Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Expansion und Herrschaft: Geschichte des europäischen und deutschen Kolonialismus


23.10.2012
Beim Versuch, das vergangene Jahrhundert auf einen Begriff zu bringen, steht Kolonialismus ganz oben auf der Liste der Begriffe, die zur Beschreibung infrage kommen – genauer gesagt, die Dekolonisation. Denn mit dem 20. Jahrhundert kam zum (vorläufigen) Abschluss, was 500 Jahre vorher mit dem Ausgreifen von Portugiesen und Spaniern eingeleitet worden war: die allmähliche Unterwerfung weiter Teile der Welt unter europäische Herrschaft und die immer intensivere Vernetzung unterschiedlichster Regionen bis hin zur weitgehenden Globalisierung im 21. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert sah dabei sowohl den Höhepunkt der europäischen Kolonialherrschaft um den Ersten Weltkrieg als auch die Auflösung formaler kolonialer Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg, als die allermeisten ehemaligen Kolonien in nur zwei Dekaden ihre politische Unabhängigkeit erlangten. Ein zweiter Dekolonisierungsschub folgte Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, als nicht nur die DDR und andere Satellitenstaaten aus dem Orbit des "Ostblocks" ausbrachen, sondern auch die Zentralmacht Sowjetunion selbst sich auflöste. Die Globalisierung, die seitdem den Kalten Krieg als Kennzeichen der Gegenwart abgelöst hat, ruht auf den Grundlagen des Kolonialismus. Und wenn sich nun die globalen politischen und ökonomischen Koordinaten mit dem Aufstieg Chinas, Indiens, Brasiliens und anderer verschieben, dann ist auch das eine Folge des Kolonialismus. Denn alle drei wurden durch den Kolonialismus wesentlich geprägt, ja die beiden letztgenannten gäbe es ohne ihn gar nicht.

Der Beginn der Globalisierung,[1] verstanden als allmählicher Prozess der immer stärkeren Vernetzung und wechselseitigen Interaktion zwischen den Regionen der Erde, kann genau datiert werden. Es ist der 6. September 1522. An diesem Tag erreichten die Überreste der spanischen Flotte Ferdinand Magellans (Fernão de Magalhães) Sevilla, von wo sie drei Jahre vorher ausgelaufen waren. Damit war die Erde umrundet und der Beweis erbracht, dass es sich bei ihr tatsächlich um eine Kugel handelte, sie als Globus zu begreifen war. Das bedeutete natürlich weder, dass die Menschen in allen Teilen der Welt voneinander Kenntnis genommen hatten, noch dass sich deren Handlungen unmittelbar beeinflussten. Dennoch lässt sich feststellen, das im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer weitere Regionen immer stärker unter europäischen Einfluss gerieten.

Viele Gesichter des Kolonialismus



Es ist nicht leicht zu beschreiben, was Kolonialismus eigentlich ist, was nicht Wunder nimmt, wenn man bedenkt, dass damit Phänomene beschrieben werden, die teilweise über 500 Jahre zurückliegen, sich während dieses Zeitraumes entwickelten und veränderten und die Interaktion von Menschen betreffen, die sehr unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen angehörten. Letzteres meint nicht nur die ideologisch aufgeladenen und sprichwörtlich gewordenen "Kulturunterschiede" zwischen "Zivilisierten" und "Wilden", also zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten, sondern auch Unterschiede innerhalb beider Gruppen. Was hatte etwa ein portugiesischer Missionar im Indien des 17. Jahrhunderts mit einem britischen Verwalter Nigerias im 20. Jahrhundert gemein? Oder was verband einen afrikanischen Zulu-Krieger des 19. Jahrhunderts mit einem Aztekenprinzen im 16. Jahrhundert, außer der Tatsache, dass sie alle entweder der Europäisierung der Welt dienten oder unter den Einfluss des Kolonialismus geraten waren und sich der Zumutungen der europäischen Kolonialisten erwehren mussten?

Kolumbus segelte in einer Nussschale über den Atlantik, British Airways wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch deshalb zu einer der bedeutendsten internationalen Fluggesellschaften, weil ihr Streckennetz schon lange die verschiedenen Ecken des British Empire erreichte. Und dauerte die Kommunikation zwischen einer europäischen Hauptstadt und seinen asiatischen Besitzungen, etwa in Form schriftlicher Anweisungen, im 17. Jahrhundert mehrere Monate, so stand ein General von Trotha während des Krieges in Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) mehrmals täglich im telegrafischen Kontakt mit seinen vorgesetzten Stellen in Berlin.

Ein Phänomen "kolossaler Uneindeutigkeit" hat der Historiker Jürgen Osterhammel deshalb den Kolonialismus völlig zu Recht genannt.[2] Gemeinsam ist allen "kolonialen Situationen" jedoch die Dichotomie zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten, oftmals zwischen Europäern und Nicht-Europäern. Dieser geografische und herrschaftstechnische Gegensatz war von Anfang an ideengeschichtlich und ideologisch begleitet. War es anfänglich der binäre Gegensatz zwischen Christen und Heiden, der Landnahme und Ausbeutung rechtfertigte, so folgten später biologisch-rassistische Argumente. Gerade postkoloniale Autorinnen und Autoren sehen in Stereotypisierungen wie "Wilde" und "Zivilisierte" sowie in Diskursen über Chaos und Schmutz, Entwicklung und Modernität, Rationalität und Natürlichkeit die epistemologischen Voraussetzungen des kolonialen Projektes Europas. Zugleich sind diese diskursiven Binarisierungen und die Aufladung ursprünglich geografisch verstandener Begriffe mit stereotypisierten Werten mit die langwierigsten Folgen des Kolonialismus.


Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen – Prozesse – Epochen, München 20075; Reinhard Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung: Europa und die Welt seit 1500, Paderborn 2007.
2.
Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 20065, S. 8.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Jürgen Zimmerer für bpb.de