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6.11.2012 | Von:
Peter Massing

Die vier Dimensionen der Politikkompetenz

Die politikdidaktische Diskussion zur Kompetenzorientierung wird seit längerer Zeit geführt. Dennoch lag bisher kein theoriegeleitetes umfassendes Kompetenzmodell vor.[1] Diese Lücke soll das Konzept der Politikkompetenz schließen,[2] das ein solches zur Diskussion stellt. Seine Entwicklung erfolgt durch Rückgriff auf Ergebnisse der Kognitionspsychologie, der Erziehungswissenschaft und der Politikwissenschaft, die aus politikdidaktischer Perspektive ausgewählt und miteinander verknüpft werden. Das Modell der Politikkompetenz beansprucht, die fachbezogenen Dimensionen des Lehr-Lern-Prozesses zu beschreiben und dabei mit den normativen Zielvorstellungen der Politikdidaktik kompatibel zu sein.

Kompetenzbegriff und Modell der Politikkompetenz

Die intensive Diskussion zu Kompetenzen in unterschiedlichen Wissenschaften und in der Praxis hat bisher wenig zur Klärung des Begriffs beigetragen. Die Autorin und die Autoren des Modells der Politikkompetenz haben sich für den Kompetenzbegriff von Franz Emanuel Weinert[3] entschieden. Danach geht der Kompetenzbegriff über den kognitiven Bereich hinaus und umfasst auch Handlungskompetenzen, die individuelle Orientierungen, Einstellungen und Erwartungen einschließen. Kompetenz stellt die Verbindung von Motivation/Einstellung, Wissen und Können im Handlungsvollzug her. Das Modell der Politikkompetenz wird in vier Kompetenzdimensionen ausdifferenziert; diese sind: Fachwissen, Politische Urteilsfähigkeit, Politische Handlungsfähigkeit sowie Politische Einstellung und Motivation (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Darüber hinaus wird die Kompetenzdimension Fachwissen in Fachkonzepte, die anderen Dimensionen in Kompetenzfacetten unterteilt.

Die Kompetenzdimensionen bleiben aus Gründen der Praktikabilität begrenzt, sind aber eng miteinander vernetzt: So beeinflusst das politische Fachwissen zum Beispiel die politische Urteilsbildung. Es fördert aber auch die politische Einstellung und Motivation und ist Grundlage politischen Handelns. Politische Einstellung und Motivation fördern die weitere Aneignung von Fachwissen und ermutigen zu politischen Urteilen und zum politischen Handeln. Es sind also kreislaufähnlich vernetzte Dimensionen. Im Lehr-Lern-Prozess kommt es darauf an, bezogen auf die Kompetenzdimensionen, die entsprechenden kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln und dabei die subjektiven Aspekte der Aneignung zu berücksichtigen.

In anderen Kompetenzbeschreibungen der Politikdidaktik erscheint gelegentlich Analysieren als eine eigene Kompetenz.[4] Das Modell der Politikkompetenz sieht Analysieren jedoch als integrierten Teil der Kompetenzdimensionen. Da die Wahl der Analyseart im Wesentlichen abhängig ist vom Gegenstand der Analyse und dessen Zugänglichkeit für eine bestimmte Fragestellung,[5] ergibt es wenig Sinn, dafür abstrakt eine eigene Kompetenzdimension zu definieren.

Fachwissen

Der Kompetenzdimension Fachwissen liegt ein Wissensbegriff zugrunde, in dessen Zentrum konzeptuelles Wissen steht. Dieses unterscheidet sich sowohl von Faktenwissen als auch von fachlichem Einzelwissen. Konzeptuelles Wissen sieht von konkreten Erfahrungen ab und kategorisiert stattdessen deren Merkmale und Kennzeichen.[6] Konzepte erlauben das Abrufen von bedeutungs- und wahrnehmungsbezogenen Wissensinhalten aus dem Gedächtnis. Wird konzeptuelles Wissen in einer Anforderungssituation abgerufen, werden die vorhandenen und zur Situation passenden Konzepte netzartig verknüpft. Es aktualisiert sich eine Wissensstruktur, die umso differenzierter ist, je mehr Konzepte vorhanden sind.

