2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Peter Franz

Normkonformität durch soziale Kontrolle: Gesellschaftlicher Umgang mit "Unehelichen"

Mit dem Konzept der sozialen Kontrolle haben bereits verschiedene Gründungsväter der Soziologie (Émile Durkheim, Edward A. Ross) auf den Umstand verwiesen, dass der soziale Austausch zwischen Gesellschaftsmitgliedern nicht nur der kommunikativen (Begründung gemeinschaftlichen Zusammenhalts, Einbindung in Netzwerke) und materiellen (Tauschhandel) Bereicherung, sondern auch dem Zweck dient, die Geltung bestimmter sozialer Normen durchzusetzen. Diese Funktion, Normkonformität herzustellen, wurde wiederholt aufgegriffen in der mehr allgemeinsoziologisch ausgerichteten Diskussion darüber, welche Mechanismen zur Entstehung sozialer Ordnung beitragen. Es war schließlich Talcott Parsons, der in den 1940er Jahren das Konzept der sozialen Kontrolle als Reaktionen spezialisierter Institutionen auf abweichendes Verhalten eingrenzte – und damit die Aktivitäten bestimmter Kontrollinstanzen ins Blickfeld der Forschung rückte.[1]

Im Lauf der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Gesellschaftsaspekt entstand ein ausdifferenziertes Gerüst von Begriffen, Modellen und Theorien. Diese Komplexität kann im vorliegenden Beitrag nicht einmal annähernd abgebildet werden. Daher konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf die mit dem Komplex der sozialen Kontrolle verbundene Terminologie in Form eines Crashkurses und die Anwendung der sozialen Kontrollperspektive auf den Umstand der "Unehelichkeit" von Kindern und Müttern. Anhand des historischen Wandels im gesellschaftlichen Umgang mit diesem ehemals Anstoß erregenden Thema lässt sich veranschaulichen, welchen Veränderungen die Formen sozialer Kontrolle im Zeitablauf unterworfen waren und sind.

Soziale Kontrolle von außen

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass in einem Akt sozialer Kontrolle zumindest zwei Akteure – Kontrolleur (Kontrollinstanz) und Kontrollierte (Kontrollobjekt) – in Beziehung stehen. Allgemein wird hier soziale Kontrolle als Handlung eines Akteurs (Kontrollinstanz) angesehen, die entweder als Reaktion auf eine bestimmte wahrgenommene Handlung und einen Zustand (als Resultat vorangegangenen Handelns) oder aus präventiver Absicht erfolgt, bestimmte, noch nicht eingetretene Handlungen oder Zustände zu verhindern.[2] Diese reaktiven und präventiven Interventionen erfolgen aus der Bewertung heraus, dass die wahrgenommenen sowie die prospektiv erwarteten Handlungen und Zustände von der Kontrollinstanz als normabweichend eingestuft werden. Die Summe der reaktiv oder präventiv angelegten Bemühungen, ein Kontrollobjekt zur Einhaltung der fraglichen Normen zu bewegen, wird auch als Kontrollarbeit bezeichnet.[3] Dabei bleibt stets unsicher, ob die angestrebte Normkonformität auch erreicht wird: Die Ausübung sozialer Kontrolle kann also mehr oder minder erfolgreich sein, was im präventiven Fall (wie im Fall elterlicher Erziehung) erst nach Jahren oder Jahrzehnten beurteilt werden kann.

Neben der Differenzierung von reaktiver und präventiver sozialer Kontrolle werden auch die drei Dimensionen Verhalten, Persönlichkeit und Körper von Kontrollobjekten unterschieden, auf die Kontrollhandlungen alternativ oder additiv gerichtet sein können (vgl. Übersicht in der PDF-Version). Unterschiede zwischen verhaltens- und persönlichkeitsbezogenen Kontrollstrategien sind vor allem im therapeutischen Bereich von Bedeutung (wie etwa Verhaltenstherapie versus Psychoanalyse), wobei man von fließenden Übergängen zwischen beiden ausgehen muss.[4] Trotz des Wandels gerichtlicher Sanktionen weg von körperlicher Bestrafung hin zu erzieherischen und pädagogischen Methoden sind auch heute noch Todesstrafe und Körperverstümmelungen in mehreren Staaten verbreitet.

