig und sind zum Teil längst in den Mainstream der Geschichtsschreibung eingegangen. Und sie bleiben auch in den zukünftigen Diskussionen über Globalgeschichte relevant. So können die kritischen Perspektiven der von den Postcolonial Studies beeinflussten Kolonialgeschichtsschreibung und die Aufmerksamkeit für die koloniale Prägung von politischen und diskursiven Strukturen ein wichtiges Korrektiv gegen vorschnelle Annahmen von der Naturwüchsigkeit des Globalisierungsprozesses darstellen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Jane Burbank/Frederick Cooper, Imperien der Weltgeschichte. Das Repertoire der Macht vom alten Rom und China bis heute, Frankfurt/M. 2012; John Darwin, Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400–2000, Frankfurt/M. 2010; Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2012².
2.
Vgl. Boris Barth/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Zivilisierungsmissionen: Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005.
3.
Vgl. María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005; Robert Young, Postcolonialism: An Historical Introduction, Oxford 2001; Frederick Cooper, Kolonialismus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive, Frankfurt/M. 2012; Ina Kerner, Postkoloniale Theorien zur Einführung, Hamburg 2012.
4.
Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2002.
5.
Vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin u.a. 2011; Robert Gerwarth/Stephan Malinowski, Der Holocaust als "kolonialer Genozid"?, in: Geschichte & Gesellschaft, 33 (2007), S. 439–466.
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