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6.11.2012 | Von:
Joachim Detjen

Mitreden können: Die Bedeutung der politischen Beredsamkeit in der Demokratie

Politische Beredsamkeit ist die Fähigkeit, sich in politischen Diskursen mit Redebeiträgen erfolgreich, also überzeugend, einbringen zu können. Die Kriterien des rednerischen Erfolges wie auch das begriffliche Instrumentarium für die oratorische Praxis liefert die Rhetorik. Rhetorische Kenntnisse und Fähigkeiten sind dort überflüssig, wo es unbestrittene Kriterien des Wahren und Richtigen gibt, wo also Rechnen und Messen sowie logische Schlussverfahren offene Fragen zur Entscheidung bringen. Überall aber, wo der Gegenstand umstritten ist, wo es um Probleme der praktischen Vernunft geht, wo etwas, was nicht von vornherein feststeht, entschieden werden muss, wie etwa in der Politik, wo also Fragen des Glaubens und Meinens berührt sind, helfen nur rhetorische Überzeugungsmittel.[1]

Die Rhetorik ist deshalb bedeutsam, weil politisches Handeln unlösbar mit sprachlichen Kommunikationsprozessen verbunden ist: Politik wird durch oder mit Sprache entworfen, vorbereitet und ausgelöst; sie wird von Sprache begleitet, beeinflusst und gesteuert, durch sie beschrieben, erläutert, motiviert, gerechtfertigt, verantwortet, kontrolliert, kritisiert sowie beurteilt und gegebenenfalls verurteilt. Politik geht zwar nicht in Sprache auf. Sie ist aber ein wichtiges Arbeitswerkzeug der Politikerinnen und Politiker. Sie ist das Element, in dem sich ihr Beruf vollzieht. Was sie auch tun: Stets arbeiten sie mit dem geschriebenen oder gehörten Wort, ihr Leben ist Lesen, Reden und Schreiben, ihre Arbeitstage bestehen aus Beratungen, Sitzungen, Debatten und öffentlichen Reden.[2] Wenn also Politiker Gesetze beraten, politische Lösungsvorschläge verhandeln, Stellungnahmen verfassen, Statements abgeben, sich in Interviews äußern, sich Reden anderer anhören oder selbst Reden halten, agieren sie stets im Medium der Sprache.[3]

Sprache tritt im Politischen in Form der Rhetorik in Erscheinung, das heißt: Wenn im politischen Raum kommuniziert wird, dann ist diese Kommunikation von rhetorischen Momenten durchdrungen.[4] Denn mit dem in der Politik gesprochenen Wort wird direkt oder indirekt für Zustimmung zu politischen Zielen geworben. Dahinter steht die Erfahrung, dass politische Vorstellungen an Durchschlagskraft gewinnen, wenn sie rhetorisch ansprechend dargeboten werden. Weiterhin: Wenn es gelingt, durch überzeugendes Reden Unterstützung für eine politische Position herbeizuführen, dann kann Rhetorik sogar politische Macht verleihen.[5] Politische Reden sind also nicht lediglich ein äußerlicher Aspekt der Politik, sondern deren originäre Existenzweise. Mit Recht ließe sich behaupten: Politik hörte auf, Politik zu sein, wenn sie aufhörte, "sprechende Politik" zu sein.[6]

Wenn der Erfolg in der Politik weitgehend von Reden bestimmt wird, dann bedeutet dies für die Politiker, dass von ihnen Beredsamkeit verlangt wird. Zwar ist staatsmännische Größe auch ohne Beredsamkeit denkbar, aber zu allen Zeiten hatten Politiker Vorteile, wenn sie des Wortes mächtig waren. Gerade für die Demokratie gilt, dass sie ohne Redekunst verdorrt. Wie sollen Bürgerinnen und Bürger Interesse an politischen Themen gewinnen, wenn die Politiker nicht beredt sind? Deshalb ahmen Politiker, die Rhetorik verachten, weil sie sich ausschließlich als Spezialisten für bestimmte Politikfelder verstehen, lediglich die Denkmuster der Bürokratie nach.[7] Es wäre ferner verhängnisvoll, wenn gerade das demokratische Gemeinwesen Rhetorik geringschätzte. Denn die freie, gleichberechtigte Rede ist eine maßgebliche Errungenschaft der Demokratie.