Politische Phänomene lassen sich im Grunde nur mit Hilfe konzeptuellen Wissens verstehen. Die Kompetenzdimension Fachwissen wird durch Fachkonzepte definiert und durch Basiskonzepte wie Ordnung, Entscheidung, Gemeinwohl strukturiert. Basiskonzepte sind die Grundideen des Politischen, das sie von Seiten des Wissens her charakterisieren. Fachkonzepte werden nicht aus einer Bezugswissenschaft wie etwa der Politikwissenschaft deduziert, sondern sind didaktische Entscheidungen.[7] Was immer politisch geschieht, es lässt sich mit Hilfe von Fachkonzepten im Kern verstehen – sie beschreiben in ihrer Gesamtheit das politische Grundlagenwissen und können den Basiskonzepten zugeordnet werden. Diese Zuordnung ist jedoch nicht logisch abgeleitet, sondern didaktisch begründet.[8] Fachkonzepte haben eine Struktur, die sich mit Hilfe konstituierender Begriffe weiter entfalten lässt.

Aufgabe des Politikunterrichts ist daher die Förderung und Strukturierung konzeptuellen Wissens der Lernenden. Aus der Kompetenzdimension Fachwissen und den dazugehörigen Fachkonzepten ergibt sich im Lehr-Lern-Prozess eine Reihe von Vorteilen. Damit Lernende Behauptungen und Meinungen nicht ungeprüft übernehmen, müssen sie verstehen, wie sich Wissen aufbaut. Nur wenn Lernende zum Beispiel erkennen können, aus welchen konstituierenden Begriffen sich Fachkonzepte zusammensetzen, können sie Behauptungen analysieren und deren Berechtigung prüfen. Erst dann sind sie in der Lage, weitere Begriffe in ihr Fachkonzept zu integrieren (weicher Conceptual-change-Prozess) oder Fehlvorstellungen durch das Streichen unpassender Begriffe zu korrigieren (harter Conceptual-change-Prozess).

Bei der Wissensvermittlung wird vom vorhandenen Wissen der Lernenden ausgegangen, um es kontinuierlich an das fachliche Wissen heranzuführen. Für die dazu notwendige Diagnose der Lehrkraft liefert die Kompetenzdimension Fachwissen eine strukturierte Vorlage. Im Verlauf des Wissenserwerbs lernen die Schülerinnen und Schüler die politische Fachsprache. Die Fachkonzepte repräsentieren dazu die angemessene Begrifflichkeit. Die Verwendung der Fachsprache führt zu einer größeren Chancengleichheit unter den Lernenden und nutzt insbesondere Lernenden aus "bildungsfernen" Schichten.

Politische Urteilsfähigkeit

Kognitionspsychologisch ist Urteilen ein Prozess, in dem eine Person einem bestimmten Objekt einen Wert auf einer Urteilsdimension zuordnet. Urteilsobjekte sind Gegenstände, Situationen, Personen, Aussagen, Ideen wie auch innere Zustände. Urteilsdimensionen klassifizieren oder skalieren die im Urteil getroffene Aussage.[9] Politische Urteile beziehen sich auf Aufgaben und Probleme des sozialen Nahraums, des politischen Systems sowie der internationalen Beziehungen. Darüber hinaus können politische Programme, Überzeugungen sowie politische Akteure Gegenstand politischer Urteile sein. Politische Urteile können auch normative Urteile sein, da das Politische zur Bewertung auffordert oder eine Entscheidung beziehungsweise eine inhaltliche Ausgestaltung verlangt. Die Qualität von politischen Urteilen hängt von ihrer logischen und deskriptiven Richtigkeit ebenso ab wie von der Plausibilität und Differenziertheit der vorgetragenen Begründung. Den Kern der inhaltlichen Qualität des politischen Urteils bildet die enthaltene politische Rationalität. Die politische Rationalität setzt sich aus der Zweckrationalität und der Wertrationalität zusammen. Sie lassen sich in die Beurteilungskategorien Effizienz und Legitimität fassen. Hinzu kommt, dass Politik multiperspektivisch beurteilt werden kann: Aus der Sicht der politischen Akteure, aus der Sicht der von der Politik Betroffenen und aus der Perspektive des politischen Systems.