Neben den Kategorien "reaktiv – präventiv" sowie den Dimensionen "Körper – Persönlichkeit – Verhalten" gibt es eine weitere differenzierende Dimension. Sie bezieht sich auf das Machtgefälle zwischen Kontrollinstanz und Kontrollobjekt und umfasst verschiedene Kontrollstile. Unter Gewalt und Zwang ausübende Kontrollhandlungen fallen von Gerichten ausgesprochene Gefängnisstrafen, Einweisungen in psychiatrische Anstalten, aber auch individuelle Willkürakte wie sogenannte Blutrache und Fememorde. Die Mehrzahl dieser Handlungen stellen Reaktionen auf kriminelles Handeln dar; es finden sich aber auch präventive Maßnahmen darunter. Indoktrinierende Methoden wie etwa Gehirnwäsche zielen zumeist auf eine Veränderung der kompletten Persönlichkeit und sind nur bei großem Machtgefälle oder Abhängigkeitsverhältnissen anwendbar.

Der Kontrollstil des Überwachens wird demgegenüber stärker für präventive Zwecke genutzt. In dieser Hinsicht haben technische Entwicklungen in den vergangenen Jahren für eine enorme Ausweitung der Kontrollmöglichkeiten gesorgt. Mit dem Einsatz neuer Überwachungstechniken ist auch eine größere räumliche und soziale Distanz zwischen Kontrollinstanz und -objekt möglich geworden. So werden beispielsweise Bürogebäude in einer Stadt per Videostandleitung von einer Sicherheitsfirma überwacht, die in einer anderen Stadt ansässig ist. Gleichzeitig bedeutet die vermehrte Zwischenschaltung von Apparaten eine Anonymisierung der Beziehung zwischen Kontrolleur und Kontrollierten.

Allerdings sind die Rückkoppelungsakte als eigentliche reaktive Kontrollhandlungen von dieser Automatisierung selbst nicht in gleichem Maße betroffen: Zum einen muss auch der Dieb, der beim Verlassen des Kaufhauses Alarm ausgelöst hat, wie "in alten Zeiten" erst noch geschnappt werden. Zum andern stehen die Kontrolleure vor dem Problem, dass die eingesetzten Techniken eine Vielzahl von Informationen liefern und damit die kosten- und zeitaufwändige und langweilende Aufgabe der Selektion und Verarbeitung der zufließenden Daten nach sich ziehen. Bei vielen Käufern und Nutzern von Überwachungsapparaturen steht demgegenüber deren erhoffter Präventionseffekt, Kriminalität abzuschrecken, im Mittelpunkt.

Von der Fremd- zur Selbstkontrolle

In der Übersicht bleibt unberücksichtigt, dass viele Kontrolleure Lernprozesse initiieren, in deren Verlauf sie danach streben, ihre Kontrollobjekte zur Selbstkontrolle anzuhalten und damit ihre Kontrolltätigkeit abzugeben. Elterliche Erziehung erscheint erst dann gelungen, wenn Kinder und Jugendliche Normen internalisiert haben und selbstverantwortlich handeln können. Des Weiteren sind zahlreiche Kontrollhandlungen im Rahmen des anleitenden oder überzeugenden Stils dadurch gekennzeichnet, dass Therapeuten, Berater und Sozialarbeiter ihre Klienten zu selbstverantwortlichem und selbstgesteuertem Handeln zu motivieren versuchen. Nicht nur Alkoholismus und Übergewicht werden heute als Abweichungen gesehen, die besser durch Selbsthilfegruppen als durch fremdgesteuerte Therapien korrigierbar sind.

Theorien, die auf der Annahme eines Individualisierungsprozesses gründen, behaupten übereinstimmend, dass Prozesse der sozialen Kontrolle zunehmend in das Individuum hinein verlagert werden, also ohne wahrnehmbare externe Kontrollinstanz ablaufen. Diese These wurde retrospektiv an historischem Material ausführlich entwickelt von Norbert Elias, der den Prozess zunehmender Selbstregulierung als konstitutiv für die Entwicklung der Zivilisation ansieht.[5] Gemäß Elias wird die Affektkontrolle "zunächst durch gesellschaftliche Fremdzwänge gewährleistet, die später durch ansozialisierte Selbstzwänge ersetzt werden. Intrinsische, normgeleitete Motivationen ersetzen extrinsische, sanktionsorientierte Motivationen."[6] Bei Elias bilden jene Individuen, welche die an sie gestellten Anforderungen der Selbstdisziplin meistern (zumeist Angehörige der Oberschichten), das Fundament für einen zivilisatorischen Fortschritt, der sich mit fortschreitender Zeit auch in den anderen sozialen Schichten durchsetzt.

