Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Nikita Dhawan

Postkoloniale Staaten, Zivilgesellschaft und Subalternität

Ranajit Guha, intellektueller Begründer der South Asian Subaltern Studies Group, ein Zusammenschluss indischer Historiografen und Historiografinnen, die den Widerstand subalterner Gruppen untersuchen, argumentierte in seiner einflussreichen Arbeit "Dominance without Hegemony: History and Power in Colonial India" aus dem Jahr 1998, dass der koloniale Staat in Südasien sich ursprünglich vom metropolitan-bürgerlichen Staat (der am Aufbau des kolonialen Staates beteiligt war) unterschieden hat.[1] Im Gegensatz zum metropolitanen Staat, der durch Überzeugungskraft dominieren wollte und einen hegemonialen Charakter besaß, sei der koloniale Staat nicht hegemonial gewesen. Machtbeziehungen basierten im Kern auf Zwang. Während bei der "Hegemonie (…) auch die überzeugendsten Dominanzstrukturen immer und notwendigerweise Raum für Widerstand bieten",[2] ist die Bedingung für "Dominanz ohne Hegemonie", dass die Überzeugungskraft niemals das Zwangsmoment aufhebt.[3]

Dies führte in der Geschichte ironischerweise dazu, dass Großbritannien, als selbsternannte Führungsfigur der westlichen Demokratie, eine gewaltvolle koloniale Herrschaft auf Übersee sowohl institutionalisierte, als auch über die Zeit hinweg aufrechterhielt. Guha folgerte daraus, dass der nicht-hegemoniale koloniale Staat paradox ist: eine Dominanz ohne Hegemonie in dem Sinne, dass die Dominanzstruktur "nicht-hegemonial war, also die Überzeugungskraft durch das Zwangsmoment aufgehoben wurde".[4] Daher besaß, laut Guha, der koloniale Staat nur Subjekte und keine Staatsbürgerinnen und -bürger.

Des Weiteren veranschaulichte Guhas Analyse am Beispiel Indiens, dass die nationalistische Politik einen strukturellen Bruch zwischen einheimischen Eliten und Subalternen[5] geschaffen hat, der "die Menschen" davon abhielt, in eine alternative Hegemonie einbezogen zu werden. Die einheimischen Eliten beanspruchten für sich die Aufgabe, "die Stimme der indischen Bevölkerung" zu repräsentieren, indem sie wie zuvor der englische Kolonialherr auf Zwang zurückgriffen.

Einer der wichtigsten Beiträge der Subalternen Studien ist demnach die Erweiterung des Politik-Begriffs, indem die Distanz und Verwobenheit zwischen organisierter und unorganisierter Politik erforscht wird. Diesem Ansatz folgend ist das Ziel der folgenden Ausführungen die Analyse der Dynamiken zwischen postkolonialen Staaten, ihren Zivilgesellschaften und Subalternität. Der Fokus liegt hierbei auf der irreduziblen Rolle postkolonialer Nationalstaaten im Prozess der Dekolonisierung.

Staatsbürger und Subjekte

In seiner einflussreichen Arbeit "Citizen and Subject" befasst sich Mahmood Mamdani mit der Struktur von Macht und der Anatomie von Widerstand, welche die Dekolonisierungs- und Demokratisierungsprozesse im postkolonialen Afrika prägte und nach wie vor prägt. Angesichts der geografischen Ungleichheiten und der Schwierigkeiten, diesen riesigen Kontinent zu erschließen, war die koloniale Herrschaft in Afrika von zweigeteilter Natur, nämlich indirekte Herrschaft in den ländlichen Gebieten und direkte Herrschaft in urbanen Gegenden.[6] Um den Verwaltungsprozess zu vereinfachen, haben Kolonialbeauftragte traditionelle lokale Machthaber in den Dienst genommen. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, an die geringe Zahl europäischer Kolonialbeauftragter zu erinnern, die in den afrikanischen Kolonialverwaltungen tätig waren. Die meisten imperialistischen Mächte setzten auf lokale administrative Komplizen, da dies die ökonomischste und effektivste Art des Regierens darstellte. Die traditionellen lokalen Autoritäten wurden somit ein integraler Bestandteil der kolonialen Regierungsstrukturen.