Für Politiker gibt es in der Demokratie eine Fülle von Redegelegenheiten, die, abhängig vom gewählten Schwerpunkt, als Überzeugungs-, als Lob-, als Informations- oder als Gelegenheitsreden klassifiziert werden können. Ein genauer Blick zeigt, dass Politiker insgesamt acht politische Redeformen bewältigen müssen. Es sind dies die Kandidatenrede, die Wahlkampfrede, die Grundsatzrede, die Kundgebungsrede, die Debattenrede, die Orientierungsrede, der Fachvortrag und das Grußwort.[8]

Müssen Bürger reden können?

Die Demokratie eröffnet ihren Bürgern eine Vielzahl von Partizipationsmöglichkeiten. Partizipation heißt generell, sich in der politischen Öffentlichkeit zu beteiligen und um die Durchsetzung eigener Positionen und Interessen zu streiten. Es gibt sogar Stimmen, die für eine Ausdehnung der Partizipation plädieren und in Konkurrenz zu den repräsentativen Institutionen eine Art "Bürgermacht" etablieren wollen. Es versteht sich, dass unter dieser Voraussetzung die Intensität kommunikativer Aktivitäten zunehmen wird. Denn Beteiligungsverfahren wie Zukunftswerkstätten, Planungszellen und Bürgerforen verlangen intensive Aushandlungsprozesse. Dies erfordert, mit anderen zu sprechen, in öffentlichen Debatten etwas zu klären und sich mit Standpunkten von Opponenten auseinanderzusetzen.[9]

Man kann solchen Visionen mit Skepsis gegenüberstehen und auf die empirische Wirklichkeit verweisen, die keine Belege dafür liefert, dass sich alle Bürger dauerhaft begeistert politisch engagieren. Es spricht stattdessen viel für die Existenz verschiedener Bürgertypen. So gibt es politisch Desinteressierte, mehr oder minder passive Zuschauer sowie politische Interventions- und Aktivbürger. Nur die Vertreter der beiden letzten Bürgertypen sind partizipatorisch aktiv und geraten somit in Situationen, vor anderen aufzutreten und sich sprachlich artikulieren zu müssen.[10] Damit es nicht zu einer Unterforderung kommt, fungieren die Interventions- und Aktivbürger aus gutem Grund als Leitfiguren der politischen Bildung. Zwar enthält die in Bildungsprozessen zu vermittelnde Politikkompetenz Handlungsfähigkeiten, die dem Anspruch nach für alle Bürger gelten, de facto orientieren sie sich aber an dem, was die beiden erwähnten Bürgertypen an Aktivitäten aufweisen. Im Ensemble der zu fördernden Handlungsfähigkeiten selbst spielen kommunikative Fähigkeiten eine zentrale Rolle.

In einer bekannten Didaktik der politischen Bildung heißt es hierzu, der Bürger solle befähigt werden, eigene Meinungen und Urteile in kontroversen Diskussionen sachlich zu vertreten, auch wenn er sich in der Minderheitsposition befinde. Er solle Argumente präzise formulieren und gezielte Redebeiträge vor größeren Gruppen leisten können. Ja, er solle sogar öffentliche politische Reden halten können.[11] In der Zielrichtung ähnlich formuliert eine jüngst veröffentlichte programmatische Schrift zur Politikkompetenz, dass die politischen Aktivitäten der Bürger in kommunikativem und partizipativem Handeln bestünden. Die darauf bezogenen Handlungsfähigkeiten seien insbesondere das Artikulieren und das überzeugungsorientierte Argumentieren. Vor allem das Argumentieren sei eine anspruchsvolle kognitive Tätigkeit. Denn es verlange die Anwendung rhetorischer Figuren, das begründete Formulieren von Zielen und eine genaue Unterscheidung von Behauptungen, Begründungen und Schlussregeln.[12]

Aus der Sicht der Bürger ist die Fähigkeit zum Diskutieren, Debattieren und Reden wichtig, weil sie so etwas wie eine kritische Mündigkeit etabliert. Derart Mündige sind nämlich in der Lage, die eigene Befindlichkeit zu artikulieren, Fragen zu stellen und Anliegen vorzutragen. Sie können weiterhin ihre eigene Auffassung in der kommunikativen Auseinandersetzung mit den Auffassungen anderer einsetzen. Sie können sich ferner mit Aussicht auf Erfolg in die Politik einmischen. Und sie lassen sich von den Reden anderer nicht mehr so leicht blenden und verführen. Denn die eigene Redefähigkeit vermag die demagogischen Wirkungsmöglichkeiten anderer zu mindern.[13]