Was die Verwendung des Begriffs soziale Kontrolle betrifft, so hat sich erwiesen, dass es nicht möglich ist, Fremdkontrolle und Selbstkontrolle mit einem einheitlich definierten Kontrollkonzept abzudecken, da bei letzterer Kontrollinstanz und -objekt zusammenfallen. Vorgänge reaktiver sozialer Kontrolle mit unterscheidbaren Kontrollinstanzen und -objekten sind empirisch relativ leicht beobachtbar. Doch Prozesse der Selbstkontrolle entziehen sich direkter empirischer Beobachtung. Letztlich kann immer nur von als konform bewerteten Handlungen auf gelungene Selbstkontrolle und von deviant bewerteten Handlungen auf misslungene Selbstkontrolle interpretierend rückgeschlossen werden.

Fallbeispiel: Unehelichkeit

Diese eher abstrakten Überlegungen werden im Folgenden anhand eines Beispiels konkretisiert. Dazu soll die Art und Weise des gesellschaftlichen Umgangs mit ledigen Müttern und ihren Kindern unter dem Blickwinkel des soeben vorgestellten Konzepts sozialer Kontrolle betrachtet werden. Zu diesem Zweck wird auch untersucht, wie sich bestimmte Kategorien, die in der oben stehenden Übersicht enthalten sind, empirisch ausformen beziehungsweise in der Vergangenheit ausgeformt haben.

Mit der Zuschreibung des Status’ der Unehelichkeit wird zunächst nur der Umstand angesprochen, dass eine unverheiratete Frau ein Kind zur Welt gebracht hat. Doch in jenen Gesellschaften, in denen "die patriarchalisch strukturierte eheliche Gemeinschaft mit legitimen Kindern (…) zum allgemeinverbindlichen Leitbild"[7] wurde, war (und ist in Teilen auch heute noch) diese Zuschreibung mit einem komplexen Bündel an Sanktionen, Diskriminierungen und Stigmatisierungen verwoben. Diese Breite an Reaktionen zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur von formellen (Gerichte, Schulen, Jugendämter), sondern auch von informellen Kontrollinstanzen (Dorfgemeinschaft, Verwandtschaft, Arbeitskolleginnen und -kollegen) erfolgt. Der Buchtitel "Fräulein Mutter und ihr Bastard"[8] verweist auf diese Diskriminierungstendenzen. Auch die Wissenschaftler, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Unehelichkeit und ihren Folgen empirisch auseinanderzusetzen begannen,[9] konnten sich erst allmählich von solchen negativen Zuschreibungen und Diskriminierungstendenzen lösen.

Zugleich ist im Auge zu behalten, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem sozialen Phänomen der Unehelichkeit untrennbar mit der Herausbildung und dem Aufstieg des Wohlfahrtsstaates im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden war. Den einzelnen Etappen des staatlichen Umgangs mit "Unehelichen" und ihrer jeweiligen juristischen Untersetzung soll im Folgenden besondere Beachtung geschenkt werden.

Fußnoten

1.
Im Gefolge der intensiveren Befassung mit solchen spezialisierten Kontrollinstanzen (Polizei, Gefängnisse) bildete sich der Etikettierungs-Ansatz (labeling approach) heraus. Er unterstreicht, dass gerade die formellen Kontrollinstanzen als Verursacher von weiterem abweichenden Verhalten wirken können.
2.
Weite Teile dieses einführenden Abschnitts orientieren sich an: Peter Franz, Soziale Kontrolle ohne Kontrolleure? Veränderungstendenzen der Formen und des Konzepts sozialer Kontrolle, in: Soziale Probleme, 6 (1997) 1, S. 3–23.
3.
Vgl. John Griffiths, The division of labor in social control, in: Donald Black (ed.), Towards a general theory of social control, New York–London 1984.
4.
Vgl. Allan V. Horwitz, The logic of social control, New York–London 1990.
5.
Vgl. Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/M. 1976.
6.
Volker Eichener, Ratio, Emotion und Kognition, in: Zeitschrift für Soziologie, 18 (1989), S. 356.
7.
Sybille Buske, Fräulein Mutter und ihr Bastard, Göttingen 2004, S. 10.
8.
Ebd.
9.
Vgl. Max Taube, Der Schutz der unehelichen Kinder in Leipzig, Leipzig 1893; Othmar Spann, Die Stiefvaterfamilie unehelichen Ursprungs, Berlin 1904; ders., Untersuchungen über die uneheliche Bevölkerung in Frankfurt/M., Dresden 1905.
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Autor: Peter Franz für bpb.de
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