Die Kompetenzdimension Politische Urteilsfähigkeit lässt sich in Facetten auffächern, die als unterschiedliche Urteilsarten beschrieben werden können. Das sind Feststellungs-, Erweiterungs-, Wert-, Entscheidungs- und Gestaltungsurteile. Feststellungs- und Erweiterungsurteile beziehen sich auf die Vergegenwärtigung und die analytische Erhellung von Sachverhalten. Als Sachurteile bestehen sie in der Regel aus einer Abfolge von Sätzen und müssen sich bezüglich der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit erläutern und begründen lassen. Sachurteile bilden die Voraussetzung von normativen Urteilen wie Wert-, Entscheidungs- und Gestaltungsurteilen. Feststellungsurteile erfordern im Wesentlichen zwei kognitive Tätigkeiten. Es handelt sich um das Beschreiben und das Kategorisieren. Erweiterungsurteile sind das Resultat vornehmlich dreier kognitiver Tätigkeiten, nämlich des Vergleichens, des Prüfens und des Schließens. Werturteile sind das Ergebnis evaluativer Handlungen. Es handelt sich beim Evaluieren im Wesentlichen um das Bewerten und das Stellungnehmen. Zu Entscheidungsurteilen kommt es, wenn darüber befunden wird, ob eine bestimmte Handlung ausgeführt werden soll oder nicht. Entscheidungsurteile basieren auf der Abfolge zweier eng zusammenhängender kognitiver Tätigkeiten, um das Abwägen und das Sich-Entschließen. Gestaltungsurteile kommen zustande, wenn sachliche Probleme einer inhaltlichen Lösung zugeführt werden. Sie setzen sich aus detaillierten Angaben über die gefundene Regelung zusammen und basieren auf Problemlösungsprozessen, in die vielfältige kognitive Handlungen involviert sind.
In der Politikdidaktik besteht Konsens darüber, dass Urteilsfähigkeit ein zentrales Ziel des Politikunterrichts ist. Die Diskussion dazu hat sich bisher im Wesentlichen auf Begründungsmöglichkeiten politischer Urteile konzentriert und dabei vernachlässigt, dass es unterschiedliche Arten von Urteilen gibt, die ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Begründung haben. Urteile sind zunächst nicht politikspezifisch. Politisch sind sie nur dann, wenn sie Aussagen über Politik enthalten.

Im Unterricht gibt es zahlreiche Gelegenheiten, Feststellungsurteile zu fördern. So setzt sich jedes auf die sachliche Erarbeitung eines Gegenstandes zielende Unterrichtsgespräch aus einer Fülle von Feststellungsurteilen zusammen. Feststellungsurteile ergeben sich zum Beispiel auch, wenn Texte analysiert werden.

Für Erweiterungsurteile gibt es ebenfalls viele Fördermöglichkeiten. Auch dafür lassen sich unter anderem Unterrichtsgespräche und Textanalysen nutzen. Besondere Bedeutung gewinnen aber Makromethoden wie das Planspiel und die Pro-Contra-Debatte oder kooperative Lernformen.

Die Fähigkeit, Werturteile abzugeben, ist immer dann erforderlich, wenn im engeren Sinne über politische Ziele und Entscheidungen gesprochen wird. Dafür werden den Lernenden verschiedene Maßstäbe und Perspektiven vermittelt. Die Makromethoden Pro-Contra-Debatte und Fallanalyse wie auch einige kooperative Lernformen haben eine besondere Nähe zum Werturteil.

Zum Entscheidungsurteil können Lernende unter Berücksichtigung unterschiedlich schwieriger Entscheidungssituationen aufgefordert werden. Folgende Makromethoden sind besonders geeignet, Entscheidungsurteile zu fördern: die Fallanalyse, die Fallstudie, das Planspiel und die Pro-Contra-Debatte.