Aus der Sicht der Demokratie ist das Ensemble kommunikativer Fähigkeiten wichtig, weil sie von Menschen lebt, die bereit und in der Lage sind, ihre Meinung zu artikulieren und für eine Position einzutreten. Hierfür ist vor allem eine solide Redefähigkeit unerlässlich. Auch heute noch gilt, was im 19. Jahrhundert einmal gesagt wurde: "Ein Volk, das nicht reden kann, kann auch nicht handeln."[14] Diskussionen und Debatten sind insofern bedeutsam, als sie als Modelle demokratischen Verhaltens gelten können. Sie bilden die Demokratie im Kleinen ab.

Es gibt noch ein weiteres Element der kommunikativen Handlungsfähigkeit, das leicht übersehen wird. Gemeint ist die Fähigkeit, politische Reden angemessen analysieren zu können und damit zu einem vertieften Verständnis dieser Reden zu gelangen.[15] Diese Fähigkeit vermag die Ungleichheit der "verbalen Waffen" zu mindern, die darin besteht, dass viele Bürger mangels Beherrschung rhetorischer Techniken die Absichten professioneller Redner nicht kritisch beurteilen können. Umgekehrt kann die Fähigkeit auch vor einer kurzschlüssigen Rezeption von Politikerreden bewahren. Denn Politiker müssen bei ihren Reden viele kommunikative Aspekte beachten. Als Ergebnis erhalten die Reden häufig eine Gestalt, die nicht unbedingt das Wohlgefallen unbefangener Betrachter findet.

Die Beredsamkeit der Bürger in der Demokratie setzt sich also aus vier Facetten zusammen: Diskutieren und Debattieren sowie Reden halten und Reden verstehen.

Fußnoten

1.
Vgl. Gert Ueding, Rhetorik im Schnellverfahren, in: Rhetorik, 14 (1995), S. 80–93, hier: S. 92.
2.
Vgl. Armin Burkhardt, Das Parlament und seine Sprache, Tübingen 2003, S. 117.
3.
Vgl. Melani Schröter/Björn Carius, Vom politischen Gebrauch der Sprache, Frankfurt/M. 2009, S. 9.
4.
Vgl. Alexander Kirchner, Die sprachliche Dimension des Politischen, Würzburg 2000, S. 187.
5.
Vgl. Wolfgang Klages, Gefühle in Worte gießen, Würzburg–Boston 2001, S. 11.
6.
Vgl. Josef Kopperschmidt, Zwischen politischer Rhetorik und rhetorischer Politik, in: ders. (Hrsg.), Politik und Rhetorik, Opladen 1995, S. 7–17, hier: S. 10.
7.
So das Verdikt von Dolf Sternberger, Sprache und Politik, Frankfurt/M. 1991, S. 219.
8.
Diese Klassifikation bei: Joachim Detjen, Mitreden können in der Demokratie, Bd. 2: Politische Rede- und Kommunikationssituationen, Schwalbach/Ts. 2013 (i.E.), Kap. 2; Josef Klein, Politische Rede, in: Gert Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 6, Tübingen 2003, Sp. 1465–1520, hier: Sp. 1500, nimmt ähnliche Unterscheidungen vor.
9.
Vgl. Roland Roth, Bürgermacht, Hamburg 2011, S. 218ff., S. 278ff.
10.
Vgl. Joachim Detjen, Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland, München 2007, S. 222ff.
11.
Vgl. Wolfgang Sander, Politik entdecken – Freiheit leben, Schwalbach/Ts. 20083, S. 92f.
12.
Vgl. Joachim Detjen/Peter Massing/Dagmar Richter/Georg Weißeno, Politikkompetenz – ein Modell, Wiesbaden 2012, S. 74, S. 81.
13.
Vgl. Horst Dieter Schlosser, Politikvermittlung als Sprachproblem, in: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.), Politikvermittlung, Stuttgart 1987, S. 101–116, hier: S. 111.
14.
Friedrich J. Günther (1841), zit. nach: Josef Kopperschmidt, Rhetorica. Aufsätze zur Theorie, Geschichte und Praxis der Rhetorik, Hildesheim u.a. 1985, S. 195.
15.
Vgl. Manfred Fuhrmann, Rhetorik und öffentliche Rede, Konstanz 1983, S. 24.
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