Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Andreas Eckert

Rechtfertigung und Legitimation von Kolonialismus

Zivilisierungsmission

Kolonialismus war charakterisiert durch die ambivalente Beziehung zwischen emanzipatorischem Diskurs und einer von Gewalt, Zwangsarbeit, Rassismus und der Missachtung von Rechten geprägten kolonialen Herrschaftspraxis. Alice Conklin hat am Beispiel von Französisch-Westafrika vor 1914 gezeigt, dass aus der Sicht französischer Politiker der Dritten Republik zwischen dem kolonialen Projekt und etwa dem Praktizieren von Menschenrechten keineswegs ein Widerspruch bestand. Die herrschenden Eliten in Frankreich rechtfertigten neue Eroberungen in Übersee sich selbst und den seit Kurzem wahlberechtigten Massen gegenüber, indem sie behaupteten, dass die eben wiederhergestellte Republik im Gegensatz zu den konservativeren europäischen Monarchien die moralischen und materiellen Bedürfnisse der Afrikanerinnen und Afrikaner befriedigen würde.

Conklin schreibt dazu: "Die französische Zivilisierungsmission in Westafrika macht deutlich, dass der Liberalismus sowohl zu Hause als auch in den Kolonien nicht nur Unterschiede erzeugte. Er hatte auch eine universelle und demokratische Komponente, die viele Menschen im Westen veranlasste, ihre Ideen von Freiheit als grundlegende Menschenrechte zu sehen, auf die die gesamte Menschheit einen Anspruch hätte."[16]

Eben weil die Franzosen daran glaubten, dass alle Menschen gleich geboren sind, versuchten sie, die republikanischen Tugenden der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – wenn auch in pervertierter Form – auf die Kolonisierten zu übertragen. Darüber hinaus, so Conklin, nahmen französische Staatsmänner und die öffentliche Meinung Afrikaner zwar als "Andere" wahr, gingen jedoch trotzdem davon aus, dass ihre Entwicklung im Sinne französischer Ideale möglich sei. Deswegen und aufgrund ständiger tatsächlicher – oder angekündigter – Versuche zur Einbindung und Reformierung dieser "Anderen" schienen Kolonialismus und Demokratie miteinander vereinbar.[17] Die Idee von einer Zivilisierungsmission beschränkte sich nicht auf das französische Kolonialreich, sondern gehörte zur Legitimationsrhetorik aller europäischen Kolonialmächte in Afrika und anderswo.[18] Diese Rhetorik hatte zum Inhalt, dass die kolonisierten Afrikaner zu primitiv seien, um sich selbst regieren zu können, jedoch zur Besserung fähig seien. Selbst liberalere Sichtweisen in der Ära der Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg gingen noch immer von dieser Annahme aus, wie etwa aus den Schriften des Fabian Colonial Bureau hervorgeht.

So stellte Rita Hinden, eine der wichtigsten Vertreterinnen dieser Strömungen, klar: "Der Akt des (imperialen, A.E.) Rückzuges würde nicht von selbst das Tor zum Wohlstand aufstoßen. Wenn allerdings (…) die imperialen Mächte wenigstens noch für einen gewissen Zeitraum blieben und diese Länder, statt sie auszubeuten, treuhänderisch zum Wohle ihrer Bewohner entwickelten und bereicherten, dann könnten die erdrückenden Probleme der Armut und der Rückständigkeit wohl tatsächlich bewältigt werden."[19] Zu diesem Zeitpunkt waren einige Kolonialbeamte bereits skeptischer als zuvor, wenn es darum ging, einen liberalen Diskurs, der die Bedeutung von Menschenrechten und Demokratie betonte, mit der Rechtfertigung kolonialer Herrschaft in Verbindung zu bringen.[20]

Dennoch: Während die koloniale Ära über weite Strecken von Gewalt und einer Politik des selektiven Terrors gekennzeichnet war und eine gewisse "Kultur des Terrors" nicht verschwand, existierte sie in einem sich verändernden Umfeld, in dem Gewalt verurteilt wurde, wenn sie nicht in irgendeiner Weise mit fortschrittlichen Reformen verknüpft werden konnte. Ann Stoler und Frederick Cooper haben auf die Sonderrolle verwiesen, die dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts als einem Zeitraum zukommt, in dem die Kolonialismen Teil einer paneuropäischen Debatte über die Gepflogenheiten "zivilisierter" Staaten wurden, die eine imperialistische Moral konsolidierte.