Gestaltungsurteile weisen wahrscheinlich den höchsten Schwierigkeitsgrad auf. Dem Urteilenden geht es dann wie einem Problemlöser, der zwar ein klares Ziel hat, aber nicht unmittelbar weiß, wie es zu erreichen ist. Die Fähigkeit, Gestaltungsurteile zu formulieren, lässt sich mit Makromethoden fördern, etwa der Fallstudie, dem wirklichkeitssimulierenden Planspiel oder der Bearbeitung von Gründungssituationen.

Politische Handlungsfähigkeit

Handeln ist durch eine Reihe kognitionspsychologischer Verarbeitungsmuster geprägt. Wahrnehmungen, Gedanken, Emotionen, Fertigkeiten und Aktivitäten werden in koordinierter Weise eingesetzt, um entweder Ziele zu erreichen oder sich von nicht lohnenden oder unerreichbaren Zielen zurückzuziehen.[10] "Die Gesamtheit der einer Person zur Verfügung stehenden Handlungskonzepte und Handlungsschemata bezeichnet man als Handlungskompetenz."[11]

Politisches Handeln findet immer im Bezugssystem einer politischen Ordnung statt. Es lässt sich analytisch unterscheiden in kommunikatives politisches Handeln und in partizipatives politisches Handeln. Mit kommunikativem politischen Handeln sind Gespräche oder Diskussionen über Politik im sozialen Umfeld gemeint sowie die Nutzung der politischen Berichterstattung der Massenmedien. Ziele des kommunikativen politischen Handelns sind unter anderem, politisches Wissen zu erwerben, seine politische Meinung zu sagen, Freunde und Bekannte für die eigenen politischen Ansichten zu gewinnen sowie Unsicherheiten in einer komplexen und nicht unmittelbar erfahrbaren politischen Umwelt zu reduzieren. Partizipatives politisches Handeln ist freiwilliges Handeln, das von der Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen über parteibezogene, Gemeinde-, Wahlkampf- und politikerbezogene Aktivitäten, legalen Protest und zivilen Ungehorsam bis hin zur politischen Gewalt reicht.

Kompetenzfacetten des kommunikativen und partizipativen politischen Handelns sind: Artikulieren, Argumentieren, Verhandeln und Entscheiden. Artikulieren bezieht sich auf politische Positionen, das Fachwissen, das Meinen und Fühlen und hat zum Ziel, diese durch Verbalisierung im Unterricht zu zeigen und später öffentlich zu machen. Argumentieren hat Verständigung durch Nutzen- und Kostenabwägung zum Ziel. Durch Argumentieren wird versucht, einen oder mehrere Andere von einer Position zu überzeugen. Verhandeln orientiert sich an Kompromissen. Ziel von Verhandeln ist es, einen oder mehrere Andere dazu zu bewegen, die eigene Position oder eigene Ziele, zumindest aber wichtige Teile davon, zu akzeptieren. Dabei werden neben sprachlichen Mitteln (Argumenten) auch Verhandlungsmacht (zum Beispiel Drohungen) und/oder die Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen eingesetzt. Entscheiden orientiert sich an dem Ziel, zu einem Ergebnis zu gelangen, indem zwischen Alternativen oder Varianten von Zielen, Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf Wertmaßstäbe oder sonstige Präferenzen gewählt wird. Jede dieser vier Kompetenzfacetten ist für die kommunikative und die partizipative politische Handlungskompetenz von Bedeutung, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Aus fachlicher Perspektive lässt es sich rechtfertigen, Artikulieren und Argumentieren eher dem kommunikativen politischen Handeln zuzuordnen und Verhandeln und Entscheiden eher dem partizipativen politischen Handeln. Dabei nimmt die Kompetenzfacette Argumentieren eine herausgehobene Stellung ein. Sie steht im Zentrum des kommunikativen politischen Handelns und schlägt gleichzeitig als wichtiger Teil von Verhandeln und Entscheiden eine Brücke zum partizipativen politischen Handeln.