Dementsprechend bestand der zweigeteilte koloniale Staat aus zwei Formen von Autoritäten: "die Erste, eine zivile Macht, welche die Sprache des Rechts benutzte, und eine zweite ‚traditionelle Macht‘, welche die Sprache der Tradition sprach".[7] Abgesehen von "nationalen" Varianten war koloniale Herrschaft charakterisiert durch die Unterscheidung zwischen einer Regierung, die auf Staatsbürgerschaft beruhte, in der Siedler aus den Kolonialstaaten und eine exklusive Gruppe einheimischer Eliten basale Bürgerrechte genossen, und einer Regierung über die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung, die als Subjekte konstituiert wurden. Urbane Afrikaner unterlagen direkter Herrschaft, während die "indirekte Herrschaft" der einheimischen Machthaber durch die Europäer gesteuert wurde. Das führte zu einer Dichotomisierung afrikanischer Gesellschaften in "Staatsbürger" (denen grundlegende staatsbürgerliche Freiheiten zustanden) und "Subjekte" (das heißt primär landwirtschaftliche Haushalte in der Peripherie, welche der Willkür einheimischer Machthaber ausgesetzt waren).

Diese Herrschaftsmuster prägten auch den antikolonialen Kampf, wobei auch hier zwischen ländlichen und städtischen Widerstandsformen unterschieden werden muss. Demnach nahm der demokratische Kampf gegen die einheimischen Eliten im ländlichen Bereich die Form eines "Bürgerkriegs innerhalb der tribes" an.[8] Hier können wir den Ursprung der Trennung zwischen traditionellen und zivilen Machtstrukturen sowie die konfliktreichen Formen von Autorität, die den postkolonialen Nationen anlasten, verorten.

Diese Konflikte stellen eine große Herausforderung für die gegenwärtigen Regierungen in Afrika dar. Versuche der Nationenbildung werden durch Diskontinuitäten zwischen "traditionellen" und "zivilen" Räumen behindert. Ausgehend von der Tatsache, dass im kolonialen Afrika die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung durch indigene Oberhäupter und "traditionelles Recht" unter einem Regime indirekter Herrschaft regiert wurde, war die ländliche Bevölkerung nicht darauf vorbereitet, als Staatsbürgerinnen und -bürger in einem modernen, unabhängigen Staat zu partizipieren.

Mamdani postulierte, dass den postkolonialen Regierungen in Afrika zwei Optionen zur Verfügung standen: eine Bewahrung der Dezentralisierung durch die Hierarchie der Stammeshäuptlinge oder, als Alternative, der radikale Versuch einer Entwicklung durch den "zentralisierten Despotismus".[9] Während alle postkolonialen afrikanischen Staaten den Versuch unternommen haben, das koloniale Erbe des "dezentralisierten Despotismus"[10] zu transformieren – das heißt von indirekten zu direkten Herrschaftssystemen zu gelangen –, erreichten sie dadurch die Reproduktion des kolonialen Erbes und neue Formen des Despotismus. Diese Versuche könnten als misslungene hegemoniale Projekte bezeichnet werden, die den Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie vergrößert haben. Somit sei das post-unabhängige Afrika darin gescheitert, sich von kolonialen Herrschaftspraktiken zu befreien, wobei die Unabhängigkeit zur "Derassialisierung, aber nicht zur Demokratisierung"[11] des institutionellen Rahmens geführt habe, die afrikanische Landbevölkerung bleibe "gefangen in einer nicht-rassistischen Version der Apartheid".[12] Ferner führt Mamdani an, dass die historische Entwicklung der Zivilgesellschaft im kolonialen Afrika mit Rassismus verbunden war. Laut Mamdani war die Apartheid die generische Form von Kolonialismus, wobei die Idee des südafrikanischen Exzeptionalismus infrage gestellt wird. Der Mangel an politischen Rechten der Schwarzen Mehrheit, das Scheitern daran, eine stabile Zivilgesellschaft zu entwickeln, genauso wie das Scheitern daran, sich für allumfassende demokratische Institutionen einzusetzen, charakterisiert die koloniale Herrschaft in ganz Afrika. Im post-unabhängigen Afrika wird die Verteidigung "rassischer Privilegien" sowie der Kampf um Umverteilung weiterhin in der Zivilgesellschaft ausgehandelt. Die Forderungen nach Pressefreiheit, konstitutionellen Garantien und freien Wahlen haben wenig Einfluss auf die verarmte ländliche Bevölkerung. Erfolgreiche ökonomische und politische Reformen stellten nur für die elitäre Minderheit einen Vorteil dar und scheiterten kläglich daran, sich mit den Problemen und Leiden der Mehrheit der Bevölkerung zu befassen. Dies veranschaulicht die tief greifenden Verbindungen zwischen Herrschaftsformen und Prozessen kapitaler Akkumulation.