Dabei stellen Cooper und Stoler fest: "Vor Ort war dieser ‚neue‘ Imperialismus nicht weniger durch Zwang und Brutalität gekennzeichnet als der alte. Dennoch unternahmen die Machteliten Europas nun große Anstrengungen, um sich gegenseitig zu versichern, dass Zwang und Brutalität keine offenen Versuche zur Ausbeutung, sondern vernünftige Anstrengungen zum Aufbau permanenter Strukturen seien: stabile Regierungen, welche die gewalttätige, von Konflikten gekennzeichnete Tyrannei der Gemeinwesen der Eingeborenen ersetzen würden; friedlicher Handel und Lohnarbeit anstelle der bestehenden, von Sklaverei und Raubzügen geprägten chaotischen Verhältnisse; eine komplexe Strukturierung, die verschiedene Gruppen, rassische Identitäten und erlaubte Formen des sexuellen und gesellschaftlichen Kontakts definierte und gegeneinander abgrenzte und die beunruhigend instabilen Zustände eines früheren Zeitalters beendete."[21]

Die Vorstellung von einer Zivilisierungsmission setzte eine auf Konkurrenz und Hierarchien beruhende Weltsicht voraus. Zudem stellten Zivilisierungsdiskurse die gegenwärtigen Verhältnisse in den zu zivilisierenden Gegenden als unglücklich und deswegen ohnehin reformbedürftig dar. Das grundlegende Problem der Zivilisierungsmission im kolonialen Afrika bestand darin, dass die Andersartigkeit der zu zivilisierenden Völker weder naturgegeben noch unveränderlich war. Ihre Verschiedenheit musste definiert und perpetuiert werden. Soziale Grenzen, die eben noch klar definiert waren, konnten sich verschieben.

Das Zivilisierungsprojekt der Kolonialmächte, das die Bevölkerungen der kolonisierten Gebiete zu disziplinierten Bauern oder Arbeitern und zu willfährigen Untertanen eines bürokratischen Staates machen wollte, gab den Anstoß zu einem Diskurs über die Frage, wie viel "Zivilisierung" diese Untertanen bräuchten und welche politischen Folgen "zu viel Zivilisierung" haben könnte. Allgemein wollten Kolonialbeamte ihre afrikanischen Untertanen zu "vervollkommneten Eingeborenen, nicht zu Nachbildungen von Europäern" machen.[22]

Sphäre der Rechte und des Rechts

Die Vorstellung von einer Zivilisierungsmission eröffnete jedoch auch Afrikanern Handlungsspielräume und gab ihnen einen wichtigen Bezugspunkt für ihre Beschwerden und Proteste sowie die Durchsetzung ihrer Interessen. Die Sphäre der Rechte und des Rechts war hier von entscheidender Bedeutung. Das Recht war ein zentraler Aspekt des Kolonialismus in Afrika. Von Europäern konzipiert und durchgesetzt, wurde es von Afrikanern ausgelegt, erfahren und verwendet. Gesetzen und Gerichten, der Polizei und Gefängnissen kam eine politische und wirtschaftliche Schlüsselrolle bei den Bemühungen der Europäer zu, ihre politische Dominanz durchzusetzen und aufrechtzuerhalten oder die lokalen Ökonomien auf die Exportproduktion für die europäischen Märkte auszurichten und Arbeitskräfte für afrikanische und europäische kommerzielle Unternehmungen zu mobilisieren.