Die Kompetenzfacetten Artikulieren und Argumentieren als Kern des kommunikativen politischen Handelns müssen im Politikunterricht bewusst gefördert werden. Artikulieren verlangt das Explizieren des Wissens und Fühlens der Lernenden in der Fachsprache. Methoden kooperativen Handelns wie zum Beispiel Brainstorming und handlungsorientierte Methoden wie die Talkshow stärken diese Fähigkeit.

Argumentieren verlangt neben sprachlichen vor allem logische Fähigkeiten, also die Fähigkeit zur Analyse der Funktion einzelner Argumentationselemente sowie die Fähigkeit des induktiven und deduktiven Schließens. Die Qualität des Argumentierens lässt sich verbessern, indem die Argumente mit den Fachkonzepten der Politik, mit politischen Urteilen und mit Einstellung und Motivation in Verbindung gebracht werden. Die Förderung der Artikulations- und Argumentationsfähigkeit der Lernenden verlangt von den Lehrkräften, dass diese regelmäßig die Argumentationsregeln betonen, auf Regelverletzungen hinweisen, Pro- und Contra-Argumente oder Einwände von den Lernenden explizit einfordern.

Zum Verhandeln gehören neben argumentativen Strategien, die der konsensuellen Entscheidungsfindung dienen, auch Strategien, die durch den Einsatz von Machtpotenzialen, Konfliktfähigkeit, ökonomischen Ressourcen oder Tausch versuchen, Verhandlungsprozesse abzukürzen und zu hierarchisch-autoritären oder hierarchisch-majoritären Entscheidungen zu gelangen. Diese lassen sich im Unterricht zwar nicht erfahren, sollten aber gewusst werden.

Entscheiden als Teil des realen partizipativen politischen Handelns lässt sich im Unterricht nur begrenzt fördern. Auch wenn Entscheiden durch kooperative oder handlungsorientierte Methoden geübt werden kann, bleibt es gegenüber der realen Politik unterkomplex. Allerdings lassen sich an konkreten politischen Fällen, Problemen, Konflikten oder Entscheidungsprozessen unterschiedliche Strategien und ihre Wirksamkeit analysieren, deren Ergebnisse den Lernenden dann als Fachwissen zur Verfügung stehen.

Politische Einstellung und Motivation

In der Kognitionspsychologie wird unter Einstellung eine beliebige vorbereitende kognitive Aktivität verstanden, die dem Denken oder der Wahrnehmung vorausgeht. Eine Einstellung kann die Qualität der Wahrnehmung verbessern oder hemmen.[12] Einstellungen sind demnach individuelle Besonderheiten in der Bewertung konkreter Objekte der Wahrnehmung oder des Denkens.[13] In diesem Sinne ist eine Einstellung gleichsam als kognitives Schema anzusehen, welches das Wissen über einen Gegenstand repräsentiert und die Verarbeitung von Informationen erleichtern, aber auch erschweren kann. Einstellungen beeinflussen Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln.

Einstellungen bezeichnen in der Politikwissenschaft Orientierungen von Menschen gegenüber politischen Objekten, die kognitive (Wahrnehmungen und Kenntnisse), affektiv/evaluative (Gefühle, Bewertungen) und konative (Handeln) Komponenten umfassen. Unter Motivation versteht man in der Kognitionspsychologie das erstrebenswerte Ergebnis einer Interaktion von Person und Situation. Das heißt: "Die aktuell vorhandene Motivation einer Person, ein bestimmtes Ziel anzustreben, wird von personenbezogenen und von situationsbezogenen Einflüssen geprägt. Dazu gehören auch die antizipierten Handlungsergebnisse und deren Folgen."[14] Zu den personenbezogenen Einflüssen gehören vor allem implizite Motive, die einzelne Individuen von anderen unterscheiden, und explizite Motive, das heißt Zielsetzungen, die eine Person gefasst hat und verfolgt, sowie Bedürfnisse, zum Beispiel das Streben nach Wirksamkeit. Implizite Motive in der Politik sind unter anderem politisches Interesse, politisches Selbstbewusstsein, Systemvertrauen und Bürgertugenden. Damit sind gleichzeitig die Facetten der Kompetenzdimension Einstellung und Motivation genannt.