In Abwesenheit weiterführender Strategien für politischen Wandel und soziale Transformation sei die Ermächtigung marginalisierter Gruppen eingeschränkt und nur von kurzer Dauer.[13] Die Zivilgesellschaft zu reformieren, reiche nicht aus, um Demokratie zu implementieren, eher sei eine weitreichende Dezentralisierung lokaler Autoritäten notwendig, um die Dualität der Macht zu überwinden. Daher sollten demokratische Reformen gleichzeitig ländlich und urban, lokal und zentral sein.[14] Zum Beispiel diskutierte Mamdani, wie ländlich-migrantische Gemeinschaften aus den urbanen Politiken des südafrikanischen African National Congress (ANC) ausgeschlossen wurden. Ländliche und städtische Volksaufstände gegen despotische einheimische Machthaber waren emanzipatorisch, aber dadurch, dass sie ethnisch oder religiös spezifiziert waren, scheiterten sie daran, breitere Massen zu erreichen.

Gleichzeitig kritisierte Mamdani den "Afro-Pessimismus"[15] derer, welche die Fähigkeit der indigenen Post-Unabhängigkeitsregime zur Dekolonisierung infrage stellten, und erklärte diesen normativistischen Standpunkt der Afrikanisten (die vor allem im Globalen Norden verortet sind) als Schuldzuweisung an das Opfer. Dieser Ansatz behandelt die Probleme Afrikas als "selbst verschuldet" und blendet dabei die koloniale Last aus. Anstatt die Analyse darauf zu fokussieren, was Afrika fehlt (wie etwa Rechtskraft, effiziente Regierungen, Kapitalmärkte, Infrastrukturen, mehr Zivilgesellschaft, mehr Wahlen, mehr Unternehmertum), erläuterte Mamdani, dass die Probleme mit der Demokratisierung Afrikas in der Unfähigkeit der Post-Unabhängigkeitsregime liegen, sich von der Last der spätkolonialen Herrschaft zu befreien, vor allem von den Strukturen kolonialer Staatsapparate.

Mit der Unabhängigkeit mussten sich politische Regime drei Herausforderungen stellen: erstens der Derassialisierung (die Dekonstruktion und Aufhebung kolonial-rassistischer Zuschreibungen und Machtstrukturen) der Zivilgesellschaft als Schlüssel zur Überwindung der kolonialen Trennung zwischen Staatsbürger und Subjekte; zweitens der Detribalisierung (Prozess des Bedeutungsverlusts traditioneller hierarchischer Strukturen) der einheimischen Machthaber in Richtung Demokratisierung sowie drittens dem Streben nach wirtschaftlichem Wachstum und Entwicklung im Kontext der höchst ungleichen Beziehungen des globalen Kapitalismus. Junge unabhängige Regime waren am erfolgreichsten in der Derassialisierung der Zivilgesellschaft und scheiterten trotzdem daran, das koloniale System der zweigeteilten Macht zu beseitigen. Mamdani bedauerte daher "das Scheitern der Demokratisierung, was dazu führte, dass der Prozess der Derassialisierung nicht fortgesetzt werden konnte und Entwicklung definitiv scheiterte".[16] Vor diesem Hintergrund müssen die gegenwärtigen Politiken im post-unabhängigen Afrika betrachtet werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Ranajit Guha, Domination without Hegemony: History and Power in Colonial India, Cambridge, MA 1998.
2.
Ebd., S. 23.
3.
Ich danke Anna Millan, Aylin Zafer und Elisabeth Fink für die Übersetzung aus dem englischen Original.
4.
R. Guha (Anm. 1), S. xii.
5.
In Anlehnung an Antonio Gramsci definiert Guha "subaltern" als einen Raum, der innerhalb eines kolonialisierten Territoriums von allen Mobilitätsformen abgeschnitten ist. Die Arbeiten der South Asian Subaltern Studies Group zeigen auf, wie der Kampf der bürgerlich-nationalen Eliten gegen die koloniale Hegemonie die Handlungsmacht der subalternen Gruppen marginalisierte. Angesichts des Fehlens institutioneller Bestätigung ist es den Subalternen nicht möglich, sich selbst zu vertreten oder ihre Interessen geltend zu machen. Da die Normen der Anerkennung zu ihren Ungunsten angelegt sind, bleiben ihre politischen Forderungen unsichtbar.
6.
Vgl. Mahmood Mamdani, Citizen and Subject: Contemporary Africa and the Legacy of Late Colonialism, Princeton 1996, S. 101.
7.
Ebd., S. 4.
8.
Ebd., S. 183.
9.
Ebd., S. 17.
10.
Ebd., S. 8.
11.
Ebd., S. 288.
12.
Ebd., S. 8.
13.
Vgl. ebd., S. 217 ff.
14.
Vgl. ebd., S. 268.
15.
Ebd., S. 285.
16.
Ebd., S. 288.
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Autor: Nikita Dhawan für bpb.de
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