Kristin Mann und Richard Roberts haben in diesem Zusammenhang festgestellt, dass "der Kolonialismus danach strebte, eine neue politische, ökonomische und moralische Ordnung einzuführen, die sich auf die Loyalität zum Mutterland und zum Kolonialstaat gründete, auf Disziplin, Ordnung und Gleichmäßigkeit im Arbeitsleben, in der Freizeit und in den Körpergewohnheiten".[23]

Die Gesetzgebung spielte eine entscheidende Rolle bei der moralischen Erziehung und Disziplinierung, weil sie eine Möglichkeit zur Durchsetzung von Gesundheits-, Hygiene-, Freizeit- und Verhaltensnormen bot. Schließlich schien die Vorstellung vom Rechtsstaat ein Beleg für die Annahme, dass die Anwesenheit der Europäer in Afrika im Interesse der Afrikaner sei – und war damit ein wichtiges Element der Rechtfertigung kolonialer Herrschaft. Das Recht war jedoch nicht nur ein Mittel zur Aufrechterhaltung europäischer kolonialer Dominanz. Afrikaner bedienten sich des Rechts als einer Ressource in Auseinandersetzungen mit Europäern (und untereinander). Rechtliche Normen und Verfahrensweisen wurden zum Mittel des Widerstands, der Anpassung und der Innovation.

Widersprüche des Kolonialismus

Koloniale Herrschaft in Afrika wie anderswo stand häufig unter Rechtfertigungsdruck. Und selbst wenn viele Verfechter und Akteure des kolonialen Projekts eine Art "natürlichen" Herrschaftsanspruch verspürten, so sorgten die Kolonisierten ebenso wie Kritiker im "Mutterland" dafür, dass der Kolonialismus oder zumindest zentrale Aspekte davon, etwa die Gewalt, immer wieder legitimiert werden mussten. Die Zivilisierungsmission als wesentliche Rechtfertigungsrhetorik war charakterisiert durch eine Spannung zwischen Borniertheit und Universalismus, Sendungsbewusstsein und Herrschaftswahn, teleologischer Geschichtsbetrachtung und Entwicklungsnegation, dem Insistieren auf kultureller Überlegenheit und realer Unfähigkeit, der Rhetorik der Assimilation und der Angst, von der Fremde verschlungen zu werden.

Die Rechtfertigungen und ihre Widersprüche verweisen auf die Widersprüche des Kolonialismus selbst. Er war weder zivilisatorische Mission noch Zeit des heroischen Widerstands gegen eine von außen aufgezwungene Tyrannei, sondern eine Geschichte der Gewalt und Ausbeutung ebenso wie eine Geschichte vielfältiger, widersprüchlicher Auseinandersetzungen und Kooperationen.

Fußnoten

16.
Alice L. Conklin, Colonialism and Human Rights, in: American Historical Review, 102 (1998) 2, S. 422.
17.
Vgl. dies., A Mission to Civilize, Stanford 1997.
18.
Vgl. Boris Barth/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Zivilisierungsmissionen. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005.
19.
Rita Hinden, Socialism and the Colonial World, in: Arthur Creech-Jones (ed.), New Fabian Colonial Essays, London 1959, S. 13f.
20.
In einer gemeinsamen Stellungnahme der Kolonialverwaltungen von Gambia, Sierra Leone und der Goldküste (Ghana) zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hieß es: "Wir können wohl kaum damit rechnen, das Vertrauen von Afrikanern zu gewinnen, indem wir Aussagen im Sinne vollkommener Ideale treffen, während wir in der Praxis Schritte in die genau entgegengesetzte Richtung unternehmen." Zit. nach: Brian A.W. Simpson, Human Rights and the End of Empire, Oxford–New York 2004, S. 458.
21.
Ann L. Stoler/Frederick Cooper, Between Metropole and Colony: Rethinking a Research Agenda, in: dies. (eds.), Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Bourgeois World, Berkeley 1997, S. 31.
22.
Ebd., S. 7.
23.
Kristin Mann/Richard Roberts, Introduction: Law in Colonial Africa, in: dies. (eds.), Law in Colonial Africa, Portsmouth–London 1991, S. 3. Vgl. auch: Ulrike Schaper, Koloniale Verhandlungen. Gerichtsbarkeit, Verwaltung und Herrschaft in Kamerun 1884–1916, Frankfurt/M. 2012.
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Autor: Andreas Eckert für bpb.de
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