Bei der Beschreibung des politischen Interesses werden folgende Aspekte unterschieden: Politisches Interesse bedeutet eine selektive Aufmerksamkeit gegenüber politischen Objekten und Ereignissen. Zum politischen Interesse gehört die Einstellung, dass im Vergleich zu anderen Lebensbereichen Politik für einen persönlich von Bedeutung ist. Politisches Interesse bewirkt ein Streben, die Merkmale des Gegenstandsbereichs Politik zu verstehen. Politisches Selbstbewusstsein umfasst zwei theoretische Dimensionen. Zum einen interne politische Effektivität oder subjektives politisches Kompetenzgefühl, zum anderen externe politische Effektivität oder politisches Responsivitätsgefühl.[15] Politisches Selbstbewusstsein kann definiert werden als Einschätzung der eigenen Fähigkeit, Politik zu verstehen, angemessen zu beurteilen und Einfluss auf Politik nehmen zu können. Systemvertrauen (beziehungsweise politisches Responsivitätsgefühl) meint die Einschätzung, dass die politischen Akteure verantwortlich und politischen Einflüssen zugänglich sind. Unter Systemvertrauen versteht man die Zustimmung zum politischen System um seiner selbst willen sowie seine diffuse Unterstützung. Bürgertugenden sind gemeinsinnorientiert, affektiv verankert und handlungsmotivierend. Sie überführen Wissen und Handlungsbereitschaft in tatsächliches politisches Handeln. Welche Tugenden Bürger in der Demokratie tatsächlich benötigen, ist strittig. In der Politikwissenschaft findet sich eine Vielzahl von engeren und weiteren Tugendkatalogen mit unterschiedlichen "Sorten" von Tugenden.[16]

Subjektives Interesse an Politik korreliert positiv mit dem Interesse am Schulfach Politik. Interesse an den Gegenständen des Politikunterrichts führt zu Ausdauer, Freude und besserer kognitiver Verarbeitung. Lernerfolge unterstützen die eigenen Fähigkeiten und können Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung, Kompetenz und Selbstbestimmung befriedigen. Das Interesse der Lernenden an Politik kann durch Aufgabenstellungen und Einbettung der Inhalte in Kontexte, welche die Lernenden besonders interessieren, gefördert werden. Setzt der Politikunterricht an der Lebenswelt der Lernenden an und verdeutlicht, wie Politik das Leben jedes Einzelnen beeinflusst, entwickelt er Verständnis für die Wichtigkeit der Politik für das eigene Leben und stimuliert das Streben, die Merkmale des Gegenstandsbereichs Politik möglichst vollständig zu erschließen. Dabei wird ein Unterricht, in dessen Mittelpunkt zum Beispiel Fallanalysen, Problemorientierung und Aktualität stehen, das fachliche Interesse besonders anregen.

Politisches Kompetenzgefühl lässt sich durchaus auch im Unterricht fördern. Allein schon intensive Gespräche über Politik im Unterricht können dazu beitragen, das eigene Kompetenzgefühl zu stärken. Darüber hinaus leistet die Förderung von politischer Handlungsfähigkeit und politischer Urteilsfähigkeit ebenfalls einen Beitrag zur Erhöhung des subjektiven politischen Kompetenzgefühls, während dieses umgekehrt wieder motivierend auf politische Urteils- und Handlungsfähigkeit einwirken kann.

Zwischen Systemvertrauen beziehungsweise dem Responsivitätsgefühl und dem Politikunterricht besteht kein unmittelbarer Zusammenhang. Durch die Vermittlung von Fachwissen und Urteilsfähigkeit hilft der Politikunterricht den Lernenden, das politische System zu beurteilen und politisches Systemvertrauen zu entwickeln. Positive oder kritische Einstellungen zum aktuellen demokratischen System, zu den politischen Akteuren, den demokratischen Institutionen und den inhaltlichen Handlungsergebnissen der Politik können im Politikunterricht eher durch indirekte Strategien erreicht werden. Systemvertrauen ist bestenfalls ein by-product der Schule als gesellschaftlicher Institution und der Ausgestaltung des Politikunterrichts.

Hinsichtlich der Bürgertugenden kann der Beitrag des Politikunterrichts nur darin bestehen, sich auf der kognitiven Ebene mit Fragen auseinanderzusetzen, was Grundwerte in einer freiheitlichen politischen Ordnung sein können oder welche Bedeutung Bürgertugenden für die Demokratie haben, um dadurch das politische Fachwissen der Schülerinnen und Schüler zu fördern.

Modell Politikkompetenz im Unterricht

Das Modell Politikkompetenz nutzt Lehrerinnen und Lehrern ebenso wie Schülerinnen und Schülern. Es ist ein Vorschlag, der theoriegeleitet den Kompetenzbegriff definiert und für die Praxis handhabbar macht. Den Lehrkräften soll das Modell vor Augen führen, dass es im Politikunterricht in erster Linie auf die Förderung der vier Kompetenzdimensionen ankommt. Sie sollten sie in der Unterrichtsgestaltung, bei der Materialauswahl, der Methodenentscheidung und der Formulierung der Lernaufgaben berücksichtigen und den Lernenden zugänglich machen. Darüber hinaus hilft ihnen das Modell bei der kriteriengeleiteten Diagnose des Lernstandes und führt bei den Lernenden zu einem nachvollziehbaren Kompetenzaufbau.
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Fußnoten

1.
Ein erster Versuch war das bildungspolitisch motivierte und verbandspolitisch orientierte Modell der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung: GPJE, Anforderungen an nationale Bildungsstandards für den Fachunterricht in der politischen Bildung an Schulen – Ein Entwurf, Schwalbach/Ts. 2004. Ein umfassendes Modell bezieht sich auf Fachwissen: Vgl. Georg Weißeno/Joachim Detjen/Ingo Juchler/Peter Massing/Dagmar Richter, Konzepte der Politik – Ein Kompetenzmodell (bpb-Schriftenreihe, Bd. 1016), Bonn 2010.
2.
Vgl. Joachim Detjen/Peter Massing/Dagmar Richter/Georg Weißeno, Politikkompetenz – ein Modell, Wiesbaden 2012.
3.
Vgl. Franz Emanuel Weinert, Concept of Competence – A Conceptual Clarification, in: Dominique S. Rychen/Laura H. Salyanik (eds.), Defining and Selecting Key Competencies, Göttingen 2001, S. 45–65.
4.
Als Beispiel vgl. Andreas Petrik, Der heimliche politikdidaktische Kanon, in: Ingo Juchler (Hrsg.), Unterrichtsleitbilder in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2012, S. 71–88.
5.
Vgl. Dieter Nohlen, Analyse, in: ders./Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Politikwissenschaft, Bd. 1, München 20104, S. 17–20.
6.
Vgl. John Robert Anderson, Kognitive Psychologie, Heidelberg–Berlin 20013.
7.
Vgl. G. Weißeno et al. (Anm. 1).
8.
Vgl. J. Detjen et al. (Anm. 2), S. 31.
9.
Vgl. Tilmann Betsch/Joachim Funke/Henning Plessner, Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen, Berlin–Heidelberg 2011, S. 2, S. 12.
10.
Vgl. Jutta Heckhausen/Heinz Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln, Heidelberg 20104.
11.
Walter Edelmann, Lernpsychologie, Weinheim 20006, S. 205.
12.
Vgl. Robert L. Solso, Kognitive Psychologie, Heidelberg 2005, S. 412.
13.
Vgl. Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Heidelberg 20074, S. 254.
14.
Vgl. J. Heckhausen/H. Heckhausen (Anm. 10), S. 3ff.
15.
Vgl. Oskar Niedermayer, Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen, Wiesbaden 20052, S. 30.
16.
Vgl. Hubertus Buchstein, Die Zumutungen der Demokratie. Von der normativen Theorie des Bürgers zur institutionell vermittelten Präferenzkompetenz, in: Klaus von Beyme/Claus Offe (Hrsg.), Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen 1995, S. 295–324.
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